Ein Zimmer im Seeviertel .....

  • Nacht des 4. Tages

    Die Kerze flackerte ein wenig im Luftzug. Die Wände, das kleine vergitterte Fenster, die stabile Holztür mit den massiven Riegeln drinnen wie draußen vermochten nicht, den Raum so zu verschließen, dass er frei von Zug gewesen wäre. Tamrin starrte durch das Licht der Kerze, welches tanzende Schatten an die kargen Wände warf, aus dem Fenster in die tiefe Schwärze der Nacht hinaus. Dieser Ort schien niemals zu schlafen. Und auch Tamrin sah sich noch außerstande zu schlafen obwohl die Stundenzeiger der Uhren längst über den höchsten Punkt des Zifferblatts gewandert waren, seit er aus der Pfandstube Tilla Acai's hierher gekommen war. Immer wieder klang von draußen gedämpfte Musik zu ihm herein, leise unverständliche Stimme gefolgt von lautem Geschimpfe oder dem Poltern schwerer Stiefel, die an den Füßen eines Betrunkenen gegen irgendetwas gestoßen waren, was diese unsanfte Behandlung mit lautem Scheppern oder bösem Fauchen quittierte. Tamrin schmunzelte still in sich hinein und sah wieder zu der Schreibfeder in seiner Hand und dem noch jungfräulichen Blatt Pergament vor sich. Erinnerung ........Er würde sich erinnern wollen an diese verrückte, aufregende Zeit, dessen war er sich gewiss. Nicht nur an die bloßen Fakten, sondern auch an die Gedanken und die Gefühle, die ihn dabei bewegt hatten, wenn er in ferner Zukunft nochmal den Weg würde zurückverfolgen wollen, den er gekommen war. Nachdenklich presste er die Lippen aufeinander, setzte die Feder an und begann zu schreiben .......


    Regungslos habe ich da gestanden und zu den Mauern der Stadt in der Ferne hinüber gesehen. Gut – Ferne war relativ, ich hätte es auf etwa eine Stunde Fußweg geschätzt - und später stellte sich heraus, dass das in etwas stimmte..Und nach der Euphorie über den Aufbruch und der ganzen Aufregung spürte ich, wie ich langsam auch ein wenig nervös wurde.Cûrudan's weißes Haar war alles, was mich noch zu dem zurück bringen könnte, was mir lieb und vertraut war.Aber ich redete mir energisch ein, dass die Leute hier im Grunde auch nicht viel anders sein würden als Zuhause. Gute Leute, nicht so gute Leute, törichte Leute, raffinierte Leute, böse Leute.Es tröstete mich in diesem Moment nicht, dass mein Vater mir immer sagte, ich solle ihn nicht um seine Beherrschung beneiden - weil der Preis dafür hoch gewesen sei. Dennoch weiß ich, dass ich ungehalten über mich und meine Nervosität war als ich das Haar in die Phiole steckte und in meinen Rucksack tat ..........................


    Thread "Eine fremde Welt" / Händlerviertel


    ........................ Die volle Gaststube des Korallenriffs war der faszinierendste Ort, den ich je gesehen habe. So viele Vertreter mir unbekannter Völker - dazu die Musik und der Geruch. Wenn ich nicht so erschöpft gewesen wäre, hätte ich mich dort am Liebsten in eine Ecke gesetzt und mich nur sattgesehen an der Pracht. Ich glaube, Meister Alertin hat es mir angesehen und mich deshalb so kompromisslos in Richtung meines Bettes geschoben. Ich muss gestehen, dass ich auch fast sofort eingeschlafen bin als ich endlich dort im Bett lag und noch einmal an Tári dachte. Mein erster Tag - aber ich glaube, ich habe jemanden gefunden, der eine Freundin werden könnte.

    Sorgfältig setzte Tamrin einen Punkt hinter sein letztes Wort und lächelte in sich hinein. Seine Augen huschten zum flackernden Kerzenlicht hinüber. Ziemlich abgebrannt war sie schon - er würde sich neue besorgen müssen, notierte er sich im Kopf. Kurz rang er mit sich, ob er noch weiterschreiben würde heute Nacht. In leisem inneren Zwiespalt sah er zu seiner Lagerstatt hinüber, die verführerisch einladend in den tanzenden Schatten lag, die das unruhige kleine Licht in den schlichten Raum hinein zauberte. Er seufzte und legte die Feder aus der Hand, um ihren Lockungen nach zu geben. Es war ein anstrengender Tag gewesen und er würde den Schlaf gebrauchen können. Sorgfältig trug er die Kerze zum Bett hinüber, stellte sie auf dem festen Lehmboden ab und löschte sie erst als er sich in den Kissen zurecht gelegt hatte. Er würde Morgen weiterschreiben, sagte er sich noch bevor er einschlief.

    .................


    >> Es ist so schwer, das Glück in uns selbst zu finden, nur leider ist es ganz unmöglich, es anderswo zu finden. <<


    Nicolas Chamfort, 1741 - 1794

    8 Mal editiert, zuletzt von Tamrin ()

  • Es war der sechste Tag, den Tamrin auf Beleriar in der Stadt Nir'alenar verweilte. Der dritte Tag in seiner eigenen Bleibe. Er schaute von seinem Pergament auf als ein freches Keckern vom Fenster her zu ihm hinein klang und lächelte. Das kleine hellbraune Äffchen rüttelte kreischend an den Stäben als wolle es seinen Unmut darüber kund tun, dass dieser Weg für Besucher verschlossen war. Tamrin legte allerdings auch keinen Wert auf seinen Besuch. Der kleine Kerl war possierlich, aber Tamrin hatte ihn schon dabei beobachtet, wie er die Leute bestahl, die vor dem Leierkasten seines Herrn stehenblieben, um ihm einen Moment zuzuhören oder etwas von den Kurzwaren zu erstehen, welche er ebenfalls feil bot. Auf den Besuch eines solchen Langfingers verzichtete er lieber und wand sich schmunzelnd wieder seinem leeren Blatt zu. Das Schreiben lenkte ihn wenigstens etwas von den Begebenheiten des vergangenen Abends ab.....


    ....... Mein zweiter Tag begann mit der Morgendämmerung und einem wunderbar luxuriösen Bad. Langsam bin ich davon überzeugt, dass der Preis für ein Zimmer im Korallenriff völlig seine Berechtigung hat. Der Bader war sofort zur Stelle, die Zuber sind wirklich groß und das Wasser dennoch heiß. Sogar Rasierzeug wird vorgehalten und der Bader bot mir an, dass ich auch meine Kleidung waschen lassen könnte bei Bedarf. Dem Bad folgte ein ebenso reichhaltiges Frühstück. Meister Alertin setzte sich eine Weile zu mir - wohl weil er mich beobachtet hatte, wie ich mit Tári's Sätzen übte beim Essen. Ich schilderte ihm meine Pläne und er war so nett, mir mit noch ein paar Zeitangaben in Belerianai zu helfen. Meister Alertin war es auch, der mir sagte, dass ich mich keinesfalls auf mehr als 13 Kupfer pro Woche einlassen sollte preislich. Insgesamt war ich guter Dinge und fühlte mich bestens präpariert für mein Vorhaben als ich am frühen Morgen das Korallenriff verliess und einfach die Straße überquerte, um dort im Viertel mit der Suche zu beginnen. Es ist wirklich wie der Eintritt in eine andere Welt, wenn man von der großzügigen Weite und den prachtvollen Bauten des Adelsviertels hinunter ins Seeviertel geht. Es ist enger, lauter, schmutziger - aber irgendwie auch lebendiger hier. Man gewöhnt sich nach einer Weile an die starrenden Blicke aus Hauseingängen und Fenstern. Sogar an die vielen verschiedenen Gerüche, mit denen die Nase bombadiert wird und manche davon sind alles andere als angenehm. Eine ständige Wachsamkeit ergriff von mir Besitz und liess mich meine Umgebung ebenso aufmerksam beobachten wie sie mich. Fast hätte ich hier schon eine Bleibe bekommen. Ich fragte in einer kleinen Spelunke nach und der Wirt zeigte mir ein Gebäude in einer Nebengasse. Die dünne Frau, die mir öffnete, war freundlich, aber sie war so voller Schmutz und Ungeziefer, dass ich von dieser Gegend lieber die Finger ließ. Dreck kann man beseitigen - aber einen dauernden und oft aussichtslosen Kamp gegen Ungeziefer war ich nicht zu führen bereit. So kam ich irgendwann zu zwei ziemlich nahe nebeneinander gelegenen Brücken und wechselte die Flussseite. Die Straße war hier etwas breiter aber mittlerweile auch um einiges belebter und permanent wurde ich von irgendwem angerempelt. Eigentlich grenzte es fast an ein Wunder, dass ich die tastende Hand an meiner Hüfte überhaupt bemerkte und reflexartig einfach zupackte, um dem dreisten Dieb meine Meinung zu seiner Unverschämtheit direkt ins Gesicht zu sagen. Nur war vor mir gar kein Gesicht und im ersten Moment hätte ich vor Schreck beinah wieder losgelassen, als ich den zerlumpten kleinen Jungen sah, dessen mageren Unterarm ich mit meiner Hand umschloss. Er versuchte sofort, abzuhauen. Doch ich hatte noch einmal Glück und bekam ihn an der Kapuze seines löchrigen Mantels zu fassen. Er brüllte wie am Spieß - und plötzlich hatten wir sogar Platz auf der Gasse. Die Leute betrachteten uns zwar feindselig, machten aber einen Bogen um uns. Und der Kleine begann auf mich einzureden. Ich verstand zwar kein Wort, aber sein Ton war eindeutig flehend und ich überlegte fieberhaft, was ich nun mit ihm anfangen sollte. Es kostete mich einige Mühe, ihn zum Schweigen zu bringen. Immer wieder liess er einen Schwall Worte über mir niederprasseln. Ich erwischte einen günstigen Moment als er offenbar Luft holen musste und sprach ihn meinerseits an. "Mein Name ist Tamrin Farepoynt." Das hätte ich vorher tun sollen, denn er starrte mich an wie den König der Untoten höchstpersönlich - und schwieg. Ich nutzte die Gunst der Stunde und fuhr fort. "Ich suche eine Bleibe. Habt Ihr ein Zimmer ?" Der Kleine starrte mich an und die Sekunden krochen dahin. Ich begann schon zu zweifeln, ob ich etwas falsch gesagt hatte und setzte erneut an. "Ich suche....." doch er hatte anscheinend seine Sprache wieder gefunden. ".........Corrin Farren." Ich weiß heute, dass er 'Ich bin Corrin Farren.' sagte - aber damals dauerte es einen Moment, bis wir diesen Punkt geklärt hatten. Er deutete mit dem Arm hinter sich und begann, mich mit dem anderen mit sich zu ziehen. Und rollte mit den Augen als ich zögernd die Hand hob, um ihm zu bedeuten, dass ich ihn nicht verstand. "Ein Zimmer", erklärte er mir betont genervt und zerrte unverdrossen weiter. Und so folgte ich ihm, mit einer Hand seine Kapuze immer noch fest im Griff....

