Zirkus Ophidian
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Wer das Gelände von Ophidian betritt, lässt die vertraute Ordnung von Nir’alenar hinter sich. Es riecht nach einer widersprüchlichen Mischung aus süßem Popcorn, feuchtem Sägemehl und dem scharfen, animalischen Geruch der Tigergehege. Über allem liegt jedoch eine Note von schwerem, fast betäubendem Weihrauch, den Valeska in silbernen Schalen brennen lässt. Der Boden ist bereits mit zahlreichen Trampelpfaden und Brettern versehen damit es nicht allzu matschig wird, falls es einmal regnet.
Das Gelände teilt sich in folgende Bereiche auf:
Artistenviertel:
Über 20 bunt bemalte Wagen sind dort zu sehen. Die Farben sind von den vielen Reisen verblichen. Zwischen den Wagen sind Wäscheleinen gespannt, an denen geflickte Strumpfhosen und glitzernde Kostüme hängen. Ein überbreiter Wagen mit ausklappbarer Veranda dient als Gemeinschaftswagen. Etwas abgelegen befindet sich der Wagen für den Schmied, der die Reifen und Käfigstangen repariert. Auch die Schneiderin hat ihren eigenen Wagen und ist lange Zeit damit beschäftigt die Kostüme zu basteln und schweren Samtvorhänge zu flicken.
Der Tierbereich:
Hier befinden sich die Raubtierkäfige. Ausgemergelte Löwen und Tiger gehen dort rastlos auf und ab. Ein großer Elefant befindet sich direkt daneben, er hängt an einer schweren Kette, wiegt sich monoton hin und her. Es gibt auch eine Pferdekoppel, wo sich die stolzen Schimmel der Kunstreiter befinden. Diese sind die noch am besten gepflegten Tiere. Etwas abseits der anderen Tiere befindet sich ein kleiner unscheinbarer Wagen. Dieser ist meistens abgedeckt, um Neugierige fern zu halten. Dort befindet sich offiziell jenes Wesen das als Exponat bezeichnet wird. Ein geflügelter Affe, die große Attraktion.
Das Hauptzelt mit dem großen Dach befindet sich in der Mitte des Geländes. Hier finden die Vorführungen statt. Etwas weiter oben ist der Kassenwagen, links daneben Mordecais schlichter Archivwagen und rechts Valeskas Prunkwagen, die in vollkommenen Widerspruch zueinander stehen.
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Der Geruch des Rauches aus den Feuerschalen ließ Nevio daran zweifeln, ob ein Versprechen, dass er im tückischen Wirbel einer trunkenen Nacht gegeben hatte, so eine kluge Idee gewesen war. Seine Nase war empfindlicher als die normaler Menschen und hier herrschten ungemein viele Gerüche, die er nichteinmal alle einzuschätzen wusste.
Zum Glück hatte er genug Zeit gehabt um seinen Rausch auszuschlafen.
*Dort suchen sie immer Arbeiter! Ehrliche Arbeit und ehrlicher Lohn!* hatte ihm der glatzköpfige beleibte Mann mit der bunten Weste vielfach versprochen und ihn nach einigen Runden Würfelspiel und mehreren gelehrten Krügen das Versprechen abgerungen auf jedenfall einmal vorbeizukommen. Tatsächlich nur, hatte er nie wirklich erwähnt, was ihn dort im Künstlerviertel so erwarten könnte.
*Du weisst es wennstes siehst!* hatte er gesagt und weil Nevio die Arbeit weniger scheute, als ein Versprechen zu brechen, hatte er sich doch gegen frühen Abend auf den Weg ins Künstlerviertel gemacht.
Nicht, dass ihm " Zirkus" so ein Begriff gewesen wäre. Er kannte nur die üblichen Jahrmärkte der reisenden Händler und für soetwas hielt er es zunächst auch. Das Absurdeste daran erschien ihm das riesige Zelt, das das Herzstück des ganzen Lagers bildete.
Ob dort drinnen Händler ihre Ware aufgebaut hatten? Noch ahnte er nicht, welches Ausmaß diese Zunft angenommen hatte, dass er relativ naiv glaubte dies wäre ein reiner Zusammenschluss aus Straßenkünstlern und Händlern mit besonderen Waren die es auf dem Land nicht gab.
Argwöhnische Augen schienen seinen Weg zu begleiten, während der Seelenwandler recht uneingeschüchtert mit seiner ganzen Habe, bestehend aus einem Rucksack und einer Wolldecke, das Lager betreten wollte. Nur das Eichhörnchen das die vielen Raubtiere zu wittern schien, verkroch sich vorsorglich in sein Hemd. Sein Schweif, legte sich wie ein plüschiges Schmuckstück um seinen Hals. Mit der gesunden Neugierde eines jungen Mannes der die Besonderheiten dieser Welt dennoch. wie die seltenen Momente genoss, sah er sich im Lager um.
