• Anmutige Schritte bewegten sich leicht aber auch zielstrebig auf das dunkelste Gebäude dieses Viertels zu, um das nicht wenige einen großen Bogen machen. Einst hatte sie selbst ebenfalls zu jenen gehört, die sich in der immer währenden Nacht unwohl fühlten. Doch das Schicksal ersann für die Nymphe einen anderen Plan. Wie lange war sie schon nicht mehr hier gewesen? Wie lange war es her, dass sie Nir'alenar und all dem bunten Treiben hier den Rücken gekehrt hatte? Amelie hatte irgendwann aufgehört, die Tage zu zählen. Doch nun stand sie wieder hier. In der Stadt, in der sie Freud und Leid erfahren hatte. Aber auch Zuflucht an eben jenem Ort, an dem sie nun andächtig verweilte. Nur noch die schwarzen Marmorstufen trennten Amelie von ihrer endgültigen Rückkehr.

    Und so zögerte sie nicht länger und erklomm Stufe um Stufe, verschwand Schritt für Schritt in der Dunkelheit der immer währenden Nacht. Der Duft von erfrischenden Regentropfen, die auf erdigen Boden fallen, um direkt danach darin zu versickern wie trübe Erinnerungen umhüllte Amelie und wurde mit jeder Stufe, die sie näher zum Eingang des Palastes führte, intensiver. Und oben angekommen atmete die Nymphe mit geschlossenen Augen tief ein, während sich ein seliges Lächeln auf ihren vollen Lippen formte.

    Der Griff der Eingangstür fühlte sich kühl an, als ihre Finger ihn umschlossen und als sie endlich eintrat, verwandelte sich die Dunkelheit in eine wohltuende Ruhe, die sich mit jedem Atemzug in ihrem Körper ausbreitete. Und erst, als sie die Tür nahezu lautlos wieder hinter sich geschlossen hatte, wagte Amelie es, ihre Augen wieder zu öffnen. Instinktiv hatte sie sich zu jenem Torbogen mit den abertausenden Diamanten gewandt, in dem sich ihre Göttin in all ihrer Schönheit empor hob. Augenblicklich sank sie auf die Knie, erfüllt von wahrer Freude und Leichtigkeit, umhüllt von einer undefinierbaren Prise verschiedenster Frühlingsblüten auf einer bunten Wiese, die vom Wind querfeldein getragen wurde. Zuhause, schoss es durch ihren Kopf. Ich bin wieder zuhause.

  • Brennan hielt inne, als die Tür geschlossen wurde. Nicht wegen des Geräusches - dafür war es zu leise gewesen. Eher wegen der Veränderung im Raum. Der kaum wahrnehmbaren Verschiebung der Luft. Dem sanften Frühlingsduft, der sich gleichzeitig fremd und vertraut anfühlte. Grad so, als würde man nach Jahren einen vertrauten Vogel wieder singen hören.

    Er hob den Kopf.

    Der Duft. Ein Duft, der hier nicht hingehörte und doch wirkte er so selbstverständlich.

    Halb verborgen stand Brennan zwischen den Säulen. Schwarz gekleidet zu Ehren Shirashais. Die Hände tief in den Taschen seines Mantels vergraben. Sein Atem geriet ins Stocken. Er erkannte sie nicht sofort.
    Nicht mit dem Kopf.
    Aber der Körper erinnerte sich schneller als der Verstand. Die Art, wie sie atmete. Wie sie sich der Dunkelheit nicht entgegenstellte, sondern in sie hineinpasste.

    Amelie.

    Sein Blick folgte ihr, während sie die Stufen hinaufging. Und einen Moment war dieser Blick zu aufmerksam, um gleichgültig zu sein. Und zu ruhig, um überrascht zu sein.

    Dann kniete sie sich vor dem Torbogen, als wäre sie nie fort gewesen. Und er, der Mann, der einst mit einem Lächeln und so leicht klingenden Worten ihren Glauben geweckt hatte, stand da wie ein Fremder.

    Unsicher, ob er aus dem Schatten treten sollte.
    Unsicher, ob er es überhaupt wollte.
    Unsicher, warum sein Herz plötzlich schneller schlug.