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  • .............. Meine ersten Stunden bei den Farrens waren mit das Seltsamste, was mir bislang in meinem Leben untergekommen war. Zumindest bis zu diesem Zeitpunkt. Sie begannen damit, dass der kleine Straßenräuber irgendwann in einer Kehre anhielt und fest gegen eine Tür hämmerte. Eine blasse dünne Frau öffnete sie und erschrak sichtlich als sie bemerkte, dass ich Corrin immer noch am Kragen gepackt hatte. Oder vielmehr an der Kapuze. Auch auf sie begann der Kleine einzureden, aber er kam nicht weit, denn ein Mann kam zur Tür - erfasste die Situation und bevor auch nur Corrin, die Frau oder ich reagieren konnten, holte er aus und schlug dem Kleinen so heftig ins Gesicht, dass der zurück taumelte und gegen mich prallte. Ansonsten wäre er wohl im Straßendreck gelandet. Corrin waren die Tränen in die Augen geschossen, aber er kämpfte tapfer gegen sie an. Die Frau nahm ihn bei der Hand und zog ihn ins Haus hinein, drinnen umarmte sie ihn kurz. Ich war so fassungslos von der Szene, die sich in Sekundenbruchteilen vor mir abgespielt hatte, dass ich mich von dem jetzt offensichtlich freundlich um mich bemühten Mann ohne Widerstand ins Haus ziehen und auf einem Stuhl am Küchentisch platzieren ließ. Die Frau - Elynde Farren - hatte Corrin ein Tuch mit kalten Wasser für die Wange gegeben und der Junge stand ebenfalls noch in der Küche - die Neugier war wohl größer als der Schmerz. Der Vater - Demetre Farren - redete immer noch. Ich hob unvermittelt die Hand und er schwieg tatsächlich. Ich sagte noch einmal langsam und deutlich meine Sätze auf, vielleicht, um einfach irgendetwas zu sagen. Und es herrschte einen Moment lang Schweigen, dann wechselten Corrin und sein Vater einige Sätze, bis Elynde sehr zögerlich ihren Kopf seitlich auf die gefalteten Hände legte und mich fragend ansah. Ich nickte erleichtert und die drei redeten erneut untereinander. Corrin war ziemlich schnell auf die Idee gekommen, dass ich nicht von hier sei und war der Meinung, ich könne die alte Kohlen- und Abstellkammer bekommen, die nicht mehr benutzt wurde. Und sie diskutierten darüber, ob man mir die wohl zumuten könne - immerhin müsse ich wohl reich genug sein, um mir nicht die übliche Fangprämie für Straßendiebe verdienen zu müssen. Und ich ? War völlig hin- und hergerissen von dem Gedanken, diesem skrupellosen Menschen dort auf der Stelle den Rücken zu kehren auf der einen Seite - und dieser bizarren Familienberatung vor meinen Augen auf der anderen Seite. So sehr ich auch darüber nachdenke, ich weiß nicht, was mich wirklich damals auf meinem Platz gehalten hat. Vielleicht der Eindruck, dass Corrin trotz des Ausbruchs keine echte Angst vor seinem Vater zu haben schien vielleicht der flüchtige Eindruck unerwarteter Sauberkeit in dieser Küche, meine Überrumpelung - vielleicht die Mischung aus all dem. Jedenfalls zog ich meine Mappe aus der Tasche und holte die ledergebundene Kladde heraus, um ihnen Tári's Sätze zu zeigen und alle Zweifel zu beseitigen. Die drei sahen auf das Blatt ..... und mich dann wieder an, Corrin mit leicht gerollten Augen, Farren eher übellaunig, die Frau mit einer Mischung aus peinlicher Berührtheit und Interesse. Corrin sagte etwas in einem fast belustigten Ton, zumindest schien Farren es lustig zu finden. Ich brauchte dieses Mal keine Tári, um zu wissen, was der Kleine gesagt sagte und starrte auf mein Blatt. Ich konnte die Sprache nicht sprechen - und die drei hier konnten sie nicht lesen ..... und ich erinnere mich noch genau an meinen spontanen Gedanken: Das fing ja gut an.


    Eine kleine Weile starrte ich ratlos auf mein Blatt hinunter, dann kam mir eine Idee und ich suchte in meiner Tasche einen Bleistift heraus. Unter meine Sätze malte ich ein Bett - zumindest war es für mich eindeutig ein Bett obwohl Corrin nachdrücklich behauptet, dass es wie ein Badezuber ausgesehen habe - und ein paar Kreise mit Zahlen darin, zeigte auf das Bett, auf mich, ahmte Elynde's Schlafgeste nach - und deutete auf die Münzen und auf Demetre Farren. Der starrte mich mit zusammen gekniffenen Augen an, und schlug dann aus dem Nichts heraus so heftig auf die Tischplatte, dass dieser ächzend in die Knie zu gehen schien. Er stand auf, rempelte mich grob an der Schulter und winkte mir, ihm zu folgen. Draußen zeigte er mir, worüber die Familie so angeregt debattiert hatte. Ich muss gestehen, dass ich einen gelinden Schrecken bekam, als ich diese Geisterhöhle von innen sah, Sie war gar nicht so ungeräumig, aber Spinnwegen hingen überall von der Decke herab - es sah aus als sei der ganze Raum von einem weiß-grauen Schleier überzogen. Es schien auch irgendwie nicht ein heiles Stück Inventar zu geben - ein fast zusammengekrachtes schweres Regal war hinter dem Schleier zu erkennen und mehre halbe und ganze Baumstammstücke, die iiirgendwie aneinander zu hängen schienen. Allerdings - ich fand im ganzen Raum nicht den leisesten Krümel Mäusekot. Und das stimmte mich hoffnungsvoll, dass der Raum vielleicht besser sein könne als er jetzt aussah - sofern man sich traute, mal mit dem Aufräumen zu beginnen. Farren schlug mir zufrieden auf die Schulter, wir befreiten uns notdürftig von unzähligen Spinnweben und suchten wieder die Küche auf, wo ich die beiden jüngeren Geschwister von Corrin kennenlernte. Arilyn war fast ätherisch zart und schön mit ihrem weiß-blonden Haar und ich fragte mich unwillkürlich, ob dieses feenhafte Geschöpf wirklich Farren's Tochter sein könne. Dannil war noch sehr jung und versuchte ohne irgendwelche Berührungsängste, auf meinen Schoß zu gelangen. Fröhlich krähend zeigte er mir einen Haufen Striche und erklärte mir strahlend "Ferd". Ich weiß nicht, wie lange ich versuchte, irgendetwas in den Strichen zu kennen - Wollknäuel kam mir irgendwann verzweifelt in den Sinn - aber Corrin war schneller ungeduldig und ließ ein schrilles Wiehern ertönen. Für eine Sekunde war es totenstill in der Küche - und dann lachte Arilyn mit silberheller Stimme auf und niemand könnte es mehr so richtig zurück halten. "Du" lachte der Kleine und ich tat ihm schmunzelnd den Gefallen und malte einige eindeutige Dinge hin - und lernte so gleichzeitig ihre Übersetzung, während Farren und die Kinder mit Feuereifer errieten, was ich mit dem Bleistift so dahin zauberte. Im nachhinein hatte ich übrigens Glück, dass ich nirgendwo zum Essen eingeladen war danach, denn wie sich später heraus stellte, hatten die Farrens meine Gabel einstimmig als Mistforke identifiziert. Elynde Farren stand am Herd und sah uns zu - und als ich einmal aufsah und ihr höchst sonderbares, entrücktes Lächeln sah, stellte es mir leise die Nackenhaare auf. Ich bekam jedoch keine Zeit, um darüber nachzudenken, denn Demetre hielt nun den Zeitpunkt für gekommen, das Geschäft abzuschließen. Fragend sah er mich an, nachdem er alle zum Schweigen gebracht hatte als seine Hand erneut krachend auf der misshandelten Tischplatte einschlug. Ich nickte langsam und deutlich - und dann entspann sich ein hartnäckiges Feilschen, in dem wir uns wohl beide als Sieger fühlten. Ich, weil ich ihn von unverschämten zwanzig Kupfer pro Woche auf 12 Kupfer runter gehandelt hatte - und er, weil 12 Kupfer immer noch ein Hohn für das Spinnenuniversum nebenan darstellten. Farren hielt mir die offene Hand entgegen. Ich zögerte zunächst, gab ihm dann aber die zehn Kupfer für die erste Woche. Die Kinder johlten - und ich schaffte es tatsächlich, Farrens liebkosender Hand auf meiner Schulter auszuweichen, in dem ich ihm zuvor kam und vom Stuhl glitt. Meine Versuche, der Familie mit Händen und Füßen zu erklären, dass ich am Nachmittag wiederkommen und mit dem Raum beginnen wollte, schlugen fehl - aber dass ich den Farrens vorausschauend ein paar Blatt leere Pergamente und den Bleistift da ließ, schien sie zu beruhigen. Nach einem recht freundlichen Abschied konnte ich mich also wieder zum Korallenriff begeben, denn ich hatte beschlossen, mich einiger meiner Ausrüstungsgegenstände zu entledigen, die mir bei der Arbeit nur im Weg gewesen wären ......

    ---> Thread: Eine fremde Welt


    Tamrin sah auf als erneut Bewegung am Fenster war. Zwei Hände hielten sein Buch empor. "Ich wollte es zurück geben.", hörte er Arilyn's helle Stimme. Lächelnd stand er auf und ließ die Kleine herein. "Danke!" er nahm das Buch mit den vielen Tuschebildern und steckte es in seinen Rucksack. "Wir wollen zum Gemüsehändler. Kommst Du mit ?", fragte sie hoffnungsvoll. Die Kleine dachte schon daran, dass man mit Tamrin langsam sprechen musste und er auch dann zwar nicht alles verstand aber viel erriet. Der junge Mann dachte kurz nach - wirklich etwas zu tun hatte er gerade nicht. Also nickte er, warf Umhang und Rucksack über und folgte der Kleinen hinaus in die Gassen. Vielleicht konnte er sogar noch ein paar Kräuter für den morgigen Ausflug mit Tári besorgen.

