[Fest des Erwachens] Die Marktstände

  • Der Geruch von frisch gebrannten Mandeln und Zuckerwatte stieg ihm durch die Nase. Ein vertrauter Geruch, der keinerlei weiterer Beachtung bedurfte, denn im Zirkus gab es mehr als genug davon. Seinen Gehrock hatte er wieder angezogen. Was hätte es auch gebracht zu verstecken, was so offensichtlich war wie ein Affe mit Flügeln. So hielt er Sölvi fest, ihre kleine Hand sanft in der Seinen liegend, den einen Handschuh ausgezogen um sofort zu spüren, falls es sie in eine bestimmte Richtung zog, ob sie angespannt war oder locker. Er selbst war damit beschäftigt die Umgebung besser zu beobachten. Seine Pupillen sprangen mehrmals hin und her, suchten nach Lücken, was nicht besonders schwer war, denn die Leute machten bei diesem ungewöhnlichen Anblick ohnehin recht schnell Platz. Ob nun aus angespannten Respekt, Neugier oder Abscheu. So raschelten die bunten Kleider der Gäste, manche tuschelten, andere wiederum zeigten ganz unverschämt auf das ungleiche Paar. Jedes Mal wenn Sölvi etwas stärker zog, ließen blieben sie an einem der Stände stehen und sahen sich die Ware an. Wie ein Kind nun mal war, wollte es am liebsten alles in die Hand nehmen. Doch wenn Mordecai sah, wie der Händler das Gesicht zusammen zog, hielt er sie sanft davon ab und ging etwas in die Hocke um zu fragen, was sie nun haben wollte. Ganz nebenbei merkte er, wie sich die Stimmung veränderte. So mancher schien seinen Unmut kund zu tun, dass solch ein Ungetüm hier auf dem Fest des Erwachens nichts zu suchen hatte. Andere waren wieder belustigt und warfen Münzen zu, die Sölvi sogleich vom Boden aufklaubte. Plötzlich nahm der Rabenmann eine Bewegung wahr. Ein roter Haarschopf weckte seine Aufmerksamkeit, der ihn verdächtig an jenen von Valeska erinnerte. So bemerkte er nicht sofort, wie Sölvi fast zeitgleich ein Mädchen bemerkte, das einen schönen Blumenkranz trug. Ihr Blick war von Sehnsucht erfüllt, als sie die behaarte Hand danach ausstreckte und die schönen Seidenbänder berührte als …

    Ein erschrockenes Quietschen war zu vernehmen. Das Mädchen sah das schwarze Tier mit weit aufgerissenen Augen an während sich die Menge zielgerichtet zu ihnen umdrehte.

    Mordecai Belasquín

    „Man kann die Feder brechen, aber nicht den Strich, den sie zog.“

  • Noch ehe Mordecai auf die Situation reagieren konnte, spaltete sich die Menge und eine galant aussehende Dame stolzierte mit zielgerichteter Präzision auf den schwelenden Konflikt zu. Mit theatralischer Bestürzung legte sie eine Hand auf ihre Brust und sprach sie zu dem Mädchen. „Ach, du liebes Kind. Hat der Affe dich etwa erschreckt?“ Das Mädchen nickte. Mordecais Augenbrauen schoben sich missmutig zusammen. Auch die Mutter kam hinzu und stemmte die Hände auf ihre Hüften. „Das … tut mir alles schrecklich leid. So etwas sollte nicht passieren. Nicht in meinem Zirkus! Ich nehme vollste Verantwortung dafür, dass so etwas auch für den Rest der Festlichkeiten nicht mehr passiert, genauso wie sein Dompteur.“ Sie warf den Corvae noch einen kurzen Blick zu, ehe sie in ihren Taschen nach etwas griff und sogleich ein zartes Lederhalsband mit zugehöriger Kette heraus holte und es den Rabenmann vor die Füße warf. „Hier … damit sollte das geklärt sein.“ Fassungslos starrte Mordecai sie an. „Na los mach schon, Belasquín. Leg es ihm an!“ Sie wandte sich wieder zu der Mutter und ihren Mädchen und machte eine weg werfende Handbewegung. „Er ist manchmal etwas schwer von Begriff. Aber … herausragend in dem was er tut. Die Verbindung zwischen ihm und den Affen kann manchmal etwas merkwürdig anmuten, aber er liebt dieses Tier wirklich abgöttisch. Ihr könnt euch gerne noch später davon überzeugen, wenn sie beide wieder einen ihrer Auftritte hin legen. Nicht wahr, Mordecai? Erzähl mal, was habt ihr diesmal geplant?“ Eisernes Schweigen legte sich um den Angesprochenen, während einige Augenpaare auf ihn gerichtet waren. Erwartungsvolle Blicke, die auch von Neugier und Belustigung zeugten.

