Da hatte Elaya wohn nicht ganz unrecht. Navon ließ den Blick für einen Moment an seiner eigenen Kleidung hinabwandern und musste ihr zumindest im Stillen zugestehen, dass unauffällig heute tatsächlich nicht die beste Beschreibung für ihn war. Für das Frühlingsfest hatte er schließlich zu den besten Stücken gegriffen, die seine Truhe hergab. Kleidung, die er sonst besonderen Anlässen vorbehielt oder jenen Gelegenheiten, bei denen es von Vorteil war, einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen. Im gewöhnlichen Alltag bevorzugte er es deutlich schlichter und vor allem praktischer. Auf seinem Hof hätte er mit silbernen Ornamenten und einem feinen Gehrock vermutlich ohnehin nur dafür gesorgt, dass seine Leute sich fragten, ob er sich den Kopf angeschlagen hatte. „Dann lag der Fehler wohl in meiner Vorbereitung“, stellte er mit einem bedauernden Seufzen fest. „Hätte ich gewusst, dass ich mich heute als Euer Schatten beweisen muss, hätte ich mich selbstverständlich angemessener gekleidet.“ Das Lächeln, das daraufhin über seine Lippen huschte, verriet allerdings, wie wenig ernst er seine eigene Klage nahm. Ohnehin gefiel ihm dieser kleine Schlagabtausch inzwischen viel zu gut. Elaya schien mindestens ebenso viel Vergnügen daran zu haben, seine Bemerkungen aufzugreifen und ihm etwas Passendes entgegenzusetzen. Genau diese Leichtigkeit war es, die Navaron an solchen Abenden mochte. Er kam schließlich nicht auf ein Frühlingsfest, um mit ernster Miene am Rand zu stehen und darauf zu warten, dass die Stunden verstrichen. Davon gab es im gewöhnlichen Leben bereits genug. Und Elaya machte es ihm ausgesprochen einfach, den Alltag für einige Stunden Alltag sein zu lassen.
Als sie nach seiner vermeintlichen Unterstellung die Hand an ihre Brust legte und ihn ansah, als hätte er sie mit seiner Frage zutiefst in ihrer Ehre verletzt, musste Navaron sich merklich zusammenreißen, nicht unmittelbar zu lachen. Sie verstand es wirklich, etwas darzustellen. Vermutlich kam ihr das auch bei ihren Auftritten zugute. Wie viel davon gerade gespielt war, ließ sich allerdings kaum übersehen. Zumindest glaubte Navaron inzwischen oft genug, dieses amüsierte Funkeln in ihren grünen Augen gesehen zu haben, um es wiederzuerkennen. Was Elaya tatsächlich ernsthaft verärgern konnte, wusste er hingegen nicht. Dafür kannten sie einander noch nicht lange genug. Und auch wenn er gerne mit ihr scherzte, hatte er wenig Interesse daran herauszufinden, wo diese Grenze lag, indem er sie versehentlich überschritt. Bei diesem Thema schien er davon allerdings noch ein gutes Stück entfernt zu sein.
