[Fest des Erwachens] Der Silberquell-Pavillon

  • Der Sturm kam. Und bei den Göttern, die Satyrin hielt sich wahrlich nicht zurück. Atashkadas Lächeln wurde breiter, als das Klipp-Klopp der Hufe plötzlich wie ein zweiter Takt unter die Melodie schlug. Sie hörte das Klatschen der Umstehenden, das Stampfen auf dem Holz und dazwischen das helle Klingen ihrer eigenen Glöckchen. Alles schien sich miteinander zu verweben, schneller und schneller, bis kaum noch auszumachen war, wo die Musik endete und der Tanz begann. Für die Dehoran gab es ohnehin längst nichts anderes mehr. Keinen Markt. Keine neugierigen Blicke. Keine Stände und kein Stimmengewirr. Nur noch den nächsten Schritt. Die nächste Drehung. Den nächsten Ton.

    Ihr Rock wirbelte um ihre Beine, während ihre Füße flink über den Boden glitten. Wo die Melodie plötzlich brach, änderte sie die Richtung. Wo der Bogen die Töne beinahe vor sich herpeitschte, wurden ihre Schritte kürzer und schneller. Das dunkle Haar hatte sich längst aus seiner Ordnung gelöst und flog ihr bei jeder Drehung um die Schultern. Anstrengend? Oh ja. Das würde sie allerdings ganz gewiss nicht ausgerechnet jetzt zugeben. Ihr Herz schlug ihr kräftig gegen die Brust und ihr Atem ging längst schneller als zu Beginn ihres kleinen Spiels. Auch die Muskeln ihrer Beine machten inzwischen deutlich, dass sie durchaus eine Meinung zu Lelias Ehrgeiz hatten. Aber jedes Mal, wenn Atashkadas indigoblaue Augen die Satyrin fanden, blitzte darin noch immer dieselbe unbändige Freude auf. Sie würde nicht aufgeben. Nicht vor all diesen Leuten. Und ganz besonders nicht, nachdem Lelia sie derart herausgefordert hatte. Als einer ihrer unfreiwilligen Tanzpartner bei einer schnellen Drehung beinahe über seine eigenen Füße stolperte, entkam Tasha sogar ein helles Lachen. Sie fing ihn noch an beiden Händen ab, schenkte ihm einen entschuldigenden – wenn auch wenig reumütigen – Blick und schickte ihn mit einem kleinen Schubs zurück zu den Umstehenden.

    Dann gehörte der Tanz wieder ihr. Bis – Stille. Der letzte Ton kam so plötzlich und scharf, dass Atashkada mitten in der Bewegung innehielt. Ein Fuß setzte noch auf, die Glöckchen erklangen ein letztes Mal und ihr Rock schmiegte sich nach einer letzten Drehung langsam wieder um ihre Beine. Für einen kurzen Moment stand sie einfach nur da. Ihre Brust hob und senkte sich deutlich. Einige dunkle Locken klebten ihr an Stirn und Schläfen und in ihren Wangen lag eine kräftige Röte. Dann stemmte Tasha die Hände in die Hüften und holte erst einmal tief Luft. „Bei E’lor…“ Mehr brachte sie für den Augenblick nicht hervor. Ein leises Lachen folgte, noch immer ein wenig atemlos, während sie den Kopf schüttelte. Erst dann hob sie den Blick wieder zu Lelia. Bei deren Worten richtete sie sich ein kleines Stück stolzer auf. „Das“, erklärte sie und deutete mit einer Hand auf die Satyrin und deren Instrument, „war gemein.“ Der Vorwurf hätte vielleicht überzeugender geklungen, hätte sich nicht bereits wieder ein breites Grinsen auf ihre Lippen gestohlen.

    Langsam trat Atashkada näher an den Pavillon heran. Ihre Glöckchen begleiteten jeden Schritt nun wieder mit ihrem vertrauten, sanften Klingeln. Vor Lelia angekommen, legte sie eine Hand an ihre Brust und deutete eine übertrieben förmliche Verbeugung an. „Aber ich nehme die Hörnerneigung natürlich an.“ Als sie sich wieder aufrichtete, funkelten ihre Augen amüsiert. „Und Ihr spielt wirklich gut.“ Einen Moment musterte sie die Satyrin, dann zuckte ein Mundwinkel höher. „Auch wenn ich langsam den Verdacht hege, dass Ihr weniger für die Leute gespielt habt und vielmehr versucht habt, mich auf die Nase fallen zu sehen.“ Tasha legte den Kopf ein wenig schief. „Ich bin übrigens Atashkada.“ Kurz hielt sie inne, ehe ihr Blick vielsagend zu Lelias Hörnern wanderte. „Und nachdem Ihr Eure Hörner schon vor mir neigt, sollte ich wohl wenigstens wissen, wem sie gehören.“

  • Da hatte Elaya wohn nicht ganz unrecht. Navon ließ den Blick für einen Moment an seiner eigenen Kleidung hinabwandern und musste ihr zumindest im Stillen zugestehen, dass unauffällig heute tatsächlich nicht die beste Beschreibung für ihn war. Für das Frühlingsfest hatte er schließlich zu den besten Stücken gegriffen, die seine Truhe hergab. Kleidung, die er sonst besonderen Anlässen vorbehielt oder jenen Gelegenheiten, bei denen es von Vorteil war, einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen. Im gewöhnlichen Alltag bevorzugte er es deutlich schlichter und vor allem praktischer. Auf seinem Hof hätte er mit silbernen Ornamenten und einem feinen Gehrock vermutlich ohnehin nur dafür gesorgt, dass seine Leute sich fragten, ob er sich den Kopf angeschlagen hatte. „Dann lag der Fehler wohl in meiner Vorbereitung“, stellte er mit einem bedauernden Seufzen fest. „Hätte ich gewusst, dass ich mich heute als Euer Schatten beweisen muss, hätte ich mich selbstverständlich angemessener gekleidet.“ Das Lächeln, das daraufhin über seine Lippen huschte, verriet allerdings, wie wenig ernst er seine eigene Klage nahm. Ohnehin gefiel ihm dieser kleine Schlagabtausch inzwischen viel zu gut. Elaya schien mindestens ebenso viel Vergnügen daran zu haben, seine Bemerkungen aufzugreifen und ihm etwas Passendes entgegenzusetzen. Genau diese Leichtigkeit war es, die Navaron an solchen Abenden mochte. Er kam schließlich nicht auf ein Frühlingsfest, um mit ernster Miene am Rand zu stehen und darauf zu warten, dass die Stunden verstrichen. Davon gab es im gewöhnlichen Leben bereits genug. Und Elaya machte es ihm ausgesprochen einfach, den Alltag für einige Stunden Alltag sein zu lassen.

    Als sie nach seiner vermeintlichen Unterstellung die Hand an ihre Brust legte und ihn ansah, als hätte er sie mit seiner Frage zutiefst in ihrer Ehre verletzt, musste Navaron sich merklich zusammenreißen, nicht unmittelbar zu lachen. Sie verstand es wirklich, etwas darzustellen. Vermutlich kam ihr das auch bei ihren Auftritten zugute. Wie viel davon gerade gespielt war, ließ sich allerdings kaum übersehen. Zumindest glaubte Navaron inzwischen oft genug, dieses amüsierte Funkeln in ihren grünen Augen gesehen zu haben, um es wiederzuerkennen. Was Elaya tatsächlich ernsthaft verärgern konnte, wusste er hingegen nicht. Dafür kannten sie einander noch nicht lange genug. Und auch wenn er gerne mit ihr scherzte, hatte er wenig Interesse daran herauszufinden, wo diese Grenze lag, indem er sie versehentlich überschritt. Bei diesem Thema schien er davon allerdings noch ein gutes Stück entfernt zu sein.

    „Mitnichten würde ich Mylady etwas derartiges unterstellen“, erklärte er daher mit ausgesuchter Ernsthaftigkeit. Navaron stellte sein Glas etwas zur Seite und legte sich eine Hand auf die Brust, während sein Gesicht einen Ausdruck ehrlicher Reue annahm – oder zumindest etwas, das wohl ehrliche Reue hätte darstellen sollen. Das leichte Zucken seiner Mundwinkel machte die Wirkung allerdings ebenso zunichte wie das verräterische Blitzen seiner silbergrauen Augen. „Es war lediglich eine vollkommen harmlose Frage, die sich mir aufgedrängt und meine Zunge bedauerlicherweise schneller verlassen hat, als mein Verstand darüber philosophieren konnte, ob ich Euch damit womöglich zu nahe trete." Seine Stimme nahm mit jedem Wort einen noch bedauernderen Tonfall an, bis er schließlich sogar eine tiefe Verbeugung vor Elaya vollführte. „Mylady wird mir diese unverzeihliche Frechheit hoffentlich dennoch verzeihen und sie mir nicht bis ans Ende meiner Tage nachtragen?“ Noch während er den Kopf wieder hob, begegnete er ihrem Blick und konnte die gespielte Reue endgültig nicht mehr aufrechterhalten. Ein breites Grinsen trat an ihre Stelle, während Navaron sich wieder aufrichtete. „Zumal Ihr natürlich vollkommen recht habt“, fügte er versöhnlich hinzu und griff wieder nach seinem Wein. „Ohne Eure gewissenhafte Prüfung hätte ich womöglich irgendeinen schweren Wein bekommen und wäre nun gezwungen, aus reiner Höflichkeit zu behaupten, dass er mir schmeckt.“ Er hob das Glas anerkennend in ihre Richtung. „Eure Opferbereitschaft soll also nicht unbeachtet bleiben.“

    Als Elaya allerdings erklärte, über die genaue Anzahl ihrer bisherigen Empfehlungen lieber schweigen zu wollen, hob Navaron vielsagend die Augenbrauen. Einen Augenblick betrachtete er sie schweigend, ehe ein leises Lachen aus seiner Kehle drang. „Natürlich“, versicherte er ihr. „Ich verstehe vollkommen. Manche Geheimnisse sollten schließlich wohlbehütet bleiben.“ Er würde ohnehin nicht weiter nachhaken. Wie viele Gläser Wein Elaya an diesem Abend bereits getrunken hatte, ging ihn schließlich nichts an. Solange sie noch derart schlagfertig vor ihm stand, schien zumindest kein Grund zu bestehen, sich darüber Gedanken zu machen. Ihre nächste Frage brachte ihn allerdings selbst dazu, kurz innezuhalten. Navaron sah auf sein Glas hinab, als könnte der helle Wein darin ihm eine verlässliche Antwort liefern. „Das ist eine ausgesprochen gute Frage.“ Wie viel brauchte es eigentlich, bis aus einem unauffälligen Schatten ein ausgesprochen auffälliger wurde? Er trank einen weiteren Schluck und zuckte schließlich mit den Schultern. „Vermutlich reichen dafür bereits drei Gläser“, gestand er ohne große Scham. „Vielleicht vier, wenn ich vorher etwas Vernünftiges esse.“ Er grinste. Navaron hatte nie einen besonderen Ehrgeiz darin entwickelt, große Mengen Alkohol vertragen zu können. Natürlich trank er gelegentlich Wein oder Bier, aber sich gezielt bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken, hatte für ihn wenig Reiz. Er mochte es, Herr seiner eigenen Sinne zu bleiben. Außerdem hatte er oft genug erlebt, wie schnell aus einem ausgesprochen angenehmen Menschen nach zu viel Alkohol ein ziemlich anstrengender werden konnte.

    „Keine Sorge, den Weg nach Hause würde ich vermutlich trotzdem noch finden“, erklärte er und warf Elaya einen belustigten Seitenblick zu. „Allerdings dürfte meine Kleidung dann das Einzige an mir sein, das noch irgendeinen Anspruch auf Eleganz erheben kann.“ Für einen Moment stellte er sich diesen Anblick tatsächlich vor und schüttelte amüsiert den Kopf. Vielleicht war es besser, wenn es bei der Vorstellung blieb. „Ich fürchte also, mein Dasein als würdevoller Schatten wäre spätestens dann beendet.“ Navaron hob das Glas erneut an die Lippen, hielt jedoch kurz davor inne. Langsam wanderte sein Blick zurück zu Elaya. Das Grinsen auf seinem Gesicht bekam wieder etwas Herausforderndes. „Aber nachdem Ihr offenbar über deutlich mehr Erfahrung mit diesen gewissenhaften Qualitätsprüfungen verfügt als ich…“ Er ließ die Worte einen Augenblick wirken. „Wie steht es denn mit Euch?“ Seine Brauen hoben sich leicht. „Muss ich damit rechnen, dass Ihr mich ohne jede Mühe unter den Tisch trinkt? Oder gehört das ebenfalls zu jenen Geheimnissen, über die Ihr lieber schweigt?“

  • Elayas Blick lag prüfend auf Navaron, als er versicherte, ihr nichts dergleichen zu unterstellen. Die Artistin bemühte sich um einen empörten Gesichtsausdruck. "So, so", kommentierte sie seine Erklärung und rümpfte die Nase, während sie ihn musterte, als würde sie noch darüber nachdenken, ob sie seinen Worten Glauben schenken konnte. Bei seiner Verbeugung, die für sie völlig unerwartet kam, entwich ihr dann aber doch ein belustigtes Lachen. Sie musterte Navaron mit einem breiten Grinsen. Als er sich aber wieder aufrichtete und sich ihre Blicke trafen, bemühte sich Elaya schnell wieder um einen ernsten Gesichtsausdruck. Schweigend hörte sie ihm zu und seufzte. "Natürlich", erwiderte sie dann mit gespielter Großzügigkeit, "Ich bin schließlich bekannt für meine außerordentliche Nachsicht." Dabei imitierte sie die Stimme einer Lady, die der edlen Ansprache, die er ihr gegenüber nutzte, durchaus gerecht werden konnte. Sie nickte zustimmend, als er ihre Opferbereitschaft würdigte. "Das wäre wirklich tragisch gewesen. Ich hätte euch vermutlich den ganzen Abend dabei beobachten müssen, wie ihr tapfer versucht, Begeisterung vorzutäuschen.." Sie deutete ein Kopfschütteln an, als würde sie diese Möglichkeit wirklich bedauern, bevor ihre Miene aufbrauch und sie ihn amüsiert und offen angrinste.