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    Nicolas Chamfort, 1741 - 1794

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  • ………………. Es ist die richtige Entscheidung gewesen, nach dem Besuch in der Bibliothek sogleich schlafen zu gehen, denn am nächsten Morgen wachte ich auf bevor draußen der Morgen zu dämmern begann. Meister Alertin und seine Frau waren natürlich dennoch schon längst auf den Beinen und waren sogar so freundlich gewesen, mir bereits die Sachen, die die nette Wirtin mir angeboten hatte, für mich bereit zu legen. Zu einem voluminösen Bündel zusammengeschnürt warteten im Frühstücksraum eine ältere, gesteppte Daunenbettdecke, zwei ältere Kopfkissen und einige, mehrfach ausgebesserte Bezüge auf mich. Es war ein großes Glück, dass die Wirtin Alertin solche Sachen aufzuheben pflegte, falls einmal unerwartet Notstand bei der Bettenausstattung herrschte. Diese Stücke allerdings hatte sie endgültig aussortiert und angesichts des wirklich großzügigen Angebots, das sie mir unterbreitete, wurden wir schnell handelseinig. Auf Kosten des Hauses tranken Meiste Alertin und seine Frau einen Tee mit mir, denn nach dem Frühstück würde der rege Betrieb einen persönlicheren Abschied nicht mehr zulassen. Ich zweifle nicht daran, dass sie es aufrichtig meinten als sie mir alles Gute wünschten. Sie sind wirklich ausgesprochen hilfsbereit zu mir gewesen. Mit meinen Errungenschaften auf dem Rücken machte ich mich also zum ersten Mal in aller Frühe zu meiner neuen Unterkunft auf. Das Seeviertel kommt in den frühen Morgenstunden tatsächlich zu einer Art Ruhe, stellte ich fest, als ich im beginnenden Tageslicht durch die schmalen Gassen trabte bis ich endlich in der Kehre ankam, wo ich zukünftig zuhause sein würde. Ohne Aufmerksamkeit zu erregen - dachte ich zunächst, aber Demetre und Arilyn hatten mich heimlich beobachtet - betrat ich mein Zimmer. Alles sah noch so aus, wie gestern als ich gegangen war. Das große, mit Holz eingefasste Bett, auf dem mehrere Decken die saubere Strohaufschüttung verbargen. Es hatte ganz schön lange gedauert, bis die Halme so gepresst gewesen waren, dass man endlich bequem darauf liegen konnte. Dafür hatte die drei Kinder einen Heidenspaß dabei gehabt, auf dem Stroh herum zu hopsen. In der anderen hinteren Ecke steht ein Gebilde, dass sich noch nicht recht sicher zu sein scheint, ob es nun Kommode oder Regal werden soll - es ist irgendwie unförmig, weil seine Bestandteile vormals offenbar allesamt anderweitigen Dienst getan hatten. Jetzt thront die Waschschüssel darauf. Der mächtige, gespaltene Baumstamm ruht nun als riesiger Tisch auf einem Gestell aus Stangen und ist mit dem Fell bespannt, um eine glatte Oberfläche zu erhalten. Zwei Klötze aus der anderen Hälfte dienen mir als Stühle, Ablage, Nachttisch - was ich gerade benötige, der Rest wird im Feuer meiner Vermieter landen. Im vorderen Drittel sind an zwei Brettern mehrere Haken in die Wand gebracht, um Sachen daran aufhängen zu können.


    Es dauerte eine ganze Weile, bis ich es vollbracht hatte, Steppdecke und Kissen in Bezüge zu arbeiten und auf mein Bett zu verräumen. Es sah sogleich wohnlicher aus, befand ich und erschrak fast zu Tode als mein Vermieter und seine Tochter unverhofft vor mir standen als ich mich umdrehte. Die Kleine umarmte mich gleich und auch Farren reichte mir die Hand. All mein Protest war vergebens, sie schleppten mich mit ins Haus, wo der Rest der Familie beim Frühstück saß. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob Corrin und Arilyn wohl eine Schule besuchten. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir mit vereinten Kräften, List und Tücke und einigen höchst amüsanten Bleistiftzeichnungen auf meinen Pergamenten zusammen bekamen, dass Demetre mehr als angetan von der Krabbe gewesen war - und mir vorschlug, ich solle einmal pro Woche für Essen sorgen. Im Gegenzug würde er auf zwei Kupfer der Miete verzichten. Ich ließ mich darauf ein. Zur Not könnte ich einen Hasen oder ein paar Rebhühner erjagen - dachte ich damals. Zufrieden damit, dass meine Vermieter wohl recht zufrieden mit mir waren, verabschiedete ich mich und lief zurück zum Korallenriff, um dort zu frühstücken (ich hatte Glück noch etwas zu bekommen - die Mittagsgäste begannen schon einzutrudeln als ich fertig war), meine Rechnung zu begleichen und meine Sachen aus dem Zimmer zu holen. Mit leisem Bedauern winkte ich dem geschäftigen Wirt noch einmal zu bevor ich den bereits leidlich gut gefüllten Schankraum verließ. Irgendwann würde ich abends hier einkehren und mir endlich die eine oder andere der vielen Geschichten Meister Alertin’s anhören. Das nahm ich mir fest vor, während meine Füße mich um die Mittagsstunde herum in Richtung Pfandleihe trugen.

    --------> Die Pfandstube "Acai"

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    Nicolas Chamfort, 1741 - 1794

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  • -----> Die Pfandstube "Acai"


    Erfreut nahm Tamrin zur Kenntnis, dass Tilla Acai ihn noch zur Tür brachte - auf den Gedanken, sie könne darauf achten, dass er auch wirklich nichts mitgehen ließe, kam er gar nicht. Noch einmal nickte er der Frau mit der bemerkenswert kunstfertigen Haartracht zu bevor er in die Nacht hinaus trat. Nur kurz erhellten ihm die Leuchtmuscheln, deren Licht durch die Fenster der Pfandstube auf das Pflaster hinaus fiel, noch den Weg, dann hatte Tamrin die breite Straße, die zum Markt hinunter führte, überquert und tauchte in die Dunkelheit des Seeviertels ein. Nur hier und da fiel funseliger Lichtschein aus vorhanglosen Fenstern auf die schmalen Gassen, klangen grölende und johlende Stimmen aus der einen oder anderen Spelunke heraus, die er passieren musste. Überall hier schien es in den düsteren Ecken zu flüstern und unheimliche Schatten waren hier und da in der Finsternis auszumachen. Vorsichtig und wachsam suchte Tamrin sich seinen Weg, ohne das brodelnde Leben, das am Tage in den Gassen herrschte, wirkte nun alles wie ausgestorben und latent bedrohlich.
    Unter einer der wenigen Straßenlaternen, die er passierte, standen zwei ausgesprochen leichtbekleidete Frauen und nutzten den privilegierten Ort, um nochmal den wenigen Stoff an ihren Körpern zurecht zu rücken.


    "Seid gegrüßt!", nickte Tamrin höflich und drehte den Kopf fast augenblicklich beschämt zur Seite als er sah, dass die eine gerade unbefangen ihren beachtlichen Busen im Korsett zurecht schob, so dass dieser überreich daraus hervor quoll. Tamrin beschleunigte seine Schritte und die beiden blickten ihm nach. "Der hat sich hier verlaufen, oder ?" fragte die brünette Svetlain ihre Kollegin amüsiert. "Neee, das ist der Kleine, der bei Farren untergekommen ist. Sein Glück, dass Farren die Hand drüber hält, wenn Du mich fragst." Die Blonde rümpfte die Nase. Davon hatte sogar Svetlain gehört, obgleich sie aus einem anderen Viertel stammte, und sah dem davon eilenden jungen Mann nach. Sie grinste. "Aber niedlich ist der." "Zu niedlich, wenn Du mich fragst. Hasts doch gesehen - an so verklemmten Burschen lässt sich nichts verdienen." "Du meinst er...." "Der ?" Polyanna schnaubte, wider Willen belustigt. "Noch nie. Im Leben nicht." Die blonde Hure grinste vielsagend.
    "Ach Mann..." die Brünette seufzte etwas theatralisch. "Wenn ich die Miete für die Woche schon drin hätte, würde ich ihn mir ja sofort gönnen." "Bist Du noch bei Trost ?" Das Schnauben wechselte zu empört. "Warum ? Ein harmloser, unverdorbener Junge wäre doch mal eine nette Abwechslung.", schmollte Svetlain. "Na, beim Zureiten machte der sicher keine Probleme - aber Vergnügen bringt nichts Warmes in den Magen. Biste fertig ? Dann komm endlich." Polyanna wurde ungeduldig, die beste Zeit für Freier begann gerade, und trippelte los. "Na bitte!" gab Svetlain schnippisch zurück. "Weißt Du, wie mir diesen ganzen Möchtegernhengste zum Hals raushängen, die glauben, sie würden wer Wunder was bewirken mit ihrem Gehänge ?" Sie rollte mit den Augen, folgte der Blonden jedoch hinterdrein. Was sollte man auch sonst tun, wenn man erst einmal hier gelandet war ?


    Tamrin hingegen huschte in seliger Unkenntnis solcherlei Gespräche über seinen Hals und andere Dinge weiter durch die dunklen Gassen. Die nächste Abzweigung rechts, durch ein tunnelartiges Stück Weg, da die Häuser einfach über die Straße hinweg gebaut worden waren, an ein paar Betrunkenen vorbei, die hier im Rinnstein eine bizarre Art von Dach über dem Kopf gefunden hatten und erreichte endlich die steile Straßenkehre auf deren äußerem Bogen ganz am Anfang das Haus seiner Vermieter stand. Und mit ihm sein Zimmer in dessen ehemaliger Gerümpelkammer.
    Vor seiner Tür entzündete der junge Mann eine Kerze. Im Zimmer war es stockdunkel und er legte keinen Wert auf ungebetene Gäste, die ihn überraschten. Tamrin schob die Kerze durch die Gitter seines Fensters auf das Fensterbrett und spähte in den Raum hinein. Leer.
    Erst dann öffnete er die unverschlossene Tür und trat ein. Die Kerze stellte er auf dem halben Baumstamm ab, welcher ihm, mit einer Lederdecke bespannt, nun als Tisch diente. Sein Umhang wanderte auf eine roh zubehauene Ablage und Tamrin fiel auf seinen einzigen Stuhl und begann, die wenigen Habseligkeiten aus seinem Rucksack heraus auf den Tisch zu räumen. Der Tag hatte es in sich gehabt - und trotzdem wollte sich eine Müdigkeit nicht so recht einstellen. Tamrin's Blick fiel auf seine Ledermappe mit Blättern und Pergament darin. Und die Schreibfeder daneben. Eine Idee keimte in ihm auf und er zog sich samt Stuhl näher an den Tisch heran.....

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  • Am 5. Tag ...

    Der erste Morgen in seiner neuen Bleibe fand Tamrin lange schlafend vor. Erstens war das Bett sehr gelungen und zweitens war er nach dem Schreiben des Tagebuchanfangs dann doch stark ermüdet gewesen von dem aufregenden Tag und der umfangreichen Lauferei. Das konnte was werden heut Abend, vielleicht drückte er sich besser vor irgendwelchen Tanzambitionen seiner neuen Bekannten. Genießerisch streckte Tamrin seiner Glieder, gähnte herzhaft und schlug die Augen auf. Corrin Farren’s Gesicht hüpfte vor dem Fenster auf und ab, um hinein sehen zu können. “Boah, endlich Mann. Ich dachte schon, du stehst nie auf. S’ist fast Mittag.” Es war später Vormittag, aber so verschlafen, wie Tamrin noch war, verstand er ohnehin nicht, was Corrin sagte. “Zu schnell” erinnerte er ihn und der Junge beantwortete es mit einen lauten “AUFSTEHEN!” Tamrin sah ein, dass weitere Ruhe ihm nicht vergönnt sein würde, kroch widerstrebend unter seiner Decke hervor und schlich zur Tür, um sie zu öffnen. Begeistert tobte Corrin zur Tür herein und schmiss sich auf den einzigen Stuhl im Zimmer. Tamrin war der komischste Mensch, den er kannte. Wer machte einem schon im Nachtpolter die Tür auf ? Vorsichtshalber verriegelte Tamrin hinter dem Jungen wieder, bevor noch mehr Mitglieder seiner Familie hinterdrein kommen und ihm beim Ankleiden zusehen würden. Streng fixierte er den naseweisen Jungen, der sich kichernd von ihm wegdrehte, so dass Tamrin sich wenigstens halbwegs unbeobachtet seines Schlafgewands entledigen und die Tageskleidung anlegen konnte. Waschen musste angesichts der Umstände ausfallen, aber er hatte ohnehin für das Fest geplant, ein richtiges Bad in einem öffentlichen Badehaus zu nehmen. Corrin’s Neugier wurde inzwischen von den Unterlagen auf dem Tisch gefesselt. Er bestaunte die beschrieben Blätter. “Was ist das ?” Tamrin suchte nach Worten. “Buch ……. über mich.” kam es dann etwas hilflos. Corrin zog die Brauen hoch. Na ja - lustig war Tamrin zumindest.


