Posts by Amelie

    Kurz hing auch Amelie dem Gedanken nach, was denn mit der übrig gebliebenen Farbkarte wäre, sollte die dazu gehörige Person noch auftauchen.

    Doch schnell tat sie das ab. Der Tanz hatte begonnen und wer zu spät kam ...

    Und wer sagte denn schon, dass man dann nicht trotzdem miteinander tanzen konnte?

    Und wie Navaron dann auch gleich betonte, war er ihrer Einstellung nicht abgeneigt. Warum sollte man es sich auch unnötig kompliziert machen?

    Nachdem die Höflichkeitsfloskeln erledigt waren, ergriff Navaron auch schon Amelies Hand.

    Zumindest er hatte offensichtlich kein Problem damit, zu dritt zu tanzen. Und auch Amelie kannte es aus ihrer Heimat nicht anders.

    Und es dauerte auch nur wenige Augenblicke, bis Daishanee ihre Hände elegant ausstreckte und somit ebenfalls bekundete, dass sie zum Tanz bereit war.

    "Dann los", lachte Amelie fröhlich und schritt ein Stück weiter auf die Tanzfläche, wo sich alle drei der Musik hingeben könnten.

    Die Antwort des Mannes erleichterte Amelie sehr, schien er doch nicht wirklich nachtragend zu sein. Zudem machte er den Eindruck, als hätte ihm ihre spontane Tanzeinlage gefallen. "Amelie", nannte sie ihren Namen gleich nachdem er den Seinen bekannt gegeben hatte. So gerne ich auch alleine tanze, würde ich mich ebenfalls freuen, mit Euch gemeinsam die Tanzfläche zu betreten, Navaron", erklärte sie mit einem Lächeln.

    Doch nachdem er seinen nächsten Satz mitten im Wort unterbrach, wich das Lächeln einem irritierten Gesichtsausdruck und ihr Blick folgte dem Seinen. Und schnell war klar: Er hatte die Farbkarte erfasst.

    Füreinander bestimmt, ging es Amelie durch den Kopf.

    Die Einzige, deren Bestimmung sich die Priesterin jemals fügen würde, war Shirashai. Daher winkte sie unbekümmert ab. "Und ICH bin mir sicher, dass dies alles seine Richtigkeit hat. Wen kümmern schon Farben?" Sicher, es war eine durchaus nette Idee, Paare mit Tanzkarten einander zuzuwürfeln. Allerdings würde keine Muschel daran zerbrechen, wenn sich jemand nicht ganz so ernst daran hielt. Verschwörerisch beugte sie sich zu Navaron und flüsterte: "Lasst uns doch ein wenig schummeln". Gefolgt von einem Augenzwinkern. "Ist es nicht langweilig, sich immer nur an Vorgaben zu halten?"

    Und dann wurden ihre Blicke abermals abgelenkt, als sich eine rothaarige Schönheit ( Daishanee) elegant ihren Weg zu ihnen bahnte. Und er schien Recht zu haben. Ihre Farben passten besser zueinander. Doch Amelie hatte ja im Vorfeld bereits deutlich gemacht, wieviel Wert sie darauf legte.

    Also wandte sie sich an die Rothaarige: "Ich grüße Euch ebenfalls. Amelie mein Name", antwortete sie mit freundlichem Lächeln. Dann blickte sie abwechselnd zwischen Navaron und Daishanee hin und her. "Nun, meine Dame, der Herr", setzte sie an und grinste schelmisch, während sie beide Hände zu ihnen ausstreckte. "Lasst uns doch aus der Reihe tanzen", schlug sie heiter vor. "Ich wüsste nicht, dass tanzen nur zu zweit erlaubt wäre ..."

    Ob die beiden auf Amelies etwas ungewöhnliches Angebot eingehen würden, zeigte sich sicherlich in den nächsten Augenblicken.

