[Fest des Erwachens] Der Silberquell-Pavillon

  • Die Bardin freute sich sichtlich darüber, als die Tänzerin sich bereit erklärte ihr beim Einhalten des Versprechens zu helfen. „Das ist auch das Ziel und ein Risiko mit dem er hätte rechnen müssen. Eine Bardin zu beleidigen kann schon mal zu unerwünschten Liedern führen.“ Sie horchte nach den Vorschlägen von Atashkada und stellte noch eine weitere Überlegung an bezüglich des Refrains.

    "Mäh, macht der Hirte, wenn er Hörner sieht,
    Weil sein Verstand vor den Schafen flieht!

    Er hat seinen Kopf auf der Weide vergessen,
    Dort hat ihm wohl ein Hammel gefressen!

    Mäh, mäh, mäh … stolzer Tropf
    Wie viel Wolle steckt in deinem Kopf?

    Mäh, mäh, mäh … feiner Herr,
    Von Anstand weißt du gar nichts mehr!

    Nein, nein nein ... lass es sein

    keine will dein Schäfchen sein"

    Während sie sprach klapperte schlug sie ein paar Mal mit den Hufen auf um zu testen, wie es sich mit dem Takt verhielt. „Das könnte gehen.“ Als es um den Tanzpartner ging, gab die Tänzerin zu, dass er durchaus charmant war. „Das … klingt doch gar nicht so übel“, kommentierte sie die Aussage, wagte es jedoch nicht weiter nachzufragen. Männer waren ein heikles Thema, da musste man nicht unbedingt noch hinein bohren. Viel lieber tastete sie noch einmal über ihre im Flackerlicht matt glänzenden Hörner, als die Andere meinte, sie würden ihr gut stehen, fast so als wäre sie eine Königin, die gerade dabei war ihre Krone zu richten. Bei den Worten, dass sie wohl die richtige Entscheidung getroffen haben musste, nickte sie vorsichtig. „Nun ja … es war wohl absehbar, dass es auf Dauer nicht gut gehen kann. Die … Mätresse eines verheirateten Barons zu werden, war wohl nicht die beste Entscheidung, die ein Kind des Waldes treffen konnte. Aber … es ist manchmal echt verrückt, was man aus Liebe so alles tut.“ Diese Worte meinte sie ganz ehrlich und unverblümt. „Aber etwas gutes hatte es dann doch.“ Sie machte eine kurze Pause für den dramatischen Effekt. „Ich bekam die schönsten Kleider, die man sich nur vorstellen konnte … und Schmuck. Damit hätte ich wohl für den Rest meines Lebens nicht mehr hungern müssen, hätte ich nicht alles dort gelassen.“ Sie verzog das Gesicht. Wieder eine Entscheidung, die wohl vielleicht ein bisschen dumm war.

    „Na gut, dann ist es ein Name den eure ganze Familie trägt“, sprach sie über das Feuer des Nelio, das wohl doch kein Ort war, „So etwas gibt es in meiner Familie nicht. Ich selbst habe nur den Beinamen Aschemond, der jedoch mit dem Bau meiner Lyra zusammen hängt. Es ist eine Art heimisches Ritual, eine Weihe wie man es nennen kann. Ansonsten ist meine Familie an verschiedenen Orten des Waldes verstreut. Und auch in anderen Wäldern und Orten. Dafür sind wir von recht unterschiedlichen Wesen des Waldes umgeben. Wie … den Nymphen zum Beispiel oder … Feenelfen. Mein bester Freund ist einer von ihnen. Der hat jedoch nur Unsinn im Kopf.“ Sie schüttelte lachend den Kopf, angesichts des Gedanken über ihn. Weiterhin lauschte sie den Worten die sie über ihre Familie sprach. „Kein rothaariger Flammenwerfer also...“, wiederholte sie noch einmal. Dann war Vaelon wohl nicht Teil ihrer Familie.

