Posts by Brennan

    Brennan lachte und sein Lachen klang offen und ehrlich. Um seine Augen bildeten sich kleine Fältchen.

    „Man könnte sagen, ich bin erfolgreich, ja“, erwiderte er mit einem Nicken und führte Elaya ohne viel Aufhebens durch die nächste Drehung. „Und wahrscheinlich liegt es wirklich daran, dass ich gleichermaßen mit Vögeln und mit Menschen umzugehen weiß. Beide brauchen das Gefühl, dass sie jederzeit gehen könnten – und bei beiden muss man wissen, wann man aufhören muss, sie festhalten zu wollen.“

    Er neigte den Kopf ein wenig zu ihr und sprach in verschwörerischem Ton weiter.

    „Ihr seid aufmerksam, Elaya. Das ist äußerst erfrischend.“

    Kurz nickte er ihr anerkennend zu. Doch dann veränderte sich etwas in seinem Blick. Brennan ließ die junge Frau für einen Moment los, wandte den Kopf zur Seite und musste niesen. Und noch ein zweites Mal. Mit einem leisen Ausatmen fuhr er sich kurz über den Nacken, bevor er sich der Cath’shyrr wieder zuwandte.

    „Verzeiht …“ murmelte er und ein kurzes entschuldigendes Grinsen legte sich auf seine Lippen. Mehr sagte er dazu jedoch nicht. Stattdessen nahm er den Rhythmus des Tanzes wieder auf, als wäre die kleine Unterbrechung nie passiert. Lange würde der erste Tanz ohnehin nicht mehr andauern.

    „Aber genug von mir und meinem Geschäft“, sprach er weiter und seine Stimme wurde eine Spur dunkler, während er seine Partnerin geschickt an einem anderen Paar vorbeimanövrierte. „Erzählt mir lieber von Euch. Außer Eurem Namen weiß ich noch gar nicht, mit welcher hervorragenden Tänzerin ich es hier eigentlich zu tun habe.“

    Frech zwinkerte er ihr zu. " Wer seid ihr, wenn ihr nicht gerade mit Fremden tanzt und wie erlangt man eure Aufmerksamkeit, wenn man zufällig grade keine passende Farbkarte zur Hand hat?"

    Brennan hielt den Rhythmus ruhig. Er ließ Elaya inzwischen selbst bestimmen und passte sich nur noch ihrem Takt an. Es war kein perfekter Tanz , aber.. genau das schien ihn irgendwie stimmig zu machen

    „Keine Regeln also.." Der Händler nickte. Sein Blick blieb bei ihr – noch immer ruhig und aufmerksam. „Und ich stimme euch zu. Regeln sind etwas für diejenigen, die die Welt nur in Schwarz und Weiß einteilen.“ fügte er beiläufig hinzu. „Die interessanteren Wege liegen immer dazwischen.“

    Ein leichter Druck seiner Hand gab den nächsten Schritt vor, ohne sie wirklich zu führen. Er ließ sie eine kleine Drehung machen und nutzte diesen Moment um sich ebenfalls in der Menge umzusehen. Wieder fiel sein Blick auf sie, doch wandte Brennan sich gleich wieder ab. Er beschloss, dass sein Gegenüber für den Moment die weitaus interessantere Person war.

    „Ich muss beruflich häufiger auf solchen Veranstaltungen sein“, meinte er dann etwas nüchterner. „Ob ich will oder nicht.“

    Seine dunklen Augen blickten Elaya einen Moment länger an. Sein Lächeln wurde breit, seine Züge wirkten entspannt.

    „Und heute wollte ich.“ Ein paar Tanzschritte lang sprach Brennan nicht, ließ die Musik wirken, bevor er fort fuhr. "Ihr meintet, ich sei schwer aus der Ruhe zu bringen? Nun, ich arbeite mit Vögeln.“ Ein kaum merkliches Zucken seiner Schultern. „Wenn man da zu viel will, fliegen sie. Also gibt man ihnen Raum .. und sieht, was sie tun.“ Galant ließ er Elaya durch eine Drehung gehen, gab sie für einen Herzschlag gänzlich frei und fing sie dann wieder auf.

