Nachtwandler

  • Es mochte eine der dunkelsten Gassen nahe des Hafens sein. Selbst das Licht der Muschellaternen vermochte kaum, sie in mehr als einen trüben Schein zu tauchen. Dennoch kannte Shizar sie gut. Es war die Gasse, in der sie sich häufig mit Morwys traf, einem der Händler, die ihre Finger an den dunklen Adern der Stadt hatten und Dinge besorgen konnten. Dinge, die Shizar wiederum dringend genug suchte, dass sie bereit war, die beträchtliche Summe zu bezahlen, die Morwys diesmal verlangte.

    Shizar verzog das Gesicht, als ihr das Gewicht zu Bewusstsein kam, das an ihrer Hüfte zog. Ein Geschmeide ihrer Mutter, der Wert hoch genug, um Morwys’ Forderung gerecht zu werden. Shizar trennte sich nicht gern davon. Es mochte ein Erbstück ihrer Familie sein - der Familie, die ihre Mutter vor die Tür gesetzt hatte wie eine billige Hure. Dennoch kannte sie es seit den Tagen ihrer Kindheit und es erinnerte sie …


    Gleichgültig. Es würde seinen Zweck erfüllen. Hier und jetzt. Ihre Mutter würde es verstehen. Gutheißen. Solange es Shizar nur einen Schritt weiterbrachte. Zu ihrer Erlösung. Freiheit.


    Sie biss die Zähne zusammen und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Mann, der vor ihr stand. Seine Gestalt war schmal wie ein Grashalm - ein Gegensatz zu Morwys, dessen Wohlstand an seiner Körperform erkennbar war. Sein Gesicht verbarg sich unter einer Kapuze. Sie konnte nicht mehr als den Bart darunter erkennen und es genügte, um ein Kribbeln in ihrem Magen zu hinterlassen. Morwys mochte vieles tun, aber er verbarg sein Gesicht niemals …


    „Wenn Morwys Euch gesandt hat, habt Ihr, was ich wollte?“ Sie hielt ihre Stimme kühl. Schneidend sogar. Zauber regten sich unter ihrer Haut. Schützende Schattenmagie, die sie ihrem Gegenüber ins Gesicht schleudern würde, sobald er einen Schritt zu nahe an sie herankam. Dandara hielt sich verborgen. Ein winziger Schatten, der mit der Umgebung verschmolz. Dennoch konnte Shizar die Nähe der Fee spüren. Eine tröstliche Macht, die Speere aus Schatten auf den Vertreter des Händlers niedergehen lassen würde, wenn es nötig war.


    „Gewiss“, antwortete die vermummte Gestalt. „Seht her. Morwys betrügt seine Kunden niemals.“ Die Stimme zu kultiviert, der Tonfall zu geschliffen. Wieder ein Gegensatz mehr zu Morwys.


    Shizar spannte ihren Körper, als der Mann in seinen Mantel griff und ein Buch darunter hervorzog. Der Einband war brüchiges altes Leder. Durch genügend Hände gegangen, um Spuren davongetragen zu haben. Er hielt es ins Licht der Muschellampen und die Schattenmagierin verengte die Augen, während sie es musterte.

  • Klavius streifte schon seit geraumer Zeit durch die Nacht. Die toten Briefkästen der Stadt waren leer gewesen und hielten keine Aufträge für ihn bereit.

    Nicht gerade bedauerlich für den Mann, denn so konnte er seinen persönlichen Belangen nach gehen. Eines seiner zahlreichen Verstecke in der Stadt, lag ruhig und dunkel hinter ihm, in den Dächern des Hafenviertels. Ein ausgebauter Dachstuhl ohne Tür oder Luke zu den unteren Etagen. Einzig ein geheimer Eingang, welcher nur über die Dächer zu erreichen war, gewährte Zugang. nicht umsonst nannte man die geheimen Wege über die Dächer, auch die Strassen der Diebe.