    Tashas Worte über die Liebe klang plausibel. Sie war jedenfalls niemand der im Namen der Liebe alles was sie ausmachte aufzugeben gedachte. Aber man konnte gut reden, wenn man bisher noch nie verliebt war. Wieder ging es zu der Geschichte mit den roten Schuhen und ein wenig war sie irritiert über ihre Worte. „Wie … soll ich es denn sonst erzählen? Ich … finde die Geschichte an sich schon schlimm genug, da braucht es nicht auch noch einen Heulkrampf.“ Auch sie schüttelte den Kopf. Das hätte ihr gerade noch gefehlt. „Ich kenne weder das Mädchen, noch weiß ich etwas über den Verbleib dieser Schuhe und ob es die wirklich gibt oder nicht.“ Sie warf einen Blick hinunter zu ihren Hufen. „Ich denke … ich wäre wohl eine der Wenigen, die von diesem Fluch verschont bleiben würde. Denn so etwas wie Schuhe brauche ich doch gar nicht.“ Sie hob wieder ihren blonden Schopf und blickte zu der Anderen. „Nun gut … ihr könnt gerne aus der Geschichte gerne machen, was ihr wollt und sie verändern, wie es euch beliebt.“ Was sollte sie sonst noch dazu sagen. Im Grunde war es ihr gleich.

    „Vielleicht sollten wir uns wieder auf das Lied konzentrieren“, lenkte sie geschickt ab, „Wie klingt das?

    Hier steh ich froh im Frühlingskleid,

    die Hörner poliert, das Haar glänzt wie Seid´

    Die Menge schweigt im bunten Band,
    Da tritt er vor, mit der Kart in der Hand
    Sein Händedruck ist schlaff und kalt,
    Ein dunkler Rock, ganz speckig und alt.
    „Ganz ansehnlich“, so krächzt er frei,
    Wenn bloß mein haar’ges Bein nicht sei!“

    „Hinter jeder Note liegt ein Schweigen, das tiefer ist als das Meer; dort, wo die Schatten ihre wahren Namen flüstern.“

    Edited 5 times, last by Lelia (October 8, 2026 at 8:11 AM).

  • Bei Lelias Worten darüber, dass man eine Bardin besser nicht beleidigen sollte, huschte ein ausgesprochen vergnügtes Lächeln über Atashkadas Lippen. „Nun, wer sich unbedingt in einem Spottlied verewigen möchte, sollte sich später nicht darüber beklagen, wenn es tatsächlich gesungen wird.“ Sie legte den Kopf ein wenig schief und lauschte aufmerksam, während die Satyrin ihre bisherigen Verse zu einem längeren Kehrvers zusammenfügte. Schon nach wenigen Worten begannen ihre Finger, den Takt auf ihrem Oberschenkel mitzuklopfen. Lelias Hufe lieferten dazu eine durchaus passende Begleitung. Beim Hammel, der den Verstand des ungehobelten Tanzpartners gefressen haben sollte, musste Tasha unwillkürlich lachen. Und als die Satyrin schließlich bei der Frage angelangt war, wie viel Wolle wohl in seinem Kopf steckte, war es endgültig um ihre Beherrschung geschehen. „Oh, das ist herrlich!“ Sie lachte hell auf und wiederholte die letzten Zeilen beinahe singend. „Mäh, mäh, mäh, feiner Herr, von Anstand weißt du gar nichts mehr!“ Noch immer grinsend nickte sie. „Das bleibt im Ohr. Und ich fürchte, sobald die ersten Gäste genügend getrunken haben, wird man den Kehrvers noch drei Straßen weiter hören.“ Allein die Vorstellung einer ganzen Schar angeheiterter Festbesucher, die begeistert Mäh, mäh, mäh sangen, während der betreffende Herr verzweifelt versuchte, irgendwo im Boden zu verschwinden, war ausgesprochen erheiternd. „Wisst Ihr, was das Beste daran ist?“, fragte sie mit einem verschwörerischen Funkeln in ihren indigoblauen Augen. „Selbst wenn die Leute irgendwann seinen Namen vergessen, werden sie sich noch an den Schafskopf erinnern.“ Und damit hatte Lelia vermutlich genau das erreicht, was sie sich vorgenommen hatte.

    Bei der kurzen Bemerkung über ihren eigenen Tanzpartner lächelte Atashkada nur. „Nein, übel war es wirklich nicht.“ Mordecai hatte ihr einen durchaus angenehmen Tanz beschert. Die ungewöhnliche Beinarbeit des Corvae hatte sie zwar zunächst gefordert, aber gerade das war reizvoll gewesen. Und höflicher als Lelias Tanzpartner war er allemal. Tasha ließ es dabei bewenden. Schließlich war der Abend noch jung, und es gab wahrlich genügend andere Dinge, über die man sich unterhalten konnte.