    Sein Mundwinkel hob sich erneut zu diesem spitzbübischen Lächeln.

    „Die meisten bleiben.“

    Als Elaya sich bei ihm einhakte, spürte Brennan die leichte Zurückhaltung in ihrer Berührung. Er ging nicht darauf ein. Stattdessen führte er sie mit ruhigen, einfachen Schritten in die Mitte des Platzes. Kein großes Aufziehen, keine komplizierten Figuren – nicht mehr als ein klarer Rhythmus, an dem sie sich orientieren konnte.

    Er bemerkte, wie ihr Blick immer wieder zu den anderen Frauen glitt, wie sie versuchte, deren Haltung zu übernehmen.

    „Schaut nicht zu den anderen“, raunte er ihr leise zu. „Ihr tanzt nicht für sie.“

    Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht, während er sie durch eine erste, kleine Drehung führte. Und Elayas Geschmeidigkeit verriet, dass sie die Bewegungen verstand.

    „Selbst wenn wir hier einfach nur stehen und uns im Takt wiegen würden…“ Sein Blick streifte die Paare um sie herum „…würde es niemand merken. Jeder ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.“ Wie sein Lächeln, blieb auch seine Führung. Ruhig, aber bewusst. Doch ließ er Elaya etwas mehr Raum, nahm den Druck raus – und wartete. Und dann dauerte es auch nicht lange. Mit ein paar Schritten fand sie ihren eigenen Rhythmus, wurde sicherer, freier.

    „So ist besser“, murmelte er leise und sein Lächeln wurde breiter. Kurz, bevor erneut ein flüchtiges Zucken über seine Nase ging . Kaum sichtbar. Ein etwas tieferer Atemzug – dann war es wieder fort.

    „Ihr könnt euch bewegen“ seine Stimme war ruhig und doch so nah, dass sie die Musik gut übertönte. „Nur dieses Korsett aus festen Schrittfolgen passt nicht zu euch.“ Ein tiefer Blick traf Elaya. „Weil ihr anderes gewohnt seid. Oder täusche ich mich?“ Nun ließ Brennan für einen Moment lang die Führung los. Nicht ganz, sondern grade soweit, dass Elaya es bemerken musste und selbst das Tempo des Tanzes wählen konnte.

    Als Elaya ihn fragte, ob er den Karten ebenfalls vertraue, legte Brennan den Kopf leicht schief.

    „Ich vertraue den Karten so sehr, wie ich dem Wind vertraue, Elaya“, erwiderte er, während seine dunklen Augen kurz aufblitzten. „Er bringt einen immer irgendwohin – aber man muss selbst entscheiden, ob man die Segel setzt oder sich treiben lässt.“

    Mit einem leichten Lächeln quittierte er das Wedeln ihrer Karte – und trat einen Schritt näher.

    Nicht drängend. Nicht zögernd.

    Eher … selbstverständlich.

    Sein Blick lag einen Moment auf ihr, als würde er prüfen, ob sie diesen Schritt mitging – oder ihn stoppen würde.

    Da sie es nicht tat, setzte er an, den Arm zu heben.

    Ein leises Einatmen unterbrach die Bewegung. Kaum hörbar, fast beiläufig – und doch begleitet von einem flüchtigen Zucken um seine Nase, als hätte ihn ein unerwarteter Reiz aus dem Gleichgewicht gebracht. Seine Finger hielten einen Herzschlag zu lange inne.

    Dann fing er sich wieder.

    Als wäre nichts gewesen, bot er ihr den Arm an – ruhig, kontrolliert, ohne sichtbare Unsicherheit.Ein Hauch von Belustigung kehrte in seine Stimme zurück.

    „Und keine Sorge … ich trete nur dann auf Füße, wenn es sich wirklich lohnt.“

    Mit einem beiläufigen Zwinkern führte er sie schließlich auf die Tanzfläche – und schon in den ersten Momenten wurde klar, dass ihre Füße keiner Gefahr ausgesetzt waren.