    Klavius hatte sich zahlreiche Verstecke gesichert, sei es aus Schutz vor Verfolgern oder auch nur zu Verwirrung anderer Agenten.

    So trugen seine Füsse ihn lautlos durch die Nacht.


    Stimmen aus Tavernen und Spelunken drangen an seine Ohren, Gelächter und Gebrüll. Mal bellte ein Hund in den Gassen und mal huschten Schatten über die Strassen, im Licht der Gasthäuser, welches von den Fenstern auf die Strassen fiehl.

    Nur all zu vertraut waren die Geräusche des Hafenviertels. Und wenn man wusste, in welche Richtung die eignen Ohren hören mussten, vernahm man auch das erstickende Gurgeln einer aufgeschnittenen Kehle, das Keuchen einer Hure in den Schatten oder das Brechen von Knochen.

    Klavius sammelte immer Informationen über die Viertel und ihre Personen. Gepaart mit seiner Neugier, eine wahre Goldgrube für den Schattenmeister. Allerdings gab er nicht jede Information weiter, vor allem nicht, wenn sie seinen persönlichen Belangen dienen konnte.

    Der Weg des Daches endete und ein einfacher Sprung, brachte ihn auf die andere Seite der Gasse. Das Dach eines Wohnhauses, welches tifer lag. Noch im letzten Monat, hatte die Frau aus dem Hexenladen hier einen Geist verfolgt. Wie war ihr Name? Asharai? Eine interessante Person und wunderbar zu beobachten, wenn die Nacht langweilig wurde. Heute aber, war das Hafenviertel ruhig und nahezu langweilig.


    Klavius war kurz davor, in das Adelsviertel zu wandern, als ihm in einer Gasse, zwei Personen ins Auge fiehlen. Ein kräftiger ja fast fetter Mann mit Kapuze und eine Frau. Es war diese dunkle Schönheit mit dem schwarzen Haar und der silbrigen Haut, die schon öfter einen Handel an diesem Ort abgeschlossen hatte. Eine wirklich wunderschöne Elfe, mit einer dunklen Aura und einer Zunge, schärfer als ein Dolch im Mondlicht. Sie schien eine Magiern oder adlige Person zu sein und wohlhabend genug, sich teure Artefakte leisten zu können.

    Lautlos glitt er durch die Schatten und postierte sich über den beiden auf einem Mitteldach. Nah genug, um zu lauschen. Klavius hatte schon immer ein Gespür für Gefahr und in diesem Fall, schienen beide Personen eine brisante Mischung ergeben zu können. Ein Umstand der interessant werden konnte. Zumal diese Schönheit seinen Augen schmeichelte und er hatte genug Zeit und Neugier übrig, sich diese Situation zu betrachten. Zumal der Gegenstand des Handels vielleicht wichtig sein könnte. Leise hockte er sich in den Schatten und verschmolz mit ihm. Seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen, lauschte er dem Geschehen.


    „Wenn Morwys Euch gesandt hat, habt Ihr, was ich wollte?“

    „Gewiss! Seht her. Morwys betrügt seine Kunden niemals.“


    Ein Buch? Wie langweilig! Klavius hoffte auf ein Artefakt oder magischen Gegenstand. Aber ein Buch? Vielleicht war die Dame der Nacht ja eine Magierin oder Gelehrte?

    Sollte sie eine Gelehrte seine, würde dies wohl ihr letzter Handel sein, denn dieser Mann sah eher wie ein Knochenbrecher als wie ein Händler aus. Seine Worte waren kultiviert, seine Art eine Spur zu bereitwillig.

    Allerdings blickte die schöne Frau auch nicht wie ungelenke Studentin durch die Nacht. Ihr Blick glich eher dem einer Viper in der Dunkelheit.

    Es konnte nur spannend werden.....

  • Shizar streckte die Hand aus. Die Handfläche flach auf den Körper des Mannes gerichtet. Ein Prickeln rann über ihre Haut. Die Präsenz von Magie, die von dem Buch ausging. Die Schattenmagierin konnte sie spüren. Dennoch … etwas daran wirkte … fremd. Wenngleich sie nicht sagen konnte, woran es lag. Als wäre die Magie … nicht den Schatten entsprungen … nicht vollkommen.