    Sternlavendel

    Allgemein

    In Form von kleinen Sträuchern wächst der Sternlavendel in der freien Natur vor allem auf freien Wiesen. Oft sind die Sträucher aber auch in Privatgärten oder Parkanlagen zu finden, damit sich alle, die dort wohnen, das ganze Jahr über an der lilafarbenen Blütenpracht erfreuen können. Die Wurzeln reichen nicht sehr tief in die Erde aber wachsen schnell in die Breite. Und wer nicht aufpasst, um den Sternlavendel im Zaum zu halten, wird bald nicht mehr Herr über die üppige Sternlavendelpracht, die in der freien Natur ganz sicher hübsch anzusehen ist. Rund um dünne Zweige ordnen sich lilafarbene Blüten traubenförmig an. Bei genauem Hinsehen ist zu erkennen, dass die Blüten an kleine Sterne erinnern, deren Blätter sich dem Tageslicht entgegenstrecken und nachts schlaff herunter hängen.

    Wirkung

    Es gibt nahezu kein Teil des Sternlavendelstrauches, der nicht zu etwas zu gebrauchen ist. Wer gerne mit Pinsel und Papier zu Gange ist, wird sich an den Blüten erfreuen, um verschiedene Lilatöne herzustellen. Aber vorsiciht: Wird nicht aufgepasst, läuft man Gefahr, wochenlang mit gefärbten Fingern durch die Lande zu ziehen, ist die Farbinensität doch recht groß. Die Zweige erfreuen sich aufgrund der darin enthaltenen Duftöle der Nutzung in Parfums. Bei der Nutzung der Wurzeln allerdings scheiden sich die Geister. Man sagt ihnen heilende Kräfte nach. Bei Vollmond mit einem speziellen, silbernen Messerchen geschnitten und in einem aufwändigen Verfahren wochenlang zubereitet, soll daraus eine wundersam heilende Paste entstehen. Doch nur wenige scheinen noch über dieses scheinbar alte Wissen zu verfügen.

    Name:

    Lavendelfalter

    Aussehen:

    Der Lavendelfalter macht seinem Namen alle Ehre, wenn man sich seine zarten, fast durchscheinenden Flügel betrachtet, die im Licht in einem sanften Lila schimmern. Wer genau hinschaut, erkennt in feinen, dunkleren Linien kleine, sternenförmige Muster auf dem oberen Flügelpaar, das etwa einen Fingerbreit größer ist, als das untere. In eben jenem dunkleren Lila wie die Sterne zeigt sich auch der schlanke Körper des Falters, der nach oben hin immer Spitzer wird, ähnlich der Blüten des Sternlavendels, seinem Namensgeber. Breitet der Lavendelfalter seine Flügel aus, bedeckt er etwa die Handinnenfläche eines durchschnittlichen, erwachsenen Menschen.

    Allgemein:

    Wenn der Falter ganz in der Nähe seine Runden fliegt, sondert er den zutiefst beruhigenden Duft von Lavendel ab, der von allen wahrgenommen werden kann, die nah genug stehen. Glücklicherweise zählen diese Wesen zu Einzelgängern. Befände man sich nämlich in der Nähe eines ganzen Schwarms, wäre die Gefahr groß, an Ort und Stelle einzuschlafen.

    Kurz wurde die Musik unterbrochen. Nach einer zusätzlichen Drehung blieb Amelie stehen. Doch gleich darauf setzte sie wieder ein. Etwas anders. Und mit Gesang. Der Text der Hellhaarigen ließ vermuten, dass diese ebenfalls noch auf ihren Tanzpartner wartete. Was Amelie wieder dazu brachte, selbst Ausschau zu halten. Und dabei ein bekanntes Gesicht zu entdecken. Ein Gesicht, welchem sie allerdings keine weitere Beachtung schenkte, denn offensichtlich, war ihm eine andere Farbe zugeteilt worden.