    Zu erkennen, dass Amelie ganz in seiner Nähe den Tanz für sich schon eröffnet hatte, war nicht sonderlich schwer gewesen. Das wunderschöne Kleid, die schwungvollen Bewegungen der Bardin - zu einer anderen Zeit hätte Brennan einfach weiter dort gestanden und ihr zugesehen. Vielleicht hätte er sogar einiges dafür in Bewegung gesetzt, ihr Tanzpartner zu werden.. vielleicht.

    Doch die Zeiten waren vorbei - und so wie Amelie ihn keinen weiteren Blickes würdigte, war auch Brennans Augenmerk schnell wieder auf seine tatsächliche Tanzpartnerin gerichtet.

    "Elaya.." sprach er in ruhigem Ton nach und deutete eine Verneigung an. "Es freut mich euch kennen zu lernen. Ich bin Brennan und.." Er schmunzelte, hob seine Karte kurz an, bevor er sie wieder in der Jacke verschwinden ließ. ".. es sieht wohl tatsächlich so aus, als müsstet ihr euch beim ersten Tanz vor meinen Füßen in Acht nehmen."

    Das Lächeln blieb auf seinen Lippen liegen, während der Vogelhändler die rechte Hand auf die Brust legte. Sein Blick war nun wieder ganz bei der Frau vor ihm.

    „Ich hoffe, ich habe euch in eurer Unterhaltung nicht gestört“, fügte er hinzu, wobei ein Funke ehrlichen Interesses in seinen Augen zu erkennen war. „Die Wahl, ob ihr den Farben vertraut, bleibt natürlich ganz bei euch.“ Er zwinkerte ihr keck zu und deutete dann mit einer knappen Kopfbewegung in Richtung der Bühne.

    „Im Allgemeinen scheint es fast so, als müssten wir mit dem eigentlichen Tanz warten, bis auch die Bardin ihren Partner gefunden hat …“ Brennan lachte ehrlich amüsiert.

    "Wie schön, dass ihr euch an meinen Namen erinnert, Lelia." Ein leises, fast unmerkliches Schmunzeln stahl sich auf Brennans Lippen, als Lelia ihre Farbe offenbarte.

    „Grün …“, wiederholte der Vogelhändler fast nachdenklich. "Die wahrscheinlich ehrlichste Farbe des Frühlings.." Doch als Lelia den Spieß umdrehte und nach seiner Farbe fragte, schüttelte Brennan nur amüsiert den Kopf. Für den Bruchteil einer Sekunde verharrte dabei seine Hand auf der Jackentasche, als wolle er die Karte hervorholen.

    Doch er tat es nicht.

    Stattdessen verkürzte er nur den Abstand zwischen sich und Lelia. Nur ein wenig. Grade genug um Vertraulichkeit anzudeuten, aber ohne die Grenze der Höflichkeit zu verletzen.

    „Sagen wir …“, begann er mit ruhiger Stimme „ihr müsst euch heute Abend nicht vor mir fürchten.“
    Ein spitzbübisches Lächeln huschte über seine Züge.
    „Meine Farbe ist leider nicht Grün."

    Er zwinkerte ihr vielsagend zu und der Schalk in seinem ein Ausdruck wich einem ehrlichen Interesse.
    „Aber.. ich würde es aufrichtig bedauern, wenn sich unser Treffen heute nur auf diesen kurzen Moment beschränken würden.“
    Der Vogelhändler neigte den Kopf, sein Blick hielt an Lelia fest. „Vielleicht findet ihr später noch Zeit? Natürlich nur, wenn das Schicksal uns gnädig ist – oder wir ihm ein wenig nachhelfen.“ Wieder lachte er ihr frech engegen, bevor er der hübschen Musikerin zunickte und sich abwandte.

    Langsam schritt er durch die Menge, den Blick aufmerksam auf den Karten, die hier und dort gezeigt wurden. Doch seine Farbe war nicht dabei, bis.. sein Blick plötzlich an einer jungen Frau hängen blieb. Gekleidet, wie der Frühling selbst. Und an ihre Karte.

    Honiggelb.