    Schließlcih stieß er sich von der Säule ab. Nur einen Schritt. Nicht weit genug um ihr nah zu kommen, aber weit genug um ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine war, in der Stille des Palastes der Nacht.

    Edited once, last by Brennan (March 30, 2026 at 9:47 AM).

  • Wie lange kniete sie schon vor ihrer Göttin und betete? Die Zeit fühlte sich in dieser immer währenden Nacht anders an. Schon in vergangenen Tagen, die Amelie so weit weg erschienen, hatte sie oft das Gefühl, dass sie sogar still stand. Und das tat gut.

    Es war geschenkte Zeit. Zeit zum Sein. Zeit nur für sie, wo sie sich doch nur all zu oft mit anderen umgab. So lange sie sich hier aufhielt, war sie geborgen. War sie frei. War Amelie sie selbst. Hier hatte sie ihr wahres Ich entdeckt, das tief in ihrem Inneren schon immer in ihr geschlummert hatte und nur darauf wartete, endlich zu erwachen. In ihrem Fall war es eher ein 'geweckt werden'. Manchmal brauchte man den richtigen Schubser. Eine Hand, die es vermochte, verlorene Seelen auf den richtigen Pfad zu führen ...

    Brennan

    Das Lächeln verschwand, sobald die letzte Silbe dieses Namens in ihrem Kopf verhallt war. Der Geruch einer frisch ausgepusteten Kerze erfüllte die Luft in der näheren Umgebung. Eine Kerze, deren Licht einst fröhlich brannte, loderte und flackerte. Bis es ausgepustet wurde und nur noch kalten Rauch zurück ließ. Ausgerechnet er war es gewesen, der ihr Licht tanzen ließ, so wie sie es stets gerne getan hatte. Und ausgerechnet er war es gewesen, der ihr Licht zwischen zwei Wimpernschlägen wieder ausgepustet hatte. Und doch hatte er ihr so viel gegeben. Ohne ihn wäre sie nun nicht hier. Brennan hatte sie zu Shirashai geführt und die Göttin war es gewesen, die ihr Licht wieder entfacht hatte.

    Die Augen geöffnet und den Kopf erhoben verlor sich Amelie in Shirashai's Antlitz. Als sie eine Bewegung zwischen den Säulen seitlich von ihr wahrnahm.

    Lautlos erhob sie sich und trat einen Schritt auf ihren heimlichen Beobachter zu. Meinte, die Umrisse der Gestalt im Dunkeln wieder zu erkennen.

  • Erst als seine Ferse den Boden berührte, merkte Brennan, dass er gerade dabei war, einen Schritt rückwärts zu gehen. Sein Atem setzte kurz aus, seine Schultern zogen sich zusammen, als wollten sie ihn vor einem Schlag schützen und die Hände in den Manteltaschen verkrampften sich.

    Instinktiv wollte sich sein Körper für die Flucht entscheiden. Zurück in die Schatten. Wie so oft.

    Eine Reaktion, die Brennan ärgerte.

    Für eine Mikrosekunde atmete er bewusst schwer ein. Aus. Schob die Schultern nach vorne und trat dann heraus aus dem Dunkel, das die Säulen auf ihn warfen. Diesmal würde er nicht den Rückzug antreten. Nicht noch einmal.


    "Ich... Du.." Brennans Stimme setzte nicht sicher an. Ein kurzer Bruch, kaum hörbar. Sein Adamsapfel hob sich als er schluckte, während seine Finger im Stoff der Manteltaschen nach Halt suchten.

    Brennans Blick blieb auf Amelie. Zu lange. Zu direkt. Sie stand nicht einfach nur vor ihm. Sie gehörte hier hin. Trug Shirashai nicht mehr nur noch in Worten, sondern war ihr vielleicht näher, als er es je gewesen war.

    Sein Kiefer spannte sich.

    "Ich hatte nicht erwartet, dich hier zu sehen. Schatten über allen." Einen kurzen Moment lang senkte er den Kopf. Nicht vor Amelie, sondern vor dem, was sie verkörperte. Vor den Schatten, die sie in sich trug.