    Als Lelia sich bei ihrem Lob beinahe königlich an die Hörner fasste, musste sie allerdings erneut schmunzeln. Es stand der Satyrin gut, sich ihrer selbst so sicher zu sein. Umso nachdenklicher wurde Tasha, als Lelia von ihrer vergangenen Liebe erzählte. Ein verheirateter Baron? Ihre Brauen wanderten unwillkürlich nach oben. „Bei Neala, Ihr habt Euch aber auch wirklich keinen einfachen Mann ausgesucht.“ Ein wenig Überraschung lag durchaus in ihrer Stimme, aber kein Vorwurf. Atashkada war schließlich die Letzte, die einer anderen Frau vorschreiben wollte, wen sie lieben durfte. Und wenn sie etwas aus all den Geschichten gelernt hatte, die sie seit ihrer Kindheit gehört hatte, dann wohl, dass Herzen sich nur selten darum kümmerten, was vernünftig war. Dennoch war es eine Sache, sich zu verlieben, und eine andere, sich auf Dauer mit einem Platz zufriedenzugeben, den man vielleicht niemals wirklich für sich beanspruchen konnte. „Ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht gewesen ist.“ Ihr Blick ruhte einen Moment auf Lelia. „Vor allem, wenn Ihr irgendwann das Gefühl hattet, für ihn jemand anderes werden zu müssen.“ Tasha strich gedankenverloren über den bunten Stoff ihres Rockes. Sie selbst war fest davon überzeugt, dass es jene eine große Liebe gab, von der die Geschichten so gern erzählten. Sie glaubte an zwei Personen, die einander fanden und füreinander etwas waren, das kein anderer sein konnte. Auch wenn sie wusste, dass nicht jedem dieses Glück vergönnt war. Aber eine Liebe, in der man sich selbst verlor? Nein. So hatte sie sich das nie vorgestellt.

    Als Lelia allerdings von den wunderschönen Kleidern und dem kostbaren Schmuck berichtete, hellte sich ihre Miene wieder auf. Bis zu dem Augenblick, in dem die Satyrin erklärte, dass sie alles zurückgelassen hatte. „Alles?“ Tasha blinzelte. „Ihr habt wirklich alles dortgelassen?“ Sie betrachtete Lelia einen Moment lang beinahe ungläubig. „Nicht einmal ein hübsches Schmuckstück? Einen Ring? Eine Kette? Irgendetwas, das Ihr hättet verkaufen können, wenn Ihr einmal in Schwierigkeiten geraten wärt?“ Ihre Lippen verzogen sich zu einem schiefen Lächeln. „Ach, Lelia. Ihr macht es einem wirklich schwer, nicht wenigstens ein bisschen mit Euch zu schimpfen.“ Allerdings hielt sie kurz darauf inne. Vielleicht war es gar nicht so unvernünftig gewesen, wie es zunächst klang. „Andererseits ... vielleicht war es besser, nichts mitzunehmen, das Euch ständig an ihn erinnert hätte.“ Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Und wenn Ihr dafür Eure Freiheit zurückgewonnen habt, dann war es vielleicht doch kein so schlechter Tausch.“ Ein schelmisches Funkeln trat wieder in ihre Augen. „Auch wenn ich persönlich vermutlich wenigstens ein besonders schönes Kleid gerettet hätte.“ Sie lachte leise. „Aber ich bin schließlich die Tochter einer Schneiderin. Meine Mutter würde mich vermutlich für verrückt erklären, wenn ich kostbare Stoffe einfach zurückließe.“ Bei Lelias Erklärung ihres Beinamens wurde Tasha wieder neugierig. „Aschemond.“ Sie wiederholte das Wort langsam, als wolle sie seinen Klang ein wenig auskosten. „Das ist ein schöner Name.“ Ihr Blick glitt zu Lelias Lyra. „Und Ihr habt ihn durch die Weihe Eures Instruments erhalten?“ Das klang nach einem Brauch, über den sie gern mehr erfahren hätte.