    „Ihr werdet mir vergeben, wenn ich mich vergewissern will“, sagte sie kalt.


    Nicht sie selbst. Dandara würde es. Shizar erkannte die flüchtige Bewegung. Den Schatten, der sich unbemerkt näherte. Der Gesandte des Händlers bemerkte die Fee nicht. Seine Aufmerksamkeit blieb auf Shizar konzentriert. Auf die ausgestreckte Hand, die andeutete, dass sie sich mit einem Zauber der Echtheit des Buches versichern wollte. Eine Ablenkung, derer sie sich nicht zum ersten Mal bedienten.


    „Morwys wird nicht erfreut sein, dass Ihr seine Integrität anzweifelt.“ Die kultivierte Stimme zeigte eine Spur von … Erheiterung? Shizar musterte den Schatten der Lippen inmitten des Bartes. Er verriet nichts. Die Miene des Mannes war so kalt wie ihre eigene.


    „Ich zweifle nicht ihn an“, erwiderte sie ohne Gefühl. Eine Beleidigung, ja. Aber es kümmerte sie nicht. „Und wenn es an Eurer Integrität keinen Zweifel gibt, werdet Ihr mir nicht verweigern, dass ich prüfe, was ich kaufen soll. Morwys wird es verstehen.“


    Ihr Tonfall wurde süßlich. Aber all der Honig konnte nicht die Schärfe darunter verbergen. Aus den Augenwinkeln konnte Shizar sehen, wie Dandara hinter dem Mann aufflackerte. Ein Schatten, in dem man Fledermausflügel erahnen konnte.


    Der Mann streckte die Hände mit dem Buch aus und die Fee stieß darauf hinab wie ein Raubvogel, der seine Beute fest im Visier hatte.


    Ein Atemhauch. Ein Herzschlag.


    Dann explodierte Schwärze, die das Licht schluckte, und Shizar stieß einen Fluch aus. Sie hörte Dandaras leisen Aufschrei, aber sie war blind. Die Dunkelheit war wie eine Decke, die sich über sie herabsenkte und ihr die Sicht nahm.


    Eine Falle. Eine verfluchte Falle! Aber warum? Niemand wusste, wer sie war … niemand konnte wissen …


    Instinktiv fasste sie nach ihrer Magie, um Schattenpfeile in die Richtung zu schleudern, in der der Mann stand, aber die Schatten antworteten nicht. Ihr Magie schwieg. Entsetzen breitete sich in Shizar aus, als sie hastig einen Schritt zurücktrat und mit dem Rücken gegen die Mauer des Hauses hinter sich prallte. Hände fassten nach ihr. Eisige Hände, die sich um ihre Handgelenke schlossen.


    „Ihr werdet erwartet“, schnarrte der Vermummte. „Besser, Ihr setzt Euch nicht zur Wehr.“


    Eine Warnung, ebenso honigsüß wie ihre eigenen Worte. Shizar nahm all ihre Kraft zusammen, um ihn von sich zu stoßen, aber er war wie eine Mauer aus Eisen.

  • Es wurde spannend für Klavius. Misstrauen, honigsüße Versicherungen und schneident kalte Stimmen.

    Doch eigentlich wurde sein Interesse von einem Schatten geweckt, der hinter dem Mann auftauchte. Klein und mit der Dunkelheit verschmolzen. Was war das?

    Auf Jeden Fall ging es um Magie. Die Geste der Frau, die geladene Situation, der Schatten hinter dem Mann und dieses extreme Misstrauen auf beiden Seiten. Es musste Magie im Spiel sein.


    Doch bevor Klavius weiter rätseln konnte, eskalierte die Situation völlig. Die junge Frau griff nach dem Buch, das kleine Wesen stieß darauf herab wie eine Fledermaus und Schatten explodierten zwischen den beiden Personen.