  • Und sie kannte die Gestalt, die sich vor ihr aus den Schatten löste, in der Tat. Es war Brennan. Mehrere Atemzüge lang ruhte ihr Blick auf ihm. Seinem schwarzen Mantel, seinem Gesicht. Seiner Haltung. Ja ... Er war es. Und irgendwie war er es auch nicht. Brennan wirkte unsicher, wie sie ihn noch nie vor sich gesehen hatte. Worte wollten kaum über seine Lippen. Das war neu. Kannte sie ihn doch vielmehr als redegewandten Mann.

    Aber Amelie wurde eine Sache bewusst: auch sie hatte sich verändert. War reifer geworden und trug Shirashais Segen tief in ihrem Herzen. Und so gelang es ihr nicht, zu verhindern, dass ein Lächeln ihre Lippen umspielte. Kein freundliches Lächeln. Eher ein amüsiertes. "Es ist lange her", sprach sie mit einer Stimme, die sich perfekt in die Stille des Palastes einfügte. Es war viel passiert in der Zeit, in der sie sich nicht gesehen hatten. Und scheinbar hatte auch Brennan sein Leben weiter geführt.

    Amelies Blicke betrachteten sein Gesicht. Älter geworden aber nicht weniger attraktiv. Bei den Schatten! Noch immer schaffte er es mit seiner bloßen Anwesenheit, ihr Blut in Wallung zu bringen. Doch Amelie gab sich die beste Mühe, sich dies nicht anmerken zu lassen. Also fasste sie sich schnell wieder und begegnete seinem Blick mit ausdrucksloser Miene.

    "Warum so verwundert?", wollte sie dann wissen.

  • Für einen Moment blieb Brennan still. Nicht erstarrt, mehr so.. als würde er innerlich einen Schritt zurücktreten, um wieder Boden unter den Füßen zu finden. Die Schultern richteten sich noch ein Stück, der Atem wurde ruhiger. Die Hände in den Manteltaschen entspannten sich, ohne die Taschen zu verlassen.

    Als er wieder zu ihr sah, war da etwas Vertrautes zurück. Ein leiser Zug um den Mund, der andeutete, dass er sich wieder gefangen hatte.

    „Lange her“, sprach er ihr nach und diesmal klang es nicht brüchig. Ein Hauch von Wärme schlich sich in die Worte, kaum merkbar, aber da. Ihr amüsiertes Lächeln ließ seine Braue minimal zucken. Nicht gekränkt. Eher… getroffen, aber auf eine Art, die sich lebendig anfühlte.

    „Verwundert?“ Das altbekannte Lächeln schlich sich auf die Lippen des Vogelhändlers.

    „Ich hätte nur nicht gedacht, dass du mich nach all der Zeit noch erkennst..."

    Ein kaum merkliches Zögern. „…wobei.“ Sein Mund zuckte leicht.

    „Das ist nicht ganz wahr.“

    Sein Blick glitt über ihr Gesicht, blieb an ihren Augen hängen. Nicht zu lange. Gerade so, dass es spürbar war. Einen Herzschlag lang. „Du hast dich verändert“, sagte er leiser. „Aber… das steht dir.“ Diesmal hielt er ihrem Blick bewusst stand.

  • Da war er fast wieder. Der Brennan, der ihr einst vertraut gewesen war. Aber war er das jemals wirklich gewesen? Vertraut? Ihr wurde klar: Sie wusste nichts über ihn. Was über die Zeit hinweg in seinem Leben geschehen war. Und sie bezweifelte, dass sie überhaupt jemals gewusst hatte, wer Brennan wirklich war.

    Amelie behielt die Distanz aufrecht. Verschränkte Arme und ein empor gerecktes Kinn machten eine gewisse Unnahbarkeit deutlich. Sein Lächeln erwiderte sie nicht.

    "Wie könnte ich dich jemals vergessen?"

    Und auch, wenn diese Worte es scheinbar vermuten lassen konnten, so waren sie eines ganz sicher nicht: Schwärmerei. Und dennoch: Während sein Blick sie nur kurz bedachte, verloren sich ihre eigenen Augen viel zu lange in den Seinen. Und als ihr eben jenes bewusst wurde, wandte sie sich ab und begann damit, mit leisen Schritten über den marmornen Boden zu gehen. "Und du? Warst du die ganze Zeit über hier?" Auf sein Kompliment - falls es denn eines gewesen sein sollte - ging sie nicht ein.