    Und während sich die Tanzfläche mehr und mehr füllte, war Amelie es, die sich geschickt durch die Paare hindurch wand. Bei ihr lief eben immer alles etwas anders, als bei anderen. Und genau das war es, was sie an ihrem Leben so sehr liebte. "Verzeihung", entschuldigte sie sich hier und da, als der eine oder andere kleine Rempler sich nicht vermeiden ließ.

    Eine Weile hatte es gebraucht, die Tanzfläche zu verlassen und zu deren Rand zu gelangen. Dorthin, wo die Stehtische für die Durstigen bereit standen. Amelies Schritte trugen sie an den Tischen entlang. Hier wirkte es - im Gegensatz zur Tanzfläche - recht übersichtlich.

    Und so dauerte es auch nicht lange, bis sie ihn sah. Den Mann mit der passenden Karte in der Einstecktasche seines Gehrocks. Leise räusperte sie sich, als sie sich ihm näherte. "Bitte verzeiht mir meine Ungeduld", setzte sie an. "Aber wenn Musik erklingt, kann ich einfach nicht anders, als zu tanzen". Sie hatte den Kopf leicht anheben müssen, um dem hochgewachsenen Mann beim Sprechen in die Augen sehen zu können. Er kam ihr nicht bekannt vor. Aber das war auch kein Wunder. War Amelie doch lange Zeit andernorts unterwegs gewesen und auch hier stand das Leben nicht still.

    "Ich hoffe doch sehr, dass Ihr noch immer gewillt seid, mit mir zu tanzen", ließ die Nymphe wissen, dass sie durchaus interessiert war.

    Die ersten Paare schienen sich gefunden zu haben. Ob der passenden Kartenfarbe wegen oder einfach nur, um Kontakte zu knüpfen, blieb offen. Manche gingen auch wieder getrennte Wege. Da hatte wohl etwas nicht gepasst. Amelie beobachtete lediglich. Und sie konnte nicht verhindern, dass ihr Körper unwillkürlich anfing, sich im Rhythmus der Musik zu bewegen. Erst nur die Füße. Kaum auffällig.

    Und während ganz in ihrer Nähe bereits die ersten Paare ganz zaghaft die Tanzfläche betraten, wurde die Nymphe dann doch von Neugier gepackt. So zog sie den Umschlag ein Stückchen aus ihrer Tasche heraus und öffnete ihn achtsam. Ein sanftes Lavendel, durchzogen von feinen, goldenen Linien zeigte sich den Augen der Nymphe. Eine wundervolle Farbe, die ein glückliches Lächeln auf die vollen, rötlich geschminkten Lippen zauberte.

    Aber Amelie verspürte keine Lust zu warten, bis sich vielleicht das passende Gegenstück zu ihrer Karte finden würde. Die Musik lief jetzt, in diesem Augenblick. Die Tanzlaune war da. Und wer wusste denn schon, wann – und ob überhaupt – sie das passende Gegenstück zu ihrer lavendelfarbenen Karte finden würde. Sollte dieser Augenblick eintreffen, wäre sie ganz sicher nicht abgeneigt. Aber bis dahin würde sie tanzen. Allein. Das machte ihr nichts aus, hatte sie das doch auch in früheren Jahren schon oft gemacht und es ließ ihr Herz vor Freude hüpfen.

    Also drehte und tanzte sich die Nymphe anmutig im Takt der Musik über die Tanzfläche und achtete dabei nicht darauf, dass ein Stück der Tanzkarte aus ihrer Tasche lugte.

    Ganz in der Nähe der Musizierenden stand Amelie in ihrem nachtblauen Kleid, dessen Stoff ebenso aufgeregt zu funkeln schien, wie ihr Herz klopfte. Unter die für ein Fest typischen Düfte mischte sich heimlich der Geruch frischen Windes, der einen Hauch des Geruchs von salzigem Meerwasser um die Nase all jener wehte, die sich in Amelies Nähe befanden.

    In welcher Farbe ihre Karte sich präsentieren würde? Das wusste die Nymphe noch nicht. Seit sie den Umschlag in ihre zum Kleid passende Tasche hatte gleiten lassen, hatte sie diese nicht mehr hervor geholt. Noch immer war sich die Priesterin sicher, dass Shirashai die Geschicke bei diesem Tanz leiten würde.

