- Moravon, die Herrin der Traumlande -

Die Götter mögen allmächtig erscheinen und das Leben der Wesen Niel'Anors bestimmen wie der Puppenspieler die Handlung seiner Marionetten bestimmt. Doch es gibt einen Bereich, auf denen sie bei all ihrer Macht keinen Einfluß nehmen können - denn keiner von ihnen kann darüber entscheiden, wann ein Leben gelebt ist und wann es Zeit wird, Abschied zu nehmen. Zwar mögen sie ein Wesen auf direktem Wege töten können, wenn es das Schicksal so will - aber es ist ihnen niemals möglich, Leben auf natürlichem Wege zu beenden.
Diese Aufgabe obliegt allein Moravon, der Herrin der Traumlande, Herrin der Zeit, auch Wächterin der letzten Flamme genannt. Niemand weiß, woher Moravon gekommen ist, denn die Götter haben diese Wesenheit nicht erschaffen. Auch ist sie keine Göttin, obgleich sie über Macht verfügt, über die kein Sterblicher gebieten kann. Die Richterin über Leben und Tod betrat Niel'Anor in jenem Moment, als Arydnea und Berenëus die Zeit erschufen und seitdem gebietet sie darüber.
Moravon kennt das Schicksal eines jeden Wesens auf Niel'Anor und sie wacht darüber, daß es sich erfüllt. So hütet sie in ihrem Palast, meist als Hort des Schicksals bezeichnet, obgleich sein Name Aranaye lautet, die Flammen des Lebens, jene unzähligen hellen, bläulich leuchtenden Feuer, die in steinernen Gefäßen brennen und von denen ein jedes für ein Wesen dieser Welt und sein Leben steht. Manche von diesen Flammen brennt hoch und hell, während andere langsam zu flackern beginnen und schließlich immer schwächer und kränklicher werden, um am Ende zu erlöschen. Nur ein dünner Faden aus grauem Rauch bleibt dann bestehen, der sich schließlich mit dem Wind verbindet und davongetragen wird. Das steinerne Gefäß bleibt leer zurück, wenn sich ein Schicksal erfüllt hat. Doch schon bald darauf, wenn ein neugeborenes Wesen seinen ersten Schrei ausstößt, flackert eine neue, helle Flamme hoch auf und markiert den Beginn eines neuen Lebens, eines neuen Schicksalsweges, der beschritten werden muss.
Oft streift die Herrin der Traumlande zwischen den runden Gefäßen einher, verharrt für einen Augenblick lächelnd bei einem neuen Feuer und betrachtet es, oder vergießt eine Träne an einer erlöschenden, um damit das letzte Flackern zu besiegeln.
Wenn die Seele schließlich den Weg in die Traumlande antritt, segelt Moravon selbst mit einem Schiff über den See des Lebens, in dessen Mitte ihr Palast liegt, um die Seele sicher an ihren Bestimmungsort zu geleiten. Dabei ändert sich jedoch die Form des Schiffes, je nach dem Stand und dem Lebenswerk seines Passagiers. Dabei ist es jedoch schon geschehen, daß Moravon einen Bettler auf einem königlichen Schiff in die Traumlande gebracht hat, einen König jedoch auf einem unbequemen Boot, das kaum mehr seetüchtig erschienen ist. Denn Moravon richtet niemals nach Wohlstand und Würden, sondern allein nach seinen Taten.
Nachdem das Schiff an Moravons Palast angelegt hat, nimmt sie die Seele des Verschiedenen schließlich mit in ihren Richtsaal, wo sie sich auf ihrem großen Thron aus schwarzem Stein niederlässt und dem Toten sein Leben aufzeigt. Am Ende schließlich unterzieht sie ihn einer Prüfung, die darüber entscheidet, durch welches der Portale er sein Nachleben antreten wird. Wer seine Sünden aufrichtig erkennt und bereit, darf durch das Portal in die Traumlande eintreten, in denen es nur Freude und Sorglosigkeit gibt. Wer dagegen mit Ignoranz und Hochmut durch die Prüfung geht, dem öffnet sich das Portal, das in die Schatten des Vergessens führt. An einen wüsten, leeren Ort an dem es keine Freude mehr gibt, keine Schönheit und nichts, was an der frühere, angenehme Leben in Luxus erinnert. Zunächst mögen die Schatten auf eine trügerische Art und Weise genau das zeigen, was der Verstorbene erwartet. Doch kaum hat er sich darin niedergelassen, zerfallen seine eigenen Träume zu Staub und lassen ihn allein in der Einsamkeit zurück. Wer nun doch noch scheinbar bereuen möchte, dem bleibt jedoch nur der Einblick eines sich schließenden Portals, das bald darauf verschwunden ist. Vielleicht gibt es irgendwann noch einmal eine Gelegenheit für ihn, seine Sünden zu bereuen und wiedergeboren zu werden. Allein Moravon entscheidet darüber und obgleich sie sich jedes Gesuch anhören wird, so obliegt die Entscheidung darüber ihrem eigenen Ermessen. Niemand könnte schließlich unbestechlicher sein als die Herrin über Leben und Tod.
Nicht selten geschieht es, daß ein Mutiger oder Verzweifelter Moravon aufsucht, um einen letzten Blick auf jemanden zu erhaschen, dessen Leben gelebt ist und manchmal erfüllt Moravon seinen Wunsch - jedoch niemals, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen. Nur wenige Male ist es bisher geschehen, daß sie einen Toten wieder in das Leben zurückgerufen hat, da sein Schicksal noch nicht erfüllt war und jene, denen es vergönnt war, Moravon zu Lebzeiten zu sehen oder ihr Reich zu verlassen, hatten eine wichtige Rolle in der Geschichte Niel'Anors zu spielen.
Manchmal gehören selbst die Götter zu den Gästen der Herrin der Zeit - und manchmal nehmen sie gar die Stellung eines Bittstellers ein, der Moravon davon überzeugen möchte, das Schicksal eines Wesens zu ändern. Doch selbst die Bitten der Götter erhört Moravon nicht immer - und niemals gewährt die Herrin der Traumlande mit der marmornen Haut, die alterslos zu sein scheint und dem schwarzen Haar, das wie eine Schleppe hinter ihr über den Boden schleift, eine Gnade ohne dafür etwas zu verlangen. Wer sie also um etwas bitten möchte, sollte sich immer des hohen Preises bewusst sein.

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