    Dann spiegelte sich Neugierde in ihren Augen, als sie wissen wollte, wie viel Gläser Alkohol er vertrug. "Gut, dass wir vorher gegessen haben", erwiderte sie dann mit einem Grinsen, das noch breiter wurde, als er erklärte, den Weg nach Hause dennoch finden zu können. "Dann bin ich beruhigt. Nicht, dass ich mir noch Sorgen machen muss", warf sie ein und nahm dann ebenfalls noch einen Schluck von dem lieblichen Wein. Kurz darauf legte sie den Kopf etwas schief, als er zugab, dass vier Gläser Wein ihn seine Unauffälligkeit und Eleganz kosten würden. "Soweit wollen wir es dann doch nicht kommen lassen", scherzte sie weiter. Als er innehielt und sie ansah, hob sie fragend eine Augenbraue, ehe sich ihre Lippen zu einem Schmunzeln verzogen. Offenbar hatte er etwas vor. Elaya erwiderte seinen Blick und lächelte nur zu seinen Fragen. Für einen Moment sagte sie nichts, sondern drehte nur ihr Glas zwischen den Fingern. "Unter den Tisch trinken?", wiederholte sie dann und lachte leise. "Ihr klingt ja so, als würdet ihr mich herausfordern wollen." Fragend hob sie die Augenbrauen. Zu einem Alizarer passte das vermutlich gut. Allerdings war sie sich dann doch nicht vollkommen sicher, ob er es tatsächlich so meinte oder sie nur aus der Reserve locken wollte. Da sie heute schon einige Gläser getrunken hatte, wären es vermutlich weniger als die vier, die er in den Raum gestellt hatte. Allerdings wollte sie nicht gleich verraten, wie es um ihre eigene Trinkfestigkeit stand. "Wenn ihr mich wirklich unter den Tisch trinken wollt, solltet ihr lieber davon ausgehen, dass ich es euch nicht so einfach machen werde", antwortete sie deshalb voller Selbstsicherheit. "Aber ob es dafür drei, vier oder mehr Gläser braucht, behalte ich lieber für mich." Sie sah ihn verschmitzt an, als wäre das ein gut gehütetes Geheimnis, und hob ihr Glas, während sie neugierig auf seine Erwiderung wartete.

  • Lelia blinzelte leicht, als sie den Namen E’lor vernahm. Sie konnte ihn nicht so ganz zuordnen, aber wer konnte das schon bei all den Göttern, die hier herum schwirrten und ihr Werk kund taten. Auf den Vorwurf, dass ihre Aktion gemein war reagierte sie mit einem galantem Lächeln. „Gemein?“, fragte sie noch einmal nach und legte eine Hand betroffen auf ihre Brust, „Ich … habe nur ein Lied gespielt.“ Mehr sagte sie nicht dazu. Sie war nicht in der Lage andere magisch zu beeinflussen, abgesehen von dem einen Mal, als sie versehentlich den Adel dazu gebracht hatte, sich gegenseitig Wahrheiten um die Ohren zu werfen. Es war eine einmalige Sache, die seither nicht wieder vor kam. Ob es etwas zu bedeuten hatte, das hatte sie bisher noch nicht heraus gefunden. Doch es war nicht für die Ohren einer Fremden gedacht.

    Die Dame näherte sich ihr und verbeugte sich leicht, nahm ihre Hörnerneigung schließlich an. „Danke“, sprach sie etwas leise über das Kompliment, was ihre Art zu spielen betraf. Auch sie betrachtete die Dame für einen kurzen Augenblick. Sie hatte etwas wildes ungezügeltes an sich, ähnlich wie sie selbst. Äußerlich sah sie aus wie ein Mensch, doch sie war sich nicht ganz sicher. Ihre Augen … sie waren … seltsam und geheimnisvoll. Ihre hemmungslose Aussage darüber, dass sie den Verdacht schöpfte, die Satyrin würde die Absicht hegen sie auf die Nase fallen sehen entlockten ihr ein kurzes Auflachen. „Ihr traut mir ja gerade einiges zu. Doch wo wäre ich, wenn ich solch eine Macht hätte?“ Eine Frage, die sie für sich selbst lieber unbeantwortet bleiben lassen wollte.

    „Freut mich Atashkada... ich bin Lelia“, stellte sie sich nun ebenfalls vor, „Die Hörner gehören mir! Und nein, sie stehen nicht zum Verkauf und …“ Sie schlug die Augen nieder. „Seid mir nicht böse, doch es wäre mir lieb, wenn sie dort bleiben wo sie sind.“ Etwas leiser fügte sie noch hinzu. „Auch wenn so mancher Gast hier meint, sie wären ein Garant um Schafe zu hüten.“

    „Hinter jeder Note liegt ein Schweigen, das tiefer ist als das Meer; dort, wo die Schatten ihre wahren Namen flüstern.“

  • Ihre außerordentliche Nachsicht nahm Navaron mit einem dankbaren Neigen des Kopfes zur Kenntnis, auch wenn das amüsierte Funkeln in seinen Augen deutlich machte, wie ernst er Elayas großmütige Vergebung tatsächlich nahm. Die vornehme Stimme, die sie dafür anschlug, tat ihr Übriges. Für einen kurzen Augenblick musterte er sie, als stünde tatsächlich irgendeine hochgeborene Dame vor ihm, deren Gunst er sich gerade mühsam wieder hatte verdienen müssen. „Ich wusste doch, dass ich auf Eure Güte hoffen kann, Mylady“, erwiderte er ebenso förmlich und hob sein Glas ein wenig in ihre Richtung. „Es erleichtert mich ungemein zu wissen, dass ich diesen Abend nicht mit der schweren Bürde Eures Unmutes auf meinen Schultern verbringen muss.“ Wie lange sie dieses Spiel wohl noch fortsetzen konnten, bevor einer von ihnen endgültig die Beherrschung verlor und lachen musste? Bei Elayas Vorstellung, sie hätte ihn andernfalls den ganzen Abend dabei beobachten müssen, wie er Begeisterung für einen schlechten Wein vortäuschte, verzog Navaron nachdenklich das Gesicht. „Ich hätte mir natürlich die größte Mühe gegeben“, versicherte er. „Immerhin wurde mir beigebracht, mich zu benehmen.“ Das war nicht einmal gelogen. Sein Großvater hatte großen Wert darauf gelegt, dass seine Enkel wussten, wie man sich anderen gegenüber zu verhalten hatte. Besonders dann, wenn sie sich in Gesellschaft befanden, die über dem eigenen Stand lag. Manche dieser Lektionen waren Navaron als Junge reichlich überflüssig vorgekommen. Später hatte er allerdings erkennen müssen, dass gute Umgangsformen einem bisweilen mehr Türen öffneten als ein Schwert. Bei Elaya hätte ihm all das vermutlich wenig geholfen. „Allerdings“, fuhr er nach einem kurzen Moment fort und betrachtete den Wein in seinem Glas, „fürchte ich, Ihr hättet es mir trotzdem angesehen.“ Sein Mundwinkel hob sich. „Spätestens beim zweiten Schluck.“ Dafür war Navaron vermutlich doch nicht Schauspieler genug.

    Dass Elaya sich nun immerhin keine Sorgen mehr darum machen musste, ihn später irgendwo auf dem Fest einzusammeln oder ihm den Weg nach Hause zu weisen, quittierte er mit einem leisen Lachen. „Seht Ihr? Ich denke voraus“, erklärte er, als wäre die Tatsache, dass sie zuvor etwas gegessen hatten, allein das Ergebnis seiner sorgfältigen Planung gewesen. „Ihr könnt den Abend also weiterhin vollkommen ungezwungen genießen.“ Dass sie es gar nicht erst so weit kommen lassen sollten, bis seine Eleganz dem Wein zum Opfer fiel, ließ ihn zustimmend nicken. „Damit wäre das immerhin geklärt. Mein guter Ruf ist gerettet.“ Navaron nahm einen weiteren Schluck. Allerdings deutlich zu wenig, als dass Elaya ernsthaft befürchten musste, die erwähnten vier Gläser würden allzu bald erreicht werden.

    Interessanter war ohnehin ihre Reaktion auf seine Frage. Während sie ihr Glas zwischen den Fingern drehte, beobachtete er sie aufmerksam. Dieses kurze Zögern entging ihm ebenso wenig wie das anschließende Lachen. Bei ihrer Vermutung, er wolle sie herausfordern, hob Navaron zunächst nur eine Augenbraue. Wollte er das? Vielleicht ein kleines bisschen. Nicht unbedingt zu einem tatsächlichen Wettstreit. Sich gegenseitig so lange Wein einzuschenken, bis einer von ihnen unter dem Tisch lag, war sicherlich nicht seine Vorstellung eines gelungenen Abends. Aber Elaya ein wenig aus der Reserve zu locken und herauszufinden, ob sich hinter ihrer selbstsicheren Antwort vielleicht doch ein Eingeständnis verbarg? Das war etwas anderes. „Eine Herausforderung?“, wiederholte er daher mit unschuldiger Miene. „Wie kommt Ihr denn darauf?“ Die Unschuld hielt ungefähr so lange, bis sich wieder ein Grinsen auf seine Lippen stahl.

    Dann erklärte Elaya mit bemerkenswerter Selbstsicherheit, dass er es keineswegs leicht haben würde, sollte er tatsächlich versuchen, sie unter den Tisch zu trinken. Navaron ließ sein Glas langsam sinken. „Oh.“ Mehr sagte er zunächst nicht. Stattdessen betrachtete er Elaya einen Augenblick mit hochgezogenen Brauen. Ihre Antwort klang ausgesprochen selbstbewusst. Fast schon ein wenig zu selbstbewusst. Und spätestens bei der Weigerung, ihm zu verraten, ob es dafür drei, vier oder mehr Gläser brauchte, wurde aus seinem Grinsen ein wissendes Schmunzeln. „Jetzt verstehe ich“, meinte er schließlich und nickte langsam. Er machte eine kurze Pause, als wäre ihm gerade eine bedeutende Erkenntnis gekommen. „Ihr versucht lediglich, mich im Ungewissen zu lassen, damit ich das Risiko nicht eingehe.“ Navaron hob sein Glas und betrachtete den verbliebenen Wein darin, ehe sein Blick wieder zu ihr wanderte. „Gar nicht schlecht.“ Vielleicht hätte sein jüngeres Ich sich von dieser Antwort tatsächlich herausfordern lassen. Landros und er hatten sich früher wegen deutlich unsinnigerer Dinge miteinander gemessen. Wer schneller war, wer höher klettern konnte oder wer den anderen beim Übungskampf zuerst in den Dreck beförderte. Mit fünfundzwanzig Jahren besaß Navaron allerdings gerade genug Vernunft, um zu wissen, dass man nicht jede Herausforderung annehmen musste. Zumindest nicht auf die Weise, die das Gegenüber erwartete. „Aber ich fürchte, wenn Ihr darauf hofft, dass ich nun meine alizarische Ehre verteidige und den nächsten Krug bestelle, muss ich Euch enttäuschen.“ Er trat ein kleines Stück näher und senkte verschwörerisch die Stimme. „Denn wenn ich mich recht erinnere, habt Ihr bereits einen gewissen Vorsprung, dessen genaue Größe Ihr mir hartnäckig verschweigt.“ Ein herausforderndes Funkeln trat in seine silbergrauen Augen. „Und ich bin vielleicht vieles, aber kein schlechter Händler.“ Navaron richtete sich wieder auf. „Ich lasse mich doch nicht auf einen Handel ein, bei dem meine Gegenpartei mir die Hälfte der Bedingungen verschweigt.“ Sein Blick fiel demonstrativ auf Elayas Glas und anschließend wieder auf ihre grünen Augen. „Also einigen wir uns darauf, dass Ihr selbstverständlich gewonnen hättet.“ Er hob sein Glas mit einer vollkommen ernsthaften Miene in ihre Richtung. „Das bewahrt Eure geheimnisvolle Trinkfestigkeit, meine Eleganz und uns beide davor, herausfinden zu müssen, ob unter diesem Tisch überhaupt genügend Platz für einen von uns wäre.“ Nun konnte er sich das Grinsen endgültig nicht mehr verkneifen. „Eine ausgesprochen vernünftige Lösung, findet Ihr nicht?“ Er nahm noch einen kleinen Schluck und ließ seinen Blick anschließend über die Feiernden schweifen. Musik und Stimmengewirr vermischten sich ringsum miteinander, während sich vor dem Pavillon weiterhin die Besucher drängten. Der Abend war schließlich noch lange nicht vorbei und Navaron verspürte wenig Bedürfnis, ihn ausschließlich hier am Ausschank zu verbringen. Nach einem Moment wandte er sich wieder Elaya zu. „Außerdem wäre es doch schade, wenn wir unsere ganze Ausdauer bereits am Weinausschank verschwenden.“ Seine Brauen hoben sich leicht. „Oder habt Ihr für den weiteren Abend etwa nichts mehr mit mir vor?“

  • „Nur ein Lied gespielt…“ Atashkada wiederholte die Worte mit unverhohlener Skepsis und zog dabei eine Braue nach oben. Ihr Blick wanderte vielsagend zu dem Instrument in Lelias Händen und anschließend hinunter zu ihren eigenen Füßen, an deren Knöchel die Glöckchen bei der kleinen Bewegung noch einmal leise erklangen. „Natürlich.“ Das Lächeln, das ihre Lippen umspielte, verriet deutlich, wie viel Glauben sie dieser vollkommen unschuldigen Darstellung schenkte. Immerhin spürte sie ihre Beine noch recht deutlich von diesem einfachen Lied. Morgen würden diese sie vermutlich bei jedem Schritt daran erinnern, wie sehr sie sich von einer fremden Satyrin hatte herausfordern lassen. Aber das war ein Problem für die Atashkada von morgen. Die Atashkada von heute hatte ihren Spaß gehabt. „Und ich habe lediglich ein wenig dazu getanzt“, gab sie schließlich ebenso unschuldig zurück. „Wir beide können also überhaupt nichts dafür.“

    Damit wäre das wohl geklärt. Ihr Grinsen wurde nur noch breiter, als Lelia fragte, wo sie wohl wäre, besäße sie tatsächlich die Macht, andere auf die Nase fallen zu lassen. Tasha legte nachdenklich den Kopf schief und musterte ihr Gegenüber einen Moment, als müsse sie diese ausgesprochen schwierige Frage tatsächlich ernsthaft erwägen. „Vermutlich an einem Ort mit erstaunlich vielen Leuten, die auf dem Boden liegen?“ Ein leises Lachen entwich ihr. „Oder sehr weit weg von all jenen, die bereits Bekanntschaft mit dem Boden gemacht haben.“ So ganz sicher war sie sich allerdings nicht, ob Lelia nicht zumindest heute durchaus versucht hatte, sie zu eben jener Bekanntschaft zu überreden. Nicht mit irgendwelcher geheimnisvollen Macht, sondern mit schierer Hartnäckigkeit und einem Bogen.

    Dann hatte das unbekannte Gesicht endlich einen Namen. „Lelia“, wiederholte Tasha und nickte zufrieden, als wollte sie ihn sich auf diese Weise einprägen. Bei der folgenden Erklärung der Satyrin verschwand das amüsierte Funkeln jedoch für einen kurzen Augenblick aus ihren Augen. Stattdessen blinzelte Atashkada irritiert. Nicht zum Verkauf? Dort bleiben, wo sie waren? Ihr Blick wanderte beinahe zwangsläufig zu Lelias Hörnern.