    So offene Schattenmagie würde eventuell die Priester der Nacht her locken, was für Klavius kein Geschenk gewesen wäre. Die Frau war geblendet und schien sich nicht wehren zu können. Der Mann allerdings schien von der Situation unbeeindruckt und drängte die Frau an eine Hauswand.

    Die Gedanken von Klavius überschlugen sich. Der Frau zu helfen, drängte es ihn sofort. Allerdings konnte sie ihm auch egal sein, was es für den Schatten merkwürdig machte. Was unterschied die Dame von anderen Opfern? Allerdings hatte Klavius ein Herz für Unschuldige und Frauen in Bedrängnis. Hinzu kam der Umstand, wenn ihr Gegenüber wirklich von den Nachtpriestern geschickt worden war, würde es entweder eine entflohene Priesterin sein oder eine Gefangene. Sich in diese Belange einzumischen, war gefährlich und Klavius mochte keine Aufmerksamkeit. Seine Arbeit, ja sein genzes Wesen und Leben hingen davon ab, das er für die Welt nicht existierte.


    Klavius mochte die Göttin der Nacht nicht. Er selbst favorisierte den Gott der Diebe. Der Frau würde Strafe und vielleicht Folter drohen.

    Gefangenschaft in jedem Fall. Ihr Wiedersacher nagelte sie an die Wand, hielt ihre Hände fest und die Frau war hoffnungslos Unterlegen. Klavius vermutete nur, das sie der Magie mächtig war und irgendwie blockiert oder geblendet schien. Vielleicht konnte sie ihm bei seiner Suche helfen? Vielleicht lag es auch nur an ihrem atemberaubenden Aussehen oder an der Tatsache das der Feind eines Feindes, ein Freund ist? Klavius entschied sich auf seine innere Stimme zu hören und glitt lautlos von dem Dach herab.

    Auf dem Weg nach unten fanden seine Füsse und Finger, Halt an Fensterbänken, Fachwerkbalken und Ritzen, bis er lautlos auf dem Kopfsteinpflaster aufkam. Zwei Schritte reichten aus, um hinter dem Mann aufzutauchen. Die linke Hand riss ihm die Kapuze vom bärtigen Gesicht, als seine rechte Hand sich um den dicken Nacken des Mannes legte.

    Klavius öffnete seinen Geist und seinen Hunger, ließ die Lebenskraft des Mannes in sich gleiten und spürte wie sie ihn erfüllte. Der Mann wurde augenblicklich starr und regungslos. Klavius nahm was er brauchte und noch viel mehr. Niemals Kinder oder Unschuldige, aber Schuldige durften ihn mehr als nur nähren. Klavius stillte schnell seinen Hunger, die restliche Lebenskraft war ein Bonus, der lange vorhalten würde. Der Drang alles zu saugen war da und der Schatten lies ihn gewähren. Ein Gefühl von Wärme und Ekstase erfüllte ihn. Noch immer lag sein Griff fest um den Nacken des Mannes, selbst als er auf die Knie ging und fassungslos die Frau anstarrte....

  • Shizar stolperte zurück, als sich der Griff des Mannes plötzlich löste, ohne dass sie auf der Stelle die Ursache erkennen konnte. Sie suchte Halt an der Hausmauer und blinzelte. Einmal. Ein zweites Mal. Die Dunkelheit zerfaserte zu einem trüben Schleier und gab den Blick auf den Vermummten frei, dessen Kapuze von seinem Gesicht gerutscht war. Doch er war nicht, was ihren Blick fesselte.


    Es war die bleiche Gestalt, die ihn zu Boden zwang. Und unter ihrem Griff … schmolz der andere. Wie Kerzenwachs, das sich zu einer Pfütze auflöste und langsam verging.


    Shizar erstarrte. Ihre Instinkte rieten ihr, zu laufen. Abstand zwischen sich und diesen fahlen Menschen zu bringen. Sie suchte das Kribbeln von Magie in der Luft. Das Zusammenballen der Elemente, das auf einen Zauber hinwies. Aber es gab nichts. Nichts.


