Tiaris Palast war ein wahrhaft prachtvolles Bauwerk. Von gepflegten, idyllischen Gärten umgeben, reckte er sich einsam auf einer kleinen Hügelgruppe im Norden Anoreas in die Höhe. Ein glanzvoller, heller Marmorbau, der einem Märchen entsprungen schien.
Die Türme mit den flatternden, goldenen Flaggen waren von der Straße aus weithin zu erkennen und eine Vielzahl von Kutschen schlängelte sich beinahe täglich den Spiralweg hinauf, um der Herrin des Palastes die Gäste zu bringen, die es kaum erwarten konnten, die Wunder dieses Ortes mit eigenen Augen zu sehen.
Doch wenig ist davon geblieben. Die Tage von Tiaris Ruhm als schönste und begehrenswerteste Kurtisane Beleriars sind gezählt. Ihre rauschenden Feste sind nicht mehr als eine verblasste Erinnerung, derer man in Erzählungen gedenkt.
Heute ist dieser Ort als Rabenhorst bekannt. Shirashais Fluch hat aus dem einstigen Märchenschloss einen dunklen, wuchernden Bau gemacht, der dem Volk der Corvae eine Heimat bietet.
Der einstige Palast wurde beinahe bis zur vollkommenen Unkenntlichkeit erweitert. Eine schiefe, verwitterte Ansammlung von Anbauten bildet eine unförmige Masse, die wie ein schwarzes Ungeheuer auf den Hügeln thront. Die zerrissenen Flaggen sind ausgebleicht. Reine Überreste, die man zu entfernen vergessen hat und die traurig im Wind flattern.
Rabenhorst gleicht einer Stadt, die sich im Inneren eines einzigen Gebäudes erstreckt.
Ständig wird an mehreren Ecken gebaut, um mehr Platz für das wachsende Volk zu schaffen, das aus Tiaris Hofstaat hervorgegangen ist.
Auf unzähligen Ebenen und in verwinkelten Fluren befinden sich Zimmer von unterschiedlicher Größe, die von den Rabenkindern bewohnt werden. Manch hoch angesehene Familie bewohnt gar einen ganzen Flur allein, kann auf Salons und Bibliotheken zugreifen, in denen einige von der Zeit zerfressene Schriftwerke derer harren, die sich noch an sie erinnern können. Treppen führen an unerwarteten Stellen hinauf oder winden sich in die Tiefe. Manche führen bis zum Dach empor, von dem aus man bis nach Shay’vinyar blicken kann.
Rabenhorst ist einer der seltsamsten Orte, die man auf Beleriar zu sehen bekommen kann. Ein riesiges Gebilde mit schief eingesetzten Fenstern und bunt zusammengewürfelten, unterschiedlichen großen Türen, die an unerwarteten Stellen auftauchen.
Es ist ein vor Leben vibrierender, niemals stiller Flecken, dessen Zentrum die weiße Rabenfrau ist. Tiari, die Königin, die über ein skurriles Reich gebietet, dessen Kassen ständig leer sind.
Ihr Palast ist schäbig geworden. Die Samtvorhänge sind von Motten zerfressen, das Metall der Kronleuchter angelaufen und von Wachs befleckt. Möbel sind zerkratzt und schimmelig, weil das Dach an vielen Stellen undicht ist. Eimer sind stets in großer Zahl vorhanden, um den Schaden auf den von Krallenfüßen malträtierten, ausgebleichten Teppichen gering zu halten. Der Blütenduft, der einst die Räume parfümiert hat, ist einem modrigen Geruch gewichen. Spinnweben bedecken hier und da ganze Fenster und Staub ist allgegenwärtig.
Niemand kennt wohl jeden Bereich des Rabenhorstes. Manche Teile des Palastes sind verlassen und vergessen. Keiner kann sich erinnern, was sich dort befunden hat und wohin abgelegene Türen führen. Welche Geheimnisse sich dort verbergen mögen, kann nur geraten werden. Und so machen sich manche Corvae auf, um die Schätze aufzuspüren, die vielleicht noch irgendwo in Tiaris Palast auf sie warten.
Was von Wert war, hat man schon lange verkauft und gegen billige Fälschungen ersetzt. Selbst Tiaris goldener Thron in ihrem gigantischen Thronsaal besteht nur aus bemaltem Holz. Es ist, abgesehen von der enorm großen Palastküche, die allen jederzeit offen steht, der wohl sauberste Raum in diesem Bauwerk.
Doch wenngleich selbst die Roben der Königin an vielen Stellen geflickt sind, so hält sie dennoch eisern an dem höfischen Leben früherer Zeiten fest, das zuweilen makabere, von unfreiwilliger Komik verzerrte Züge annehmen mag.
Es ist wie ein Schauspiel, das Königin und Hofstaat täglich aufführen. Eine pompöse Abfolge von Festlichkeiten und Ritualen, Vorführungen und Tänzen nach einem strengen, altertümlichen Protokoll.
Tiari lässt Theaterstücke im Hof des Palastes aufführen, veranstaltet Bootsfahren durch die Wasseradern in dem verwilderten Garten mit den von Algen grün gefärbten Teichen. Verschwenderische Bankette bilden meist den Abschluss eines Tages für Höflinge und Dienerschaft.
Das einfache Volk und jene, die Tiaris Gunst verloren haben, erhalten keinen Anteil daran und führen ihr eigenes Leben fernab des höfischen Zeremoniells. Doch wer Rabenhorst sein Heim nennt, beugt sich dem Willen der Königin und trägt im Gegenzug seinen Teil an den Kosten zum Wohl der gesamten Familie der Corvae.
Es ist ein seltsames Gefüge. Eine verrückte Königin und ihr Hofstaat, der marionettengleich tut, was auch immer sie befiehlt. Jeder kann in ihrer Gunst steigen, um an die Spitze dieser Hierarchie zu gelangen oder einen tiefen Fall erleben, der ihm alle Privilegien raubt.
Doch manchmal, wenn man genauer hinsieht, drängt sich die Frage auf, wer dieses Geschehen in Wirklichkeit lenkt. Ist es die launische Tiari, deren Zornesanfälle ebenso legendär sind wie die Traurigkeit, die sie ständig umgibt, oder sind es ihre Berater, die hohen Würdenträger der Corvae, die stets flüsternd in den Schatten ihres Thrones stehen und im Hintergrund die Fäden des Reiches ziehen.