    „Ich…“ Tasha öffnete den Mund, schloss ihn wieder und brauchte tatsächlich einen Moment, ehe sie verstand. Dann weiteten sich ihre Augen. „Oh!“ Sofort hob sie abwehrend beide Hände. „Nein, nein! Bei E’lor, so war das nicht gemeint.“ Ein helles Lachen brach aus ihr heraus. „Ich habe keinerlei Absicht, Euch Eure Hörner abzunehmen.“ Noch immer lachend schüttelte sie den Kopf, sodass einige der dunklen Locken zurück über ihre Schultern fielen. „Ich wüsste ja nicht einmal, was ich mit ihnen anfangen sollte.“ Die Antwort darauf lieferte Lelia allerdings gleich selbst. Schafe hüten. Atashkada starrte sie einen Herzschlag lang an. Dann prustete sie los. Eine Hand schnellte vor ihren Mund, als könnte sie das Lachen noch irgendwie zurückhalten, doch dafür war es längst zu spät. Ihre Schultern bebten und schließlich musste sie die Hand auf ihren Bauch legen, der vom Tanzen ohnehin schon genug beansprucht worden war. „Verzeiht“, brachte sie hervor und holte tief Luft. „Ich wollte Euch wirklich nicht auslachen.“ Was angesichts ihres noch immer breiten Grinsens nur mäßig überzeugend wirkte. „Aber wer bei allen Göttern sieht Euch an und denkt sich: Ja. Genau das fehlt meinen Schafen?“ Noch einmal glitt ihr Blick über Lelias Hörner, diesmal jedoch demonstrativ mit ausreichend Abstand. Ihre Hände ließ Tasha vorsichtshalber bei sich. „Ihr könnt jedenfalls beruhigt sein. Ich habe weder Schafe noch Bedarf an Hörnern. Von mir habt Ihr also nichts zu befürchten.“ Ein letzter Rest ihres Lachens lag noch in ihrer Stimme, ehe Atashkada sich neben dem Pavillon etwas bequemer hinstellte. Allmählich beruhigte sich auch ihr Atem wieder. Die ausgelassene Menge ringsum begann sich nach dem abrupten Ende der Musik langsam zu zerstreuen und Gespräche nahmen wieder ihren gewöhnlichen Lauf.

    Tashas Aufmerksamkeit blieb jedoch bei der Satyrin. „Seid Ihr eigentlich von hier, Lelia?“, erkundigte sie sich schließlich neugierig. „Oder hat es Euch ebenso hierher verschlagen wie mich?“ Ein schelmisches Lächeln kehrte auf ihre Lippen zurück. „Mit Euren Hörnern selbstverständlich.“

  • Die Cath'shyrr genoss sichtlich den Abend mit Navaron, ganz besonders den Schlagabtausch mit ihm, aber auch die unterschwelligen Herausforderungen. Es war alles andere als langweilig in seiner Gesellschaft. Elaya sah ihn abwechselnd amüsiert und mit gespielter Ernsthaftigkeit an, während sie sich vollkommen entspannt auf das Gespräch konzentrierte. Ihre Frage, ob er sie etwa unter den Tisch trinken wollte, beantwortete er jedoch nur vage. Bei seiner Nachfrage, wie sie darauf kam, erwiderte sie sein Grinsen. "Nur so..", antwortete sie mit einem wissenden Unterton, da ihm die Antwort sicherlich schon klar war. Anders stand es da wohl um ihre eigene Trinkfestigkeit, die sie ihm ganz bewusst nicht auf die Nase binden wollte. "Ach ja?", fragte sie interessiert nach, als er meinte, ihre Reaktion auf seine Frage zu verstehen, und wartete gespannt. Als er vermutete, sie würde ihre Trinkfestigkeit nur verschweigen, damit er kein Risiko einging, musste sie dann doch lachen. "Ja, das wird der Grund sein. Ich möchte euch ja nicht gleich unter dem Tisch aufsammeln müssen", sprach sie mit demselben Selbstbewusstsein weiter, als wäre das die direkte Folge auf einen kleinen Wettstreit. Aber wie es aussah, ließ sich Navaron nicht zu einem Trinkspiel hinreißen und ehrlicherweise gefiel das Elaya. Man konnte sich auch anders die Zeit vertreiben und Spaß haben, an den man sich dann am nächsten Morgen sogar noch erinnern konnte. Sie lächelte, als er sich verschwörerisch zu ihr herüber beugte, und musterte sein Gesicht einen Augenblick lang aus der Nähe, bevor sie sich wieder auf seine Worte konzentrierte. Bei seinem Vorschlag, dass sie selbstverständlich gewonnen hätte, lachte sie hell und amüsiert auf. "Wie großzügig von euch", erwiderte sie und stieß mit dem Glas gegen seines, das er gerade hob. "Ihr seid also nicht nur ein guter Händler, sondern auch ein guter Verlierer", sagte sie, als hätte sie etwas Neues an ihm festgestellt, grinste ihn dann verschmitzt an und trank auf ihren Sieg. "Allerding hatte ich keineswegs vor, euch dazu zu bringen, eure alizarische Ehre zu verteidigen. Auch wenn das vielleicht recht unterhaltsam gewesen wäre", fügte sie danach hinzu und grinste noch immer amüsiert über seine Worte.

    Als er schließlich fragte, ob sie etwa nichts mehr mit ihm vorhabe, hob Elaya eine Augenbraue. Offenbar wollte er ihre Gesellschaft noch ein wenig länger genießen, was sie nicht unbedingt überraschte, aber ihr dennoch schmeichelte. Ihr Blick wanderte über den Pavillon hinweg und auf die dahinter liegenden Marktstände. Ihr Blick bekam etwas Nachdenkliches, bevor sie sich an etwas erinnerte, und dann schelmisch wieder Navaron ansah. "Natürlich habe ich etwas vor", sagte sie dann und lächelte, "und ihr dürft mich gerne begleiten, wenn ihr das wünscht." Sie sah ihn geheimnisvoll an und verschwieg auch jetzt wissentlich, was ihr im Sinn stand. "Wir müssen dafür nur einen kleinen Spaziergang unternehmen", war das einzige, das sie sagte, bevor sie den letzten Schluck Wein aus ihrem Glas trank.

  • Lelia war sich nicht ganz sicher, worauf die Tänzerin hinaus wollte. Schließlich hatte sie nur gespielt und die andere getanzt. Sie hätte jederzeit aufhören können, wenn es ihr zu viel geworden wäre, wie auch sie selbst ihre Finger etwas mehr schonen oder zu deutlich sanfteren Tönen hätte übergehen können. „So lange ihr nicht irgendwelche verhängnisvollen Schuhe anzieht, die euch zum Tanzen gezwungen haben, sehe ich nun kein Verbrechen.“, bestätigte sie noch einmal ihre Unschuld. Das Bild das ihr die Andere bot von Leuten, die allesamt auf dem Boden lagen, hatte schon etwas für sich. Natürlich so lange sie noch atmeten und es ihnen gut ging und diese sich nichts gebrochen hatten. „Einen derartigen Ruf würde ich wohl so schnell nicht wieder los werden“, fügte sie noch hinzu, „Wie sie mich dann nennen würden? Die zu Bodenspielerin? Aber gut, so etwas könnte in einer Schlacht sicher hilfreich sein … oder auf der Monsterjagd.“ Nicht, dass sie eine derartige Karriere in Planung hätte. Aber manchmal könnten derartige Gedankenspiele auch so ihren Reiz haben.

    Die Satyrin erwiderte das Lachen. Auch sie hatte das mit den Hörnern nicht ganz ernst gemeint. Zumindest vermutete sie, dass die andere nicht gleich ein Messer oder eine Axt zücken würde, um sich ihrer habhaft zu werden. Nicht hier auf dem Fest, wo so viele Leute zusehen würden. „Ach … da gibt’s so einige schätze ich. Mein Tanzkartenpartner zum Beispiel. Ich dachte schon, ich höre nicht richtig, als er mir mit seinen Schafen ankam. Lilliande und Yanariel haben es wohl einen ausgeprägten Sinn für Humor, als sie uns miteinander verkuppeln wollten.“ Sie verdrehte leicht die Augen und strich dabei einen ihrer geflochtenen Zöpfe zurück, ehe sie sich leicht schüttelte. Nein, diese Beleidigungen hätte sie wohl nicht länger durchgehalten. Nicht ohne ihn spätestens nach dem Tanz einen kräftigen Tritt gegen das Schienbein zu verpassen.

    „Von hier? Ihr meint aus dieser Stadt?“ Zumindest vermutete sie dies. Denn Lelia war kein Meereswesen oder jemand der außerhalb von dieser Insel stammen konnte. „Nein, meine Heimat ist der Silberwald. Dort hin werde ich auch wieder zurück kehren. Vermutlich … irgendwann. Hoffentlich noch mit meinen intakten Hörnern und zig neuen Liedern im Schlepptau.“

    „Hinter jeder Note liegt ein Schweigen, das tiefer ist als das Meer; dort, wo die Schatten ihre wahren Namen flüstern.“

  • „Selbstverständlich“, erwiderte Navaron gedehnt, als Elaya behauptete, sie wolle lediglich verhindern, ihn später unter dem Tisch aufsammeln zu müssen. Der Blick, mit dem er sie dabei bedachte, machte mehr als deutlich, wie überzeugt er von dieser Erklärung war. Trotzdem ließ er ihr den vermeintlichen Triumph. Wenn Elaya ihre Trinkfestigkeit zu einem wohlgehüteten Geheimnis erklären wollte, würde er ihr dieses nicht mit weiteren Fragen entlocken. Zumal er den Eindruck gewann, dass sie gerade mindestens ebenso viel Vergnügen daran hatte, ihn im Ungewissen zu lassen, wie an dem Wein selbst.

    Als sie ihn dann allerdings kurzerhand zu einem guten Verlierer erklärte, zog Navaron eine Braue in die Höhe. „Verlierer?“, wiederholte er und blickte auf die Stelle, an der ihre Gläser gerade gegeneinander gestoßen waren. „Interessant.“ Ein amüsiertes Schmunzeln trat auf seine Lippen. „Ich war der Meinung, wir hätten uns darauf geeinigt, dass Ihr gewonnen hättet. Das ist ein entscheidender Unterschied.“ Zumindest aus Sicht eines Mannes, der sich gerade erfolgreich darum gedrückt hatte, überhaupt an dem Wettstreit teilzunehmen. Navaron war durchaus in der Lage, eine Niederlage einzugestehen, wenn er eine verdient hatte. Sein Großvater hatte früh dafür gesorgt, dass weder er noch Landros glaubten, man müsse jeden Kampf gewinnen, um etwas daraus mitzunehmen. Allerdings sah Navaron wenig Grund, sich eine Niederlage anrechnen zu lassen, wenn der dazugehörige Wettkampf niemals stattgefunden hatte. Dass Elaya trotzdem auf ihren Sieg trank, ließ ihn leise lachen. „Aber meinetwegen. Genießt Euren Sieg, solange Ihr könnt. Ich möchte Euch diesen schönen Augenblick schließlich nicht verderben.“ Die gespielte Großzügigkeit stand ihrer vorangegangenen kaum nach.

    Bei der Erwähnung seiner alizarischen Ehre schüttelte Navaron anschließend amüsiert den Kopf. „Wie beruhigend. Für einen Moment hatte ich schon befürchtet, hinter all dem verbirgt sich ein ausgeklügelter Plan, mich zu irgendeiner Dummheit anzustacheln.“ Er nahm einen weiteren Schluck seines Weines und musterte Elaya über den Rand des Glases hinweg. „Wobei ich Euch durchaus zutrauen würde, dass Ihr Euch dabei prächtig amüsiert.“ Das war keineswegs als Vorwurf gemeint. Im Gegenteil. Je länger dieser Abend dauerte, desto mehr hatte Navaron den Eindruck, dass Elaya ausgesprochen gern herausfand, wie weit sie mit einer Bemerkung gehen konnte und was sie damit bei ihrem Gegenüber hervorrief. Und er musste sich eingestehen, dass ihm dieses Spiel gefiel. Es zwang ihn, aufmerksam zu bleiben, und bot ihm immer wieder Gelegenheit, den Ball zurückzuspielen. Deutlich angenehmer jedenfalls, als sich mit belanglosen Höflichkeiten durch einen Abend zu retten.

    Seine letzte Frage schien Elaya dann tatsächlich kurz zum Nachdenken zu bringen. Navaron folgte ihrem Blick über den Pavillon hinweg zu den Marktständen, konnte daraus allerdings nicht erkennen, was ihr gerade durch den Kopf ging. Als sie ihn schließlich wieder ansah, bemerkte er sofort die Veränderung in ihrem Ausdruck. Dieses schelmische Funkeln kannte er inzwischen. Und erfahrungsgemäß bedeutete es, dass sie etwas vorhatte. Navaron verengte leicht die Augen und betrachtete sie mit gespieltem Misstrauen. „Natürlich habt Ihr das“, murmelte er. Was genau sie plante, verriet sie ihm erwartungsgemäß nicht. Stattdessen erhielt er lediglich die ausgesprochen großzügige Erlaubnis, sie begleiten zu dürfen – sofern er das denn wünschte. „Wenn ich das wünsche?“ Navaron hob eine Augenbraue. Eigentlich war die Antwort darauf offensichtlich. Wäre er ihrer Gesellschaft bereits überdrüssig gewesen, hätte er kaum danach gefragt, was sie für den restlichen Abend vorhatte. Dass Elaya aus ihrem Vorhaben nun erneut ein Geheimnis machte, weckte seine Neugier allerdings erst recht. Sein Blick wanderte noch einmal in die Richtung, in die sie zuvor geschaut hatte. Marktstände. Menschen. Dahinter weitere Teile des Festes. Nichts davon verriet ihm, wohin sie ihn führen wollte. „Ihr macht es einem allerdings auch nicht besonders leicht“, stellte er fest und wandte sich wieder ihr zu. „Erst verschweigt Ihr mir Eure Trinkfestigkeit und nun auch noch unser nächstes Ziel.“ Er legte den Kopf leicht schief. „Langsam bekomme ich den Eindruck, Ihr genießt es, mich im Ungewissen zu lassen.“ Wobei er sich nicht sicher war, ob er ihr daraus überhaupt einen Vorwurf machen konnte. Schließlich funktionierte es hervorragend.