  • Brennan senkte den Blick für einen Moment. Amelies verschränkte Arme, das erhobene Kinn, diese kühle Unnahbarkeit – sie musste nichts sagen, um deutlich zu machen, wie viel Abstand zwischen ihnen lag. Sie, die den Weg als Priesterin zu Shirashai gefunden hatte und er, der...

    Er hob den Kopf wieder. Und für einen flüchtigen Augenblick trafen sich ihre Blicke und in beiden war mehr als nur Distanz. Etwas, das sich nicht ganz greifen ließ. Eine.. Erinnerung?

    Sein Atem stockte kaum merklich.

    Dann wandte sie sich ab, begann umherzuwandern.

    Brennan ließ sich einen Herzschlag Zeit, bevor er ihr folgte. Nicht direkt hinter ihr oder drängend, sondern ihren Weg aufnehmend, ohne sie wirklich stören zu wollen. Den Abstand zwischen ihnen ließ er bestehen. Bewusst.

    „Ich?“ Ein leises, fast nachdenkliches Lächeln zog über seine Lippen. „Nein…“ Die Schritte waren ruhig, klangen gleichmäßig auf dem Marmor. „Ich war nicht hier.“

    Einen kurzen Moment hob er seinen Blick leicht, sah zu Amelie, als würde er etwas abwägen, bevor er weitersprach. „Meine Heimat hat mich eine Weile festgehalten. Shay'vinayar.“ Die Worte klangen ruhig, fast beiläufig. „Einige Jahre.“

    Sein Blick blieb auf Amelie liegen und Brennan blieb stehen. Ein Schatten huschte über sein Gesicht. Er schien erneut zu zögern, ob das nächste überhaupt etwas war, das ihr etwas bedeutete – ob sie je gewusst hatte, welchen Weg er einst hatte einschlagen wollen.

    "Ich... ich habe mich dagegen entschieden. Gegen den Weg eines Priesters." Dann blieb er still.

    Edited 2 times, last by Brennan (April 1, 2026 at 1:39 PM).

  • Es bedurfte keines Blickes über die Schulter um zu spüren, dass Brennan es ihr gleich tat und hinter ihr durch den Tempel wandelte.

    Und auch, wenn es den Anschein hatte, sie würde sich nicht weiter um ihn scheren, hörte sie Brennans Stimme nur zu deutlich. Jedes seiner Worte wurde von ihr wahrgenommen. Er war ebenfalls nicht hier gewesen. Einige Jahre ... Diese Worte hallten in ihrem Kopf wider und machten ihr bewusst, wie lange es tatsächlich schon her war. Eine Zeit, in der auch sie unterwegs war. Nicht nur an dem Ort, den sie einst ihre Heimat nannte. Amelie war in dieser Zeit viel rum gekommen. Hatte vieles gesehen und ... gelernt. Und nun war sie wieder hier. In der Stadt, in der sie ihren Weg gefunden hatte. Auch, wenn dieser Weg sie wieder weg geführt hatte, war sie nun doch wieder hier.

    "Shay'vinayar", erinnerte sich Amelie. "Die Stadt, in der man Vögel züchtet und in Käfige sperrt". Wie sollte sie das jemals verstehen?

    Seine Schritte hinter ihr verhallten in der Dunkelheit. Brennan war scheinbar stehen geblieben. Amelie tat es ihm gleich und drehte sich zu ihm herum. Wenn sie sich jemanden als Priester der dunklen Göttin vorstellen könnte, dann wäre es Brennan. Doch er hatte ihr soeben erzählt, dass er sich genau gegen diesen Weg entschieden hatte. Sie fragte sich warum, stellte ihm diese Frage jedoch nicht. "Und dennoch hat dich dein Weg wieder hier her geführt", stellte sie lediglich fest. Mit einem Arm vollführte Amelie eine anmutige Geste durch die diamantschimmernde Nacht des Tempels.

