- Alaneya -

Es gibt kaum einen Tag, an dem die Sonne nicht auf Alaneya scheint und ihre Bewohner mit ihren Strahlen wärmt. Das Meer umgibt die Insel mit seinem warmen Wasser und sorgt für eine salzige Brise, während sich das Land dahinter mit seinen hohen Gebirgszügen auftürmt, auf denen es stets ein wenig windig ist. Zwischen den Bergen erheben sich die Städte und Dörfer auf Alaneya, wobei die Hauptstadt Calunis mit ihren Marmorstatuen berühmter Syreniae und den hoheitsvollen Gebäuden wohl gleichzeitig Blickfang und Herz der Insel ist. Eine Position, die ihr von der aufstrebenden Hafenstadt Enymia streitig gemacht werden soll, die sich durch ihren florierenden Handel mit den Waren der Insel einen Namen gemacht hat.
Alaneya ist bekannt für das saftige Obst und die nicht weniger saftigen Oliven die hier wachsen, ebenso für die Erzeugnisse aus der feinen Milch der Schuppenhornziege, die hier ansässig ist und einen Großteil zur Ernährung der Bevölkerung beiträgt.
Dabei sind Calunis und Enymia einander ständig ein Stachel im Fleisch des anderen und es besteht eine regelrechte Konkurrenz zwischen den Bewohnern beider Städte und den zugehörigen Dörfern.
Die Insel Alaneya, Heimat der legendären Syreniae, gehörte vor dem Untergang zwar offiziell Beleriar an, jedoch hat sich der hohe Rat von Alaneya niemals den wechselnden Herrschern Beleriars unterworfen. Schließlich lehnen die Syreniae jegliche Art eines alleinigen Herrschers ab und stützen ihre Gesellschaft darauf, daß jedes Wesen den anderen gleichgestellt ist.
Seit dem Untergang Beleriars ist Alaneya weitestgehend autark und niemand hat jemals wieder einen Anspruch auf die Herrschaft über die Syreniae erhoben. Den geflügelten Wesen hätte demzufolge kaum etwas Besseres geschehen können, bleiben sie jedoch am liebsten unter sich und dulden keine Einmischung in ihr Leben - besonders wenn diese Einmischung von Wesen erfolgt, die keineswegs (aus Sicht der Syreniae) die Eignung dazu besitzen.
Jeder, der in den Augen des Volkes die Befähigung und das Vertrauen der anderen besitzt, kann in den hohen Rat von Calunis gewählt werden und dort die Geschicke der Insel mitbestimmen, die allgemein durch öffentliche Abstimmungen entschieden werden. Dabei hat ein Mitglied des Rates, von denen es immerhin 50 gibt, allerdings stets die Pflicht, zuvor den Willen des Volkes zu erfragen und in dessen Sinne abzustimmen. Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, daß nicht jedes der weiß gewandeten Ratsmitglieder wahrhaftig keine niederen Motive besitzt, die den eigenen Vorteil über das Wohl der Allgemeinheit stellen. Wenn der Rat also in dem offenen Rund der von Säulen umgebenen Enaximora Acarina (Quelle des reinen Wortes) zusammentritt, die für alle Bürger der Insel offen steht, ist keineswegs sicher, daß alles mit rechten Dingen zugeht.
Ein wenig anders sieht das Geschehen in Enymia aus, denn hier besteht der Rat nur aus den Adeligen der Stadt und umfasst 20 Mitglieder der wichtigsten Familien. Zwar sollen auch diese das Vertrauen des Volkes genießen, doch viel mehr als in Calunis wird in der Enaximora Acarina von Enymia nach dem Willen der Familien entschieden, was für Calunis ein ständiger Dorn im Auge ist.
Doch genug der Politik und ihrer Verwicklungen - Alaneya hat weitaus mehr zu bieten als den hohen Rat und die Gleichheit ihrer Bürger. So gilt die Insel als ein Hort des Wissens und der Behütung des selbigen. Die Bildung ist den Syreniae überaus wichtig und sie halten ihre Schulen in Ehren und sind stolz auf sie, ebenso wie sie stolz auf besonders gute Leistungen ihrer Kinder sind. Eine Auszeichnung ist schließlich etwas, das die Augen eines jeden Syrenia zum leuchten bringt. Dummheit und Unwissen jedoch gehört für sie zu den größten Lastern, für die es keine Entschuldigung gibt.