    Navaron leerte nun ebenfalls den verbliebenen Rest seines Weines. Einen Moment betrachtete er das leere Glas, ehe er es am Ausschank zurückgab. Für ihn würde es vorerst bei diesem einen bleiben. Nicht zuletzt, weil Elayas Ankündigung eines Spaziergangs interessanter klang als ein zweites Glas Wein. „Aber gut.“ Er trat wieder neben sie und richtete den dunkelroten Gehrock mit einer beiläufigen Bewegung, bevor er ihr den Weg freigab. „Nachdem Ihr mich schon erfolgreich vor einem schweren Wein bewahrt und anschließend in einem Wettstreit besiegt habt, der niemals stattgefunden hat, will ich Eurem Urteilsvermögen noch ein weiteres Mal vertrauen.“ Seine Mundwinkel zuckten verräterisch. „Ich komme mit.“ Vermutlich hätte es dieser ausdrücklichen Feststellung gar nicht bedurft. Dennoch war Navaron neugierig geworden. Außerdem hatte er keineswegs vor, sich bereits von Elaya zu verabschieden. Der Abend war noch jung genug, das Fest bot genügend Möglichkeiten und ihre Gesellschaft hatte sich bislang als deutlich unterhaltsamer erwiesen, als allein zwischen Marktständen und Festbesuchern umherzuziehen.

    Ein kleiner Spaziergang klang da zunächst ziemlich harmlos. Wobei das geheimnisvolle Lächeln der Cath’shyrr ihn daran zweifeln ließ, dass der Spaziergang selbst der eigentliche Plan war. „Eine Frage hätte ich allerdings noch.“ Navaron trat ein Stück näher und senkte die Stimme, als müsste auch er nun ein Geheimnis mit ihr teilen. „Muss ich mir Gedanken machen, wenn eine Artistin mich mit diesem Blick zu einem geheimnisvollen Spaziergang einlädt und sich gleichzeitig weigert, mir das Ziel zu verraten?“ Er hielt ihre grünen Augen einen Moment fest, ehe ein Grinsen die gespielte Skepsis durchbrach. „Oder genügt es, wenn ich mich überraschen lasse?“ Dann deutete er mit einer einladenden Bewegung in Richtung der Marktstände. „Also gut. Führt mich ins Ungewisse, Mylady.“ Für einen Moment hielt er inne. „Aber dieses Mal versuche ich gar nicht erst, ein unauffälliger Schatten zu sein.“

  • „Verhängnisvolle Schuhe?“ Atashkadas Blick senkte sich augenblicklich auf ihre eigenen Füße. Für einen Moment betrachtete sie diese, als müsste sie sichergehen, dass sich dort nicht doch etwas befand, das ihr bislang entgangen war. Schließlich hob sie einen Fuß ein wenig an und brachte damit die kleinen Glöckchen an ihrem Knöchel zum Klingen. „Nein. Ich glaube, die sind vollkommen harmlos.“ Glaubte sie zumindest. „Und falls nicht, haben sie ausgesprochen lange gebraucht, um ihre verhängnisvolle Wirkung zu entfalten.“ Schließlich tanzte sie schon darin, seit sie heute auf das Fest gekommen war.

    Ein amüsiertes Funkeln trat in ihre indigoblauen Augen, als sie den Fuß wieder absetzte. Nein, gezwungen hatte sie gewiss niemand. Dazu hätte es auch keiner verwunschenen Schuhe bedurft. Sobald irgendwo Musik erklang, musste man Tasha ohnehin selten zweimal auffordern. Bei Lelias Überlegungen zu ihrem möglichen Ruf legte sie den Kopf etwas schief. „Die Zu-Boden-Spielerin?“ Ihre Nase kräuselte sich. „Nein.“ Das Urteil kam mit solcher Bestimmtheit, als wäre es tatsächlich von großer Bedeutung, schon jetzt einen geeigneten Namen für eine Fähigkeit zu finden, die Lelia überhaupt nicht besaß. „Wenn Ihr schon Menschen allein mit Eurem Spiel zu Fall bringt, braucht Ihr einen Namen, bei dem die Leute bereits erschrocken zur Seite springen, sobald Ihr irgendwo auftaucht.“ Tasha betrachtete die Satyrin einen Moment nachdenklich, doch dann zuckte sie mit den Schultern. „Mir fällt nur gerade keiner ein.“ Vielleicht war das auch besser so. „Aber für eine Schlacht wäre es wirklich praktisch“, stimmte sie zu. „Ihr spielt, alle fallen um und der Rest spaziert einfach an ihnen vorbei.“ Bei der Monsterjagd verzog sie dagegen leicht das Gesicht. „Kommt vermutlich auf das Monster an. Wenn es Ohren hat, habt Ihr eine Chance.“ Ein kleines Grinsen huschte über ihre Lippen. „Wenn nicht, solltet Ihr jemanden mitnehmen, der sehr schnell laufen kann.“

    Dass Lelias Hörner offenbar tatsächlich bereits Gegenstand eines Gespräches gewesen waren, ließ Atashkadas Brauen erneut in die Höhe wandern. Je länger die Satyrin erzählte, desto ungläubiger wurde ihr Gesichtsausdruck. „Euer Tanzpartner hat Euch mit Schafen verglichen?“ Das musste sie erst einmal verarbeiten. „Während eines Tanzes?“ Vielleicht verstand sie die Gepflogenheiten der Leute hier tatsächlich weniger gut, als sie bislang geglaubt hatte. „Das ist…“ Tasha suchte sichtbar nach einem passenden Wort. „…eine bemerkenswerte Art, eine Frau für sich einzunehmen.“ Ihr Mundwinkel zuckte verdächtig. „Hat es funktioniert?“ Die Antwort konnte sie sich angesichts von Lelias Augenrollen zwar denken, doch das hinderte sie nicht daran, die Frage mit vollkommen unschuldiger Miene zu stellen. „Vielleicht solltet Ihr ihm zugutehalten, dass er Euch wenigstens keine Ziege angeboten hat.“ Eine kurze Pause. „Oder hat er?“ Jetzt konnte Atashkada das Lachen doch nicht mehr ganz zurückhalten.

    Bei Lelias Antwort auf ihre eigentliche Frage wurde sie jedoch wieder aufmerksamer. „Der Silberwald“, wiederholte sie leise. Sie kannte den Namen, doch selbst dort gewesen war sie bisher nicht allzu oft. Ihre Familie zog zwar weit umher, aber selbst ein Leben auf der Straße reichte kaum aus, um jeden Winkel der Insel zu kennen. Bei Lelias Worten über ihre Rückkehr huschte ein weicheres Lächeln über Tashas Züge. „Dann wünsche ich Euch zumindest für die Hörner viel Erfolg. Bei den Liedern mache ich mir weniger Sorgen.“ Sie deutete mit einem kleinen Nicken auf Lelias Instrument. „Wenn Ihr überall so spielt wie gerade eben, dürften die sich von ganz allein ansammeln.“

    Sie selbst verstand das Verlangen, irgendwann an einen bestimmten Ort zurückzukehren, allerdings nur bedingt. Natürlich gab es Orte, die ihr vertrauter waren als andere. Plätze, an denen ihr Volk regelmäßig lagerte, Wege, die sie schon unzählige Male bereist hatte, und Städte, deren Tore ihr seit ihrer Kindheit vertraut waren. Doch Heimat? Heimat hatte für Atashkada nie Mauern oder Grenzen besessen. „Bei mir ist das ein wenig anders“, erklärte sie schließlich. „Ich bin eine Fahrende. Mein Volk zieht durch die Ländereien. Heute hier, morgen dort – und irgendwann wieder an einem Ort, den wir vor Jahren schon einmal besucht haben.“ Ihre Fingerspitzen spielten beiläufig mit einer der bunten Stoffbahnen ihres Rockes. „Geboren wurde ich nahe dem Mondsee. Aber wenn Ihr mich fragt, wo meine Heimat liegt…“ Tasha hielt kurz inne. Dann lächelte sie. „Dort, wo die Wagen meiner Familie stehen und abends unser Feuer brennt.“ Es war wohl die einfachste Antwort darauf. „Im Augenblick lagert ein Teil meiner Familie nahe Nir’alenar. Wir versuchen uns unter anderem einmal im Jahr dort zu treffen.“ Ein amüsiertes Schnauben entwich ihr. „Was bei sieben Brüdern, deren Frauen, Kindern und allem, was inzwischen noch zu unserer Familie gehört, leichter gesagt ist als getan.“ Sie schüttelte leicht den Kopf, doch das Lächeln blieb. „Danach ziehen wir wieder weiter.“ Ihr Blick wanderte erneut zu Lelia. „Vielleicht ja irgendwann auch wieder in Richtung Silberwald.“ Das schelmische Funkeln kehrte in ihre Augen zurück. „Dann kann ich nachsehen, ob Ihr es tatsächlich mit beiden Hörnern und all den versprochenen neuen Liedern nach Hause geschafft habt.“

  • Offensichtlich war Navaron überrascht davon, dass sie ihn einen Verlierer nannte. "Seht ihr das etwa anders?", fragte sie mit Überraschung in der Stimme, die teils gespielt, aber teils auch ehrlicher Natur war. Sie hatte ihn nur necken wollen und bei seiner Reaktion erfasste sie mit einem Mal die Sorge, dass sie ihn damit verletzt hatte. Seine Reaktion verunsicherte sie und für einen Moment zeigte sich Besorgnis in der Mimik der Cath'shyrr. Aber zu ihrer Beruhigung stellte sie schnell fest, dass er sich immer noch über ihre Worte amüsierte, und Elaya entspannte sich wieder etwas. "Das ist ein Unterschied?", wiederholte sie fragend. "Wenn ich die Gewinnerin bin, bleibt nach meiner Rechnung nur ein Platz bei einem Duell zu zweit übrig..", sinnierte sie und trank auf ihren eigenen Sieg, was ihn offenbar noch mehr amüsierte und ihre vorherige Sorge auflöste. Scheinbar musste sie sich keine Sorgen machen, ihn verärgert zu haben, aber es erinnerte sie daran, dass sie es sich nicht verscherzen wollte. Glücklicherweise hatte sie das aber offensichtlich nicht mit Navaron, denn er gönnte ihr großzügig ihren Sieg, was sie lächeln ließ. "Mich amüsieren tatsächlich so einige Dinge..", erwiderte sie dann grinsend und stimmte ihm damit durchaus zu - sie hätte sich sicherlich amüsiert bei der Verteidigung seiner Ehre. Aber sie war ja kein Unmensch und wollte es auch nicht zu weit treiben, sodass sie, so amüsant diese Vorlage auch klang, es lieber dabei beließ.

    Was nicht hieß, dass sie hier den ganzen Abend verharren und tatenlos auf das Ausklingen des Festes warten würde. Elaya stand der Sinn nach Spaß und so musste sie nicht lange über eine Antwort nachdenken, was den weiteren Abend betraf. Natürlich hatte sie etwas vor. Und als Navaron das so trocken kommentierte, schnaubte sie amüsiert. Sie kannten sich noch nicht lange, aber das schien ihn nicht zu überraschen. Sie nickte bekräftigend, als er ihre Worte wiederholte, wenn er es wünschte. Sie würde ihn sicherlich nicht zwingen und sich aufzudrängen war so gar nicht ihre Art. Also ließ sie lieber ein Schlupfloch offen, damit zwanglose Bekanntschaften auch zwanglos blieben. Als sein Blick erneut in die Richtung glitt, die ihm als einziger Anhaltspunkt diente, was der Artistin im Sinn stand, war sie doch etwas nervös, dass er es sich anders überlegen könnte. Sie versuchte es zwar zu verbergen, aber ihr Lächeln war echt, als er von 'unserem Ziel' sprach. Er würde also mitkommen. Ob sie es genoss, ihn im Unwissenden zu lassen? "Vielleicht ein wenig", antwortete sie ehrlich und beobachtete ihn dabei, wie auch er sein Glas leerte. Dann kam sie ihm unweigerlich ein wenig näher, um ihr Glas neben das seine abzustellen, und lachte amüsiert auf, als er den Wettstreit erwähnte, der nie stattgefunden hatte. Diese Formulierung würde sie sich auf jeden Fall merken. Als er bekräftigte, mitzukommen, zeigte Elaya offen ihre Freude. "Ihr werdet es nicht bereuen", prophezeite sie lächelnd.

    Sie wollte sich gerade zum Gehen wenden, als er einwarf, noch eine Frage zu haben. Also hielt Elaya inne und drehte den Kopf zu ihm, während er ihrem etwas näher kam. Die grünen Augen funkelten geheimnisvoll und unterstrichen seine Worte nur. "Ich versichere, ihr müsst euch keine Sorgen machen. Außer ihr habt etwas gegen Spaß und gute Laune." Sie legte den Kopf etwas schief. "Habt ihr das?", hakte sie nach, als würde sie sich wirklich darum sorgen, dass dem nicht so war. Bei seinem letzten Satz sah sie noch einmal zu ihm hinauf. "Ich würde mich freuen, wenn ihr mich ganz offiziell begleitet", erwiderte sie lächelnd. Nach ein paar Sekunden wandte sie sich dann in Richtung der Marktstände. Dabei hatte es Elaya allerdings nicht eilig. Sie wollte dieses Fest genießen und freute sich auf einen Abend voller Möglichkeiten.

  • Für einen kurzen Moment glaubte Navaron, etwas in Elayas Gesicht zu erkennen, das nicht so recht zu ihrem bisherigen Schlagabtausch passen wollte. Die gespielte Überraschung wich einer Unsicherheit, die beinahe so schnell wieder verschwunden war, wie sie gekommen war. Vielleicht bildete er es sich auch nur ein. Doch Navaron hatte sich über die Jahre angewöhnt, auf sein Gegenüber zu achten. Beim Handel konnte ein flüchtiger Blick bisweilen mehr verraten als die Worte, die jemand sprach. Hatte sie tatsächlich geglaubt, ihn mit der Bezeichnung als Verlierer gekränkt zu haben? Der Gedanke überraschte ihn beinahe mehr als ihre ursprüngliche Neckerei. Navaron hatte gewiss seinen Stolz, aber wegen einer solchen Bemerkung würde er niemandem einen Groll nachtragen. Schon gar nicht, wenn sie derart offensichtlich im Scherz gefallen war. Trotzdem verzichtete er darauf, Elaya darauf anzusprechen. Wenn er ihre Reaktion richtig gedeutet hatte, wollte er sie nicht noch zusätzlich in Verlegenheit bringen.

    Stattdessen grinste er, als sie ihm ihre ganz eigene Rechnung erklärte. „Eure Rechnung besitzt nur einen entscheidenden Fehler“, gab er zu bedenken. „Für einen Verlierer braucht es zuerst einen Wettstreit.“ Er hob belehrend einen Finger. „Und da ich ausgesprochen geschickt darin war, diesen zu vermeiden, kann ich unmöglich verloren haben.“ So einfach war das. Zumindest in Navarons Rechnung. „Aber ich sehe schon, dass Ihr Euch Euren Sieg nicht mehr nehmen lassen werdet.“ Er seufzte ergeben. „Also werde ich wohl damit leben müssen.“ Das würde ihm erstaunlich leichtfallen.