    Dass Lelias Familie über verschiedene Wälder verstreut lebte, fand sie durchaus interessant. Noch mehr allerdings die Erwähnung ihres besten Freundes.„Ein Feenelf, der nur Unsinn im Kopf hat?“ Atashkada lachte. „Ich glaube, den würde ich gern kennenlernen.“ Sie dachte an ihre Brüder. „Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es klug wäre, ihn mit meiner Familie zusammenzubringen. Wir haben schon jetzt mehr als genug Leute, die ständig auf neue dumme Ideen kommen.“ Und einige ihrer Brüder brauchten wahrlich keine zusätzliche Ermutigung.

    Bei Lelias erneuter Bemerkung über den rothaarigen Flammenwerfer legte sie jedoch den Kopf schief. „Ihr klingt beinahe enttäuscht.“ Ein neugieriges Funkeln trat in ihre Augen. „Einen Feuerspucker haben wir tatsächlich. Meinen Bruder Kaami. Aber Ihr scheint jemanden ganz Bestimmten zu meinen.“ Sie überlegte kurz. Rotes Haar und Feuer. Das ließ sie unwillkürlich an die Dai’Vaar denken. „Meint Ihr vielleicht einen Dai’Vaar?“ Ihr Blick ruhte fragend auf Lelia. „Die Kinder des Feuers haben doch häufig dieses auffällige rote Haar. Und sie können Flammen in ihren Händen entstehen lassen.“ Tasha lächelte. „Das wäre allerdings etwas anderes als Kaamis Kunststücke. Er muss das Feuer schon selbst spucken.“ Eine kleine Pause folgte. „Kennt Ihr denn jemanden, der tatsächlich Feuer hervorbringen kann?“ Nun war ihre Neugier geweckt. Zumal sie sich fragte, weshalb Lelia ausgerechnet bei ihrer Familie nach einem solchen Mann suchte. Doch die Antwort auf diese Frage musste vorerst warten.