    Tief durchatmend betrachtete Amelie die ebenfalls anwesenden Gäste, betrachtete deren Gewänder, lauschte dem Lachen, dem einen oder anderen Gesprächsfetzen und der Musik. Letztere schien nun darauf bedacht, die ersten Tanzpaare heran locken zu wollen und noch immer glitten Amelies Blicke über die Anwesenden, stets begleitet vom rhytmischen Pochen ihres Herzens.

    Auch Brennan schien die Antwort auf die Frage, was wohl Shirashai's Absicht war, nicht zu kennen. Wie auch? Die Wege und Pläne der Göttin waren nur schwer zu durchschauen, weshalb der Priesterin ein leises Seufzen über die Lippen huschte.

    An diesem Abend würden sie die Antwort auch ganz sicher nicht mehr erfahren. Nicht mehr gemeinsam. Denn Brennan verabschiedete sich. Es hatte ihn gefreut ... Ob Amelie das Selbe von sich sagen konnte? Dessen war sie sich selbst nicht so sicher.

    Aus diesem Grund verzichtete sie darauf, ihm zu anworten, ließ sich aber immerhin ebenfalls zu einem Lächeln herab.

    Dass sie sich wieder sehen würden, war dann wohl Gesetz. Sofern beide beabsichtigten, in nächster Zeit in dieser Stadt zu verweilen - und das hatte Amelie vor - war ein Wiedersehen ganz sicher unumgänglich.

    So lange sie den Umriss von Brennans Figur noch in der Dunkelheit erkennen konnte, blieb Amelie an ihrem Platz stehen und erst, als sie ihn nicht mehr sah, drehte sie sich um. Es wartete ihr hiesiges Zuhause auf sie.

    Der nachtblaue Stoff, der sich bis zum Boden fließend an die zierliche Figur der Nymphe schmiegte, funkelte wie die Sterne der Nacht, wie sie nur in Shirashais Palast zu finden waren. Dafür trugen zahlreiche Funkelsteine Verantwortung, die sorgfältig in Amelies Kleid verarbeitet waren.

    Ein Fest.

    Schon immer hatte Amelie es über die Maßen geliebt, unter Leuten zu sein. Spaß zu haben. Zu tanzen.

    Und so zeigte sich ein Lächeln voller Vorfreude in ihrem Gesicht, als sie ihren Umschlag entgegennahm. "Darum mache ich mir keine Sorgen", entgegnete sie auf den Hinweis, dass sie den Umschlag nicht verlieren sollte. Shirashai würde gewiss dafür sorgen, dass der richtige Tanzpartner sich finden würde. Und wenn nicht hier, an diesem Abend, dann ein anderes Mal zu einer anderen Gelegenheit. Aus diesem Grund ließ sie den ungeöffneten Umschlag auch sogleich in ihre Tasche gleiten, die kaum auffiel, war sie doch aus dem selben Stoff gearbeitet, wie der Rest ihres Gewandes.

    Mit einem dankenden Lächeln kehrte Amelie der jungen Frau den Rücken zu und sah sich um. Was - und wen - dieser Abend ihr wohl bescheren würde?

    Es waren nur drei Worte, die sie ausgesprochen hatte. Und doch schienen sie mehr als nur drei Worte zu sein. Sie schienen einiges ausgelöst zu haben.

    Amelie beobachtete, wie Brennans Blick auf dem Palast der Nacht ruhte. Nachdenklich vielleicht? Suchte er Antwort bei Shirashai? Doch dann trafen sich ihre Blicke abermals. Und was in diesen Augenblicken des gegenseitigen Begutachtens in seinem Kopf vorging, vermochte Amelie wenn überhaupt lediglich zu erahnen.