    “Mein Vater will Dich nachher sehen.” brachte er nun den Grund seine Anwesenheit vor und als Tamrin hilflos den Kopf schüttelte, wiederholte er gestenreich Wort für Wort.


    “Mein Vater” … “Master Farren” Tamrin nickte. “will …. Dich … Tamrin …. sehen.” fuhr Corrin fort. Tamrin begriff. “Haus ? Jetzt ?” erkundigte er sich und deutete auf die Wand, die an das Haus seiner Vermieter grenzte. Corrin schüttelte ausgiebig den Kopf. “Nö. Er ist noch unterwegs in Geschäften und so und holt Dich nachher ab.” und als er Tamrin’s verständnislose Miene sah deutete er auf den Boden. “Hier. Später.” Tamrin nickte. Das passte ihm ganz gut, so konnte er endlich einmal in Ruhe etwas lernen. Und als hätten die Götter seine fromme Absicht erhört, tingelte Corrin vom Stuhl herunter und winkte ihm übertrieben zu. “Ich muss etwas für Mutter besorgen. Ich komme später wieder. Und Arilyn will auch unbedingt mit obwohl sie immer nur stört.” Er sagte es in einem Ton als hoffe er, Tamrin würde es ablehnen, ein Mädchen mit dabei zu haben. Doch mit solchen Ambitionen war er noch zu früh, denn Tamrin nickte nur bereitwillig, weil er viel mehr als den Namen und ‘komme wieder’ nicht hatte heraus hören können. Etwas beleidigt zog der Junge von dannen und Tamrin setzte sich mit etwas Käse und einem Apfel über Tári’s Buchstabenschema, setzte Wörter in Beleriarnai zusammen und versuchte, sie nach dem bereits gelernten auszusprechen. Darüber verging der Rest des Vormittags....

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  • Am 7. Tag ....

    Als Tamrin an diesem Morgen erwachte, blieb er noch einen Moment liegen und sah zum Fenster hinüber. Oder besser - zu dem dicken braunen Stoff, der es seit gestern verhüllte und energisch das Licht des heran nahenden Tages des Zimmers verwies, obwohl der junge Mann sich sicher war, dass die Morgendämmerung schon heraufgezogen war und es draußen recht hell sein musste. Zufrieden schweifte sein Blick über das bescheidene Innere des Raums. Nein, prächtig war es nicht - aber Tamrin empfand eine nie gekannte Befriedigung dabei, dass er dies alles selbst bewerkstelligt hatte. Es verschaffte ein Gefühl von Zuhause in der immer noch fremden Stadt - und das war ein gutes Gefühl. Ein bisschen faul kroch er unter der ausgemusterten Bettdecke hervor, die er bei seinem Abschied aus dem Korallenriff noch von Meister Alertin und seiner Frau hatte erstehen können und schlich zu seiner Waschschüssel hinüber. Heute Morgen durfte es Katzenwäsche sein, räumte er sich großmütig ein. Als er diese beendet und sich angekleidet hatte, packte er seinen Rucksack noch mit den Dingen, die er gestern zum Teil extra noch für den heutigen Ausflug besorgt hatte. Erst danach zog er den Vorhang vom Fenster zurück und verließ sein Domizil.


    Nebenan schielte Corrin zum Fenster hinaus und betrachtete ihn von oben bis unten. "Du bist früh.", stellte er fest. "Ich will mir die Umgebung der Stadt ein wenig ansehen." sagte Tamrin - langsam aber verständlich. "Allein ?" Corrins Augen blitzen lebhaft auf bei der Aussicht auf ein Abenteuer. "Nein, ich treffe ....." "Tári" fiel der Junge ihm augenblicklich ins Wort. "Schon klar, Alter.", und rollte dabei so übertrieben genervt mit den Augen, dass beinah nur noch das Weiße darin zu sehen war. Tamrin lächelte freundlich. "Sie ist meine Lehrerin. Und sie kennt sich aus." Corrin starrte ihn mit einer Miene an, als wisse er nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Tamrin's ehrliches leises Bedauern darüber, dass er Corrin nicht würde mitnehmen können, obwohl der wahrscheinlich schon länger auf das leise Knarren seiner Tür gewartet hatte, das ihm verriet, dass Tamrin sich anschickte, sein Zimmer zu verlassen, löste sich bei dessen nächsten Worten augenblicklich in Nichts auf. "Oh Mann." grollte Corrin aus seiner offenkundigen Eifersucht heraus. "Ich glaub', die Vorhänge waren ne verdammt gute Idee. Die hat Dich echt voll am Wickel." und verschwand beleidigt vom Fenster. So entging er Tamrin's finsterem Blick (keine Frau hatte ihn am Wickel !!! und überhaupt war Tári SOOO eine schon mal niemals nicht ...), der sich kopfschüttelnd auf den Weg machte und sich völlig sicher war, dass er in Corrin's Alter noch nicht mal über solche Dinge auch nur nachgedacht hatte. Höchstens vielleicht ........


    <------- Eine fremde Welt

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    Nicolas Chamfort, 1741 - 1794

    3 Mal editiert, zuletzt von Tamrin ()

  • -----> Eine fremde Welt



    Vor seiner Tür angekommen, spähte Tamrin gewohnheitsmäßig zuerst durch das Fenster, um zu sehen, ob jemand im Zimmer war. Erst danach betrat er sein Zuhause. Hier drin war es fast schon düster genug, um eine Kerze anzuzünden - doch er verzichtete darauf. Er fürchtete sich etwas davor, sich hinzusetzen und ins Nachdenken zu geraten. So zog er recht schnell seinen Umhang sowie das nasse Hemd aus und hängte beides sorgfältig an die Haken auf den Brettern. Das übrige, nun wieder saubere Kleiderarsenal verteilte er recht kreuz und quer über seiner spärlichen Einrichtung. Morgen würden die Sachen hoffentlich getrocknet sein. Danach war sein Rucksack an der Reihe. Die eingewickelten Fische heraus und dann wurde auch er an seinen Platz an einem der Haken platziert. Bevor Tamrin zu den Farrens hinüber ging, suchte er sich noch eine trockene Tunika vom Regal. Es war ihm ganz Recht, dass er einen Grund hatte, nach nebenan zu gehen. Eine bessere Ablenkung als seine Vermieterfamilie konnte es kaum geben, sagte er sich mit nachsichtigem Schmunzeln über sich selbst und verließ sein Zimmer, um nur wenige Schritte weiter energisch mit der flachen Hand an deren Eingangstür zu hämmern, das Fisch-Päckchen in der anderen.


    Die Tür öffnete sich, Arilyn’s fast weißer Schopf wurde sichtbar. Sie musterte Tamrin, lachte fröhlich und zog ihn ohne viel Federlesen hinter sich her in die Küche des Hauses. Dort war offensichtlich gerade das Abendbrot beendet worden, bis auf den Kleinsten saß die Familie noch am Tisch, Elynde Farren war im Begriff, den Tisch abzuräumen. Tamrin grüßte höflich und händigte der Hausherrin sogleich die Fische aus, die diese mit ihrem etwas überirdischem Lächeln, das Tamrin’s Nackenhaare noch immer leicht zu Berge stehen ließ, in Empfang nahm und davon trug. Farren selbst schien gute Laune zu haben und forderte Tamrin mit unmissverständlicher Geste und seinem typischen Grinsen auf, sich zu setzen. Selbst Corrin schien ihm verziehen zu haben, dass er den Tag mit Tári statt mit ihm verbracht hatte. Arilyn brachte ihm einen Becher mit heißem Wasser, in dem eine dicke Zitronenscheibe lag - ein Getränk, dass hier im Seeviertel Gang und Gebe war, wie Tamrin mittlerweile schon wusste. Und da er auch wusste, dass Elynde Farren ihr Wasser sorgfältig abzukochen pflegte, hatte er in diesem Haus auch keine Bedenken, sich den gewöhnungsbedürftigen Durstlöscher zu Gemüte zu führen.

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  • Tamrin konnte die Neugier und die Anteilnahme der Farrens nicht recht einordnen. Gut, bei den Kindern war es seiner Meinung nach einfach Neugier, ein neuer Farbklecks in dem ihnen bekanntem Leben. Und da Tamrin selbst jüngere Geschwister hatte, war es für ihn nichts Ungewohntes, dass sie um ihn herumwuselten, wie es ihnen gerade einfiel. Demetre war da schon etwas anderes. Der junge Mann war sich sicher, dass sein vierschrötiger, trinkfester Vermieter mit Vorsicht zu genießen war - nicht nur wegen seines wechselhaften Temperaments und seiner gelegentlichen brutalen Anwandlungen. Er sah nicht recht, was Farren sich davon versprach, sich für ihn zu interessieren und sich beinah um ihn zu kümmern. Bestimmt lag das nicht an 10 Kupfermünzen in der Woche, auch wenn Tamrin klar war, dass die Farrens in ärmlichen Verhältnissen lebten. Dennoch war sein Vermieter sicher nicht ohne Einfluss hier, dafür hingen schlicht zu viele Augenpaare verstohlen an ihnen, wenn er mit Demetre durch die Gassen zog. Corrin hatte natürlich gepetzt und so musste Tamrin zunächst mit Händen und Gesten und Worten von dem Ausflug berichten, so gut er konnte. Die Irrungen und Wirrungen seines Inneren ließ er dabei allerdings aus. Zum einen reichten seine Sprachkenntnisse nicht aus, um diese delikate Angelegenheit auch nur annähernd zu verdeutlichen. Und zum anderen wollte Tamrin das auch gar nicht mit der gesamten Familie bereden. Demetre Farren schien dennoch seinen Spaß daran zu haben, Corrin auch. Arilyn wirkte ein wenig mürrisch bei dem Thema, vielleicht wünschte sie sich auch, einmal mit zu den Pferden genommen zu werden und zu reiten, überlegte Tamrin. Der Pferdehandel von Tári’s Tante schien im Seeviertel durchaus bekannt zu sein und für wertvolle, hochpreisige Pferde zu stehen. Danach drehte sich das Gespräch eine ganze Weile um Tamrin’s Arbeit, die Demetre Farren besorgt hatte, sowie seinen Arbeitgeber, Barnas Nyram. Für Tamrin waren es unbezahlbare Lehrstunden, den Farrens bei ihren Gesprächen zuhören zu können, sich daran zu beteiligen und seine Stolperer, wenn es ihm an einem Wort fehlte, sorgten meist für Erheiterung und eine unbeschwerte Atmosphäre. Darüber schwand der Abend dahin und Tamrin hatte seinen Becher schon eine ganze Zeitlang geleert als Elynde Farren, die recht still nahe beim Feuer gesessen und aufmerksam gelauscht hatte, unter dem lauten Protest ihrer beiden Kinder unnachgiebig verkündete, dass nunmehr Schlafenszeit sei. Tamrin verabschiedete sich sichtlich betreten, auch wenn sie ihm nicht böse zu sein schien. Farren selbst protestierte erstaunlicherweise mit keinem einzigen Wort.