Die Tiere sah er wohl zum Glück noch nicht. Ein Wildschein oder Rehe.. Wölfe oder dergleichen hätte er wohl sofort erkannt. Der Geruch der Pferde war in einer Stadt allgegenwärtig, dass ihn das nicht abschreckte weiter nach jenem Mann zu suchen, der ihm Arbeit versprochen hatte.
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„Zehntausend Golddukaten, Mordecai. Eine hübsche Summe für ein Luftschloss. Aber sagt mir: Wer in Nir´ alenar würde sie dir anvertrauen? Die Stadt investiert lieber in Fackeln und Heugabeln, als einem „Nekromanten“, der seine eigenen Kinder … nun ja … verwertet hat.“ Der Corvae blieb ruhig. „Die Gerüchteküche ist in der Tat … kreativ, Prinzipalin. Man wundert sich beinahe, wer die Zeit findet solch detaillierte Märchen zu verbreiten. Noch dazu gerade dann, wenn ich kurz davor bin die letzte Rate einzutreiben...“ „Mein lieber Rabe... die Leute lieben spannende Geschichten über … Ungeheuer. Hast du gesehen, wie sie zittern, wenn du vorbei gehst? Wer würde schon Eintritt zahlen um einen reumütigen Buchhalter zu sehen?“ Mordecai nahm es zur Kenntnis. Ungerührt nahm er sein Monokel ab und wischte es präzise mit einem Taschentuch ab. „Sind wir nun so tief gesunken, Valeska? Du stilisierst deinen eigenen Schatzmeister zum Kindermörder, nur um den Freikauf zu verhindern. Du hast Gift in den Brunnen gegossen, aus dem wir beide trinken. Ich frage dich, ist es das wirklich wert?“
Ein schauriges Lächeln huschte über die Lippen der Rothaarigen. Sie lehnte sich auf den gepolsterten Sessel ihres Prunkwagens zurück und zog an ihrer mit Stiel verlängerten Zigarre. „Hach … vielleicht gefällt mir ja der Gedanke, dass sie sich vor dir bekreuzigen. Es hält sie davon ab Fragen zu stellen...“ Sie machte eine kurze Pause. „Betrachte es als Schutzmaßnahme. Sölvi bleibt genau dort, wo sie am Nützlichsten ist! Oben im Gebälk. Und du? Solltest dich besser vorsehen meine Großzügigkeit nicht über zu strapazieren.“
„Du spielst mit dem Feuer“, sprach er in dunklen Ton und fixierte ihren Blick. Valeska sah ihm an, den bläulichen Rauch ihrer Zigarre ihm entgegen wehend. „Ich spiele nicht mit dem Feuer... ich besitze es. Du bist nichts weiter als ein Docht, den ich nach Belieben kürzen kann. Und nun geh schon … die nächste Vorstellung wartet nicht auf einen Buchhalter, der mit seinem Gewissen ringt.“ „Wie ihr wünscht... Prinzipalin!“ Mordecai warf dem Rotschopf noch ein freudloses Lächeln zu, ehe er den Prunkwagen seiner Vorgesetzten verließ.
Seine Schritte scharrten leicht auf den Holzdielen. Sein Notizbuch hielt er noch in seinen Händen, ehe er es in seinen Mantel verstauchte und seinen Hut zurecht rückte. Gerade wollte er sich wieder zurück in seinen Archivwagen begeben, als eine andere Präsenz seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war ein junger Mann mit einem Rucksack und einer Decke, der so ganz und gar nicht in das Ambiente des Zirkus passte. Viel zu unschuldig, wirkte er. Ein gefundenes Fressen für eine abgebrühte Prinzipalin. So näherte er sich ihm mit einer gewissen Zielstrebigkeit.
„Das Kassenhaus für Schaulustige befindet sich da drüben, junger Mann.“, sprach er ihm ein wenig schnippisch, fast so als wäre er in Eile an, während er mit seinen behandschuhten Finger auf die entsprechende Richtung zeigte, in der Hoffnung damit würde sich die Sache erledigen. Bis zur nächsten Vorstellung würde es noch eine Weile dauern.