Die Bibliothek des verlorenen Wissens von Calunis ist auf Niel'Anor in aller Munde und sie ist folglich der Ort, den die Niel'Anorer bereisen, wenn sie nach verloren geglaubtem Wissen suchen. Von diesem Ort aus strömen die so genannten Bewahrer in die Welt hinaus - jene Syreniae, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, nach alten Mythen zu forschen und dieses schließlich in der Bibliothek zu sammeln. Das große Gebäude aus weißem Marmor mit seinen erhabenen Säulen wirkt dabei nicht selten wie ein Bienenstock, in dem emsig gearbeitet wird. Der Geruch nach Pergament und Tinte ist allgegenwärtig und man kann förmlich das eifrige Kratzen der Federn über das Pergament hören, wenn man einen seltenen Moment der Ruhe erwischt. Kaum ein Ort beherbergt mehr Bücher und Schriftrollen als dieser und selbst die Bibliotheken von Adnorus, die als die größten Bibliotheken Niel'Anors gelten, können es mit diesem Ort nicht aufnehmen.
Jeder Syreniae hält viel auf seine Gelehrtheit und so mag es nicht verwunderlich sein, daß kein Syreniae an der Existenz von Beleriar und Nir'alenar zweifelt. Dies wird allein schon durch ihre Nähe zu der Insel sichergestellt - und durch die Tatsache, daß einige der ältesten Syreniae sich noch allzu gut an den Tag erinnern können, an dem sich das Meer aufgebäumt hat, um Beleriar zu verschlucken.
Doch bei aller Gelehrtheit vergessen die Syreniae nicht die Freude am Leben und an ihrer größten Leidenschaft, der Musik. Wer durch die Straßen von Calunis wandert, wird demzufolge nicht nur die hohen, weißen Marmorgebäude mit ihren hohen Säulen und die blühend weiß gekalkten Häuser der einfacheren Bewohner der Stadt sehen, sondern bei diesem Rundgang auch ständig von Musik begleitet werden.
Jedes Instrument das man sich vorstellen kann, wird auf Alaneya gebaut und nirgends weist man eine größere Meisterschaft darin auf. Barden und Zaubersänger als allen Teilen der Welt reisen zur Insel der Syreniae, um sich dort ihr Instrument nach ihren Wünschen von einem der Meister bauen zu lassen und die Wartelisten sind lang. Besonders der Meister der Töne, Aradnyar Arassia, ist hier in aller Munde und wer ein Instrument von ihm erhält, kann sich sicher sein, daß er niemals mehr ein Besseres finden wird. Allerdings sollte man es gut behüten, denn Aradnyar wird niemals für das gleiche Wesen zweimal arbeiten.
So berühmt ist das Werk des Syrenia, daß es vielerlei Versuche gibt, seine verschlungene Signatur nachzuahmen oder die eigene täuschend ähnlich an die Seine anzupassen. Doch dies alles hilft nichts, wenn man den Meister selbst darum bittet, sein Werk zu identifizieren, denn er erkennt seine Arbeit an einem einzigen Ton, der darauf gespielt wird.
Natürlich gibt es unter den Syreniae eine große Menge an Zaubersängern, die sich entweder an den großen Akademien von Calunis, Enymia oder in den Häusern ihrer Meister auf den Dörfern aufhalten. Allerdings wird hier kein Angehöriger eines anderen Volkes angenommen, da die Syreniae der Ansicht sind, daß es niemand eine reinere Stimme haben kann als ein echter Syrenia und es nicht der Mühe wert ist, einen anderen auszubilden. So bleibt die große Halle der erhabenen Melodie mit ihren Wundern allen anderen verschlossen.
Allerdings kann es nicht schaden, in diesem Fall den Windsee aufzusuchen, der verborgen am Fuße der Sonnenberge liegt. Denn einer Legende zufolge lebt in den Wassern des Sees eine geheimnisvolle Wesenheit, die jenen, denen sie erscheint die lieblichste Stimme verleiht, die man jemals auf Niel'Anor vernommen hat. Man munkelt jedoch auch, daß sie dafür eine Gabe verlangt, die überaus grausam sein kann. Es gibt momentan keinen lebenden Syrenia, der sie wirklich einmal zu Gesicht bekommen hat - ein kleiner Trost mag sein, daß das Trinken des klaren Wassers für eine begrenzte Zeit ebenfalls eine zauberische Stimmen verleihen soll. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß dies Nebenwirkungen haben kann.
Ja, Alaneya ist sicherlich einen Besuch wert und allein der Anblick der bunt gefiederten Syreniae am Himmel über der Insel kann atemberaubend wirken. Wer sich allerdings von der Idylle der weiß gekalkten Häuser inmitten der Gebirgslandschaft täuschen lässt, wird überrascht sein, dahinter doch der Arroganz eines Syreniae zu begegnen. Selbst in den Dörfern tritt man Fremden gegenüber ein wenig herablassend auf, denn welcher Syrenia ist schon nicht vollkommen von seiner Person überzeugt und lässt dies die anderen spüren? Allerdings ist es hier ebenso spürbar, daß Alaneya sich gegen den Fortschritt verschließt, da es sich zu sehr auf sich selbst konzentriert und dabei die restliche Welt außer Acht lässt.

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