„Mitnichten würde ich Mylady etwas derartiges unterstellen“, erklärte er daher mit ausgesuchter Ernsthaftigkeit. Navaron stellte sein Glas etwas zur Seite und legte sich eine Hand auf die Brust, während sein Gesicht einen Ausdruck ehrlicher Reue annahm – oder zumindest etwas, das wohl ehrliche Reue hätte darstellen sollen. Das leichte Zucken seiner Mundwinkel machte die Wirkung allerdings ebenso zunichte wie das verräterische Blitzen seiner silbergrauen Augen. „Es war lediglich eine vollkommen harmlose Frage, die sich mir aufgedrängt und meine Zunge bedauerlicherweise schneller verlassen hat, als mein Verstand darüber philosophieren konnte, ob ich Euch damit womöglich zu nahe trete." Seine Stimme nahm mit jedem Wort einen noch bedauernderen Tonfall an, bis er schließlich sogar eine tiefe Verbeugung vor Elaya vollführte. „Mylady wird mir diese unverzeihliche Frechheit hoffentlich dennoch verzeihen und sie mir nicht bis ans Ende meiner Tage nachtragen?“ Noch während er den Kopf wieder hob, begegnete er ihrem Blick und konnte die gespielte Reue endgültig nicht mehr aufrechterhalten. Ein breites Grinsen trat an ihre Stelle, während Navaron sich wieder aufrichtete. „Zumal Ihr natürlich vollkommen recht habt“, fügte er versöhnlich hinzu und griff wieder nach seinem Wein. „Ohne Eure gewissenhafte Prüfung hätte ich womöglich irgendeinen schweren Wein bekommen und wäre nun gezwungen, aus reiner Höflichkeit zu behaupten, dass er mir schmeckt.“ Er hob das Glas anerkennend in ihre Richtung. „Eure Opferbereitschaft soll also nicht unbeachtet bleiben.“
Als Elaya allerdings erklärte, über die genaue Anzahl ihrer bisherigen Empfehlungen lieber schweigen zu wollen, hob Navaron vielsagend die Augenbrauen. Einen Augenblick betrachtete er sie schweigend, ehe ein leises Lachen aus seiner Kehle drang. „Natürlich“, versicherte er ihr. „Ich verstehe vollkommen. Manche Geheimnisse sollten schließlich wohlbehütet bleiben.“ Er würde ohnehin nicht weiter nachhaken. Wie viele Gläser Wein Elaya an diesem Abend bereits getrunken hatte, ging ihn schließlich nichts an. Solange sie noch derart schlagfertig vor ihm stand, schien zumindest kein Grund zu bestehen, sich darüber Gedanken zu machen. Ihre nächste Frage brachte ihn allerdings selbst dazu, kurz innezuhalten. Navaron sah auf sein Glas hinab, als könnte der helle Wein darin ihm eine verlässliche Antwort liefern. „Das ist eine ausgesprochen gute Frage.“ Wie viel brauchte es eigentlich, bis aus einem unauffälligen Schatten ein ausgesprochen auffälliger wurde? Er trank einen weiteren Schluck und zuckte schließlich mit den Schultern. „Vermutlich reichen dafür bereits drei Gläser“, gestand er ohne große Scham. „Vielleicht vier, wenn ich vorher etwas Vernünftiges esse.“ Er grinste. Navaron hatte nie einen besonderen Ehrgeiz darin entwickelt, große Mengen Alkohol vertragen zu können. Natürlich trank er gelegentlich Wein oder Bier, aber sich gezielt bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken, hatte für ihn wenig Reiz. Er mochte es, Herr seiner eigenen Sinne zu bleiben. Außerdem hatte er oft genug erlebt, wie schnell aus einem ausgesprochen angenehmen Menschen nach zu viel Alkohol ein ziemlich anstrengender werden konnte.
„Keine Sorge, den Weg nach Hause würde ich vermutlich trotzdem noch finden“, erklärte er und warf Elaya einen belustigten Seitenblick zu. „Allerdings dürfte meine Kleidung dann das Einzige an mir sein, das noch irgendeinen Anspruch auf Eleganz erheben kann.“ Für einen Moment stellte er sich diesen Anblick tatsächlich vor und schüttelte amüsiert den Kopf. Vielleicht war es besser, wenn es bei der Vorstellung blieb. „Ich fürchte also, mein Dasein als würdevoller Schatten wäre spätestens dann beendet.“ Navaron hob das Glas erneut an die Lippen, hielt jedoch kurz davor inne. Langsam wanderte sein Blick zurück zu Elaya. Das Grinsen auf seinem Gesicht bekam wieder etwas Herausforderndes. „Aber nachdem Ihr offenbar über deutlich mehr Erfahrung mit diesen gewissenhaften Qualitätsprüfungen verfügt als ich…“ Er ließ die Worte einen Augenblick wirken. „Wie steht es denn mit Euch?“ Seine Brauen hoben sich leicht. „Muss ich damit rechnen, dass Ihr mich ohne jede Mühe unter den Tisch trinkt? Oder gehört das ebenfalls zu jenen Geheimnissen, über die Ihr lieber schweigt?“