    Doch sie war nicht alleine. Und der Mann an ihrer Seite war - nach Brennans empfinden - keine schlechte Wahl. Aufrecht, gepflegt, mit genau der richtigen Mischung aus Selbstsicherheit und Charme. Der Vogelhändler beobachtete einen Moment lang aus der Distanz, wie die beiden miteinander sprachen, wie sie sich ansahen, ihre Körpersprache.

    Ein leises Schmunzeln legte sich auf seine Lippen, als er seine eigene Karte nun aus der Tasche holte und langsam zwischen den Fingern drehte. Honiggelb. Es mochten sicher noch einige Minuten vergehen, bevor die Musik aufspielte, so wenig Paare wie sich bisher gefunden hatten. Und nun, wo er zumindest seine Tanzpartnerin erspäht hatte, konnte er sich auch einen Überblick darüber verschaffen, wer noch auf dem Fest anwesend war...

    Brennan hatte den Platz nicht überstürzt betreten.

    Er war keiner von denen, die sich vom ersten Klang der Musik treiben ließen. Stattdessen ließ er sich Zeit – blieb am Rand stehen, musterte die Besucher des Festes, die nach und nach ihre Umschläge hervor holten um ihre Karten zu präsentieren. Sein Blick glitt über die Menge. Gewänder, Farben, Bewegungen.

    Ein Spiel. Und seine Farbe war noch nicht gefallen.

    Langsam griff er in die Tasche seiner Jacke, zog die Karte hervor. Nur ein kurzer Blick auf seine Farbe genügte, dann verschwand sie wieder. Ein Blick, der nicht aus Unsicherheit herrührte, sondern aus Kontrolle.

    Seine Schritte trugen Brennan näher an das Zentrum heran, dorthin, wo die ersten Paare sich bereits sammelten.

    Und dann fiel sein Blick auf sie.

    Lelia.

    Ein leises, kaum sichtbares Lächeln huschte über Brennans Lippen. Die Bardin war unverkennbar - und Brennan hatte bereut, dass ihr letztes Aufeinandertreffen so abrupt geendet hatte. Er blieb nicht sofort stehen. Stattdessen ließ er sich noch einen Moment treiben, näherte sich ihr langsam, als hätte er sie nur zufällig bemerkt. Erst als er direkt neben ihr stand, wandte er sich ihr ganz zu.

    „Man sollte meinen, der Sonnenaufgang hätte sich verlaufen…“

    Seine Stimme war weich, sein Lächeln wurde eine Spur breiter.

    "Es freut mich euch zu sehen, Lelia. Sagt, gehört ihr zu denen, die heute mit ihrer Musik verzaubern, oder seid ihr ebenfalls für den Tanz hier? Und falls Letzteres zutrifft,... welche Farbe hat euch das Schicksal zugedacht?" Sein Blick suchte fragend ihren Blick.

    Der Laden war zu dieser Stunde ruhiger als sonst.
    Zwischen Körben, Sitzstangen und dem gelegentlichen Scharren von Krallen lag eine Stille, die fast angenehm war. Die wenigsten in Nir’alenar gingen jetzt noch ihrem Tagwerk nach. Sie machten sich bereit.
    Bereit für die Festlichkeiten.

    Auch Brennan stand im hinteren Zimmer vor dem Spiegel und starrte auf das Hemd in seiner Hand.

    Flieder.

    Natürlich.

    In Shay’vinayar war die Farbe zuletzt überall gewesen – man hatte sich ihr kaum entziehen können. Ein stilles Statement, sagten manche. Ein modischer Unfall, dachte Brennan.

    Er verzog das Gesicht und legte das Hemd zurück. Farben würden an diesem Tag ohnehin schon genug Raum einnehmen. Da musste er sich nicht auch noch freiwillig in die nächstbeste Modeerscheinung werfen.

    Er griff nach einer dunkelblauen Jacke. Für den Anlass geeignet, mit Ornamenten verziert, gut verarbeitet. Dazu ein cremefarbenes Hemd. Hochgeschlossen, festlich, passend für das Fest des Erwachens.