    Er starrte auf das Lederhalsband zu seinen Füßen. Sein Magen zog sich zusammen vor unterdrückten Zorn während sich seine Krallen in die schwarzen Lederhandschuhe bohrten. Doch dann glätteten sich seine Züge allmählich. Diesen Triumph eines öffentlichen Wutausbruches würde er Valeska nicht gönnen. Es würde sie nur füttern und die Menge verschrecken. Langsam mit der Gelassenheit eines Zeremonienmeisters beugte er sich herab und hob das Halsband auf, während er mit dem Zeigefinger über das Leder strich, so als wollte er es auf Mängel überprüfen.

    „Die Prinzipalin hat, wie immer recht“, seufzte er und ließ Halsband und Kette mit einen unverkennbaren Ton von Eisen von der einen Hand zur anderen gleiten, ehe er fast unmerklich den Kopf schüttelte, dies jedoch überspielte indem er sich das Monokel noch einmal zurecht rückte, während er die besorgte Mutter mit ihrem Kind und auch noch ein paar andere, die zusahen musterte. „Sicherheit wird bei uns groß geschrieben. Vor allem die Illusion davon. Was unseren kleinen Programmpunkt angeht...“ Er hielt einen Moment inne, um zu überlegen, wie er aus dieser Situation wieder heraus kommen würde. „Nun, mein gefiederter Schatten und ich werden heute Abend etwas vor führen, was man am besten als amtlich beglaubigten Nervenzusammenbruch mit brennenden Requisiten beschreibt. Wenn ihr also sehen wollt, wie ein unterbezahlter Buchhalter den Verstand verliert, während ein geflügelter Affe der Schwerkraft trotzt... nun, ihr wisst ja, wo ihr uns findet. Freie Spenden sind uns herzlich willkommen.“

    Er warf Valeska noch einen eiskalten Blick zu, ehe er sich zu Sölvi herunter kniete, seine Handschuhe auszog und es dem Tier behutsam mit einem routinierten Griff umlegte. „Keine Sorge, mein kleiner Sonnenschein. DAS … werde ich ihr noch doppelt und dreifach verrechnen“, flüsterte er Sölvi zu, während diese mit glänzenden Augen zu ihm hinüber sah, ehe die rothaarige Prinzipalin in schallendes Gelächter ausbrach.

    „Ahahahahaha... er beliebt zu scherzen, vielleicht sollte ich ihn hin und wieder auch bei den Clowns mitwirken lassen.“, erwiderte sie beschwingt, während Mordecai sich erhob und den Staub von seinem Gehrock klopfte, ehe diese sich ihm von der Seite näherte und die Hand um seine Schulter legte, um ihn etwas näher an ihn zu drücken. So schnell dies geschehen war, ließ sie ihn auch wieder los. „Eine Feuershow... wunderbar, wir sind entzückt und freuen uns darauf. Nun denn, werte Damen und Herren“, sprach sie in feierlichem Tonfall. „So zieht los und verbreitet die frohe Kunde. Das wird ein Spektakel das wir alle nicht vergessen werden.“