  • So wie Brennan nun vor Amelie stand, wirkte seine Haltung wesentlich entspannter als noch vor einigen Augenblicken. Es schien fast, als hätte Amelies letzter Satz etwas in ihm gelöst - etwas, dass ihn zu seiner alten Selbstsicherheit hatte finden lassen. Als würde plötzlich so vieles einen Sinn ergeben. Die Schulter hingen locker, die Hände nicht mehr in den Taschen verankert und das Lächeln.. das Lächeln war genau jenes, wie Amelie es vor Jahren so oft bei ihm gesehen hatte.

    "Shirashais Wege sind unergründlich und mein Glaube an sie ist weiterhin stark." Er nahm den Blick nicht von Amelie. Doch irgendetwas darin veränderte sich. Wurde… wacher. Aufmerksamer.

    „Ich denke, es ist kein Zufall, dass wir uns hier begegnen.“

    Kein Zögern.

    Keine Frage.

    „Nicht jetzt. Nicht, wenn sie uns beide wieder an denselben Ort führt.“

  • Immer mehr entdeckte Amelie den Mann, dem sie vor Jahren begegnet war.

    Seine Mimik war nun nicht mehr so steif wie noch vor wenigen Momenten. Seine Gestik. Seine Haltung. Ja ... Das war Brennan, den sie kannte. Und ein wenig amüsierte es sie immer noch, dass ihr Anblick ihn ein wenig aus der Bahn der geworfen hatte.

    So zumindest ihr Anschein.

    Nun lächelte auch sie wieder. Doch ihr Blick wanderte an Brennan vorbei. Betrachtete die Statue ihrer Göttin, die über sie zu wachen schien. Ob das Lächeln ihm galt oder ihr? Das wussten wohl nur die Sterne. Amelie nickte und fragte sich, zeitgleich, was wohl Shirashais Plan sein mochte.

    An Zufälle glaubte sie nicht. Nicht mehr. "Ich denke, alles, was geschieht hat seinen tieferen Sinn", murmelte sie leise, die Augen immer noch nachdenklich auf Shirashais Abbild gerichtet.

  • Brennan folgte Amelies Blick zur Statue Shirashais und ließ ihn dort ebenfalls einen Moment ruhen. Die feinen Züge der Schattengöttin – wie oft hatte er sie schon schweigend, ja gar schwärmend studiert?

    Dann blickte er wieder zu Amelie. Ernst sprach er weiter. Und doch war da eine gewisse Leichtigkeit in seiner Stimme...

    „Wenn sie uns hierher geführt hat …“

    Er ließ sich Zeit, sah noch einmal zu Shirashais Abbild und wieder zurück.

    „… dann sicher nicht, damit wir schweigend vor ihr stehen.“

    Brennan ging einen Schritt auf Amelie zu. Nicht nah genug, um aufdringlich zu wirken – aber nah genug, um den Abstand bewusst zu verändern. Sein Blick hielt ihrem stand. Ruhig. Direkt. Und obwohl eine tiefe Ernsthaftigkeit in diesem Blick lag, wich das Lächeln auf seinen Lippen nicht.

    Dann, ohne weitere Vorwarnung, drehte er sich zur Seite – dorthin, wo die marmornen Stufen aus dem Palast führten.
    Die Bewegung war fließend, selbstverständlich, als wäre seine Entscheidung längst gefallen.

    „Komm.“

    Er warf einen kurzen Blick über die Schulter, als wäre es selbstverständlich, dass sie ihm folgen würde.

  • Nachdem beide gemeinsam ihre Blicke für einen Moment auf die Statue der Shirashai gerichtet hielten, war es Brennan, der sich der Göttin zuerst abwandte.

    Amelie hörte seine Worte, den Blick weiterhin auf die Statue haltend und ließ sie sich durch den Kopf gehen.

    Langsam drehte die Nymphe ihren Kopf wieder zu ihm herum und sah ihn nachdenklich an. Blieb an eben jener Stelle stehen, während Brennan einen Schritt auf sie zu ging. Lächelnd. Und Amelie konnte nicht anders, als zurück zu lächeln.

    Bis er sich wieder von ihr abwandte und sich auf die Stufen zubewegte, die ihn nach draußen geleiten würden.