    Auch ihre Prophezeiung, dass er es nicht bereuen würde, sie zu begleiten, nahm Navaron mit einem amüsierten Lächeln zur Kenntnis. Sie klang ausgesprochen überzeugt davon. Beinahe überzeugt genug, dass er sich fragen musste, was genau sie eigentlich mit ihm vorhatte. Auf seine entsprechende Nachfrage erhielt er allerdings erneut keine brauchbare Antwort. Spaß und gute Laune. „Furchtbar“, erwiderte Navaron trocken, als Elaya wissen wollte, ob er etwas dagegen einzuwenden hatte. Seine Miene nahm einen leidenden Ausdruck an. „Ich weiß wirklich nicht, wie Ihr auf den Gedanken gekommen seid, dass ich mich freiwillig mit derartigen Dingen abgebe.“ Angesichts der vergangenen Stunden war wohl kaum eine Behauptung unglaubwürdiger. Seine gespielte Abneigung hielt entsprechend nicht lange an und wich einem Lächeln, als Elaya erklärte, dass sie sich freuen würde, wenn er sie ganz offiziell begleitete. Ganz offiziell also. Irgendetwas an dieser Formulierung gefiel ihm. „Dann wäre das geklärt.“ Navaron bot ihr mit einer kleinen Geste an, voranzugehen, diesmal allerdings ohne hinter ihr zurückzubleiben. „Heute kein Schatten mehr“, stellte er fest, als er neben sie trat. „Ihr müsst nun wohl oder übel mit einem sichtbaren Begleiter vorliebnehmen.“

    --> Ein Abend voller Möglichkeiten

  • Als Lelia über die Schuhe angesprochen wurde, hielt sie einen Moment inne. „Ja, ich habe einmal von solch einer Geschichte gehört von einem Mädchen gehört, das über Umwege an rote Schuhe gekommen war. Diese waren jedoch verflucht und ließen es nicht aufhören zu tanzen. Es fing harmlos an, doch ein Geist den es wohl damit erzürnt hatte verfluchte es damit, dass es so lange tanzen würde, bis seine Haut nur noch in Fetzen von den müden Knochen hängt und bis nichts mehr übrig bliebe als die tanzenden Innereien. Und selbst als Geist würde es dadurch keine Ruhe mehr finden...“ Sie machte eine kurze Pause. „Letztendlich konnte dieses Dilemma nur auf eine Art gelöst werden.“ Lelia überließ erst einmal der anderen Frau zu erraten wie diese Lösung ausgesehen haben könnte. „Ich … bin jedoch heilfroh darüber, dass eure Schuhe ganz normal sind.“ Sie lächelte noch einmal sanft und versöhnlich.

    Der Fluch einer zu Boden-Spielerin wäre wohl noch ähnlich verhängnisvoll. „Ist wohl auch besser so...“, ergänzte sie die Aussage, dass Atashkada wohl auch kein passender Spitzname für eine nicht vorhandene Gabe einfiele. „Mein Ruf wäre wohl ruiniert, wenn sich ein derartiges Gerücht herum sprechen würde. Selbst wenn es nicht wahr ist“ Bei dem Gedanken wurde sie ein wenig still, denn es gab auch noch ein anderes Gerücht, das sich über sie herum gesprochen hatte. Auf dem letzten Fest des Erwachens an einem anderen Ort. Doch sie wagte es nicht es anzusprechen. Zum Glück gab es einen raschen Themenwechsel.

    Ein nicht überhörbares Stöhnen kam ihr auf, als es um den Tanzpartner ging. „Schön wäre es... aber nein, so weit kam es gar nicht erst.“ Etwas missmutig verzog sie das Gesicht. Es wurmte sie doch ein wenig, dass er nicht einmal den Anstand hatte zumindest nur für die Dauer des Tanzes seine Abneigung ihr gegenüber in Zaum zu halten oder ihr zumindest klar zu sagen, dass er kein Interesse hatte ohne sie beleidigen zu müssen. „Glaubt mir, ich hatte große Mühe mich zu beherrschen... ihm nicht gleich meinen Huf ins Schienbein zu rammen und damit zu erzwingen, dass er den Rest des Abends auf allen Vieren verbringen musste.“ Sie seufzte theatralisch. „Dabei habe ich mich so auf das Fest und den ersten Tanz gefreut...“ Ein paar Mal blinzelte sie. „Eine Ziege?“ Sie kratzte sich an der Nase, musste erst einmal kurz nachdenken, als ihr ein anderer Gedanke kam den man sich über die Herkunft der Satyren erzählte. „Was für eine fabelhafte Idee. Wo ist nur Neala Frohblatt, wenn man sie mal braucht?“

    Über ihre Heimat im Silberwald war schon einiges gesagt. Nun war es an der Fahrenden etwas über sich zu erzählen. „Das klingt stressig … aber auch abenteuerlich“, kommentierte die Bardin ihre Worte. „Also seid ihr in unterschiedlichen Gruppen unterwegs? Wo zieht ihr hin? Gibt es da eine feste Route oder wer entscheidet das welches Ziel als nächstes angesteuert wird?“

    „Hinter jeder Note liegt ein Schweigen, das tiefer ist als das Meer; dort, wo die Schatten ihre wahren Namen flüstern.“

  • Zunächst hatte Atashkada noch interessiert zugehört. Eine Geschichte über rote, verfluchte Schuhe, die ihre Trägerin dazu zwangen, immer weiter zu tanzen? Das klang sogar ausgesprochen vielversprechend. In ihrem Kopf entstand bereits das Bild einer kleinen Handpuppe mit viel zu großen roten Schuhen an den Füßen, die wild über die hölzerne Bühne ihres kleinen Theaters hüpfte. Vielleicht könnte sie die Kinder sogar mitklatschen lassen und - Bis ihre Haut nur noch in Fetzen von den müden Knochen hing. Das Lächeln auf Atashkadas Lippen erstarrte. Tanzende Innereien. Ihre Brauen wanderten langsam immer höher. Und nicht einmal als Geist würde das arme Ding seine Ruhe finden. „Oh.“ Mehr kam zunächst nicht.

    Atashkada blinzelte Lelia an. Einmal. Zweimal. Dann sah sie hinunter auf ihre Schuhe. Vollkommen gewöhnliche Schuhe. Wunderbare Schuhe! „Ich nehme alles zurück, was ich jemals Schlechtes über diese Schuhe gesagt habe.“ Vorsichtshalber bewegte sie die Zehen darin, nur um sich davon zu überzeugen, dass sie damit tatsächlich aufhören konnte, wann immer sie wollte. Konnte sie. Sehr beruhigend.

    Ihr Blick kehrte zu Lelia zurück und für einige Herzschläge musterte sie die Satyrin mit einer Mischung aus Faszination und Unglauben. „Wisst Ihr, ich erzähle selbst Geschichten.“ Das mochte zunächst wie eine vollkommen zusammenhanglose Feststellung wirken. „Ich habe sogar ein kleines Handpuppentheater.“ Ihre Hände deuteten ungefähr die Größe der Bühne an. „Für Kinder.“ Eine bedeutungsvolle Pause entstand. „Und bis gerade eben dachte ich noch, eine Geschichte über ein Mädchen mit verzauberten roten Tanzschuhen wäre hervorragend dafür geeignet.“ Tasha verzog leicht den Mund. „Nun glaube ich, dass die Eltern mich spätestens bei den tanzenden Innereien mit meinen eigenen Puppen vom Platz jagen würden.“

    Wobei… Ihre Augen verengten sich ein wenig. „Obwohl meine Brüder die Geschichte vermutlich großartig fänden.“ Das sprach allerdings nicht zwingend für die Geschichte. Trotzdem hatte Lelia nun einen Fehler gemacht. Einen ziemlich großen sogar. Sie hatte Atashkada eine Geschichte erzählt, ihr deren Ende jedoch vorenthalten. „Wie wurde der Fluch gebrochen?“ Neugierig legte sie den Kopf schief. „Ihr könnt doch nicht erst von Hautfetzen, Knochen und tanzenden Innereien erzählen und dann einfach aufhören.“ Vielleicht wollte sie die Antwort besser gar nicht wissen. Sie wollte sie unbedingt wissen. „Ich verspreche auch, dass ich sie nicht in mein nächstes Puppenspiel einbaue.“ Einen Moment hielt sie inne. „Zumindest nicht in das für die Kinder.“ Das schelmische Funkeln in ihren Augen machte deutlich, dass damit keineswegs ausgeschlossen war, dass sie sich diese höchst ungewöhnliche Geschichte anderweitig merken würde. Geschichten, bei denen die Leute große Augen bekamen und einem anschließend vorwarfen, ihretwegen nicht schlafen zu können, hatten schließlich ebenfalls ihren Reiz.

    Bei Lelias Sorge um ihren Ruf wurde Atashkadas Miene dagegen ein wenig nachdenklicher. „Gerüchte brauchen leider selten Wahrheit, um sich zu verbreiten“, meinte sie. Als Tochter eines Chronisten wusste sie nur zu gut, wie sehr sich eine Erzählung verändern konnte, wenn sie oft genug von Mund zu Mund weitergegeben wurde. „Einer erzählt, Ihr hättet besonders wild gespielt. Der Nächste behauptet, drei Leute wären dabei gestürzt, und wenn die Geschichte beim Zehnten angekommen ist, habt Ihr vermutlich mit einem einzigen Ton ein ganzes Heer niedergestreckt.“ Ein Mundwinkel hob sich. „Andererseits wäre Lelia, die Heere zu Boden spielt zumindest eindrucksvoller als die Zu-Boden-Spielerin.“

    Der Tanzpartner hingegen schien tatsächlich ein wunder Punkt zu sein. Atashkadas Lächeln schwand ein wenig, während sie der Satyrin zuhörte. Einen Tanz nicht genießen zu können, weil der Partner einem schlicht nicht gefiel, war das eine. Jemanden deshalb absichtlich zu beleidigen, etwas völlig anderes. „Dann habt Ihr Euch offenbar besser beherrscht, als ich es vielleicht getan hätte.“ Was angesichts ihrer sieben älteren Brüder möglicherweise keine sonderlich hohe Messlatte war. „Man muss jemanden nicht mögen, um sich für die Dauer eines Tanzes anständig zu benehmen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Und wenn man schon miteinander verkuppelt wird, kann doch keiner von Euch etwas dafür.“ Bei der Vorstellung, Lelia hätte den armen Mann tatsächlich mit einem gezielten Huftritt auf alle Viere befördert, zuckten ihre Mundwinkel allerdings schon wieder. „Wobei ich zugeben muss, dass ich diesen Teil vermutlich gern gesehen hätte.“

    Bei Lelias plötzlicher Begeisterung für ihre Ziege blinzelte Atashkada irritiert. „Ihr… kennt tatsächlich jemanden mit einer Ziege?“ Sie lachte leise. „Natürlich. Warum überrascht mich das inzwischen überhaupt noch?“

    Doch schließlich kamen sie auf ihre Familie zurück, und augenblicklich trat etwas Vertrautes, Warmes in Atashkadas Gesicht. „Unterschiedliche Gruppen trifft es nicht ganz“, begann sie. „Wir nennen sie Feuer.“ Eine ihrer Hände hob sich und deutete eine kleine, kreisende Bewegung an. „Meine Familie gehört zum Feuer meines Vaters, Nelio. Aber meine Brüder sind inzwischen erwachsen. Einige haben Frauen gefunden, Familien gegründet oder ziehen zeitweise ihre eigenen Wege. Dadurch ist unser Feuer größer geworden und gleichzeitig…“ Sie suchte kurz nach dem richtigen Wort. „…weiter verstreut.“

    Dass Lelia das Leben der Fahrenden als stressig bezeichnet hatte, ließ Tasha schmunzeln. „Für Euch wäre es vielleicht stressig. Für mich wäre es vermutlich stressiger, jeden Morgen aufzuwachen und zu wissen, dass mein Haus auch morgen noch genau an derselben Stelle steht.“ Allein der Gedanke daran war merkwürdig.

    „Eine einzige feste Route gibt es nicht. Es gibt Orte, an die wir regelmäßig zurückkehren, Märkte und Feste, die wir besuchen wollen, und natürlich Wege, von denen wir wissen, dass sie sich mit den Wagen gut bereisen lassen. Manchmal entscheidet auch die Jahreszeit, wohin wir ziehen. Oder Nachrichten, die uns erreichen. Manchmal gibt es Arbeit an einem Ort.“ Sie hob leicht die Schultern. „Und manchmal hört jemand von einem Fest, einem besonders guten Markt oder etwas anderem Interessanten und plötzlich sind erstaunlich viele davon überzeugt, dass wir ohnehin genau in diese Richtung wollten.“ Das kam häufiger vor, als ihr Vater vermutlich zugeben würde. „Mein Vater hat als Oberhaupt unseres Feuers natürlich einiges mitzureden. Aber wir reisen als Familie.“ Ein verschmitztes Lächeln erschien. „Und eine Familie mit sieben Söhnen, deren Frauen und Kindern sagt einem Mann durchaus, wenn sie seine Idee für vollkommen unsinnig hält.“ Tasha ließ die Glöckchen an ihrem Fuß mit einer kleinen Bewegung erklingen. „Wir sind viel in Valandor unterwegs, aber nicht nur dort. Für mich war eigentlich nie entscheidend, wohin wir ziehen.“ Ihr Blick wanderte für einen Moment über das Fest und die vielen Menschen, ehe er wieder zu Lelia zurückkehrte. „Das Schönste ist dieses Gefühl am Morgen, wenn die Wagen wieder rollen. Du weißt, welchen Weg du zunächst einschlägst, aber nie ganz genau, was unterwegs geschieht. Wen du triffst. Welche Geschichten du am nächsten Feuer erzählen kannst.“ Ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen. „Oder welche seltsamen Geschichten über tanzende Innereien man aufsammelt.“ Ihre Augen funkelten. „Womit wir übrigens wieder bei meiner Frage wären. Ihr schuldet mir noch das Ende.“

  • Lelia warf der anderen Dame einen entschuldigenden Blick zu im Angesicht der recht düsteren Geschichte über verfluchte Schuhe. Doch dies war keine Geschichte, die sie so mir nichts, dir nichts frei erfunden hatte. Wie viel davon jedoch wahr sei, konnte sie selbst nicht so genau sagen. Dass es ein unschuldiges Kind getroffen hatte, war für sie ebenso verstörend gewesen, wie alles andere. “Ach wirklich?”, fragte sie im Angesicht des Handpuppentheaters, “Vielleicht ist es möglich die Geschichte etwas kindgerechter zu erzählen”, wobei sie selbst nicht wusste wie, ohne den Kern dabei zu verlieren, “Oder mit anderen Geschichten zu verbinden und eine tolle Rettungsaktion zu erzählen in der die Tiere des Waldes dem Kind dabei helfen die Schuhe wieder los zu werden.”

    Was ihren eigenen Ruf anging … “Auch eine interessante Geschichte. Die Bardin, die ein ganzes Heer zu Boden gespielt hat…”, kommentierte sie diese Worte und beließ es dabei nicht zu erwähnen, was ihr Spiel dennoch bewirkt hatte. Es gab genug andere Themen.