    Nein. Dies war kein Mensch.


    Shizar schluckte und presste sich an die Wand. Sie spürte Dandaras benommene Präsenz, betäubt von dem Hieb der magischen Kraft. Und es bedeutete … dass sie schutzloser war, als sie sich eingestehen wollte. Die Schattenmagierin fluchte innerlich, während sie versuchte, einen Schutz zu beschwören, irgendetwas, aber es war nicht mehr als ein leichtes Kribbeln auf ihrer Handfläche zu spüren. Und sie wusste, dass sie nicht davonlaufen konnte. Diese Kreatur war ein Jäger. Ein Jäger, unter dessen Händen das Leben aus seiner Beute wich.


    Der Händler sah ein letztes Mal zu ihr auf und sank dann in sich zusammen. Das letzte Licht in seinen Augen erlosch. Die Kerzenflamme wurde vom Wind zu Rauchfäden verweht und verging. Und noch immer ruhte er im Griff des Fremden, dessen Züge unter seiner eigenen Kapuze verborgen blieben.


    »Was … was im Namen aller Elemente seid Ihr?«, brachte sie heiser heraus und presste sich unwillkürlich noch dichter an die Wand. All ihre Sinne waren geschärft, während sie zu Liaril betete, dass Dandaras Benommenheit rasch genug verfliegen würde, um ihnen die Flucht zu gestatten.

  • Noch hielt Klavius den Mann in seinem Griff, während die Frau die Szene mit schockierten oder gar ängstlichen Blicken verfolgte.

    Der Zeitpunkt und die Art seiner Handlung waren nicht wirklich glücklich gewählt, genau genommen wusste er nicht einmal, was ihn dazu verleitet hatte, aber so war es jetzt.

    Der letzte Hauch leben des Mannes, erfüllte Klavius zur gänze und stillte seinen Hunger, al hätte er sich heillos überfressen. Es war beinahe eine Verschwendung gewesen, so viel Leben auf einmal zu ernten und es nicht für mehrere Nächte aufzuteilen. Der Blick seiner eisblauen Augen glitt zu der Frau herüber, als er ihre Stimme vernahm. Süss wie Honig, dunkel wie die Nacht, aber auch erfüllt von Angst.


    »Was … was im Namen aller Elemente seid Ihr?«, brachte sie heiser heraus und presste sich unwillkürlich noch dichter an die Wand.


    Der Kopf des Schatten hob sich und seine Gedanken rätselten um die Handlung, seine Kapuze zu entfernen oder sie dort zu belassen. Mit der Linken zog er sie zurück und gab den Blick auf seine Züge frei.


    "Ich bin nicht euer Feind, wenn ihr das meint", gab er so freundlich wie möglich zurück. Ihm war bewusst das er selten sprach und seine Lebensweise dafür gesorgt hatte, das seine Stimme leise war. Allerdings achtete er darauf, nicht bedrohlich oder gefährlich zu klingen.

    Seine linke Hand vollführte eine einladende Geste in Richtung der Frau, welche auf den Mann deutete.

    "Ihr wolltet das Buch! Ich versichere euch, das dieser Mann keine Gefahr mehr für euch ist. Ich bin es auch nicht, ich dachte nur das ihr Hilfe brauchen würdet, denn wenn meine Vermutungen richtig sein sollten, haben wir den selben ungebetenen Feind!"

  • Noch immer rang Shizar um Fassung. Ihr Körper war angespannt, jede Faser fluchtbereit, während sie ihr Gegenüber musterte. Der Mann streifte seine Kapuze zurück und offenbarte seine Züge. Marmorgleich. Die Schattenmagierin fand keinen anderen Vergleich und es ließ ihre Unruhe steigen. Nein, tatsächlich kein Mensch. Eine Kreatur, wie aus der Nacht geboren, die Augen dunkle Saphire.