    Die Nacht war schon weit fortgeschritten als Tamrin dieses Mal erst die Kerze anzünden musste, um in sein Zimmer spähen und eintreten zu können. Unschlüssig hatte er auf seinem Stuhl Platz genommen und starrte in das flackernde Licht der Kerze auf seinem Tisch, die er unmittelbar nach dem Eintreten angezündet hatte. Schweigend hier zu sitzen war schrecklich. Außerdem war er rechtschaffen müde von dem langen Tag. Und zugleich hellwach, wenn er all die Geschehnisse vor seinem inneren Auge erneut ablaufen ließ. Sich hinzulegen, traute er sich aber ebenfalls nicht. Was, wenn er doch einschlief und nicht rechtzeitig erwachte ? Auch wenn er wusste, dass es nicht die beste Idee war, griff er nach dem erstandenen Buch und blätterte darin herum, sah sich die fein detaillierten Tuschezeichnungen an und versuchte sich hier und da daran, die Anfänge der zahlreichen Geschichten zu entziffern.
    Irgendwann schreckte er auf. Es war noch tiefdunkle Nacht draußen vor seinem Fenster, aber die Kerze war ein gutes Stück herunter gebrannt. Tári musste längst im Schuppen gewesen sein, wenn sie alles so geschafft hatte, wie sie es abgesprochen hatten. Tamrin zweifelte nicht daran. Schleunigst nahm er seinen Umhang vom Haken, verlöschte das Licht und trat in die Finsternis der Gassen hinaus.


    Auch zu dieser Stunde war es nicht still in den Straßen. Kamen die Geräusche nicht offensichtlich von Passanten oder aus irgendwelchen Spelunken, knarzte garantiert von irgendwo her ein nicht sorgfältig verschlossener Fensterladen oder eine Tür in den rostigen Angeln. Und selbst wenn nichts dergleichen zu hören war, schien es ein ewiges Wispern und Raunen in den vielen finsteren Ecken und Winkeln zu geben. Tamrin bemühte sich gar nicht erst um unhörbare Schritte auf dem unregelmäßigen, an vielen Stellen maroden, steinernen Pflaster. Vielleicht war er diesbezüglich etwas leichtfertig, aber er hielt sich als Opfer eines heimlichen Überfalls einfach nicht für lohnenswert genug. Jetzt - auf dem Hinweg zu dem Haus der Amandils - ohne echte Wertgegenstände jedenfalls nicht. Er mochte den eigentlichen Bewohnern des Seeviertels hier als ungewöhnlich auffallen, aber nicht weil er nach Reichtümern irgendwelcher Art aussah. Eher, weil er alles und jeden zu grüßen pflegte, wenn er unterwegs war und dafür häufiger höchst irritierte, bisweilen auch misstrauische Blicke erntete. Aber es gab einfach Gewohnheiten, die sich schwer ablegen ließen, wenn man sie jahrelang geübt hatte.......


    <------- Das Haus & Stallung der Amandils

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    Ruhig war es in den verlassenen Straßen, jetzt wo die Morgendämmerung nicht mehr allzu lange auf sich warten ließ. Das Wasser des Dessibar floß träge dahin, sehen konnte Tamrin es nicht, aber das leise Rauschen und Murmeln des Wassers begleitete ihn bis zur Brücke, über die er sonst immer seinen Weg ins Korallenriff genommen hatte. Aber jetzt nicht mehr. Jetzt führte sein Weg ihn abermals linker Hand ein kurzes Stück die breite Marktstraße hinunter, bis es wieder rechte Hand ins Seeviertel hinein ging, zu seiner Wohnung.


    Tamrin schwitzte Blut und Wasser auf dem letzten Wegabschnitt. Immerzu blieb er stehen und lauschte in die Dunkelheit der Gassen. Er hatte Angst, dass eine zwielichtige Gestalt angesichts seines Bündels neugierig werden und es als lohnende Beute betrachten könnte. Aber das Zwielichtigste, das ihm begegnete, waren eine streunende Katze, ein schon von weitem nach undefinierbaren Ausdünstungen stinkender Schnarcher, der es nicht mehr in eine finstere Ecke geschafft hatte und eine halbnackte, torkelnde Frau mittleren Alters, die in ihm gleich mehrere Personen zu sehen glaubte. Tamrin flüchtete vor ihnen allen gleichermaßen und wenn er gerade eine Passage ganz ohne anderweitige Nachtschwärmer entlang huschte, zermarterte er sich das Hirn, wo er die wertvollen Kleidungsstücke nur verstecken sollte und quälte sich mit Albtraumszenarien davon, dass sie gestohlen werden könnten. Und er hatte geglaubt, das Schlimmste sei, sie aus dem Schuppen zu entwenden. Der Gedanke ließ ihn höhnisch auf schnauben. Lächerlich - das Schlimmste kam offenbar erst nach einem Diebstahl - nämlich wenn man mit seiner Beute dahin musste, wo auch andere keinerlei Skrupel vor Diebstählen hatten oder die Stadtwache auf ebensolche Leute aus war.


    Mit seinen weichen Knien und seinem überreiztem Nervenkostüm benötigte Tamrin mehrere Anläufe, bis er die Kerze durch das Fenster seines Zimmers endlich angezittert hatte. Aber wenigstens war hier alles wie zuvor und er konnte sich in die relative Sicherheit seiner vier Wände flüchten. Bevor er irgendetwas anderes tat, zog er den Vorhang zu und quetschte das große Kleiderbündel mit Händen und Füßen unter den dicken Schreibtischbaumstamm - den Ort, wo es dem zufälligen Betrachter nicht unmittelbar ins Auge springen konnte. Worte seines Vaters kamen ihm in den Sinn, während er sich mit dem widerspenstigen Paket abkämpfte. Wie der auf die kindliche Frage wie Heiraten so wäre, mit spöttischem Funkeln in den Augen seine Mutter fixiert hatte und antwortete: ‘Ein Mann muss in seinem Lebensstil gewisse Anpassungen vornehmen, wenn er heiratet.’. Vielleicht hätte er mal erwähnen können, dass man schon vorher ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs entlang wandelte, fluchte Tamrin ärgerlich vor sich und ließ sich aufgewühlt auf seinen Stuhl fallen als das Kleiderpaket endlich aufgegeben hatte. Wie sollte er in dieser Nacht bloß Ruhe finden ?


    Erst nach einer Weile erhob sich der junge Mann und entledigte sich seines Umhangs. Er musste an etwas anderes denken als daran, dass etwas mit den Kleidern schief gehen würde, befahl er sich selbst und setzte sich auf sein Bett. Langsam sank er nach hinten, die Augen an die Zimmerdecke geheftet und den Kopf in die Handflächen gebettet, versuchte er sich erneut Tári ins Gedächtnis zu rufen, wie sie in ihrem Bett lag und schlief und unendlich bezaubernd aussah dabei. Sie musste das schönste Wesen der Welt sein, dachte er und seine Lippen verzogen sich zu einem seligen Lächeln. Tamrin schloss die Augen. Nur um sie mit leisem entsetztem Keuchen wieder aufzureißen. Entgeistert starrte er an die Zimmerdecke. Unauslöschlich in seinen Geist eingebrannt hatte sich ein anderes Bild und hielt ihm unbarmherzig die Schönheit von Tári’s nacktem Körper vor sein inneres Auge.
    Unruhig wälzte er sich etwas hin und her, um die Hitze zu vertreiben, die das Bild herauf beschwor.
    Wenn diese Nacht doch nur endlich vorüber wäre ...

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  • Am 8. Tag ....



    Tamrin erwachte von zornigem, durchdringendem Geschrei auf der Gasse in unmittelbarer Nähe seines Fensters. Vor Schreck wollte er empor schießen, aber sein ausgekühlter, steifer Körper verweigerte ihm die Mitarbeit. Verwirrt sah der junge Mann sich noch vollständig angezogen quer auf seinem Bett liegen………. und erinnerte sich, wie er sich unruhig und gequält von den eigenen Phantasien hin und her gewälzt hatte, immer bemüht, die Augen offen zu halten und an irgend etwas Unverfängliches zu denken. Irgendwann musste die Erschöpfung ihn dann wohl doch besiegt und ihm die Augen geschlossen haben. Aber ein erholsamer Schlaf war es nicht gewesen, Tamrin fühlte sich wie erschlagen und ihm dämmerte, dass sich nun auch ein ordentlicher Muskelkater eingefunden hatte, weil er so lange schon nicht mehr geritten war. Stöhnend richtete er sich in eine sitzende Position auf.


    Draußen ging der laute Tumult weiter, inzwischen waren hier und da auch andere Stimmen beteiligt und da Tamrin die Stimme Demetre Farrens unter ihnen zu erkennen glaubte, stemmte er sich sich schwerfällig in die Höhe und machte zwei, drei unsichere Schritte in Richtung seines Vorhangs. Seine Oberschenkel fühlten sich gummiartig an. In seinem Zustand war er sicher keine Hilfe und so wollte er sich die Lage zunächst lieber nur ansehen. Außerdem war Farren schon rein äußerlich ein Mann, der sich seiner Haut sehr gut allein zu wehren wusste, da war Tamrin sich sicher. Etwas umständlich schob er den dicken Vorhang zur Seite und spähte hinaus in die Gassen. Ein kleiner Menschenauflauf hatte sich vor der Kehre gebildet, in der das Haus der Farrens stand und Farren selbst stand tatsächlich dort und redete mit ebenfalls zorniger Miene auf einen anderen Mann in schäbiger Kleidung ein. Tamrin erkannte ihn. Er wohnte ebenfalls in diesem Straßenzug, im übernächsten Haus direkt hinter dem Knick in der Häuserfront. Allerdings war er meist schlecht gelaunt und grüßte auch nie zurück, wenn Tamrin es tat. Er schien eine recht niedliche Tochter zu haben, mit großen Augen und hellbraunen Haaren etwa in Tamrin’s Alter, die aber so scheu war wie ihr Vater übellaunig. Jedenfalls schreckte sie regelmäßig zurück, wenn Tamrin sie einmal im Hauseingang oder im Fenster erspähte und ihr zuwinkte.


    Was mochte dort vorgefallen sein ? Etwa 12 oder 15 Leute standen um die beiden Kontrahenten herum - Männlein, Weiblein, Kinder, Huren, Bettler und sonstige Bewohner des Seeviertels. Bei den meisten fragte Tamrin sich regelmäßig, wovon sie wohl leben mochten, da er sie tagein tagaus eigentlich ständig nur am selben Ort herum lungern sah. So etwas merkte man sich schlicht, wenn man gewohnheitsmäßig jeden höflich grüßte. Manche der Umstehenden wirkten fast eher amüsiert als verärgert. Das beruhigte Tamrin, der den schnellen Worten der beiden Männer nicht recht folgen konnte. Er dachte sich auch nichts dabei, dass so mancher und manche im Pulk zu seinem Fenster herüber sah - immerhin hatte er gerade den Vorhang zurück gezogen und das hatte jeder dort draußen sehen, vielleicht auch hören können.


    Eine kleine Weile dauerte der verbale Schlagabtausch noch an, dann wandte sich der andere mit unwirscher Handbewegung ab und verschwand in seinem Haus. Farren selbst richtete noch ein paar Worte an die Umstehenden, die aber schon im Begriff waren, sich wieder zu zerstreuen, nachdem klar war, dass es zu keiner körperlichen Auseinandersetzung mehr kommen würde. Mit finsterer Miene wand Tamrin’s Vermieter sich ab, sah Tamrin am Fenster stehen, fixierte ihn mit immer noch finsterer Miene - winkte ihm aber zu, heraus zu kommen.