    “Ja, das sehe ich ähnlich”, erwiderte sie zu den Worten über den Tanzpartner, “Man muss den anderen nicht mögen, um freundlich zu sein, wenn auch nur für einen Tanz.” Die Bardin machte eine kurze Pause. “Ich hatte vor, ihm ein Lied zu widmen. Doch irgendwie habe ich beim Text etwas den Faden verloren. Vielleicht ist es auch etwas für spätere Tavernenabende. Spottlieder kommen bei den Leuten oft ganz gut an.” Sie sah die dunkelhaarige Schönheit noch einmal neugierig an. “Ich hoffe wirklich inständig, ihr hattet dabei mehr Glück als ich. Zumindest was den ersten Tanz angeht.” Da sie gerade alleine unterwegs war ging sie davon aus, dass es mit der Kupplungsaktion wohl auch nicht so ganz geklappt hatte. Selbst Elaya hatte sich jemand anderen geangelt und Brennan? Der war recht begabt darin, ihr den Rücken zu kehren. Oder sie hatte ihn erfolgreich vergrault. So rechnete sie bei seinen ganzen Geschäftigkeiten fast gar nicht mehr damit, dass er ihr heute Abend noch einen Tanz reservieren würde. Vielleicht war es auch besser nicht darüber nachzudenken, um etwas später noch positiv überrascht zu werden, falls noch jemand auftauchen würde, der wirklich große Lust hätte, ihr einen gemeinsamen Tanz zu gönnen.

    “Hmm…?” Irritiert blinzelte die Satyrin, als Atashkada meinte, sie würde jemanden mit Ziege kennen. “Ihr meint, Neala Frohblatt?”, fragte sie noch einmal vorsichtig nach, “Oh … nein, nein … ich bin dieser Göttin bisher noch nicht wissentlich begegnet”, sprach sie und spielte verlegen mit ihrem Zopf. “Man erzählt sich nur, dass unseresgleichen von ihrem überaus musikalischen Sohn abstammt, der sich in eine Ziegenhirtin verliebt hat, die ihm … ebenfalls liebte. Aber … das hat einem Aristokraten, der sie zur Frau nehmen wollte, nicht gefallen, woraufhin dieser ihre Nachkommen verflucht hat, sie mögen zu Ziegen werden. Neala Frohblatt hat diesen Fluch wohl… etwas freier interpretiert, sodass wir Satyren wohl so hübsch wurden, wie wir heute sind und stattdessen ihm in eine Ziege verwandelt.”

    “Feuer?”, wiederholte die Blonde. Sie kannte jemanden, der Feuer bändigen konnte, aber irgendwie war sie sich da nicht sicher, ob es Sinn machte, dies in Zusammenhang zu bringen. “Und … ihr seid alle Menschen?”, fragte sie noch einmal nach. Bei solch großen Familien konnte sie sich gut vorstellen, dass da allerhand Wesenheiten daran beteiligt sein könnten. Auch ihre Familie war nicht ganz so klein gewesen. Sie wuchs mit ihrem Vater und einigen Geschwistern auf, aber auch andere Waldgeschöpfe waren Teil ihrer Familie gewesen. Eine Gemeinschaft, bei der man sich gegenseitig aufeinander Acht gab. Lelia lauschte weiterhin den Erzählungen der Anderen. In ihren Ohren klang das Ganze immer noch recht stressig und fast so, als ob man so gut wie nie zur Ruhe käme. Ein Teil von ihr fand jedoch ein derartiges Leben auch aufregend.

    Leicht zuckte sie zusammen, als sie wieder darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sie das Ende ihrer Geschichte gar nicht verraten hatte. “Ach…”, fing sie an, “Sie hat überlebt. Dürfte danach ein halbwegs gutes Leben geführt haben … sofern so etwas ohne Füße denn überhaupt möglich ist…” Ihr Mund verzog sich zu einem dünnen Strich. “Es war jedenfalls besser als die Alternative, die der Fluch der Schuhe zu Tage gebracht hätte.”

    „Hinter jeder Note liegt ein Schweigen, das tiefer ist als das Meer; dort, wo die Schatten ihre wahren Namen flüstern.“

    Edited once, last by Lelia (October 5, 2026 at 4:22 AM).

  • „Oh, das wäre durchaus möglich.“ Atashkadas Gesicht hellte sich merklich auf, als Lelia selbst den Vorschlag machte, die Geschichte ein wenig umzuschreiben. Tiere des Waldes, die dem Mädchen halfen, die verhexten Schuhe wieder loszuwerden, klangen doch schon wesentlich besser als das ursprüngliche Schicksal des armen Kindes. „Vielleicht bemerken die Tiere zuerst, dass etwas nicht stimmt“, griff sie den Gedanken sogleich auf. „Weil das Mädchen gar nicht mehr aufhört zu tanzen. Ein Hase versucht, die Schnürsenkel aufzubeißen, während sie an ihm vorbeitanzt, und wird dabei ständig umgeworfen.“ Vor ihrem inneren Auge nahm die kleine Bühne bereits Gestalt an. „Und ein Eichhörnchen springt von einem Ast auf ihre Schulter und versucht von dort aus zu helfen.“ Ihre Hände bewegten sich bereits ein wenig, als würde sie zwei ihrer Puppen führen. „Natürlich braucht es einen besonders klugen Fuchs. Geschichten brauchen immer einen klugen Fuchs.“ Das stand für Atashkada offensichtlich vollkommen außer Frage. „Am Ende finden sie gemeinsam heraus, wie man den Fluch brechen kann. Das Mädchen ist gerettet, die Schuhe werden verbrannt und alle feiern zusammen.“ Zufrieden nickte sie. „Viel besser.“ Und vor allem musste sie anschließend keinem Kind erklären, weshalb eine ihrer Handpuppen plötzlich nur noch aus Knochen und Innereien bestand.

    Lelias Überlegung zu einem Spottlied über ihren Tanzpartner brachte Tasha dagegen zum Schmunzeln. „Ihr wollt ein Spottlied über ihn schreiben?“ Kurz dachte sie darüber nach und hob dann einen Finger. „Dann müsst Ihr unbedingt die Schafe erwähnen.“ Ein zweiter Finger folgte. „Und dass er die einmalige Gelegenheit hatte, mit einer hübschen Satyrin zu tanzen, stattdessen aber lieber darüber gesprochen hat, wie gut ihre Hörner zu seiner Herde passen würden.“ Ihre Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. „Das schreibt sich doch beinahe von allein.“

    Ob sie selbst mehr Glück mit ihrem ersten Tanz gehabt hatte? „Ich kann mich nicht beklagen.“ Tasha ließ den Blick für einen Moment über das Fest schweifen. „Zumindest hat niemand versucht, mich mit irgendwelchem Vieh in Verbindung zu bringen.“ Und tatsächlich konnte sie sich über ihren ersten Tanz kaum beklagen. Mordecai war … interessant gewesen. Atashkada hatte in ihrem Leben mit den unterschiedlichsten Menschen und Wesen getanzt. Auf Festen, an Lagerfeuern, auf Dorfplätzen und manchmal einfach irgendwo am Wegesrand, weil einer ihrer Brüder beschlossen hatte, dass gerade jetzt der richtige Augenblick für Musik sei. Mit einem Corvae allerdings noch nie. Schon die ersten gemeinsamen Schritte hatten ihr gezeigt, dass dies etwas anderes war. Nicht schlechter. Nur anders. Die langen, gekrümmten Rabenbeine Mordecais bewegten sich schließlich nicht auf dieselbe Weise wie ihre eigenen. Bei einem menschlichen Tanzpartner wusste Tasha beinahe instinktiv, wie weit ein Schritt reichen würde, wohin sich sein Gewicht verlagerte und welche Bewegung als Nächstes folgen konnte. Bei Mordecai hatte sie zunächst genauer hinsehen müssen. Seine Vogelfüße setzten anders auf. Seine Bewegungen besaßen etwas Hüpfenderes, und manche Schritte, die mit einem anderen Partner ganz selbstverständlich gewesen wären, verlangten plötzlich eine kleine Anpassung. Für einige Augenblicke hatte sie sich tatsächlich stärker auf seine Beine als auf sein Gesicht konzentriert. Was vermutlich nicht unbedingt schmeichelhaft gewesen wäre, hätte sie es ihm erzählt. Doch gerade das hatte seinen Reiz gehabt. Tanzen bedeutete schließlich nicht, stur irgendwelche erlernten Schritte abzuspulen. Man hörte auf die Musik, spürte den Rhythmus und – mindestens ebenso wichtig – achtete auf denjenigen, mit dem man tanzte. Also hatte sie sich auf Mordecai eingestellt. Nach den ersten ungewohnten Schritten war aus dem Nachdenken Neugier geworden, und schließlich hatte Tasha begonnen, gerade jene Eigenheiten in ihren gemeinsamen Tanz einzubauen. Ein wenig mehr Raum hier, eine andere Drehung dort, kürzere Schritte, wenn es nötig war. Nicht gegen seine ungewöhnliche Art, sich zu bewegen, sondern mit ihr. Vielleicht war es gerade deshalb ein Tanz gewesen, an den sie sich erinnerte. Nicht jeden Tag bekam man schließlich Gelegenheit herauszufinden, wie man mit Rabenbeinen Schritt hielt. Ein kleines, beinahe unmerkliches Lächeln huschte bei der Erinnerung über ihre Lippen. „Und selbst wenn ein Tanz einmal furchtbar ist, kommt danach hoffentlich noch ein zweiter. Oder ein dritter.“ Sie zuckte unbekümmert mit den Schultern. „Ich lasse mir doch nicht wegen eines einzigen Mannes das Tanzen verderben.“

    Als Lelia jedoch Neala Frohblatt erwähnte und zu erzählen begann, legte sich zunächst ein wissendes Lächeln auf Atashkadas Lippen. Natürlich kannte sie Neala. Wie hätte es auch anders sein sollen? Eine Göttin, die Musik und Tanz liebte, die in Verkleidung durch die Welt streifte und sich nur allzu gern unerkannt unter Feiernde mischte, war gerade unter einem fahrenden Volk keine Unbekannte. Und auch ihre Priester waren schließlich nicht dafür bekannt, lange hinter den Mauern ihrer Tempel auszuharren. Mit ihren bunten Wagen zogen sie durch die Lande, brachten Musik, ausgelassene Feste und nicht selten reichlich Blütenbier mit sich. Es wäre beinahe schwieriger gewesen, als Dehoran keine Geschichten über Neala Frohblatt zu kennen.

    Auch die Geschichte von der schönen Ziegenhirtin war Atashkada keineswegs fremd. Doch je länger Lelia erzählte, desto mehr legte Tasha den Kopf zur Seite. Nicht weil sie die Geschichte nicht kannte. Sondern weil sie sie ein wenig anders kannte. „Ledyra“, warf sie schließlich ein, als Lelia geendet hatte. Ein kleines Lächeln lag auf ihren Lippen. „Die Ziegenhirtin hieß Ledyra.“ Vielleicht gab es unterschiedliche Fassungen der Geschichte. Das wäre nun wahrlich nichts Ungewöhnliches. Atashkada hatte schon erlebt, dass dieselbe Geschichte zwei Dörfer weiter plötzlich einen anderen Helden, drei zusätzliche Ungeheuer und ein vollkommen anderes Ende besessen hatte. „Und so, wie ich die Geschichte kenne, war es nicht einfach irgendein musikalischer Sohn Nealas, der sich in sie verliebte.“ Ihre indigoblauen Augen funkelten. „Ledyra liebte ihn längst. Jeden Morgen kam er zu ihr auf die Weide und spielte für sie auf seiner Flöte. Ihr Vater wusste nur nichts davon und versprach sie einem wohlhabenden Fremden, weil er glaubte, seiner Tochter damit ein besseres Leben schenken zu können.“ Eine solche Einzelheit fand Atashkada durchaus wichtig. Schließlich machte sie aus einer Geschichte über einen verschmähten Aristokraten etwas ganz anderes. „Und Ledyra wollte diesen Mann nicht. Sie lief zu ihrem Liebsten und verbrachte die Nacht mit ihm unter einer alten Eiche.“ Nun wurde ihr Lächeln breiter. „Wobei die Eiche offenbar weniger unschuldig anwesend war, als man bei einer Eiche zunächst vermuten würde.“ Neala Frohblatt eben. „Der Edelmann fand die beiden dort und er sprach den Fluch aus. Aus Wut darüber, dass Ledyra einen anderen liebte. Ihre Nachkommen sollten die Gestalt jener Ziegen tragen, die sie hütete.“ Tasha hob einen Finger. „Und erst dann mischte Neala sich ein.“ Diesen Teil mochte sie an der Geschichte ganz besonders. „Die alte Eiche verwandelte sich in Neala und sie nahm seinen Fluch nicht einfach zurück. Sie sagte ihm, dass das, was er ihren Kindern anzutun gedachte, ebenso ihm widerfahren sollte.“ Atashkadas Blick glitt kurz über Lelias Hörner hinab zu ihren Hufen. „Und er wurde zum Ziegenbock.“ Ein helles Lachen entwich ihr. „Was, wenn Ihr mich fragt, ein ausgesprochen passendes Ende für ihn war.“ Zumindest wesentlich passender, als einem Mädchen die Füße abzuschlagen. Aber zu dieser Geschichte würden sie offenbar noch kommen. „Ledyra und Nealas Sohn dagegen blieben zusammen. Und ihr gemeinsames Kind trug schließlich Hörner und Hufe.“ Nun betrachtete sie Lelia mit unverhohlener Neugier. „Neala sagte Ledyra sogar voraus, dass sie gemeinsam mit ihrem Sohn ein Volk begründen würde, das Frohsinn und Musik durch die Welt tragen sollte.“ Für einen Moment ruhte ihr Blick auf der Satyrin vor ihr, ehe sich ihre Mundwinkel wieder hoben. „Was zumindest den musikalischen Teil bei Euch recht eindrucksvoll bestätigt.“