    Eine Kreatur … aus der Nacht geboren … die versuchte … sie zu … beschwichtigen?


    Für einen Moment starrte sie ihn an. Versuchte, seine Worte zu entschlüsseln.


    Feind …


    Sie blickte auf den Mann am Boden und eine ihrer Hände glitt hinter ihren Rücken, um ihren Stand zu festigen,


    Feind …


    Ja … sie besaß Feinde. Und wer immer dieser Mann war, der nun tot am Boden lag, er war gewiss nicht von Morwys gesandt worden. Die Magie so fremd … keine Magie der Schatten und doch dunkel. Sie musste nicht lange raten, wer ihn gesandt hatte. Shizars Knie wurden weich und sie schwankte.


    Sie haben mich gefunden … Sie hat mich gefunden.


    Nein … es durfte nicht sein. Denn wenn es die Wahrheit war, konnte sie nicht nach Haus zurückkehren. Nicht sofort. Nicht ohne … Schutzmaßnahmen.


    Die Schattenmagierin schluckte und ihre Aufmerksamkeit kehrte zu dem Mann zurück, der auf das Buch wies, als wäre es natürlich, dass sie es an sich nahm. Dass er für eine Fremde getötet hatte. Dass sie … denselben Feind besaßen?


    »Das beantwortet nicht meine Frage«, sagte sie mit aller Ruhe, die sie aufzubringen vermochte, obgleich ihr Mund staubtrocken war. »Was seid Ihr?«


    Sie sah ihn an. Unverwandt. Während sie den Impuls unterdrückte, ihren verrutschten Ausschnitt zurück über die Schulter zu ziehen. Ob er die leichten Schuppen auf ihrer Haut erkannte oder nicht … es bedeutete nichts. Nicht mehr.

  • "Seid euch gewiss Verehrteste, hätte ich eure Frage beantworten wollen, so hätte ich dies getan. Aber wie in jedem Moment gibt es Fragen die wichtig sind und jene, die unwichtig sind. Wichtig ist, das ihr das Buch wolltet und die Gewissheit, das in diesem Moment Augen auf euch ruhen, welche euch nicht wohl gesonnen sind. Wichtig ist, das diese Augen mich noch nicht erblickt haben und wir Verbündete sein könnten, wenn ihr dies denn wünscht. Unwichtig hingegen in diesem Moment ist meine Herkunft."

    Klavius Augen strichen über die makellose Schulter der Frau und erkannten die feinen Schuppen. Die Dunkelheit konnte vor seinen Augen keine Geheimnisse haben. Allerdings konnte man auch keine vor der Nachtmutter haben, doch sein Vertrauen galt dem Gott der Diebe und das er ihn in diesem Moment weiter verhüllt hielt.


    "Aber ich kann eure Sorge nachvollziehen und deswegen versichere ich euch, das ihr nichts vor mir zu befürchten habt, solange diese Begegnung niemals die Ruhe eurer Zunge verlassen wird. Ich denke wir beide besitzen eine Herkunft, über die wir im Moment nicht sprechen müssen."


    Sein Blick und sein Gehör richteten sich in die Dunkelheit und erspähten nichts. Ein Hund der bellte, das betrunkene Lachen aus einer Taverne und ein Seemann, welcher in einer Ecke schnarchte. Doch die Zeit würde gegen sie spielen. Eine Falle bestand immer aus mehreren Komponenten und meist aus mehreren Jägern und Beobachtern.

    Sein Blick richtete sich wieder auf die Frau.


    "Wir sollten verschwinden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man nach ihm suchen wird. Wisst ihr, wo ihr hin gehen könnt, bis die Lage sich beruhigt hat?"


    Seine linke Hand wanderte durch die Kleidung des Mannes und suchte nach Hinweisen, Gold oder anderen nützlichen Dingen, während er auf die Antwort der Frau wartete.