    Tamrin nickte, trat vom Fenster zurück, um bedächtig seinen Umhang umzulegen, die schmerzenden Stellen seines Körpers tunlichst wenig bewegend und trat hinaus auf die Gasse.


    Er war nicht der einzige Zaungast am Fenster gewesen, wie er dort feststellte. Corrin und Arilyn hatten ebenfalls am offenen Fenster das Geschehen verfolgt - Corrin mit breitem Grinsen, Arilyn mit fast ebenso finsterer Miene wie ihr Vater. Daran gemessen musste sie wohl doch Farren’s eigene Tochter sein, kam es Tamrin bei ihrem Anblick aberwitzigerweise in den Sinn. Feixend rief Corrin seinem Vater etwas zu, woraufhin sich Arilyn’s Miene noch mehr verfinsterte und Farren dem Jungen wütend die Faust entgegen reckte, so dass dieser schnell, aber immer noch lachend das Fenster schloss, welches beängstigend in seinem Rahmen knarzte und quietschte dabei. “Amandil ?” fragte Tamrin verwirrt bei Demetre nach, denn das war das Wort, das ihm von Corrin’s Worten sofort im Ohr haften geblieben war. Demetre schnaufte gereizt und schüttelte den Kopf. “Nur Unsinn im Kopf, der Lausebengel. Vergiß das und komm mit hinein. Ich habe mit Dir zu reden.” Tamrin’s Unwille war erkennbar, er war sich sicher, richtig verstanden zu haben, aber er folgte seinem Vermieter anstandslos in dessen geräumige Küche hinein. Demetre Farren war unwiderstehlich in seinem Zorn.



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    Nicolas Chamfort, 1741 - 1794

  • Tamrin hatte sich längst daran gewöhnt, dass auch Demetre ihn mit “Du” ansprach, immerhin war sein Vermieter gute 30 Jahre älter als er selbst und hätte sein Vater sein können. Und außerdem passierte das in diesem Viertel ohnehin alle Nase lang, dass er von Unbekannten geduzt wurde. Lustig, dass ausgerechnet Tári das auch fast sofort getan hatte - obwohl ihr gesellschaftlicher Stand dies ganz sicher nicht vorsah. Der Gedanke an Tári ließ ihn auch wieder an das Wort denken, das er aufgeschnappt hatte und mit etwas trotzigem Gesichtsausdruck nahm er auf den Wink Farrens ihm gegenüber am Küchentisch Platz. Demetre musterte ihn, lange und gründlich und langsam wurde es Tamrin fast ein wenig unheimlich. Was ging hier gerade vor sich ?


    “Du kennst den Mann, mit dem ich gerade sprach ?” Farren sprach jetzt wieder langsam und ungewöhnlich deutlich, weil er wusste, dass Tamrin sonst noch Schwierigkeiten mit dem Verständnis hatte obgleich ihm solcherlei Alltagssätze inzwischen kaum noch vor Probleme stellten. Er nickte. “Wohnt auch hier.” “Richtig.” Farren nickte zufrieden. “Dongal Faisar.” nannte er Tamrin den Namen des Mannes. “Er ist …… schwierig. Ich möchte, dass du dich von ihm fern hältst …………….. nicht hingehst ! Weg bleibst von ihm !” fügte er mürrischer und etwas lauter hinten dran als er Tamrin’s verständnislose Miene sah. Der junge Mann rutschte auf seinem Stuhl hin und her, weil er seinem Vermieter gern erklärt hätte, dass er gar nicht vorgehabt hatte, zu Dongal Faisar überhaupt hinzugehen. Und zu gern hätte er auch gewusst, was dieser eigenartige …. ja, Befehl, etwas anderes war es nicht - eigentlich sollte. Aber er ahnte, dass seine Sprachkenntnisse diese Unterhaltung nicht hergaben. Noch nicht.


    Farren missdeutete Tamrin’s Gebaren. Zornig schlug er mit der Faust auf den Tisch. “Weg bleiben!” donnerte er den jungen Mann an. Tamrin nickte hastig noch bevor er überhaupt wirklich darüber nach gedacht hatte. “Einverstanden!” gab er mit erstaunt aufgerissenen Augen zurück und in wundersamer Wandlung nickte Farren augenblicklich, lachte zufrieden und haute abermals auf den malträtierten Tisch, dieses Mal allerdings flüchtiger und weniger fest. “Wunderbar, dass wir das geklärt haben, Junge. Ich wusste, Du bist vernünftig. Heut Abend bist Du bei Barnas, hm ? Vielleicht schau ich mal vorbei, aber jetzt muss ich leider los. Die Pflicht ruft. Bis später !” Tamrin nickte nur, immer noch reichlich verwirrt, zu diesen Worten, von denen er zumindest die Frage verstanden hatte, ob er am späten Nachmittag die Arbeit bei dem Bäckermeister aufnehmen würde, während Farren ihm im Vorbeigehen freundlich auf die Schulter klopfte und ihn mit sich allein in der Küche sitzen ließ.


    Einen Moment lang fragte Tamrin sich ernsthaft, ob er noch im Bett läge und schliefe und das hier ein höchst bizarrer Traum sei - bis Corrin den Kopf zur Tür herein steckte, grinste und näher kam. “Hey Mann!” grüßte er betont lässig und Tamrin hatte das dumpfe Gefühl, dass er die Situation im Gegensatz zu ihm selbst, durchschaut hatte. “Frag nicht.” wiegelte der Junge sogleich ab. “Er würde mir den Kopf abreißen.” Corrin grinste schon wieder, aber Tamrin wusste, dass Demetre keinerlei Hemmungen kannte, seine Sprößlinge körperlich zu züchtigen. “Was war mit Tári ?” fragte er dennoch. Corrin musterte Tamrin und seufzte dann. “Ich schwöre es war nur ein Witz. Nichts, worüber Du Dir Sorgen machen müsstest.” Corrin sah ernst drein und Tamrin war geneigt, ihm zu glauben. Der Junge mochte hier und da eine sehr gewagte Auffassung hinsichtlich seiner Ehrlichkeit haben - aber im Grunde war er kein notorischer Lügner. Und so nickte er nur, fasste aber den Entschluss, keinem Mitglied seiner Vermieterfamilie etwas über sein Vorhaben, die Verlobung und seine Liebe zu Tári zu sagen. Jetzt nicht mehr.
    “Was tust Du heute ?” fragte Corrin neugierig.
    “Apotheke.” antwortete Tamrin knapp. “Salbe für Pony, und …..” er suchte nach Worten. “...besorgen ?. Und Lernen.”
    “Ich gehe mit.” Die braunen Augen blickten Tamrin hoffnungsvoll an und der brachte es nicht über sich, abzulehnen. So nickte Tamrin abermals ergeben und auf Corrin’s Gesicht erschien wieder das spitzbübische Grinsen. “Sonst ziehen sie Dich wieder über den Tisch, Alter.”, spottete er. “Arilyn auch ?” “Nö - sie schmollt. Weiber!” Corrin verdrehte die Augen und wurde langsam zappelig, so dass Tamrin sich genötigt sah, vom Tisch aufzustehen. Er hielt Corrin einmal alle 10 und einmal die 5 Finger einer Hand vor die Nase. “In fünfzehn ?? Minuten. Ich muss mich noch Waschen.” erklärte er. “Fünfzehn ist richtig. Gut - ich sage Mutter schnell Bescheid.” gab der Junge zurück und flitzte davon während Tamrin sich wieder in seine Behausung begab, um zumindest ein gewisse Grundsauberkeit an sich selbst wieder herzustellen …..

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  • Etwa fünfzehn Minuten später trat Tamrin erneut auf die Gasse - mit sauberer Tunika und vom kalten Wasser noch geröteten Wangen. Corrin wartete bereits und gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Es war schon später Vormittag und in den Straßen des Seeviertels tobte das Leben. Um Tamrin und Corrin wogte ein Meer aus Leibern, Stimmen, Geschrei und Gesprächsfetzen, das eine Unterhaltung aufgrund Tamrin’s noch unvollkommener Sprachkenntnisse unmöglich machte. Aber das spielte keine Rolle, weil beide schon über Sinn und Zweck dieses Apothekenbesuchs gesprochen - oder besser - geradebrecht hatten. Corrin kannte das Seeviertel wie seine Hemdtaschen und auch im Händlerviertel waren ihm so einige Geschäfte bekannt. So brachte er Tamrin auf kürzestem Weg zur Apotheke “Allerlei Arznei”. Grinsend sah er ihn an als sie vor dem kleinen Fachwerkhäuschen angekommen waren. “Hier ist es!” nickte der Straßenjunge. “Sie sieht zwar nicht aus wie eine Hexe - aber alle munkeln, sie sei trotzdem so gut wie eine.” Corrin grinste und Tamrin blickte ihn verständnislos an. “Oh Mann! Rein mit Dir!”, lachte Corrin und drängelte Tamrin durch die Tür in den kleinen Laden hinein…….


    -------> Kaera's Apotheke


    Tamrin ärgerte sich ein wenig, dass er den Rucksack nicht mitgenommen hatte. Dort hätte er Tube, Fläschchen und auch die Watte gut drin verstauen können anstatt nun mit vollen Händen herum laufen zu müssen. Corrin schmollte als Tamrin ihm Salbe und Watte in die Hände drückte. “Das kostet extra.” murrte er. “Du auch kannst zuhause sein.” gab Tamrin zurück und Corrin grinste augenblicklich. “Nicht übel, Alter.” gab er zu. Einträchtig gingen sie in Richtung des Markttreibens, erstanden ein paar Kerzen, Seife - völlig überflüssig, wie Corrin lauthals verkündete - zwei Bürsten, Lappen und ein paar Zuckersteine, die Corrin so andächtig angehimmelt hatte, bis Tamrin es nicht mehr hatte mit ansehen können. Auf dem Rückweg zu ihrem Zuhause erwarb Tamrin noch etwas Brot, Käse und Obst und kam sich inzwischen vor wie ein kleiner Packesel mit seinen beiden vollen Papiertüten. Corrin wuselte vor ihm her und lotste ihn durch die Menschenmassen hindurch - andächtig die Bonbontüte in den Händen haltend und bestens gelaunt. Immerhin hielt dieser Tag noch das besondere Schmankerl bereit, wie Tamrin Salbe auf das garstige Pony des Bäckermeisters schmieren wollte. Das würde Corrin sich auf keinen Fall entgehen lassen.. Vor Tamrin’s Zimmer trennten sich ihre Wege wieder, denn für Corrin war es Zeit zum Mittagessen - und Tamrin verräumte in der Zwischenzeit seine Einkäufe. Erst mit einem Apfel in der Hand und in derselben Position auf seinem Bett wie in der letzten Nacht spürte er, wie übermüdet und erschöpft er tatsächlich war. Bedächtig kauend erwog Tamrin, sich von seinem allerersten, selbst verdienten Lohn etwas Kaffee zu kaufen und sah nachdenklich zu seinem kleinen Kocher hinüber. Was mit Tee funktionierte, solle doch auch mit Kaffee funktionieren…….

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  • Einen verspeisten Apfel und zahllose, verwirrte und aufwühlende Gedanken später raffte Tamrin sich auf und holte aus dem Regal das Buch, seine Lederkladde und Tári’s Sprachencode hervor und breitete alles vor sich auf dem Tisch aus.