  • Denn als das Gespräch erneut auf die Geschichte mit den roten Schuhen kam, verschwand das amüsierte Funkeln allmählich aus Atashkadas Augen. Zunächst hatte sie nur ein wenig irritiert dreingesehen. Dann legte sie den Kopf schief. Wie soll ich es denn sonst erzählen? Tasha sah Lelia einen Augenblick lang schweigend an. War das wirklich ihr Ernst? Sie hatte keineswegs erwartet, dass die Satyrin beim Erzählen in Tränen ausbrechen sollte. Bei allen Göttern, das wäre vermutlich sogar ausgesprochen unpassend gewesen. Aber zwischen einem Heulkrampf und dem beinahe beiläufigen Bericht darüber, dass einem Mädchen die Füße abgehackt wurden, lag doch eine ziemlich große Welt. „Lelia ...“ Atashkada blinzelte. „Ihr seid eine Bardin.“ Diesmal klang es nicht wie eine scherzhafte Erinnerung, sondern beinahe wie eine Feststellung, deren Bedeutung Lelia offenbar vollkommen anders verstand als sie selbst. „Ich verlange doch keinen Heulkrampf von Euch.“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber Ihr erzählt eine Geschichte!“ Für einen Moment hob sie beide Hände, als könnte sie damit die fehlenden Worte zwischen ihnen sichtbar machen. „Eine Geschichte über ein Mädchen, das einen schrecklichen Fluch erleidet, immer weiter tanzen muss, bis es vor Erschöpfung beinahe zugrunde geht, und schließlich so verzweifelt ist, dass es einen Scharfrichter bittet, ihm die Füße abzuschlagen.“ Sie hielt inne. „Und Ihr erzählt mir das, als würdet Ihr berichten, dass der Bäcker heute kein frisches Brot mehr hatte.“ In ihrer Stimme lag nun tatsächlich etwas Enttäuschung. Nicht, weil Lelia die Geschichte nicht traurig genug fand. Sondern weil sie offenbar gar nicht begriff, worauf Atashkada hinauswollte. „Es geht doch nicht darum, ob Ihr das Mädchen persönlich gekannt habt. Oder ob die Schuhe wirklich irgendwo existieren.“ Tasha schüttelte erneut den Kopf. „Es geht darum, was Ihr mit einer Geschichte macht, wenn Ihr sie erzählt.“ Sie war die Tochter eines Chronisten. Geschichten hatten sie begleitet, solange sie denken konnte. Sie hatte ihrem Vater unzählige Male zugehört, hatte gesehen, wie er mit wenigen Worten einen ganzen Lagerplatz verstummen ließ, wie er Menschen zum Lachen brachte oder ihnen Tränen in die Augen trieb. Und sie hatte selbst gelernt, wie viel Macht in der Art lag, eine Geschichte vorzutragen. „Ein Barde ist doch so viel mehr als jemand, der ein Instrument spielen und ein hübsches Lied singen kann.“ Ihre Stimme wurde etwas leidenschaftlicher. „Ihr könnt Personen mit Euren Worten in eine andere Welt führen. Ihr könnt sie fürchten lassen, hoffen lassen, zum Lachen bringen oder ihnen das Herz brechen. Ihr könnt dafür sorgen, dass sie noch Jahre später an eine Geschichte denken, die Ihr ihnen an einem einzigen Abend erzählt habt.“ Sie machte eine kleine Pause. „Aber dafür müsst Ihr ihnen auch etwas geben, das sie fühlen können.“ Tasha deutete mit einer Hand auf die Stelle zwischen ihnen. „Wenn Ihr mir erzählt, dass das Mädchen immer weiter tanzen muss, dann möchte ich beinahe selbst spüren, wie müde seine Beine werden. Ich möchte hoffen, dass jemand ihm hilft. Ich möchte erschrecken, wenn der Scharfrichter seine Axt hebt.“ Ihre Stimme sank bei den letzten Worten, ehe sie wieder etwas lebhafter wurde. „Und wenn Ihr dann erzählt, dass die Schuhe mitsamt den abgehackten Füßen einfach weitertanzen, dann möchte ich wenigstens einen Augenblick lang das Gefühl haben, dass mir das Blut in den Adern gefriert.“ Sie ließ die Hände sinken. „Stattdessen sagt Ihr mir beinahe beiläufig, dass das Mädchen anschließend Dienstmagd wurde und nie wieder nach den Schuhen verlangte.“ Atashkada verzog ungläubig den Mund. „Das ist doch keine Erzählung. Das ist eine Zusammenfassung.“ Vielleicht war das etwas hart ausgedrückt. Aber es war genau das, was sie empfand. „Mein Vater würde vermutlich sagen, dass Ihr eine Geschichte nicht nur weitertragen solltet wie einen Sack Kartoffeln.“ Nun schlich sich doch wieder ein kleines Lächeln auf ihre Lippen. „Ihr müsst sie unterwegs auch zum Leben erwecken.“ Sie betrachtete Lelia einen Moment nachdenklich. „Und das könnt Ihr doch.“ Davon war sie überzeugt. „Ich habe Euch spielen gehört. Ich habe zu Eurer Musik getanzt. Ihr wisst ganz genau, wie man jemanden mitreißt.“ Das hatte die Satyrin schließlich eindrucksvoll bewiesen, als sie Tasha mit ihrem immer schnelleren Spiel beinahe bis an die Grenzen ihrer Kräfte getrieben hatte. „Warum also solltet Ihr das nicht auch mit einer Geschichte können?“ Ein leises Seufzen entwich ihr. „Vielleicht ärgert es mich gerade deshalb ein wenig.“ Denn Lelia besaß offensichtlich ein Gespür für Wirkung, Rhythmus und Spannung. Nur schien sie dieses Talent bei Geschichten nicht auf dieselbe Weise einsetzen zu wollen. „Und was die Warnung angeht ...“ Tasha hob einen Finger. „Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn eine Geschichte ein wenig unheimlich ist. Ganz im Gegenteil.“ Ein schelmisches Funkeln trat in ihre Augen. „Meine Brüder haben mir als Kind genügend Geschichten erzählt, bei denen ich anschließend lieber nicht allein im Dunkeln geblieben wäre.“ Und sie hatte sie trotzdem geliebt. Vielleicht sogar gerade deshalb. „Aber ich möchte den Kindern mit meinem Puppentheater nicht beibringen, dass man nur durch Verstümmelung einem schrecklichen Schicksal entkommen kann.“ Ihre Stimme wurde wieder etwas sanfter. „Ich möchte ihnen zeigen, dass man Fehler machen kann. Dass man manchmal die Hilfe anderer braucht. Dass es Dinge gibt, vor denen man sich hüten sollte.“ Sie lächelte. „Und dass man trotzdem wieder glücklich werden kann.“ Das bedeutete keineswegs, dass jede Geschichte immer gut ausgehen musste. Das wusste sie durchaus. Aber für ihr kleines Handpuppentheater durfte es eben gern etwas hoffnungsvoller sein. Bei Lelias Bemerkung über ihre Hufe musste sie schließlich doch lachen. „Allerdings habt Ihr recht. Ihr seid vermutlich tatsächlich ziemlich sicher vor diesen Schuhen.“ Ihr Blick wanderte zu den Hufen der Satyrin. „Was Euch einen bemerkenswerten Vorteil verschafft.“ Dann hob sie mahnend einen Finger. „Aber wehe, Ihr erzählt mir eines Tages, dass Ihr ein Paar verfluchter Hufreifen gefunden habt.“ Das wäre nach diesem Gespräch beinahe schon eine persönliche Beleidigung.