    Zögernd blieb Amelie stehen. Überlegte, ob sie ihm wirklich folgen sollte. Ihr Stolz hielt sie zurück. Sie würde ihm nicht hinterher rennen. Und dennoch ... Ein winziges Funkeln von Shirashais Augen, als sich ein Strahl des Mondlichts darin brach, ließ sie ihren Stolz hinunter schlucken. Vielleicht hatte Brennan recht? Womöglich steckte ein Plan dahinter?

    Also folgte sie ihm in Richtung des Ausgangs, in gespannter Erwartung, was wohl seine Absicht war.

  • Die Stufen führten Brennan und Amelie vor den Palast, wo die Abenddämmerung die Steinplatten in goldenes Licht hüllte. Der Tag wich, die Nacht bahnte sich langsam ihren Weg.

    ür Brennan die schönste Zeit des Tages.

    Der Vogelhändler ging nicht schnell, aber zielstrebig genug, dass klar war: Er wusste, dass Amelie hinter ihm war. Er blieb erst stehen, als die Kühle des Tempels komplett hinter ihnen lag, die Restwärme des Tages sich um sie gelegt hatte. Brennan atmete tief ein.

    Sie standen nahe der säuberlich angelegten Blumenbeete des Palastes. Schwarze Rosen vermischten sich hier mit dem intensiven Duft des Nachtjasmins.

    „Hier draußen… lässt es sich leichter denken“, begann Brennan fast entschuldigend, bevor er sich zu Amelie umdrehte und sie ansah.

    „Erinnerst du dich? Damals, im Park, als ich dir das erste Mal von Shirashai erzählte?“ Ein melancholisches Lächeln schlich auf seine Züge, sein Blick suchte ihren.

    „Ich wusste damals nicht, ob ich dich küssen oder dir den Weg zu Shirashai zeigen sollte.“ Er senkte den Blick für einen Moment. „Heute sehe ich, dass sie die Wahl längst getroffen hatte..."

  • Erfrischende Abendluft wehte durch Amelies dunklen Haare, sobald sie den Palast verlassen hatte und ein Blick zu Brennan ließ sie erahnen, dass er die Abenddämmerung genoss.

    Bei Amelie war es etwas anders. Sie wiederum war immer wieder aufs Neue von der Morgendämmerung fasziniert. Es war die Zeit, in der ein neuer Tag erwachte. Die Lebewesen erwachten aus ihrem Schlaf und die Vögel begannen damit, ihre Lieder zu singen.

    Doch Shirashai hatte sie im Laufe der letzten Jahre gelehrt, dass auch die Abenddämmerung eine Zeit des Erwachens war. Eine Zeit für andere Lebewesen. Denn auch nachts war Beleriar sehr wohl lebendig.Und so hatte Amelie im Laufe der Zeit alle Tageszeiten schätzen gelernt. Aber die Nacht war etwas ganz besonderes.

    Über die Schulter blickend, warf Amelie einen Blick zum Palast zurück, als sie sich Schritt für Schritt von diesem entfernte. Sie fühlte sich wohl im Dunkel der Nacht und konnte Brennans Worte keinesfalls nachvollziehen. Sie selbst konnte nämlich sehr gut da drinnen denken.

    Aber auch hier draußen wurden ihre Gedanken lebendig, als Brennan sie an diesen Abend im Park erinnerte. Ihr Blick schweifte ab, zu etwa jener Richtung, in die sie beide sich damals aufgehalten hatten. Sah ihre jüngeren Ichs vor sich, wie diese sich unterhielten. Fühlte eine große Sehnsucht, die ihr Herz ausfüllte.

    Bis Brennans Stimme sie wieder zurück holte. "Man muss sich nicht immer entscheiden", gab sie etws gekränkt zurück und entfernte sich ein paar Schritte. Er hätte beides tun können. Aber das hatte er nicht.

  • Die Abenddämmerung wurde tiefer, das Blau wurde dunkler. Der Duft des Nachtjasmins hing warm und schwer über den Blumenbeeten, während Brennan meinte, in der Ferne den eigenwilligen Ruf eines Ziegenmelkers zu hören. Amelie löste sich ein paar Schritte von ihm und Brennan ließ sie gehen.

    Er rührte sich nicht. Aber etwas an ihm veränderte sich – kaum sichtbar, ein Fokus, der sich schärfte.
    Sein Blick folgte ihr, ruhig, aufmerksam, als würde er sich jede ihrer Bewegungen merken.