    Bewusst langsam schlug er das Buch auf, blätterte zu der Tuschezeichnung einer wunderschönen Prinzessin, die auf das Meer hinaus sah wo das Schiff ihres Liebsten in einem Sturm versank. Tamrin seufzte leise. Er wusste selbst nicht so recht, warum sie ausgerechnet mit dieser Geschichte begonnen hatten - aber nun würde er wohl erfahren, was aus der Prinzessin Shynara geworden war, nachdem sie sich in die Fluten des Meeres gestürzt hatte. Ein Schmunzeln glitt über Tamrin’s Gesicht als er draußen streitende Kinderstimmen hörte - Corrin und Arilyn. Weswegen Corrin’s Schwester auch immer nicht mit gekommen war heute Morgen - das Schicksal der Prinzessin wollte auch sie sich offenbar trotzdem nicht entgehen lassen. Jedenfalls lachte das kleine Mädchen mit dem silberweißen Haar wieder als die beiden Geschwister hereinkamen - wenn auch ein wenig verzagt noch - und sich neben Tamrin am Tisch nieder ließen. Zunächst hatte Tamrin Zweifel gehabt, ob es überhaupt möglich sein, die beiden neugierigen Kinder irgendwie an mehr als nur den Tuschezeichnungen im Buch teilhaben zu lassen. Aber inzwischen hatten die drei ein System entwickelt, das jedem entgegenkam. Tamrin hatte recht schnell eine gewisse Routine darin entwickelt, sich anhand von Tári’s Sprachencode die einzelnen Worte nach Shar’lai zu übersetzen und so deren belerianaische Bedeutung heraus zu finden. Und da es sich bei seinem Buch um ein Kinderbuch handelte, waren die Worte recht einfach gehalten und wiederholten sich recht häufig. So übersetzte er für sich immer ein paar Sätze und las sie den Kindern dann vor, wobei die beiden ihn mit großer Begeisterung verbesserten, wenn er die Worte, die sie verstanden, falsch aussprach. Während Tamrin sich so die Bedeutung des Textes verinnerlichte, übten Corrin und Arilyn sich darin, die Buchstaben des bereliarnaischen Alphabets in Tári’s Code abzuschreiben und zu behalten. Manchmal erkannten sie bereits einfache Worte im Text und verglichen diese gemeinsam mit Tamrin und schrieben auch diese auf. Corrin spendierte in einem Anflug von Selbstlosigkeit seine Zuckersteine und sie hatten einen recht vergnüglichen Nachmittag zusammen. Darüber verging die Zeit wie Fluge und alle drei waren etwas unzufrieden, dass sie aufhören mussten als Shynara von einer alten garstigen Seehexe ein sehr dramatisches Angebot unterbreitet wurde. “Würdest Du Deine Geliebte auch retten ?” fragte Arilyn Tamrin, als dieser das Buch endgültig zuklappte. “Ja, würde ich!” antworte Tamrin ernst und schwelgte für einen Moment in den süßen Gedanken an Tári’s duftige weiche Lockenpracht……. und anderen Dingen. Arilyn schien jedoch sehr zufrieden mit seiner Antwort und kletterte fröhlich plappernd von ihrem Holzklotz herunter, während Corrin die Augen verdrehte.


    “Fast Fünf.” erinnerte Tamrin. “Ich muss zu Meister Nyram.” “Warte auf mich!” bettelte Corrin, der zuvor noch seine kleine Schwester wieder abliefern musste und Tamrin nickte grinsend.
    Grinsend, weil Corrin im Übereifer Arilyn wie ein Puppe hinter sich her zur Tür zog und diese sich nach Leibeskräften wehrte und ihren Bruder dabei wüst beschimpfte.
    Kurz sah Tamrin an sich selbst herunter, aber im nächsten Moment wurde ihm die Unsinnigkeit seines Tuns bewusst: Er hatte ohnehin keine Kleidung, die speziell Arbeitskleidung war und so würde es wohl ohne gehen müssen. Achselzuckend trat er seinerseits vor die Tür und warte auf Corrin’s Rückkehr.

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    >> Es ist so schwer, das Glück in uns selbst zu finden, nur leider ist es ganz unmöglich, es anderswo zu finden. <<


    Nicolas Chamfort, 1741 - 1794

  • Die Straßen wurden enger und es lag immer mehr ein unangenehmer Geruch in der Luft. Immer wieder musste sie sich suchend umsehen, da sie nicht wusste wo genau sie war und noch weniger wo hin sie gehen sollte. Hier und da rempelte sie an jemanden, welcher sie daraufhin wüst beschimpfte. Die ersten Male fauchte sie diese Leute noch an, doch schon bald tat sie auch das nicht mehr sondern lief einfach schneller unter heftigeren Tränen weiter. Sie stoppte hier und da, hob den Blick und wieder einmal stand sie an einer Kreuzung von zwei Gassen und suchte nach Anhaltspunkten. Nein sie erkannte hier nichts. Eine ihre fremde Frau, in unsaubere und ramponierte Kleidung gehüllt, die Haare zerzaust, Ruß auf den Wangen - Tári sprach sie an. Jene musterte sie nur einen kurzen Moment, die junge Frau kam noch nicht einmal wirklich dazu ihre Frage zu stellen, schon polterte sie ihr laut fluchend entgegen. Sie solle zusehen, dass sie weiter käme und sich doch den noblen Vierteln der Stadt zuwenden. Erneut ergriff sie die Flucht unter reichlichen Tränen, irgendwie wollten sie so gar nicht mehr versiegen und auch ihr Schluchzen wurde dadurch immer lauter und lies sich so gar nicht mehr unterdrücken. So sehr verunsicher streunte sie durch die Straßen und Wege bis ihre Füße inne hielten. Man wollte sie verheiraten mit diesem entsetzlichen Adeligen, derweilen hatte sie sich doch gerade erst entschieden … für Tamrin…
    Ihre Augen huschten unsicher hin und her. Auch hier war sie noch nicht gewesen, es konnte doch nicht sein, dass sie sich so in dieser Stadt verlaufen konnte. Sie wusste nur, sie musste sich wohl im Seeviertel befinden, aber wo genau...? So wischte sie sich mit den Händen eilig über die Wangen, auch wenn es eigentlich nichts nützte die Tränen rannen weiter und ihre Stimme war nach wie vor zittrig und sehr schlecht zu hören. Die Gestalt, welche sie nun ansprach hatte wohl reichlich Mitleid mit ihr. Denn gerade als sie den Namen Tamrin Farepoynt ausgesprochen hatte, nickte er schon eifrig mit einem breiten, wenn auch schiefen Grinsen. Es war das Herz, welches nun nach dem jungen Mann verlangte, denn ihre Gedanken waren noch immer nicht allzu klar. Der Mann packte Tári am Arm zog sie einige stolpernde und überraschte Schritte mit sich und deutet ihr eine Türe an. Sie wollte sich gerade bei der dunklen Gestalt bedanken, aber jene war schon fort. Zögerlich trat die junge Frau näher und näher bis sie direkt vor der Türe stand. Noch immer liefen ihr die Tränen über die Wangen. Fast verzweifelt klopfte sie ein Mal, zwei Mal, drei Mal bevor der seelische Schmerz und die Kälte der Nacht ihren Tribut forderten und sie an der Tür hinab auf die Knie sank...

  • Tamrin saß über seinem Tagebuch. Längst war die Nacht herein gebrochen und mit ihr das andere Gesicht des Seeviertels - das Milieu übernahm nun die Herrschaft in den Gassen, wenn die Dunkelheit den Schmutz und den Unrat des Tages mit einem gnädigen Schleier übertünchte. Tamrin zog es vor, zu dieser Zeit in seinen vier Wänden zu bleiben, wenn er nicht hinaus musste. Auch wenn ihn abermals Ruhelosigkeit erfüllte und sein eigentlich erschöpfter Körper über den Punkt völliger Ermüdung längst hinaus war und ihn mit einer seltsamen Spannung zurückließ. Schwacher Kaffeeduft lag im Raum, vor Tamrin stand bereits die zweite Tasse des tiefschwarzen Gebräus und tat ihr übriges, den jungen Mann in einen etwas überreizten Zustand zu versetzen. Nachdenklich tunkte er seine Feder ins Tintenfass, während er noch einmal die gerade geschriebene Passage überflog. Der linke Ärmel seiner Tunika war bis zur Schulter hoch gekrempelt und kurz über dem Ellbogen prangte auf getränkter Watte ein dicker Verband. Dort, wo Pietsch ihn erwischt hatte, als Tamrin vorsichtig die schwärenden Stellen ausgewaschen hatte, auf denen das steife Ledergeschirr zuerst das Fell und dann die Haut weg gescheuert hatte. Kleines Mistvieh ! Trotz des Schmerzes musste Tamrin in der Erinnerung schmunzeln. Corrin hatte sich zunächst königlich darüber amüsiert, dass das kleine Pferd Tamrin gebissen hatte, aber als er die Wunde gesehen hatte, war er kreidebleich geworden und auf der Stelle abgedampft, um bei Meister Nyram, der das ganze Gebaren nur mit hochgezogenen Augenbrauen zur Kenntnis genommen hatte, Verbandszeug aufzutreiben. Zur Desinfektion stand ja genug herum und Tamrin hatte reichlich von der Tinktur verwendet, die er von Kaera bekommen hatte. Es biss höllisch und Tamrin konnte nicht ganz umhin, Verständnis für das verschmutzte, magere Pony zu empfinden. Corrin hatte von vorn herein nicht verstanden, warum Tamrin sich überhaupt darum scherte. Pietsch war ein Arbeitsgerät - kein edles Reitspferd, mit dem man durch Parks tändelte oder Jagden bestreiten konnte. Aber Tamrin konnte nicht aus seiner Haut. Er wusste, dass seine Mutter niemals geduldet hätte, dass er so ein völlig verwahrlostes Tier zwang, einen schweren Karren zu ziehen - und ja, es war zu schwierig sich ihrem Einfluss zu entziehen - ganz egal wie weit weg sie sich auch befinden mochte. So hatte Corrin interessiert und nun mit erheblich größerem Sicherheitsabstand dabei zugesehen, wie Tamrin kahle Fellstellen mit Salbe einschmierte, eitrige Stellen mit Tinktur auswusch, Meister Nyram’s Geschirr mit Tüchern und Lappen umwickelte, auseinander schnitt !!!, und endlich den Rest des unendlich verdreckten Ponys mit einer der Bürsten zu bearbeiten begann, die sie heute zusammen erworben hatten. Das Ergebnis war zwar eher niederschmetternd gewesen - anstatt eines verdreckten Ponys, hatte nun ein weiß-grau-braunes dort gestanden - aber endlich hatte Tamrin es angespannt und sie waren los marschiert, um bei den Lagerhäusern am Hafen zwei Getreidebestellungen des Bäckers abzuholen und durch Schütten vor dem Haus in den Keller der Backstube hinunter zu lassen. Am Ende hatten sie Pietsch wieder in seinen schäbigen kleinen Stall gebracht, wo Tamrin ihn mit einem Apfel verabschiedete, wie er es bei Tári gesehen hatte. Mittlerweile war er auch wachsam genug, Zähnen und Hufen auszuweichen, mit deren Einsatz Pietsch nicht gerade zimperlich war. Vielleicht konnte er bei Tári etwas Hafer und Stroh für Pietsch bekommen, überlegte Tamrin, während er mit Corrin den Karren unter Dach zog und die letzten Getreidekörner in die Abgänge hinein fegte. Er spürte jeden Knochen im Leib. War der Weg zum Hafen und zurück noch ganz spannend gewesen - jedermann schien Pietsch zu kennen und sprang behende vor ihm zur Seite, so dass Tamrin und Corrin jederzeit freie Bahn gehabt hatten - so war es doch Knochenarbeit gewesen, den Karren mit Weizen und Roggen voll zu schaufeln. Erledigt bat Tamrin Corrin, er möge Meister Nyram fragen, ob in der Nähe die Möglichkeit bestand, etwas Kaffe und eine kleine Flasche Wein zu kaufen. Vielleicht half der, die Bilder von Tári’s wundervollem Körper zu vertreiben. Es schlief sich einfach nicht besonders gut mit offenen Augen. Corrin tat wie geheißen und der Bäckermeister mit dem mächtigen Schnauzbart musterte den jungen Mann daraufhin durchdringend, verschwand in seiner Backstube und kehrte dann mit einem Säckchen gemahlenen Kaffees und einer kleinen Flasche Wein zurück, welche er Tamrin mit einem Schulterklopfen und 4 Kupferstücken zusammen aushändigte. Tamrin dankte ihm aufrichtig, doch der Bäcker brummte nur und hob drei Finger, um ihn an seinen nächsten Arbeitstag zu erinnern. Tamrin nickte bestätigend.
    Corrin sprach den ganzen Rückweg über kaum ein Wort und es dauerte noch eine Weile, bis ein Gespräch zwischen Tamrin und Corrin ergab, dass Corrin’s aufgeweckter Verstand an einem möglichen Zusammenhang von Tamrin’s Fürsorge für ein garstiges ausgemergeltes Pony und dem großzügigen Geschenk Nyrams herum knabberte.