    Ging er der selben Frage nach, wie sie? Suchte er ebenfalls nach der Antwort, warum Shirashai sie beide wieder zusammengeführt hatte? Denn das war es, was Amelie ein weiteres Mal beschäftigte.

    Ihr Blick wanderte nun ebenfalls zu dem Palast, in dem das Abbild ihrer Göttin über die Nacht wachte. Was ist Euer Plan? Schickte die Priesterin in Gedanken ihre Frage an ihre Göttin in der Hoffnung auf Antwort. Ein Zeichen. Eine Erklärung.

    Und während sie diesen Gedanken nachhing, verringerte Brennan die Distanz zwischen ihnen und senkte seinen Kopf vor ihr.

    "Schatten über allem", antwortete sie und spürte gleichzeitig tief in sich hinein in Erwartung irgendeiner Erkenntnis. "Was ist ihre Absicht?", richtete sie ihre Frage mehr an sich selbst aber dennoch laut genug, sodass Brennan sie vernehmen könnte.

    Plötzlich war es Amelie egal, welche Pflanzen und Lebewesen an diesem Abend erwachten. Sie nahm nur noch ihren eigenen Duft nach Rosen wahr. Rosen, deren Dornen schmerzhaft die Haut durchbohren konnten, wenn ungeschützte Finger sie unvorsichtig umschlossen. Nur, dass die Nymphe diesen Schmerz nun nicht an ihren Fingern spürte sondern direkt in ihrem Herzen. Und eine Frage drängte sich ihr auf: Warum jetzt noch? Nach all der Zeit?

    Ihr erster Impuls war, ihm zornig zu widersprechen. Brennan blieben noch immer beide Optionen. Noch immer hatte er Shirashai. Und nun war auch sie, Amelie wieder hier. Vielleicht hätte sie damals, unter anderen Umständen nie diese Stadt verlassen? Vielleicht wäre sie mit ihm gegangen? Vielleicht wäre alles ganz anders geworden?

    Doch abrupt schüttelte Amelie ihren Kopf. Nicht, als Antwort auf Brennans Worte sondern als Reaktion auf ihre eigenen Gedanken. Das waren Spinnereien. Was wäre wenn, war ein Spiel, in dem sie nicht gewinnen konnte. Es war nun einmal anders gekommen und genau das war gut so.

    Ihr wurde klar, dass Brennan sie von sich gestoßen hatte. Und bei genauerer Betrachtung war Amelie viel zu stolz, ihren damaligen Gefühlen immer noch nachzuhängen. (Auch, wenn sie immer noch den Schalter suchte, mit dem sie diese ausschalten könnte).

    Also sah sie Brennan erneut an und nickte zustimmend. "Du hast Recht". Sie, Amelie hatte er verloren. Zwar wusste sie nicht, wie es inzwischen um seine Gefühle für sie stand aber ihren eigenen Gefühlen würde sie ihm gegenüber niemals mehr die Führung überlassen.

    Erfrischende Abendluft wehte durch Amelies dunklen Haare, sobald sie den Palast verlassen hatte und ein Blick zu Brennan ließ sie erahnen, dass er die Abenddämmerung genoss.

    Bei Amelie war es etwas anders. Sie wiederum war immer wieder aufs Neue von der Morgendämmerung fasziniert. Es war die Zeit, in der ein neuer Tag erwachte. Die Lebewesen erwachten aus ihrem Schlaf und die Vögel begannen damit, ihre Lieder zu singen.

    Doch Shirashai hatte sie im Laufe der letzten Jahre gelehrt, dass auch die Abenddämmerung eine Zeit des Erwachens war. Eine Zeit für andere Lebewesen. Denn auch nachts war Beleriar sehr wohl lebendig.Und so hatte Amelie im Laufe der Zeit alle Tageszeiten schätzen gelernt. Aber die Nacht war etwas ganz besonderes.

    Über die Schulter blickend, warf Amelie einen Blick zum Palast zurück, als sie sich Schritt für Schritt von diesem entfernte. Sie fühlte sich wohl im Dunkel der Nacht und konnte Brennans Worte keinesfalls nachvollziehen. Sie selbst konnte nämlich sehr gut da drinnen denken.