    Die Art, wie Lelia die Geschichte erzählt hatte, beschäftigte Tasha dennoch. „Aber interessant.“ Nachdenklich legte sie den Kopf schief. „Ihr kennt sie anders.“ Das störte sie keineswegs. Im Gegenteil. Nun war ihre Neugier erst recht geweckt. „Vielleicht erzählt man sie unter den Satyren anders als bei uns?“ Atashkada kannte dieses Phänomen nur zu gut. Geschichten wanderten ebenso wie ihr Volk. Und auf jeder Reise veränderten sie sich ein wenig. Manchmal verschwanden Namen, manchmal kamen Einzelheiten hinzu, manchmal wurde aus einem armen Ziegenhirten irgendwann ein König. Als Tochter eines Chronisten fand sie gerade solche Unterschiede ausgesprochen spannend. „Mein Vater würde jetzt vermutlich wissen wollen, von wem Ihr Eure Fassung gelernt habt, wo diese Person sie gehört hat und wie viele andere Fassungen sich noch auftreiben lassen.“ Sie schmunzelte. „Und danach würde er sie alle aufschreiben.“ Der Apfel fiel eben nicht sonderlich weit vom Stamm, denn Atashkada musste zugeben, dass sie selbst inzwischen ebenfalls wissen wollte, woher Lelias Version stammte. Dann fiel ihr noch etwas ein. „Wobei ich eine Sache an Eurer Fassung eindeutig besser finde.“ Ihr Blick wanderte vielsagend zu Lelias Hörnern. „Wenn man sie so erzählt, könnt Ihr weiterhin behaupten, Ihr verdankt Neala persönlich Euer hübsches Aussehen.“ Ein schelmisches Funkeln trat in ihre Augen. „Ich werde Euch dieses Argument also nicht nehmen, falls wieder jemand versucht, Euch zum Schafehüten einzuspannen.“

  • Bei Lelias Frage nach ihrem Feuer nickte Tasha zunächst, ehe die Nachfrage, ob sie denn alle Menschen seien, sie kurz innehalten ließ. „Menschen? Nein.“ Ein leises Lachen begleitete das Kopfschütteln. „Wir sind Dehoran. Ein fahrendes Volk. Mit Feuer meinen wir unsere Familiengemeinschaften.“ Sie deutete mit beiden Händen einen kleinen Kreis an, als läge zwischen ihnen tatsächlich ein Lagerfeuer. „Das Feuer ist gewissermaßen das, worum wir uns sammeln. Familie, Wagen, Tiere – all jene, die dazugehören. Mein Vater ist der Chronist unseres Feuers und dessen Oberhaupt. Deshalb spreche ich vom Feuer des Nelio.“ Für Atashkada war der Begriff so selbstverständlich, dass ihr erst jetzt bewusst wurde, wie seltsam er für jemanden klingen musste, der damit nicht aufgewachsen war. „Und wer zu einem Feuer gehört, muss nicht zwingend dort geboren worden sein. Meine Schwägerinnen gehörten schließlich auch einmal zu anderen Familien. Jetzt gehören sie ebenso zu uns.“ Sie lächelte. „Blut macht Familie einfacher zu erklären. Aber nicht unbedingt vollständiger.“

    Dann endlich erinnerte sich Lelia an das ausstehende Ende der Geschichte. Atashkada wartete gespannt. Sie hat überlebt. Ihre Brauen hoben sich erwartungsvoll. Ein halbwegs gutes Leben. Nun gut. Vielleicht kam jetzt noch etwas. Sofern so etwas ohne Füße überhaupt möglich war. Stille. Atashkada sah Lelia an. Sie blinzelte einmal. Dann noch einmal. „Sie hat…“ Ihr Blick wanderte langsam nach unten zu Lelias Hufen, dann zu ihren eigenen Füßen und schließlich wieder hinauf in das Gesicht der Bardin. „…keine Füße mehr?“ Das war das Ende? „Das ist Eure Auflösung?“ Die Fassungslosigkeit in Atashkadas Stimme war kaum zu überhören. Sie hatte mit einem Trick gerechnet. Einer List. Einer unerwarteten Wendung. Vielleicht mit jemandem, der dem Mädchen im letzten Augenblick zu Hilfe kam. Stattdessen hatte man offenbar schlicht dafür gesorgt, dass das Mädchen keine Füße mehr besaß. Und Lelia erzählte ihr das ungefähr so, als hätte das Kind auf dem Heimweg einen Schuh verloren. „Lelia!“ Tasha starrte die Satyrin beinahe vorwurfsvoll an. „Ihr seid eine Bardin!“ Als wäre damit bereits alles gesagt. „Ihr könnt mir doch nicht erst erzählen, dass ein unschuldiges Mädchen verflucht wird, bis nur noch seine tanzenden Innereien übrig bleiben, und dann endet die Geschichte mit: Sie hat überlebt. Ohne Füße. War besser als die Alternative.“ Ihre Stimme war bei den letzten Worten merklich tiefer geworden, als versuche sie Lelias beiläufige Art nachzuahmen. „Wo ist denn da die Rettung? Die Hoffnung? Die überraschende Wendung?“ Tasha schüttelte entschieden den Kopf. „Nein.“ Noch einmal schüttelte sie den Kopf, diesmal energischer. „Nein, nein. Die Geschichte braucht ein anderes Ende.“ Damit war die Sache für sie offenbar entschieden. „Die Füße bleiben dran.“ Atashkada hob beide Hände und schon nach wenigen Augenblicken war ihr anzusehen, dass ihre Gedanken längst begonnen hatten, Lelias grausiges Märchen auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen. „Das Mädchen tanzt also und kann nicht aufhören. Die Tiere versuchen ihr zu helfen, aber nichts funktioniert. Nicht einmal der Fuchs findet eine Lösung.“ Das machte die Sache dramatischer. „Dann erfahren sie, dass der Geist, der den Fluch ausgesprochen hat, einst selbst etwas verloren hat. Vielleicht jemanden, den er geliebt hat. Seitdem erträgt er es nicht mehr, andere fröhlich tanzen zu sehen.“ Ihre Stirn legte sich nachdenklich in Falten. „Also muss das Mädchen ihn nicht besiegen. Sie muss herausfinden, weshalb er so voller Zorn ist.“ Das gefiel ihr bereits deutlich besser. „Obwohl sie kaum noch Kraft hat, bittet sie ihre Freunde, für ihn zu spielen. Ein Lied, das der Geist von früher kennt. Eines, das ihn an die Zeit erinnert, bevor er so verbittert wurde.“ Ein kleines Lächeln kehrte auf Atashkadas Lippen zurück. „Er erinnert sich daran, dass er selbst einmal glücklich war. Sein Zorn vergeht und er erkennt, was er dem Mädchen angetan hat. Also nimmt er den Fluch zurück.“ Mit einer kleinen Bewegung ihrer Finger deutete Tasha zwei Schuhe an, die zu Boden purzelten. „Die roten Schuhe fallen von ihren Füßen. Der Fluch ist gebrochen.“ Sie hielt inne. „Und dann tanzt das Mädchen weiter.“ Eine kurze Pause folgte, ehe ihr Lächeln breiter wurde. „Aber diesmal, weil sie es will.“ Zufrieden verschränkte Atashkada die Arme vor der Brust. „So.“ Ein entschiedenes Nicken. „Jetzt ist es eine Geschichte.“ Und eine, aus der sich mit ein paar Veränderungen tatsächlich etwas für ihr Handpuppentheater machen ließ. „Vielleicht taucht am Ende sogar eine fremde junge Frau auf dem Fest auf, tanzt eine Runde mit dem Mädchen und ist am nächsten Morgen spurlos verschwunden.“ Das Funkeln in Atashkadas Augen verriet bereits, an wen sie dabei dachte. „Nur irgendwo liegt eine kleine goldene Blüte.“ Ob Neala Frohblatt in der Geschichte tatsächlich ihre Finger im Spiel gehabt hatte, musste man den Kindern schließlich nicht verraten. Tasha betrachtete Lelia anschließend mit einem schiefen Lächeln. „Und wenn Ihr noch mehr solcher Geschichten kennt, hätte ich künftig gerne eine Warnung.“ Sie deutete auf ihre Füße. „Am besten bevor Ihr beiläufig erwähnt, welche Körperteile die Hauptfigur am Ende nicht mehr besitzt.“

  • Lelia hob ihre Augenbrauen und sagte nicht viel zu der veränderten Geschichte. Im Grunde war es ihr gleich ob sie noch irgendwelche Gemeinsamkeiten mit der anderen Version hatte. Viele Geschichten veränderten sich im Laufe der Zeit. Manchmal wurde etwas dazu gedichtet, manchmal weg gelassen. Manchmal wurde die komplette Grundbotschaft verändert. Wem kümmerte es? Es waren nur Geschichten. Und so lange sie selbst nicht darin vorkam oder namentlich erwähnt wurde, so sollte die Fahrende ihre Geschichte erzählen, wie sie es für gut befand. Es ging schließlich um ein Puppentheater für Kinder.

    „Nicht ganz...“, erwiderte die Bardin, als es wieder um sie ging, „Ich möchte ein Spottlied über ihn singen.“ Irgendwie erfasste sie nicht ganz was der Sinn dahinter war ein Lied aufzuschreiben. Zumal sie dazu erst einmal lernen müsste etwas aufzuschreiben. Oder zu lesen. Jedoch hielt sie es nicht wichtig genug derartiges noch einmal zu erwähnen. „Immerhin habe ich ihm das versprochen“ Nachdenklich blickte sie diese an. „Nicht zu vergessen, dass er mich fast schon anschaulich fand, wenn meine haarigen Beine nicht wären...“ Sie verdrehte die Augen. So ein Idiot! „Bisher habe ich nur … Da vorn steht ein Kerl, der nach Misthaufen stinkt, der beim Anblick von Hörnern an „Dienste“ schon denkt. Sein Rock glänzt vor Fett, sein Verstand ist ein Loch, er führt mich zum Tanz wie ein Schlächter den Och'. Er fasst mich grob an und er schleift mich voran, als wär' er ein Hirte – und ich sein Gespann.“ Sie machte eine kurze Pause. „Und dann kommt so etwas wie … Mäh, macht der Hirte, wenn er Frauen sieht, weil sein Gehirn wohl vor den Schafen flieht! Er hat den Verstand auf der Weide vergessen, wahrscheinlich hat ihn dort ein Hammel gefressen!“

    „Dann war euer Tanzpartner wohl um einiges charmanter als ein nasses Schaffell und höflicher als ein Misthaufen“, schloss sie sogleich und grinste bis über beide Ohren, als sie das Lächeln sah, das auf ihren Lippen lag. „Vielleicht … könnt ihr mir ein bisschen dabei helfen das Lied zu vollenden. Es wäre doch sehr schade, wenn ich es nicht rechtzeitig schaffe mein Versprechen einzulösen.“ Sie biss sich kurz auf die Lippen, die sich sogleich zu einem charmanten Grinsen verzogen. „Natürlich nur … wenn ihr Lust darauf habt.“

    Bei der Geschichte über die Ziegenhirtin und den Flötenspieler nickte Lelia. „Das ist im Grunde die selbe Geschichte, nur etwas ausführlicher erzählt“, erwiderte sie zu ihrer Verteidigung. „Und natürlich sehen wir Satyren mit den Hörnern so viel hübscher sind als ohne. Jeder der etwas anderes behauptet ist ein Narr …“ Sie schüttelte den Kopf und senkte ihren Kopf, als ihr selbst klar wurde, wie nah ihr das Thema ging. „Wisst ihr … ich hätte es beinahe vergessen, als ich mich selbst einmal verliebt habe. Letztendlich musste ich jedoch die Entscheidung treffen ihn zu verlassen, bevor ich mich komplett verloren hätte.“ Sie überlegte weiter. „Das … macht mich ein wenig traurig … irgendwie. Und irgendwie … bin ich auch froh, nun endlich wieder frei zu sein und voller Stolz zu zeigen, wer ich bin. Diese Energie muss unbedingt auch in mein Lied gelangen.“

    „Also … das Feuer ist euer Versammlungsort“, fasste sie zusammen, was es mit dem Feuer so auf sich hatte.

    „Das ist als würde ich sagen, ich bin vom Spiegelsee des Kaelos“ Das klang ein wenig merkwürdig, aber nicht ganz unstimmig. „Und sonst? Gibt es in eurer Familie auch so … Flammenwerfer mit roten Haaren?“ Sie machte eine kurze Pause. „Und, was passiert wenn ihr euch einmal verliebt? In jemanden, der lieber auf ein und den selben Platz wohnen möchte?“

    Irritiert sah sie die Dheoran an, die sich über das unrühmliche Ende des Mädchens mit den roten Tanzschuhen beschwerte. „Nun … so erzählt man es sich. Es war … an einem Scharfrichter vorbei getanzt, der ihm helfen wollte dieses Problem zu lösen. Natürlich hat er zunächst mit der Axt die Riemen zerschlagen. Doch die Schuhe blieben dran. Und so flehte das Mädchen ihm in seiner Verzweiflung die Füße abzuhacken … und er tat es. So sind die Schuhe einfach weiter getanzt über Wald, über Berg und über Tal. Das Mädchen wurde zu einer Dienstmagd und sehnte sich nie wieder nach den Schuhen.“ Die Bardin runzelte die Stirn im Angesicht von Tashas Version. „Und das funktioniert? Ein Lied … und dann ist alles wieder gut? Und das Mädchen … tanzt einfach weiter? Obwohl es am Ende seiner Kräfte ist?“ Sie rieb sich mit dem Finger über die Nase. „Es wäre so auf jeden Fall kindgerechter“, stellte sie fest, daran war wohl nichts mehr zu rütteln.

    „Und wenn diese Schuhe jemals tatsächlich gefunden werden. So würde niemand die Warnung, die dahinter steckt begreifen...“ Sie verzog ihre Lippen zu einem Lächeln. „Aber … ihr habt eine schöne Geschichte für euer Handpuppentheater.“

    „Hinter jeder Note liegt ein Schweigen, das tiefer ist als das Meer; dort, wo die Schatten ihre wahren Namen flüstern.“

    Edited once, last by Lelia (October 6, 2026 at 7:00 PM).

  • „Ihr habt es ihm versprochen?“ Atashkadas Brauen wanderten nach oben. Das änderte die Sache natürlich vollkommen. Ein Versprechen musste schließlich gehalten werden. Zumindest, wenn es sich um ein derart wichtiges Versprechen handelte wie jenes, einen ungehobelten Tanzpartner öffentlich in einem Spottlied zu verewigen. Entsprechend aufmerksam lauschte Tasha den ersten Versen – und musste bereits bei dem Misthaufen die Lippen fest aufeinanderpressen. Beim Schlächter und seinem Ochsen begann es gefährlich um ihre Mundwinkel zu zucken. Spätestens bei dem Hammel war es vorbei. Ein helles Lachen brach aus ihr heraus. „Oh, das ist gemein.“ Das klang ausgesprochen anerkennend. „Das mit dem Hammel müsst Ihr unbedingt behalten.“ Noch immer lachend schüttelte sie den Kopf. „Und ich nehme alles zurück. Ihr seid bereits auf dem besten Weg dafür zu sorgen, dass dieser Mann in den nächsten Monaten keine Taverne betreten kann, ohne dass irgendjemand anfängt zu blöken.“ Allein die Vorstellung ließ sie erneut grinsen. „Fast schon ansehnlich“, wiederholte sie dann und verdrehte nun ihrerseits die Augen. „Wie großzügig von ihm.“ Ihr Blick glitt demonstrativ an Lelia hinab bis zu deren Beinen und wieder hinauf. „Vielleicht braucht das Lied noch eine Strophe darüber, dass er offenbar glaubt, sein Urteil wäre ein Preis, um den Frauen sich bemühen müssten.“ Als Lelia sie tatsächlich um Hilfe bat, brauchte Atashkada nicht lange zu überlegen. „Natürlich helfe ich Euch.“ Sie legte den Kopf ein wenig schief. Nun, da sie dazu aufgefordert worden war, begann es ohnehin bereits hinter ihrer Stirn zu arbeiten. „Wenn Ihr Euer Versprechen schon einlösen müsst, sollten wir wenigstens dafür sorgen, dass die Leute das Lied nach dem zweiten Krug mitsingen können.“ Ein guter Kehrvers musste im Ohr bleiben. Und bei diesem bot sich etwas geradezu schmerzhaft Offensichtliches an. Tasha hob eine Hand und begann mit den Fingern einen einfachen Takt gegen ihren Unterarm zu schlagen. „Vielleicht…“ Sie wartete zwei Schläge ab.