    Tamrin nahm einen weiteren Schluck Kaffee und hatte soeben die Feder wieder aufgesetzt, als es gegen seine Tür schlug. Er zuckte zwar zusammen, dachte sich aber im ersten Moment nichts dabei. Es war in dieser Gegend nicht ungewöhnlich, dass dergleichen geschah. Beim zweiten und dritten Schlag allerdings runzelte er die Stirn und sah zur Tür. “Ist da jemand ?” fragte er misstrauisch. “Corrin ?” aber es kam keine Antwort. Nur eine Art Rascheln war zu hören.
    Tamrin erhob sich und schlich auf bestrumpften Füßen zur Tür. Der Vorhang war bereits vor das Fenster gezogen, so dass niemand ihn beobachten konnte. Einen Spaltbreit öffnete er die Tür.


    Tamrin’s Augen wurden groß als sein Blick zu Boden wanderte, er hatte kurz das Gefühl, sein Herz wolle stehen bleiben. “Tári ?” fragte er atemlos und entsetzt als er ihre blonde Lockenpracht zu erkennen glaubte. Hastig riß er die Tür vollends auf und kniete bei der zusammen gesunkenen kleinen Gestalt nieder. “Tári ? Bei allen Göttern, was ist passiert ? Hat man Euch überfallen ?” Aber wann ? Wo ? Vorsichtig hob er sie auf, kam etwas ins Gehege mit dem raschelnden, weiten Rock, schaffte es dann aber doch, den mageren Körper empor zu ziehen, auf die Arme zu nehmen und zu seinem Bett hinüber zu tragen. Behutsam legte Tamrin sie dort ab, sein ganzer Körper war kalt und starr vor Schreck. Dennoch hechtete er augenblicklich zurück zur Tür, schloss sie und schob den mächtigen Riegel vor. Dann drehte er sich um. Wie gelähmt starrte er auf das Häufchen Elend auf seinem Bett und ging doch wieder zu ihr hin. “Bist Du verletzt ? Sag doch bitte etwas !” flüsterte er.

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    Nicolas Chamfort, 1741 - 1794

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  • Die Zeit schien fast still zu stehen, während ihre Gedanken und Gefühle rasten, bis sich dann doch die Türe öffnete. Sie brauchte alle Kraft die sie in dem Moment hatte, um nicht vorn über zu sacken, als der Halt der Türe ihr entrissen wurde. Tamrins Stimme erklang und sie wollte ihm antworten. Doch als sich leise Erleichterung einstellte, da sie Tamrin gefunden hatte und er bereits dabei war seine Arme irgendwie um sie zu legen, liess sie sich einfach in jene sinken. Der Boden entfernte sich von ihr und nun hatte Tamrin sie auf seinen Armen. Noch nie war so etwas bei ihr nötig gewesen und sie hätte es bei keinem anderen Mann zugelassen. Sie war so froh ihn gefunden zu haben. Tári hatte die Augen geschlossen. Vorsichtig ließ er sie auf etwas weicherem als den Boden nieder und dort blieb sie regungslos liegen. Sie hörte kaum wie sich Schritte eilig entfernten und wieder näherten.
    Ihr Kopf fühlte sich wie mit Watte gefüllt an und es war so unwirklich für sie. Das konnte doch alles nur ein böser Traum sein...oder nicht? Jeden Moment würde sie aufwachen und im Gras am Bach liegen und in Tamrins sonniges Gesicht sehen. Oder dieser Tag würde von neuem beginnen und gewiss nicht so enden. Oder oder oder... Aber DAS...
    Sie öffnete die Augen. Es war kein Traum. Auf seine Frage hin brauchte sie etwas, bis sie leicht den Kopf schüttelte. Körperlich war sie nicht verletzt und das meinte er sicherlich. Aber in ihrer Brust klaffte eine riesige Wunde, die dem gefühlten Verrat ihres Vaters und ihrer Tante geschuldet war. Erneut traten ihr Tränen in die Augen, heftiger, denn wirklich versiegt waren jene nicht.
    Die junge Frau setzte ein paar mal an, kam aber nie weit, geschweige denn hätte man auch nur etwas davon verstanden. Ihr Atem ging gepresst und überaus eilig über die Gedanken daran was gerade hatte passieren sollen.
    Es sollte offiziell Verlobung gefeiert werden. In diesem Kleid wurde sie ihm vorgeführt und er wollte sie vorführen. Sie versuchte sich aufzurappeln, kam aber auch dabei nicht weit. Ihre Hand tastete zitternd zudem Ausschnitt des Kleides und sie begann daran zu ziehen . Bei den Gedanken daran fühlte es sich so eng an und nahm ihr mehr und mehr die Luft. Weiter wanderte ihre Hand und zitterte immer schlimmer, als sie nach dem Verschluss des Kleides tastete, auf ihrem Rücken. "Bitte...mach...es....auf...", flehte sie ihn in leiser Panik an. Dieses sollte ihr Verlobungskleid sein und am liebsten wollte sie es von sich reißen und verbrennen.
    "Aufreissen...aufschneiden...egal...schnell...", bat sie und die Panik stieg, da ihre Finger es nicht zu öffnen vermochten.

  • Tári lag noch fast so, wie er sie auf sein Bett gelegt hatte, als Tamrin sich ihr gegenüber auf der äußersten Kante niederließ, um sie ansehen zu können. Kreidebleich beobachtete er ihre verzweifelten Versuche, einen Laut hervor zu bringen. Und noch viel mehr bestürzten ihn die Tränen, die unaufhaltsam aus ihren Augen rannen, deren rot geschwollene Lieder deutlich sagten, dass dies nicht die ersten waren. Tamrin wusste nicht, was er tun oder was er sagen sollte - war jemand gestorben ? oder doch ein Überfall ? Und sie hatte fliehen können ? Aber wie kam sie ausgerechnet vor seine Tür ? - in Sekundenbruchteilen schossen die Gedanken eruptionsartig durch seinen Verstand und seine Hände auf den Oberschenkeln zitterten.
    Tamrin erschrak fast zu Tode als Tári sich von jetzt auf gleich aus der Starre löste und wie von Sinnen am Ausschnitt ihres Kleides zu zerren und zu reißen begann. Es war ein ausnehmend schönes blaues Kleid, das sie da trug, auch wenn es arg in Mitleidenschaft gezogen war mittlerweile. Wie verrückt und völlig unkoordiniert bewegte Tári Arme und Hände und flehte ihn an, ihr doch zu helfen. “Bekommst Du keine Luft mehr ?”, fragte er voller Angst und sah sich hastig nach etwas zum Schneiden um. Aber sein Dolch lag weit entfernt, auf dem Tisch. “Bitte, Tári ! Dreh Dich etwas um. Bitte ! Ich helfe Dir. Alles wird gut.” Mit fahrigen Händen drehte Tamrin sie etwas von sich weg. Auf Tari’s Rücken waren Verschnürungen, die das Kleid eng und betont Tári’s Figur umfangen ließen. Tamrin fühlte sich einer Ohnmacht nahe als die raffinierten Knoten sich seinen unsicheren zitternden Fingern verweigerten, beinah wäre er selbst in Panik verfallen, doch dann gab die erste Verschnürung nach und lockerte sich. Wie sehnlichst hatte Tamrin sich genau das in seiner gestrigen Not herbeigesehnt, als sich er überhitzt und gequält auf seinem Bett hin und her gewälzt hatte - und nun war es das Furchtbarste was er je getan hatte. Als er endlich alles geöffnet hatte und das Kleid nach vorn nachgab und sich lockerte, ließ er Tári wieder zurück in liegende Position sinken. “Besser so ? Kannst Du atmen ?”

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    Nicolas Chamfort, 1741 - 1794

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  • Die junge Frau nickte nur hastig auf Tamrins Frage. Sie wusste natürlich, dass das Kleid nicht enger wurde. Aber es fühlte sich so an. Es fühlte sie so an, als würde es sich nach jedem Ausatmen immer enger um ihren Brustkorb ziehen und ihr so die Luft zum atmen verwehren. Wie eine Würgeschlange, die gerade Beute gemacht hatte. Es kostete sie unendlich viel Kraft Tamrin die Zeit zu geben die er zum Lösen der Verschnürung brauchte. Auch wenn sie wusste seine Worte sollten sie nur beruhigen. So ließ sie sich drehen und hielt so still wie es ihr möglich war. Endlich gab das Kleid etwas nach, um kurz darauf noch weiter aufzugehen. Tári lies es einfach über die Arme runterrutschen und so kam ihre weiße spitzenbesetzte Unterbekleidung zum Vorschein.
    Tamrin lies sie zurück sinken und sogleich sog Tári tief die Luft durch den Mund ein. Ein, zwei Atemzüge. "Besser." Ihre Nase war zu und ihre Stimme war zittrig und belegt. "Danke." Mit jedem tiefen Atemzug den die junge Frau machen konnte, zog sich ihre Panik etwas mehr zurück. Nach wie vor konnte sie die Geschehnisse der voran gegangenen Stunden nicht so wirklich erfassen. Leicht zusammengerollt lag sie noch immer und erst jetzt blickte sie sich rasch um. Auch wenn sie nicht wirklich viel aufnahm. Eine Kerze brannte und sie musste wohl auf Tamrins Bett liegen. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände, es musste entsetzlich für ihn sein. Das wollte Tári nicht. Sie wusste nicht ... sie wusste einfach nicht wo sie ansetzen sollte und wollte. Sie wollte einfach aufwachen, am liebsten in seinen Armen und all das sollte nicht geschehen sein. "Hältst du mich?", bat sie ihn leise. Ihr war kalt und sie zitterte leicht, es zu unterdrücken schaffte sie nicht.