    Gesellschaftliche Verpflichtungen.

    Er kannte sie nur zu gut. Er verstand ihren Zweck. Und er wusste, dass man ihnen nicht dauerhaft auswich, ohne selbst zum Gesprächsthema zu werden. In Shay’vinayar hatte das irgendwann zu Verdruss geführt.
    In Nir’alenar war er ihnen bisher erfolgreich ferngeblieben – doch das Fest des Erwachens war etwas anderes. Es hatte… Reiz. Auf seine eigene, hartnäckige Art.

    Brennan strich den Stoff seiner Jacke glatt und musterte sein Spiegelbild. Perfekt.

    Sein Blick glitt zur Manteltasche. Dort steckte die kleine Karte. Ein unscheinbares Stück Papier, das sich hartnäckiger in seinen Gedanken hielt, als es sollte.

    Wer wohl die Zwillingskarte trug?

    Er griff nach dem Mantel, atmete tief durch und schüttelte den Kopf, als könne er damit die letzten Zweifel abschütteln.

    „Mal sehen, was das Schicksal daraus macht …“

    Der Platz war um diese Stunde noch ruhig. Ein paar Leute kamen und gingen, blieben kurz am Stand stehen und verschwanden dann wieder in den Straßen Nir'alenars.

    Brennan trat schließlich ebenfalls unter den lindgrünen Baldachin. Sein Blick fiel kurz auf das Schild, bevor er die Einladung auf den Tisch legte.

    Floris hob den Kopf, suchte seinen Namen in der Liste und machte einen kleinen Haken.

    „Einladung?“

    „Hm.“ Mehr Antwort brauchte es offenbar nicht.

    Sie griff in die Schachtel neben sich und zog einen der schmalen, versiegelten Umschläge hervor. Kurz darauf schob sie ihn über den Tisch.

    „Nicht hier öffnen…“, fügte sie verschwörerisch hinzu.

    Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über das Gesicht des Händlers.

    „Dann werde ich mich wohl beherrschen müssen.“

    Er steckte den Umschlag in seinen Mantel und wandte sich mit eine Gruß wieder zum Gehen,.

    Amelies Frage blieb einen Moment zwischen ihnen beiden in der Luft.

    Brennan hob den Blick wieder zu ihr, doch diesmal blickte er nicht Amelie an. Stattdessen glitt sein Blick über den dunkler werdenden Himmel über dem Palast. Die ersten Lichtmuscheln brannten und ihr sanftes Leuchten spiegelte sich in den dunklen Steinplatten die die Wege rund um den Palast der Nacht bildeten,

    Er hätte es auch gerne gewusst. Was Shirashais Absicht war. Vielleicht sogar mehr, als er es sich selbst eingestehen wollte. Aber Shirashai erklärte ihre Wege nicht. Ihren Willen erkannte man oft erst später.. oder man erkannte, dass man einer Laune der Göttin zu viel Bedeutung beigemessen hatte.

    „Wenn sie will, dass wir es verstehen“, sprach der Vogelhändler leise „wird sie es uns zeigen.“

    Brennans Blick glitt zurück zu Amelie. Ein Lächeln glitt über seine Lippen.

    „Es hat mich gefreut, Amelie. Wir sehen uns wieder.“, sagte Brennan und gab sich alle Mühe, es wie eine Feststellung klingen zu lassen.

    Und irgendwo war es das auch. Denn Nir'alenar war nicht so groß, dass zwei Gläubige sich dauerhaft aus dem Weg gehen konnten. Und doch schwang in seinen Worten der leise Hauch einer Frage mit hinein. Hoffnungsvoll. Als würde Brennan dieses Wiedersehen selbst herbeisehnen.

    Er verbeugte sich erneut vor der Priesterin und verschwand mit einem gemurmelten „Schatten über allem.“ selbst in jenen Schatten, die mit der aufkommenden Nacht über den Palast krochen.

    Du hast Recht.

    Die Worte hingen schwer in der Luft.

    Du hast Recht.