    „Doch.“ Seine Stimme war leise, aber sie schnitt dennoch deutlich durch die Stille.

    „Man muss sich entscheiden.“

    Er hob den Kopf ein wenig, sah hoch in die Kuppel, in der man die ersten Lichtmuscheln erahnen konnte.

    „Alles andere verliert man irgendwann.“

    Diesmal machte er keinen Schritt auf sie zu. Er ließ die Distanz zu.

  • Plötzlich war es Amelie egal, welche Pflanzen und Lebewesen an diesem Abend erwachten. Sie nahm nur noch ihren eigenen Duft nach Rosen wahr. Rosen, deren Dornen schmerzhaft die Haut durchbohren konnten, wenn ungeschützte Finger sie unvorsichtig umschlossen. Nur, dass die Nymphe diesen Schmerz nun nicht an ihren Fingern spürte sondern direkt in ihrem Herzen. Und eine Frage drängte sich ihr auf: Warum jetzt noch? Nach all der Zeit?

    Ihr erster Impuls war, ihm zornig zu widersprechen. Brennan blieben noch immer beide Optionen. Noch immer hatte er Shirashai. Und nun war auch sie, Amelie wieder hier. Vielleicht hätte sie damals, unter anderen Umständen nie diese Stadt verlassen? Vielleicht wäre sie mit ihm gegangen? Vielleicht wäre alles ganz anders geworden?

    Doch abrupt schüttelte Amelie ihren Kopf. Nicht, als Antwort auf Brennans Worte sondern als Reaktion auf ihre eigenen Gedanken. Das waren Spinnereien. Was wäre wenn, war ein Spiel, in dem sie nicht gewinnen konnte. Es war nun einmal anders gekommen und genau das war gut so.

    Ihr wurde klar, dass Brennan sie von sich gestoßen hatte. Und bei genauerer Betrachtung war Amelie viel zu stolz, ihren damaligen Gefühlen immer noch nachzuhängen. (Auch, wenn sie immer noch den Schalter suchte, mit dem sie diese ausschalten könnte).

    Also sah sie Brennan erneut an und nickte zustimmend. "Du hast Recht". Sie, Amelie hatte er verloren. Zwar wusste sie nicht, wie es inzwischen um seine Gefühle für sie stand aber ihren eigenen Gefühlen würde sie ihm gegenüber niemals mehr die Führung überlassen.

    Edited once, last by Amelie (April 13, 2026 at 4:22 PM).

  • Du hast Recht.

    Die Worte hingen schwer in der Luft.

    Du hast Recht.

    Drei Worte, nicht mehr, nicht weniger. Drei Worte, die in der richtigen Situation alles verändern konnten. Worte, die im Streit gesprochen warm und einlenkend wirken mochten. Worte, die Hoffnung geben und Versöhnung einleiten konnten. Drei Worte, die für Brennan jetzt jedoch einem kalten Stich gleichkamen.

    Brennan ließ den Blick kurz über die Dunkelheit des Palastes gleiten. Und obwohl Amelie mittlerweile einige Meter entfernt stand, verblasste der Duft des Nachtjasmins, wurde verdrängt durch Rosen. Amelies Rosen. Brennan sah zu ihr rüber.

    Du hast Recht.

    Mehr hatte sie nicht gesagt. Mehr hatte er nicht bekommen. Sie hatte ihn nicht gefragt, was die Jahre aus ihm gemacht hatten. Sie hatte nicht wissen wollen, was seine Entscheidung gegen die Priesterschaft begünstigt hatte. Sie hatte nicht einmal versucht, ihn zu verstehen, sondern ihm nur die kalte Schulter gezeigt. Und sie war es jetzt, die mit erhobenem Kopf da stand. Mit einer tiefen Ruhe, die Brennan früher nicht so an ihr erlebt hatte. Der Vogelhändler bemerkte, dass sich nebem dem kalten Stich ein anderes Gefühl regte. Er war.. stolz.

    Stolz auf Amelies Weg. Stolz auf ihre Stärke. Stolz auf die Distanz, die sie jetzt halten konnte. Stolz, wie nah sie Shirashai war. Und doch traf dieser Stolz ihn. Wie etwas, das man bewundert und gleichzeitig verliert.