    Als Lelia schließlich vorschlug, sich wieder dem Spottlied zuzuwenden, ließ Tasha das Thema vorerst ruhen. Nicht, weil sie ihre Meinung geändert hätte. Aber weil sie durchaus bemerkte, dass die Satyrin lieber über etwas anderes sprechen wollte. Und schließlich war sie nicht hier, um Lelia eine Vorlesung über die Kunst des Geschichtenerzählens zu halten. Auch wenn ihr Vater vermutlich ausgesprochen stolz auf sie gewesen wäre. Also lauschte sie den neuen Versen. Bereits bei der Beschreibung des speckigen Rockes begann sie wieder zu grinsen. „Oh, das ist hübsch.“ Ihre Finger fanden erneut einen Takt, während sie die Zeilen im Kopf wiederholte. „Das mit dem Frühlingskleid gefällt mir. Man sieht Euch beinahe vor sich.“ Sie betrachtete Lelia mit einem amüsierten Funkeln. „Und dann kommt dieser Mann mit seinem speckigen Rock und seiner Tanzkarte und ruiniert das ganze Bild.“ Tasha lachte leise. „Vielleicht braucht Ihr danach noch etwas, das seinen wunderbaren Sinn für Komplimente besonders hervorhebt.“ Sie überlegte kurz, ehe sie mit einer kleinen, übertrieben höfischen Verbeugung ansetzte:

    „Er mustert mich von Kopf bis Fuß,
    als wär sein Urteil mir ein Gruß.
    Doch wer beim Tanz nur Schafe sieht,
    verdient ein Lied, das niemals flieht!“

    Sie hielt inne. „Hm.“ Noch einmal ließ sie die letzten beiden Zeilen auf der Zunge zergehen. „Nein, das geht bestimmt noch besser.“ Dann hob sie den Kopf. „Vielleicht ...“ Ihre Augen blitzten auf.

    „Er mustert mich von Kopf bis Bein,
    und bildet sich noch etwas ein.
    Doch wer beim Tanz nur Schafe sieht,
    verdient, dass man sein Lob besingt!“

    Sie lachte über ihre eigene Formulierung. „Wobei Lob hier natürlich ausgesprochen großzügig gemeint wäre.“ Ein wenig überlegte sie noch, dann deutete sie mit einem Finger auf Lelia. „Aber wisst Ihr, was ich am Ende unbedingt hören möchte?“ Sie richtete sich ein wenig auf und hob das Kinn, als würde sie bereits auf einer kleinen Bühne stehen. „Dass Ihr Euch von ihm abwendet, die Hörner stolz erhebt und lieber allein weitertanzt, als Euch noch einen einzigen Schritt von diesem Schafskopf führen zu lassen.“ Ihr Lächeln wurde breit. „Das wäre doch ein wunderbarer Schluss.“ Sie legte den Kopf schief. „Und dann kommt der Kehrvers noch einmal. Laut genug, dass jeder im Saal ihn mitsingen kann.“ Für einen Augenblick stellte sie sich vor, wie eine ganze Taverne begeistert Mäh, mäh, mäh! sang, während der betreffende Herr vermutlich verzweifelt versuchte, im Boden zu versinken. Tasha grinste. „Ach, Lelia. Ich glaube, dieses Lied könnte mir ausgesprochen gut gefallen.“

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