    Allmählich löste sich die Menschentraube, wie auch Valeskas feierliche Mimik und wich einer neutralen. „Was … bei allen Göttern und guten Geistern sollte das gerade?“, fragte der Corvae, schließlich hatte er derartiges ganz sicher nicht geplant. „Was wohl...“, sprach die Prinzipalin, „Ich habe euch beide gerade vor einen sich aufkeimenden wütenden Mob gerettet. Wieder einmal. Etwas mehr Dank wäre jetzt angebracht.“ Mordecais Lippen kräuselten sich, denn Dank war das Letzte, was er ihr in diesen Augenblick geben wollte. Ein paar Mal atmete er noch tief durch um seine Nerven zu beruhigen. „Du bist … wahnsinnig, wenn du ernsthaft glaubst, ich würde da noch mitmachen.“ „Nur zu... Rabenmann. Mach, was du willst. Ergreife die Gelegenheit auf leicht verdientes Geld oder lass sie weiter ziehen. Es ist mir gleich." Sie stoppte und fuhr etwas leiser fort. "Denn, so lange du dich weigerst und die 10.000 Golddukaten nicht beisammen hast, gehört ihr beide mir.“ Mit den Worten streifte sie noch kurz seinen Oberarm und drehte sie sich um und sah skeptisch zu Sölvi herunter. Dann wieder zu Mordecai und dem Korb an dem die Zipfel der Narrenkappe heraus ragten. Ohne zu fragen, zog sie diese heraus und setzte sie den Affen behutsam wieder auf. "So... das ist viel besser. Wir wollen doch niemanden unnötig verschrecken." Zufrieden lächelte sie, als hätte sie gerade etwas großartiges geleistet, ehe sie die Kette die zum Halsband führte Mordecai in die Hand legte, zusammen mit seinen Handschuhen, einen herausfordernden Blick zuwarf... und dann ohne weitere Worte zu verschwenden in der Menge verschwand.

    Mordecai Belasquín

    „Man kann die Feder brechen, aber nicht den Strich, den sie zog.“

    Edited 3 times, last by Mordecai (September 10, 2026 at 8:16 PM).

  • Fassungslos darüber, was gerade geschehen war stand Mordecai da, ging noch ein paar Meter, wie mechanisch mit den Affen an der Kette, ehe er sich in einer unauffälligen Ecke zwischen zwei Ständen an einer Bank mit Tisch fallen ließ und den Kopf auf die Tischplatte legte. Viel zu lange schon hatte er sich in Beherrschung geübt, seinen Ärger herunter geschluckt um mit Souveränität zu glänzen. Jetzt wo selbst der einzige Tag, den er endlich einmal in vollen Zügen genießen wollte wieder überschattet wurde, wurde es ihm zu viel. Er konnte nicht mehr. Er war am Ende seiner Kräfte.

    Sölvi stand unbeteiligt daneben, wusste selbst nicht so recht wie sie darauf reagieren sollte. Sie stupste ihn leicht an. „Alles gut... ich muss nur … nachdenken“, murmelte er in seinen nicht vorhandenen Bart. Er atmete noch, schien auch sonst keine lebensbedrohlichen Geräusche zu machen. Behutsam strich sie ihm durch den schwarzen Haarschopf, ehe sie sich ratlos umsah. Die Passanten reagierten nicht sonderlich auf diesen Anblick. Für sie war es vielleicht ein Corvaemann der gerade zu tief ins Glas geschaut hatte mit einem etwas exotischeren Hund an der Leine.

    Sie musste noch mehr tun. Doch was? Was konnte ein geflügeltes Affenmädchen da schon tun? Aus solidarischen Gründen nahm sie den Hut wieder, den ihre Vaterfigur so gar nicht mochte ab. In ihrem Kopf stieg eine Erinnerung hoch. An jenen Abend, als sie einst noch ein kleines Mädchen war, das schüchtern in der Mitte eines Wagens stand, gegenüber dieser hübschen Dame die auf dem Diavan saß und Wein trank. Sie trug ein schönes blaues Kleid. Sie war voller Hoffnung und Vorfreude auf ein neues Leben im Zirkus. An der Seite von Mordecai, den sie bereits lieb gewonnen hatte. Wenn er da war, so konnte nichts schlimmes passieren. Und so war es dann auch. Denn dies war der erste Moment in dem sie mit dieser Frau alleine war und auch der letzte Tag an dem sie noch war sie alle anderen Mädchen. Sie konnte sehen wie sie sich ihr näherte, ungefragt ihre langen Finger durch ihr frisch gewaschenes Haar strich und von ihrer Zukunft sprach. „Die Menschen wollen nicht sehen, wie ein kleines Mädchen Rechnungen schreibt. Sie wollen das Unmögliche sehen, ein Spektakel … sie wollen sehen, wie die Natur sich beugt...“