    Drei Worte, nicht mehr, nicht weniger. Drei Worte, die in der richtigen Situation alles verändern konnten. Worte, die im Streit gesprochen warm und einlenkend wirken mochten. Worte, die Hoffnung geben und Versöhnung einleiten konnten. Drei Worte, die für Brennan jetzt jedoch einem kalten Stich gleichkamen.

    Brennan ließ den Blick kurz über die Dunkelheit des Palastes gleiten. Und obwohl Amelie mittlerweile einige Meter entfernt stand, verblasste der Duft des Nachtjasmins, wurde verdrängt durch Rosen. Amelies Rosen. Brennan sah zu ihr rüber.

    Du hast Recht.

    Mehr hatte sie nicht gesagt. Mehr hatte er nicht bekommen. Sie hatte ihn nicht gefragt, was die Jahre aus ihm gemacht hatten. Sie hatte nicht wissen wollen, was seine Entscheidung gegen die Priesterschaft begünstigt hatte. Sie hatte nicht einmal versucht, ihn zu verstehen, sondern ihm nur die kalte Schulter gezeigt. Und sie war es jetzt, die mit erhobenem Kopf da stand. Mit einer tiefen Ruhe, die Brennan früher nicht so an ihr erlebt hatte. Der Vogelhändler bemerkte, dass sich nebem dem kalten Stich ein anderes Gefühl regte. Er war.. stolz.

    Stolz auf Amelies Weg. Stolz auf ihre Stärke. Stolz auf die Distanz, die sie jetzt halten konnte. Stolz, wie nah sie Shirashai war. Und doch traf dieser Stolz ihn. Wie etwas, das man bewundert und gleichzeitig verliert.

    Er senkte den Blick. Man muss sich entscheiden. Und Entscheidungen forderten immer ihren Preis. Dieser Preis war nie verborgen gewesen. Brennan hatte ihn nur vergessen. Jetzt spürte er ihn wieder - kalt und unwiderruflich wie die ewige Nacht. Er hatte ihn selbst gewählt.

    Einen Moment blieb er noch stehen, dann setzte er sich doch langsam in Bewegung. Nur wenige Schritte, bis die Distanz zwischen ihnen kleiner wurde. Nicht so nah wie früher. Nur nah genug.

    Als Brennan den Kopf neigte, galt diese Geste nicht mehr Amelie. Sie galt der Priesterin.

    „Schatten über allem.“

    Die Abenddämmerung wurde tiefer, das Blau wurde dunkler. Der Duft des Nachtjasmins hing warm und schwer über den Blumenbeeten, während Brennan meinte, in der Ferne den eigenwilligen Ruf eines Ziegenmelkers zu hören. Amelie löste sich ein paar Schritte von ihm und Brennan ließ sie gehen.

    Er rührte sich nicht. Aber etwas an ihm veränderte sich – kaum sichtbar, ein Fokus, der sich schärfte.
    Sein Blick folgte ihr, ruhig, aufmerksam, als würde er sich jede ihrer Bewegungen merken.

    „Doch.“ Seine Stimme war leise, aber sie schnitt dennoch deutlich durch die Stille.

    „Man muss sich entscheiden.“

    Er hob den Kopf ein wenig, sah hoch in die Kuppel, in der man die ersten Lichtmuscheln erahnen konnte.

    „Alles andere verliert man irgendwann.“

    Diesmal machte er keinen Schritt auf sie zu. Er ließ die Distanz zu.

    Die Stufen führten Brennan und Amelie vor den Palast, wo die Abenddämmerung die Steinplatten in goldenes Licht hüllte. Der Tag wich, die Nacht bahnte sich langsam ihren Weg.

    ür Brennan die schönste Zeit des Tages.

    Der Vogelhändler ging nicht schnell, aber zielstrebig genug, dass klar war: Er wusste, dass Amelie hinter ihm war. Er blieb erst stehen, als die Kühle des Tempels komplett hinter ihnen lag, die Restwärme des Tages sich um sie gelegt hatte. Brennan atmete tief ein.

    Sie standen nahe der säuberlich angelegten Blumenbeete des Palastes. Schwarze Rosen vermischten sich hier mit dem intensiven Duft des Nachtjasmins.