    „Mäh, mäh, der feine Herr,
    von Anstand weiß er gar nichts mehr.
    Sieht Hörner, Hufe, schönes Haar,
    und denkt an Schafe – wunderbar!“

    Bei der letzten Zeile konnte sie sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Nein, wartet.“ Noch einmal setzte sie an.

    „Er nennt sich Hirte, stolz und fein,
    doch keine will sein Schäfchen sein.“

    Tasha wiederholte die beiden Zeilen leise, prüfte ihren Klang und nickte dann zufrieden. „Die behalten wir.“ Ihre Augen blitzten auf. „Und irgendwo muss hinein, dass selbst ein Schaf mehr Taktgefühl besitzt. Das wäre bei einem Lied über einen Tanzpartner nur angemessen.“ Das würde Spaß machen. Sehr viel sogar.

    Bei Lelias Einschätzung ihres eigenen Tanzpartners schnaubte sie amüsiert. „Die Messlatte liegt bei charmanter als ein nasses Schaffell und höflicher als ein Misthaufen allerdings auch erschreckend niedrig.“ Mordecai hatte sie jedenfalls mühelos übersprungen. „Aber ja“, gestand sie mit einem kleinen Lächeln. „Er war durchaus charmant.“ Und interessant. Vor allem hatte Atashkada zuvor noch nie mit einem Corvae getanzt. An die ersten Momente, in denen sie sich auf die ungewohnte Beinarbeit mit seinen Rabenbeinen hatte einstellen müssen. Daran würde sie sich noch länger erinnern. Es war anders gewesen. Und gerade deshalb hatte es ihr gefallen. Mehr musste Lelia über Mordecai fürs Erste nicht wissen.

    Das Lächeln blieb zunächst, als die Satyrin erklärte, dass sie beide im Grunde dieselbe Geschichte über Ledyra erzählt hatten. „Vermutlich habt Ihr recht.“ Vielleicht hatte sich da tatsächlich die Tochter eines Chronisten in ihr ein wenig zu wichtig genommen. Für ihren Vater konnten zwei Fassungen derselben Geschichte schließlich schon dann bemerkenswert sein, wenn in einer davon die Blumen am Wegesrand blau statt rot gewesen waren. „Geschichten verändern sich ohnehin mit jedem Mund, durch den sie wandern.“ Bei Lelias entschiedener Verteidigung ihrer Hörner musste sie wiederum lächeln. „Darüber müssen wir nicht streiten. Sie stehen Euch.“ Doch dann veränderte sich etwas. Nur wenige Worte genügten dafür. Atashkadas Lächeln verschwand nicht vollkommen, verlor jedoch seinen Spott, während sie Lelia betrachtete. Sie hatte sich verliebt. Und sie hatte diesen Jemand verlassen, bevor sie sich selbst vollkommen verlor. Das war weit entfernt von den Scherzen über Schafe, Hörner und schlechte Tanzpartner. „Das klingt, als wäre es die richtige Entscheidung gewesen.“ Tasha sagte es ruhig. Nicht, weil sie wissen konnte, was zwischen Lelia und diesem Mann geschehen war. Dafür wusste sie viel zu wenig. Aber ein Teil ihrer Worte war ihr aufgefallen. Bevor ich mich komplett verloren hätte. „Zumindest dann, wenn Ihr irgendwann aufhören musstet, Ihr selbst zu sein, um bei ihm bleiben zu können.“ Für einen Moment spielte sie gedankenverloren mit einer der bunten Stoffbahnen ihres Rockes. „Traurig darf es Euch trotzdem machen.“ Das eine schloss das andere für sie nicht aus. Vielleicht machte gerade das die Liebe manchmal so kompliziert. Dann kehrte langsam das Funkeln in ihre Augen zurück. „Aber wenn Ihr jetzt wieder stolz darauf seid, wer Ihr seid, gehört das unbedingt in das Lied.“ Sie deutete auf Lelia. „Nicht nur, dass dieser Mann ein Schafskopf ist.“ Eine kurze Pause. „Das natürlich auch.“ Ihr Grinsen kehrte zurück. „Aber am Ende sollte niemand glauben, das Lied handle eigentlich von ihm. Es handelt von Euch. Er bekommt nur das zweifelhafte Vergnügen, darin vorzukommen.“

    Mit dem Feuer schien Lelia dagegen noch nicht ganz richtig zu liegen. „Nicht ganz“, widersprach Atashkada lachend. „Das Feuer ist kein Ort.“ Sie überlegte einen Moment, wie sie etwas erklären sollte, das für sie selbst so selbstverständlich war. „Vielleicht ist es am ehesten wie ein Familienname.“ Das traf es zumindest besser als ein Versammlungsplatz. „Ich bin Atashkada aus dem Feuer des Nelio. Damit sage ich Euch, zu welcher Familie, zu welcher Gemeinschaft ich gehöre.“ Sie zeichnete mit den Händen einen kleinen Kreis in die Luft. „Meine Eltern gehören dazu, meine Brüder, ihre Frauen und Kinder. Aber damit hört es nicht auf.“ Denn ein Feuer bestand nicht allein aus jenen, die durch Blut miteinander verbunden waren. „Es gibt Menschen, die sich uns anschließen und eine Zeit lang mit uns reisen. Manche bleiben nur eine Weile. Andere viele Jahre. Manche ziehen irgendwann wieder ihrer eigenen Wege und andere werden so selbstverständlich ein Teil von uns, dass irgendwann niemand mehr darüber nachdenkt, wann sie eigentlich dazugekommen sind.“ Atashkada lächelte. „Es ist manchmal ein Kommen und Gehen.“ Das war bei einem fahrenden Volk wohl kaum überraschend. „Aber diejenigen, die wir zu unserem Feuer zählen, gehören dazu. Man teilt den Weg, die Arbeit, die Mahlzeiten, die Geschichten am Abend. Man streitet miteinander, hilft einander und passt auf die Kinder auf, ganz gleich, wessen Kinder es eigentlich sind.“ Ihr Lächeln wurde etwas wärmer. „Blut macht Familie vielleicht einfacher zu erklären. Aber es entscheidet nicht allein darüber.“ Genau deshalb gefiel ihr das Wort Feuer vermutlich so gut. Ein Feuer konnte wachsen. Jemand konnte sich dazusetzen, Wärme finden und irgendwann nicht mehr nur Gast sein. „Wenn ich also vom Feuer des Nelio spreche, meine ich all jene, die zu uns gehören.“ Dann blitzte plötzlich Belustigung in ihren Augen auf. „Und ja, bevor Ihr fragt: Wir haben tatsächlich einen Feuerspucker.“ Sie lachte. „Einer meiner Brüder. Rote Haare hat er allerdings nicht.“ Die Vorstellung eines rothaarigen Flammenwerfers würde sie ihm bei nächster Gelegenheit trotzdem erzählen.

  • Lelias andere Frage war schwieriger. Was geschah, wenn Atashkada sich verliebte? In jemanden, der lieber sein ganzes Leben an ein und demselben Ort verbringen wollte? Diesmal kam keine schnelle Antwort. „Hm.“ Sie legte den Kopf schief. Liebe. Ausgerechnet damit hatte Lelia ein Thema erwischt, bei dem Atashkada erstaunlich feste Vorstellungen besaß. „Ich glaube, dass es sie gibt.“ Das kam ohne Zögern. „Diese eine Liebe, von der die Geschichten erzählen.“ Vielleicht war das für die Tochter eines Geschichtenerzählers unvermeidlich. Sie hatte zu viele Geschichten gehört, in denen zwei Wesen einander fanden und plötzlich wussten, dass niemand anderes je denselben Platz einnehmen konnte. „Ich glaube nur nicht, dass jeder das Glück hat, sie zu finden.“ Das machte die Vorstellung für sie nicht weniger wahr. Vielleicht sogar kostbarer. „Aber ich hoffe, dass ich es tue.“ Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen. „Irgendwann.“ Das bedeutete allerdings keineswegs, dass sie bis dahin darauf wartete, dass irgendein sagenhafter Mann aus einer Geschichte auftauchte. Atashkada flirtete gern. Sie mochte dieses Spiel aus Blicken, Worten und der Frage, ob aus einem Lächeln mehr werden konnte. Und sie war gewiss nicht so unerfahren, wie manche außerhalb ihres Volkes es von einer unverheirateten jungen Frau vielleicht erwartet hätten. Sie wusste durchaus, dass nicht überall so gelassen damit umgegangen wurde wie bei den Dheoran. Aber Liebe war für sie trotzdem etwas anderes. „Ich habe Männer kennengelernt. Ich habe mich nur noch nie so verliebt, dass ich mein ganzes Leben für einen von ihnen hätte verändern wollen.“ Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Und wenn dieser Mann irgendwann vor mir steht und ausgerechnet ein Haus haben möchte, das sich keinen Fingerbreit von der Stelle bewegt…“ Nun musste sie lachen. „Dann haben wir offenbar ein Problem.“ Ein recht großes sogar. Doch ihr Lachen verklang, und sie dachte tatsächlich darüber nach. „Ich möchte nicht für einen Mann aufhören, eine Fahrende zu sein. Ebenso wenig würde ich wollen, dass er für mich alles aufgibt, was ihn ausmacht.“ Vielleicht war genau das der entscheidende Punkt. „Wenn es wirklich diese Liebe ist, dann sollte keiner von beiden sich darin verlieren müssen.“ Unwillkürlich glitt ihr Blick wieder zu Lelia. Gerade nach dem, was diese ihr eben erzählt hatte, bekamen die Worte ein wenig mehr Gewicht. „Dann findet man hoffentlich einen dritten Weg.“ Wie dieser aussehen sollte, wusste sie nicht. Vielleicht reiste man einen Teil des Jahres und blieb einen anderen. Vielleicht gab es einen Ort, an den man immer wieder zurückkehrte. Vielleicht waren all ihre Vorstellungen vollkommen falsch und sie würde eines Tages über ihre heutige Antwort lachen. „Und wenn wir keinen finden…“ Tasha verzog leicht den Mund. „Dann wäre das vermutlich eine ziemlich schlechte Geschichte.“

    Was Lelias Erzählung über die roten Schuhe betraf, schaffte es die Satyrin allerdings innerhalb weniger Augenblicke, jede romantische Nachdenklichkeit wieder aus Atashkadas Gesicht zu vertreiben. Ein Scharfrichter. Eine Axt. Abgehackte Füße. Und die Schuhe tanzten mitsamt den Füßen einfach weiter. Tashas Gesicht wurde mit jedem Satz ein wenig fassungsloser. „Das wird ja immer schlimmer.“ Sie hatte eigentlich nicht geglaubt, dass nach den tanzenden Innereien noch viel Luft nach unten bestand. Offenbar hatte sie Lelia unterschätzt. „Und Ihr erzählt das immer noch mit einer Ruhe, als würdet Ihr mir erklären, wie man Brot backt.“ Kopfschüttelnd fuhr sie sich über die Stirn. „Ich bleibe bei meiner Fassung.“ Doch Lelias Einwand ließ sie innehalten. Ein Lied – und alles war gut? Und sollte das Mädchen nach all dem einfach weitertanzen? „Hm.“ Tasha verzog nachdenklich die Lippen. „Nein.“ Diesmal klang das Nein anders als zuvor. „Da habt Ihr recht.“ Wenn das Mädchen am Ende seiner Kräfte war, würde es sicherlich nicht im nächsten Augenblick fröhlich weitertanzen. Und wenn nichts von dem blieb, was zuvor geschehen war, verlor die Geschichte tatsächlich etwas von ihrer Bedeutung. „Dann schläft sie.“ Atashkada sagte es, als wäre das die naheliegendste Lösung der Welt. „Nachdem der Fluch gebrochen ist, fällt sie einfach um und schläft. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Vielleicht sogar länger.“ Ihre Hände begannen wieder, die Geschichte vor ihr in der Luft entstehen zu lassen. „Und als sie aufwacht, sind die roten Schuhe verschwunden. Aber ihre Füße sind noch wund von all dem Tanzen. Damit sie nicht vergisst, was geschehen ist.“ Das gefiel ihr besser. „Sie muss erst wieder zu Kräften kommen. Und eine ganze Weile will sie überhaupt keine Schuhe mehr sehen.“ Ein kleines Grinsen erschien. „Schon gar keine roten.“ Dann wurde ihr Ausdruck wieder nachdenklicher. „Und irgendwann hört sie wieder Musik.“ Dieses Mal ließ Atashkada sich einen Moment Zeit. „Zuerst bekommt sie Angst. Weil sie sich daran erinnert, wie es war, nicht aufhören zu können.“ Da war die Warnung. Nicht in abgehackten Füßen, sondern in etwas, das geblieben war. „Aber irgendwann wagt sie einen einzigen Schritt. Dann noch einen.“ Tasha lächelte. „Und erst dann tanzt sie wieder. Weil sie selbst entschieden hat, dass sie es möchte.“ Sie sah Lelia fragend an. „Besser?“ Doch dann kam ihr noch etwas in den Sinn. „Und die Schuhe werden nicht einfach vernichtet.“ Ihre Augen verengten sich nachdenklich. „Vielleicht werden sie in eine eiserne Truhe gesperrt. Tief unter der Erde. Mit einer Warnung darauf, dass niemand sie jemals anziehen darf.“ Ein schelmisches Funkeln kehrte zurück. „Damit können die Kinder sich anschließend darüber streiten, ob die Schuhe wirklich noch irgendwo liegen.“ Das war doch wesentlich spannender. „Und falls irgendwann tatsächlich jemand rote Schuhe findet, die von allein zu tanzen beginnen…“ Tasha sah auf ihre eigenen Füße hinunter. „…zieht man sie besser gar nicht erst an.“ Sie hob den Blick wieder zu Lelia. „Seht Ihr? Warnung verstanden. Füße trotzdem noch dran.“ Zufrieden nickte sie. Damit konnte sie leben.

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