    Sie schüttelte den Kopf, wollte nicht weiter darüber nachdenken. Nun war sie hier, trug ein grünes geblümtes Jäckchen, das auch irgendwie hübsch war und ein Halsband mit einer Kette die nirgendwo hin führte, da der Rabenmann sie bereits los gelassen hatte. Für einen kurzen Augenblick musste sie an die schöne Frau denken, die Mordecai auf dem Fest bei sich hatte. Ein ungewohnter Anblick! Und sie war sogar nett. Auch wenn es schade war, dass sie nicht mitkommen wollte. Gut möglich, dass sie keine Affen mochte. Sölvi mochte die ebenso wenig und hätte sie es sich aussuchen können so wäre sie vielleicht lieber ein Hase geworden … oder eine hübsche Raubkatze. Oder ein Vogelmensch, wie Mordecai einer war. Dann könnte auch sprechen. Doch Valeska hatte nicht gewollt, dass sie sprach. Das hatte sie recht deutlich gemacht, als sie den Finger an ihre Lippen gelegt hatte, ehe ...

    Zurück zur netten Dame. Konnte sie womöglich helfen, wenn sie erst einmal wusste, was los ist? Vielleicht wenn Mordi sie ganz lieb darum bitten würde? Sie warf einen kurzen Blick zu ihren Papa, der immer noch mit Nachdenken beschäftigt war, dann fiel ihr Augenmerk auf seine Rocktasche. Dort, wo er immer eine Tintenfeder und sein Buch aufbewahrte und zückte, wenn er etwas aufzuschreiben hatte. So nahm sie beides heraus, wobei sie das Buch wieder zurück steckte, denn sie wusste dass er es nicht so gerne mochte, wenn sie Seiten daraus entfernte. Doch im Korb gab es auch anderes Papier, das sie nutzen konnte und sie war doch hier um es zu verteilen oder etwa nicht? So schnappte sie auch hier ein paar Blätter und verzog sich unter die Bank. Dort, wo sie niemand sehen konnte.

    Mordecai Belasquín

    „Man kann die Feder brechen, aber nicht den Strich, den sie zog.“

    Edited 2 times, last by Mordecai (September 14, 2026 at 5:36 AM).

  • Es dauerte nicht lange, ehe die Chimäre wieder unter der Bank hervor kroch. Ihre Mimik war entschlossen. Sie brauchte Hilfe... sie beide brauchten sie. So rollte sie das Papier in ihrer Hand zusammen und legte sie in ihre Faust, die sie auf den Boden legte und voran schritt. Die schwere Eisenkette schleifte sie hinter sich her, als wäre es nichts. Doch irgendwie hatte sie das Ganze unterschätzt. Die vielen Leute... einige waren erschrocken zurück gewichen. Andere achteten nicht darauf wo sie hin gingen und so musste sie stoppen als das Halsband ihre Kehle zuschnürte weil wieder jemand auf die Kette gestiegen war. Auf dem Weg zum Pavillon, wo sie die nette Dame vermutete war dann auch noch eine Gruppe von wild tanzenden Leuten, die nicht darauf achteten wo sie hin traten. Hin und wieder breitete sie ihre Flügel aus und erntete überraschte Blicke. „Hey, seht euch mal dieses Vieh an...“ „Das gehört dem Zirkus...“, sprach ein anderer. „Vielleicht sollten wir es fangen... das gibt bestimmt ne satte Belohnung.“ Sölvi horchte auf. Nein … das hatte ihr gerade noch gefehlt. Nun breitete sie doch noch ihre Flügel aus und flog in Richtung der Bäume. Irgendwo … etwas abgelegen ließ sie sich auf einem der Steinlauben nieder.

    Mordecai Belasquín

    „Man kann die Feder brechen, aber nicht den Strich, den sie zog.“

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