    „Hier draußen… lässt es sich leichter denken“, begann Brennan fast entschuldigend, bevor er sich zu Amelie umdrehte und sie ansah.

    „Erinnerst du dich? Damals, im Park, als ich dir das erste Mal von Shirashai erzählte?“ Ein melancholisches Lächeln schlich auf seine Züge, sein Blick suchte ihren.

    „Ich wusste damals nicht, ob ich dich küssen oder dir den Weg zu Shirashai zeigen sollte.“ Er senkte den Blick für einen Moment. „Heute sehe ich, dass sie die Wahl längst getroffen hatte..."

    Brennan folgte Amelies Blick zur Statue Shirashais und ließ ihn dort ebenfalls einen Moment ruhen. Die feinen Züge der Schattengöttin – wie oft hatte er sie schon schweigend, ja gar schwärmend studiert?

    Dann blickte er wieder zu Amelie. Ernst sprach er weiter. Und doch war da eine gewisse Leichtigkeit in seiner Stimme...

    „Wenn sie uns hierher geführt hat …“

    Er ließ sich Zeit, sah noch einmal zu Shirashais Abbild und wieder zurück.

    „… dann sicher nicht, damit wir schweigend vor ihr stehen.“

    Brennan ging einen Schritt auf Amelie zu. Nicht nah genug, um aufdringlich zu wirken – aber nah genug, um den Abstand bewusst zu verändern. Sein Blick hielt ihrem stand. Ruhig. Direkt. Und obwohl eine tiefe Ernsthaftigkeit in diesem Blick lag, wich das Lächeln auf seinen Lippen nicht.

    Dann, ohne weitere Vorwarnung, drehte er sich zur Seite – dorthin, wo die marmornen Stufen aus dem Palast führten.
    Die Bewegung war fließend, selbstverständlich, als wäre seine Entscheidung längst gefallen.

    „Komm.“

    Er warf einen kurzen Blick über die Schulter, als wäre es selbstverständlich, dass sie ihm folgen würde.

    So wie Brennan nun vor Amelie stand, wirkte seine Haltung wesentlich entspannter als noch vor einigen Augenblicken. Es schien fast, als hätte Amelies letzter Satz etwas in ihm gelöst - etwas, dass ihn zu seiner alten Selbstsicherheit hatte finden lassen. Als würde plötzlich so vieles einen Sinn ergeben. Die Schulter hingen locker, die Hände nicht mehr in den Taschen verankert und das Lächeln.. das Lächeln war genau jenes, wie Amelie es vor Jahren so oft bei ihm gesehen hatte.

    "Shirashais Wege sind unergründlich und mein Glaube an sie ist weiterhin stark." Er nahm den Blick nicht von Amelie. Doch irgendetwas darin veränderte sich. Wurde… wacher. Aufmerksamer.

    „Ich denke, es ist kein Zufall, dass wir uns hier begegnen.“

    Kein Zögern.

    Keine Frage.

    „Nicht jetzt. Nicht, wenn sie uns beide wieder an denselben Ort führt.“

    Brennan senkte den Blick für einen Moment. Amelies verschränkte Arme, das erhobene Kinn, diese kühle Unnahbarkeit – sie musste nichts sagen, um deutlich zu machen, wie viel Abstand zwischen ihnen lag. Sie, die den Weg als Priesterin zu Shirashai gefunden hatte und er, der...

    Er hob den Kopf wieder. Und für einen flüchtigen Augenblick trafen sich ihre Blicke und in beiden war mehr als nur Distanz. Etwas, das sich nicht ganz greifen ließ. Eine.. Erinnerung?

    Sein Atem stockte kaum merklich.

    Dann wandte sie sich ab, begann umherzuwandern.

    Brennan ließ sich einen Herzschlag Zeit, bevor er ihr folgte. Nicht direkt hinter ihr oder drängend, sondern ihren Weg aufnehmend, ohne sie wirklich stören zu wollen. Den Abstand zwischen ihnen ließ er bestehen. Bewusst.