    Aber auch hier draußen wurden ihre Gedanken lebendig, als Brennan sie an diesen Abend im Park erinnerte. Ihr Blick schweifte ab, zu etwa jener Richtung, in die sie beide sich damals aufgehalten hatten. Sah ihre jüngeren Ichs vor sich, wie diese sich unterhielten. Fühlte eine große Sehnsucht, die ihr Herz ausfüllte.

    Bis Brennans Stimme sie wieder zurück holte. "Man muss sich nicht immer entscheiden", gab sie etws gekränkt zurück und entfernte sich ein paar Schritte. Er hätte beides tun können. Aber das hatte er nicht.

    Nachdem beide gemeinsam ihre Blicke für einen Moment auf die Statue der Shirashai gerichtet hielten, war es Brennan, der sich der Göttin zuerst abwandte.

    Amelie hörte seine Worte, den Blick weiterhin auf die Statue haltend und ließ sie sich durch den Kopf gehen.

    Langsam drehte die Nymphe ihren Kopf wieder zu ihm herum und sah ihn nachdenklich an. Blieb an eben jener Stelle stehen, während Brennan einen Schritt auf sie zu ging. Lächelnd. Und Amelie konnte nicht anders, als zurück zu lächeln.

    Bis er sich wieder von ihr abwandte und sich auf die Stufen zubewegte, die ihn nach draußen geleiten würden.

    Zögernd blieb Amelie stehen. Überlegte, ob sie ihm wirklich folgen sollte. Ihr Stolz hielt sie zurück. Sie würde ihm nicht hinterher rennen. Und dennoch ... Ein winziges Funkeln von Shirashais Augen, als sich ein Strahl des Mondlichts darin brach, ließ sie ihren Stolz hinunter schlucken. Vielleicht hatte Brennan recht? Womöglich steckte ein Plan dahinter?

    Also folgte sie ihm in Richtung des Ausgangs, in gespannter Erwartung, was wohl seine Absicht war.

    Immer mehr entdeckte Amelie den Mann, dem sie vor Jahren begegnet war.

    Seine Mimik war nun nicht mehr so steif wie noch vor wenigen Momenten. Seine Gestik. Seine Haltung. Ja ... Das war Brennan, den sie kannte. Und ein wenig amüsierte es sie immer noch, dass ihr Anblick ihn ein wenig aus der Bahn der geworfen hatte.

    So zumindest ihr Anschein.

    Nun lächelte auch sie wieder. Doch ihr Blick wanderte an Brennan vorbei. Betrachtete die Statue ihrer Göttin, die über sie zu wachen schien. Ob das Lächeln ihm galt oder ihr? Das wussten wohl nur die Sterne. Amelie nickte und fragte sich, zeitgleich, was wohl Shirashais Plan sein mochte.

    An Zufälle glaubte sie nicht. Nicht mehr. "Ich denke, alles, was geschieht hat seinen tieferen Sinn", murmelte sie leise, die Augen immer noch nachdenklich auf Shirashais Abbild gerichtet.

    Es bedurfte keines Blickes über die Schulter um zu spüren, dass Brennan es ihr gleich tat und hinter ihr durch den Tempel wandelte.

    Und auch, wenn es den Anschein hatte, sie würde sich nicht weiter um ihn scheren, hörte sie Brennans Stimme nur zu deutlich. Jedes seiner Worte wurde von ihr wahrgenommen. Er war ebenfalls nicht hier gewesen. Einige Jahre ... Diese Worte hallten in ihrem Kopf wider und machten ihr bewusst, wie lange es tatsächlich schon her war. Eine Zeit, in der auch sie unterwegs war. Nicht nur an dem Ort, den sie einst ihre Heimat nannte. Amelie war in dieser Zeit viel rum gekommen. Hatte vieles gesehen und ... gelernt. Und nun war sie wieder hier. In der Stadt, in der sie ihren Weg gefunden hatte. Auch, wenn dieser Weg sie wieder weg geführt hatte, war sie nun doch wieder hier.