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Natürlich hatte es nicht lange gedauert, bis man ihn darauf aufmerksam machte, dass er hier noch nichts zu suchen hatte. Das kannte er bereits von sovielen Orten. Er musste dringend etwas an seiner Kleidung ändern auch das war ihm klar, ihn selbst störte der vielfach geflickte Stoff und die Ausgeblichenen Stellen keines Wegs. Aber gerade in Städten brüskierten sie sich schnell darüber und ordneten ihn sogleich in die Kategorie eines Landstreichers. So falsch lagen sie damit ja nicht. Nevios Kopf wirbelte herum, als der Corvae ihn so bestimmt ansprach. Das Kassenhäuschen. Natürlich. "Nichts liegt mir ferner, als eine Zeche zu prellen, doch könnte man möglicherweise in Erwägung ziehen, zweierlei Kassenhäuschen aufzustellen, damit einem Besucher nicht das missgeschick passiert und fälschlicherweise - Ausversehen, selbstverständlich- diese Örtlichkeit zu besuchen, ohne zu bezahlen.. weil man von der Falschen Seite den Festplatz betrat? Und ihm das garnicht bewusst war?" erkundigte er sich bei Mordecai, nichteinmal bewussst provozierend. Doch genau diese Tonlage und vielleicht auch etwas an seinem leicht verschmitztem Grinsen, brachte soviele Kaschemmenbesucher dazu ihm eine Reinzuhauen weil sie es als Provokation einstuften. Seine Art verstanden bisweilen nicht soviele oder er wusste nicht was er daran ändern könnte. Die Damenwelt kicherte verzückt und die Männer knirschten mit den Zähnen. Der geschäftig wirkende Corvae war zwar eigentlich im Vorbeigehen gewesen, doch das leichte Neigen des Kopfes verriet Nevio, dass er vermutlich sehr wohl zuhörte. " Jemand sagte mir gestern Abend, Ihr würdet hier immer kräftige Männer suchen die keine Arbeit scheuen?" warf er noch schnell etwas lauter hinterher.
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„Zwei Kassenhäuschen“, wiederholte der Corvae die Worte des Jungen ungläubig und sah ihn dabei ernst an. Vorbei war es mit seiner Hoffnung, dass der Gast schnell seiner Wege ziehen würde. Auch sein Anblick schien ihm nicht zu stören. Nicht, dass er großes Interesse daran hätte gefürchtet zu werden, doch Mordecai war es gewöhnt, dass man ihn mit gewissen Vorurteilen begegnete. Ein Anhänger eines verfluchten Volkes, dessen Königin ihre bevorzugte Göttin verärgert hatte. Er kannte die Geschichten nur zu gut. Warum diese rachsüchtige Göttin allerdings den ganzen Hofstaat verurteilen musste, war ihm immer schon ein Rätsel gewesen. Doch sei es darum.
„Eine interessante Idee … aber nicht sonderlich effizient. Es würde nur unnötige Kosten verursachen, sei es die nötigen Materialien zusammen zu tragen, als auch die Personalkosten. Davon abgesehen müsste man nach dieser Theorie noch viel mehr dieser … Kassenhäuschen aufstellen um auch wirklich jeden Bereich abzudecken. Es wäre wesentlich günstiger das Gelände einzuzäunen … oder einen Burggraben darum zu errichten. Vielleicht finden wir auch einen günstigen Anbieter für Krokodile … oder doch lieber Fleisch fressende Fische?“ Er trug seine Worte mit großer Ernsthaftigkeit vor, so als würde er es wirklich in Erwägung ziehen, zog dabei sogar Notizbuch und Feder heraus, als wolle er diesen Gedanken notieren. „Was meint ihr? Würde euch das überzeugen doch bitte endlich das Kassenhäuschen aufzusuchen?“ Nun war es dann doch ein kurzes Schmunzeln, das sich auf seinen Lippen zeigte.
Vielleicht sollte er ihn selbst noch einmal nach draußen begleiten, nur um sicher zu gehen, dass es sich hiermit erledigt hatte. Doch so leicht ließ sich der junge Mann nicht abwimmeln. Schließlich gab er dann auch noch seine wahren Absichten preis. „Ach … sagte das jemand?“ Warum wusste er davon nichts. Der Buchhalter rückte noch einmal sein Monokel zurecht um ihn zu mustern, während er fieberhaft überlegte von wem diese Worte stammen konnten. „Wer?“ Warum unnötig darüber nachdenken, wenn er die Antwort auch durch Fragen erringen konnte? Sonderlich stark wirkte er nicht. Dennoch … würde er nützlich sein, sollte ihn die Prinzipalin zu Gesicht bekommen. Doch nicht immer war Nützlichkeit von Vorteil.
„Darf ich ehrlich zu euch sein?“, fragte er. Natürlich durfte er das! Und so fuhr er ohne eine Antwort abzuwarten fort. „Ich denke nicht dass ihr hier wirklich die Art von Arbeit finden werdet, die ihr sucht. Und an eurer Stelle würde ich mich schnell wieder vom Gelände entfernen … bevor unsere Prinzipalin euch sieht.“ Seine Stimme wurde leiser, während er sich leicht zu ihm hinunter beugte. „Sie hat eine … Vorliebe für seltene Begabungen, die in keinem … Register stehen.“
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