    „Ich?“ Ein leises, fast nachdenkliches Lächeln zog über seine Lippen. „Nein…“ Die Schritte waren ruhig, klangen gleichmäßig auf dem Marmor. „Ich war nicht hier.“

    Einen kurzen Moment hob er seinen Blick leicht, sah zu Amelie, als würde er etwas abwägen, bevor er weitersprach. „Meine Heimat hat mich eine Weile festgehalten. Shay'vinayar.“ Die Worte klangen ruhig, fast beiläufig. „Einige Jahre.“

    Sein Blick blieb auf Amelie liegen und Brennan blieb stehen. Ein Schatten huschte über sein Gesicht. Er schien erneut zu zögern, ob das nächste überhaupt etwas war, das ihr etwas bedeutete – ob sie je gewusst hatte, welchen Weg er einst hatte einschlagen wollen.

    "Ich... ich habe mich dagegen entschieden. Gegen den Weg eines Priesters." Dann blieb er still.

    Für einen Moment blieb Brennan still. Nicht erstarrt, mehr so.. als würde er innerlich einen Schritt zurücktreten, um wieder Boden unter den Füßen zu finden. Die Schultern richteten sich noch ein Stück, der Atem wurde ruhiger. Die Hände in den Manteltaschen entspannten sich, ohne die Taschen zu verlassen.

    Als er wieder zu ihr sah, war da etwas Vertrautes zurück. Ein leiser Zug um den Mund, der andeutete, dass er sich wieder gefangen hatte.

    „Lange her“, sprach er ihr nach und diesmal klang es nicht brüchig. Ein Hauch von Wärme schlich sich in die Worte, kaum merkbar, aber da. Ihr amüsiertes Lächeln ließ seine Braue minimal zucken. Nicht gekränkt. Eher… getroffen, aber auf eine Art, die sich lebendig anfühlte.

    „Verwundert?“ Das altbekannte Lächeln schlich sich auf die Lippen des Vogelhändlers.

    „Ich hätte nur nicht gedacht, dass du mich nach all der Zeit noch erkennst..."

    Ein kaum merkliches Zögern. „…wobei.“ Sein Mund zuckte leicht.

    „Das ist nicht ganz wahr.“

    Sein Blick glitt über ihr Gesicht, blieb an ihren Augen hängen. Nicht zu lange. Gerade so, dass es spürbar war. Einen Herzschlag lang. „Du hast dich verändert“, sagte er leiser. „Aber… das steht dir.“ Diesmal hielt er ihrem Blick bewusst stand.

    Erst als seine Ferse den Boden berührte, merkte Brennan, dass er gerade dabei war, einen Schritt rückwärts zu gehen. Sein Atem setzte kurz aus, seine Schultern zogen sich zusammen, als wollten sie ihn vor einem Schlag schützen und die Hände in den Manteltaschen verkrampften sich.

    Instinktiv wollte sich sein Körper für die Flucht entscheiden. Zurück in die Schatten. Wie so oft.

    Eine Reaktion, die Brennan ärgerte.

    Für eine Mikrosekunde atmete er bewusst schwer ein. Aus. Schob die Schultern nach vorne und trat dann heraus aus dem Dunkel, das die Säulen auf ihn warfen. Diesmal würde er nicht den Rückzug antreten. Nicht noch einmal.


    "Ich... Du.." Brennans Stimme setzte nicht sicher an. Ein kurzer Bruch, kaum hörbar. Sein Adamsapfel hob sich als er schluckte, während seine Finger im Stoff der Manteltaschen nach Halt suchten.

    Brennans Blick blieb auf Amelie. Zu lange. Zu direkt. Sie stand nicht einfach nur vor ihm. Sie gehörte hier hin. Trug Shirashai nicht mehr nur noch in Worten, sondern war ihr vielleicht näher, als er es je gewesen war.

    Sein Kiefer spannte sich.

    "Ich hatte nicht erwartet, dich hier zu sehen. Schatten über allen." Einen kurzen Moment lang senkte er den Kopf. Nicht vor Amelie, sondern vor dem, was sie verkörperte. Vor den Schatten, die sie in sich trug.