    "Shay'vinayar", erinnerte sich Amelie. "Die Stadt, in der man Vögel züchtet und in Käfige sperrt". Wie sollte sie das jemals verstehen?

    Seine Schritte hinter ihr verhallten in der Dunkelheit. Brennan war scheinbar stehen geblieben. Amelie tat es ihm gleich und drehte sich zu ihm herum. Wenn sie sich jemanden als Priester der dunklen Göttin vorstellen könnte, dann wäre es Brennan. Doch er hatte ihr soeben erzählt, dass er sich genau gegen diesen Weg entschieden hatte. Sie fragte sich warum, stellte ihm diese Frage jedoch nicht. "Und dennoch hat dich dein Weg wieder hier her geführt", stellte sie lediglich fest. Mit einem Arm vollführte Amelie eine anmutige Geste durch die diamantschimmernde Nacht des Tempels.

    Da war er fast wieder. Der Brennan, der ihr einst vertraut gewesen war. Aber war er das jemals wirklich gewesen? Vertraut? Ihr wurde klar: Sie wusste nichts über ihn. Was über die Zeit hinweg in seinem Leben geschehen war. Und sie bezweifelte, dass sie überhaupt jemals gewusst hatte, wer Brennan wirklich war.

    Amelie behielt die Distanz aufrecht. Verschränkte Arme und ein empor gerecktes Kinn machten eine gewisse Unnahbarkeit deutlich. Sein Lächeln erwiderte sie nicht.

    "Wie könnte ich dich jemals vergessen?"

    Und auch, wenn diese Worte es scheinbar vermuten lassen konnten, so waren sie eines ganz sicher nicht: Schwärmerei. Und dennoch: Während sein Blick sie nur kurz bedachte, verloren sich ihre eigenen Augen viel zu lange in den Seinen. Und als ihr eben jenes bewusst wurde, wandte sie sich ab und begann damit, mit leisen Schritten über den marmornen Boden zu gehen. "Und du? Warst du die ganze Zeit über hier?" Auf sein Kompliment - falls es denn eines gewesen sein sollte - ging sie nicht ein.

    Und sie kannte die Gestalt, die sich vor ihr aus den Schatten löste, in der Tat. Es war Brennan. Mehrere Atemzüge lang ruhte ihr Blick auf ihm. Seinem schwarzen Mantel, seinem Gesicht. Seiner Haltung. Ja ... Er war es. Und irgendwie war er es auch nicht. Brennan wirkte unsicher, wie sie ihn noch nie vor sich gesehen hatte. Worte wollten kaum über seine Lippen. Das war neu. Kannte sie ihn doch vielmehr als redegewandten Mann.

    Aber Amelie wurde eine Sache bewusst: auch sie hatte sich verändert. War reifer geworden und trug Shirashais Segen tief in ihrem Herzen. Und so gelang es ihr nicht, zu verhindern, dass ein Lächeln ihre Lippen umspielte. Kein freundliches Lächeln. Eher ein amüsiertes. "Es ist lange her", sprach sie mit einer Stimme, die sich perfekt in die Stille des Palastes einfügte. Es war viel passiert in der Zeit, in der sie sich nicht gesehen hatten. Und scheinbar hatte auch Brennan sein Leben weiter geführt.

    Amelies Blicke betrachteten sein Gesicht. Älter geworden aber nicht weniger attraktiv. Bei den Schatten! Noch immer schaffte er es mit seiner bloßen Anwesenheit, ihr Blut in Wallung zu bringen. Doch Amelie gab sich die beste Mühe, sich dies nicht anmerken zu lassen. Also fasste sie sich schnell wieder und begegnete seinem Blick mit ausdrucksloser Miene.

    "Warum so verwundert?", wollte sie dann wissen.