    Er senkte den Blick. Man muss sich entscheiden. Und Entscheidungen forderten immer ihren Preis. Dieser Preis war nie verborgen gewesen. Brennan hatte ihn nur vergessen. Jetzt spürte er ihn wieder - kalt und unwiderruflich wie die ewige Nacht. Er hatte ihn selbst gewählt.

    Einen Moment blieb er noch stehen, dann setzte er sich doch langsam in Bewegung. Nur wenige Schritte, bis die Distanz zwischen ihnen kleiner wurde. Nicht so nah wie früher. Nur nah genug.

    Als Brennan den Kopf neigte, galt diese Geste nicht mehr Amelie. Sie galt der Priesterin.

    „Schatten über allem.“

    Edited once, last by Brennan (April 12, 2026 at 10:25 AM).

  • Es waren nur drei Worte, die sie ausgesprochen hatte. Und doch schienen sie mehr als nur drei Worte zu sein. Sie schienen einiges ausgelöst zu haben.

    Amelie beobachtete, wie Brennans Blick auf dem Palast der Nacht ruhte. Nachdenklich vielleicht? Suchte er Antwort bei Shirashai? Doch dann trafen sich ihre Blicke abermals. Und was in diesen Augenblicken des gegenseitigen Begutachtens in seinem Kopf vorging, vermochte Amelie wenn überhaupt lediglich zu erahnen.

    Ging er der selben Frage nach, wie sie? Suchte er ebenfalls nach der Antwort, warum Shirashai sie beide wieder zusammengeführt hatte? Denn das war es, was Amelie ein weiteres Mal beschäftigte.

    Ihr Blick wanderte nun ebenfalls zu dem Palast, in dem das Abbild ihrer Göttin über die Nacht wachte. Was ist Euer Plan? Schickte die Priesterin in Gedanken ihre Frage an ihre Göttin in der Hoffnung auf Antwort. Ein Zeichen. Eine Erklärung.

    Und während sie diesen Gedanken nachhing, verringerte Brennan die Distanz zwischen ihnen und senkte seinen Kopf vor ihr.

    "Schatten über allem", antwortete sie und spürte gleichzeitig tief in sich hinein in Erwartung irgendeiner Erkenntnis. "Was ist ihre Absicht?", richtete sie ihre Frage mehr an sich selbst aber dennoch laut genug, sodass Brennan sie vernehmen könnte.

  • Amelies Frage blieb einen Moment zwischen ihnen beiden in der Luft.

    Brennan hob den Blick wieder zu ihr, doch diesmal blickte er nicht Amelie an. Stattdessen glitt sein Blick über den dunkler werdenden Himmel über dem Palast. Die ersten Lichtmuscheln brannten und ihr sanftes Leuchten spiegelte sich in den dunklen Steinplatten die die Wege rund um den Palast der Nacht bildeten,

    Er hätte es auch gerne gewusst. Was Shirashais Absicht war. Vielleicht sogar mehr, als er es sich selbst eingestehen wollte. Aber Shirashai erklärte ihre Wege nicht. Ihren Willen erkannte man oft erst später.. oder man erkannte, dass man einer Laune der Göttin zu viel Bedeutung beigemessen hatte.

    „Wenn sie will, dass wir es verstehen“, sprach der Vogelhändler leise „wird sie es uns zeigen.“

    Brennans Blick glitt zurück zu Amelie. Ein Lächeln glitt über seine Lippen.

    „Es hat mich gefreut, Amelie. Wir sehen uns wieder.“, sagte Brennan und gab sich alle Mühe, es wie eine Feststellung klingen zu lassen.

    Und irgendwo war es das auch. Denn Nir'alenar war nicht so groß, dass zwei Gläubige sich dauerhaft aus dem Weg gehen konnten. Und doch schwang in seinen Worten der leise Hauch einer Frage mit hinein. Hoffnungsvoll. Als würde Brennan dieses Wiedersehen selbst herbeisehnen.

    Er verbeugte sich erneut vor der Priesterin und verschwand mit einem gemurmelten „Schatten über allem.“ selbst in jenen Schatten, die mit der aufkommenden Nacht über den Palast krochen.

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