  • Die Antwort war direkt. Abweisend. Wahr. Ein Messer, das jede weitere Frage abschnitt. Und sie nährte die Gewissheit, dass dieser Mann etwas war, das Shizar bislang noch nicht begegnet war. Doch es beantwortete nicht die Frage, ob er ehrlich war. Ein Tod mehr oder weniger … was bedeutete es den Priestern Shirashais? Was bedeutete es ihrer Hohepriesterin? Ein Tod mehr … es würde sie nicht kümmern.


    Die Schattenmagierin starrte den Mann noch für einen Atemhauch länger an. Dann richtete sich ihr Blick auf das Buch und sie presste die Lippen zusammen. »Woher weiß ich, dass ich Euch vertrauen kann? Ihr könntet all das inszeniert haben, um mich in Sicherheit zu wiegen.«


    Ihre Augen glitten flüchtig über die Gasse. Gehetzt. Sie wusste, dass sie nicht in Sicherheit war, solange sie hier stand. An einem Ort, den mit Gewissheit diejenigen kannten, die diesen Mann geschickt hatten.


    Morwys … war wahrscheinlich tot.


    Ihre Finger bohrten sich in ihre Schulter, dort wo der silberne Stern saß. Für Shizar fühlte es sich an, als würde das Symbol der Göttin brennen. Heiß genug, dass sie sich wünschte, es aus ihrer Haut reißen zu können. Oh, sie hatte es versucht. Eine kleine Narbe zeugte noch davon. Aber der Stern selbst war wie Eisen. Unverletzbar.


    Die Frage, wohin sie gehen sollte … Shizar atmete tief ein. Ja, sie wusste es. Aber noch … noch würde sie kein Wort darüber verlieren.


    Dandara rührte sich. Die Fee erwachte und das Prickeln der Magie wurde stärker in ihr. Es gab Shizar den Kälte, die sie brauchte, um sich langsam niederzulassen und die Finger nach dem Buch auszustrecken.

  • Es dauerte nicht lange bis Klavius einen Anhänger an einem Lederband fand.

    Das Zeichen der Shirashai baumelte im schummrigen Licht der Stadt und reflektierte immer wieder schimmernd das Licht einer Muschellaterne, als Klavius es in die Höhe hielt.

    Peinlich genau achtete er darauf, daß Symbol nicht zu berühren.


    "Wie ich befürchtet habe, habt ihr mächtige Feinde", bestätigte der Schatten.

    Den Münzbeutel verstaute er an seinem Gürtel. Es würde einfach nicht wie ein Raub aussehen, wenn die Wachen das Gold finden würden.

    Ein scharfes Knacken halte durch die Gasse, als Klavius mit einem Ruck den Kopf des Mannes herum riss und ihn dann zu Boden fallen ließ.

    Ein einfacher Raub im Seeviertel, würde die Stadtwache nicht auf dumme Ideen bringen.


    Der Blick seiner Augen traf den der Frau, als er aufschaute und er konnte sich nicht des Gedankens ihrer Schönheit erwehren.


    "Ein Häscher der Nachtgöttin, kein Priester. Allerdings sollte er euch lebend zurück bringen, wenn ich dem Gewicht seines Goldbeutels trauen darf. Seit ihr euch gewiss, das euer Versteck sicher ist? Wenn nicht, könnte ich helfen und eure Frage nach dem Warum beantworten", reagierte der Schatten auf die unausgesprochene Frage, die wohl folgen würde.


    Auch wenn ihre Frage nach einer Falle und Vertrauen überflüssig war, so wurde ihm bewusst, daß dies nur aus seiner Sicht so schien. Er hatte einfach zu lange kein Kontakt mit anderen Personen gehabt, was seine nächsten Worte zeigen würden.


    "Verzeiht Wenn ich eure Frage aus Zeitgründen überging", begann er lächelnd. "Ihr wisst nicht, ob ihr mir vertrauen könnt. Aber seit euch gewiss, das dies keine Inszenierung ist. Ihr wart diesem Mann hilflos ausgeliefert und er hatte euch bereits. Euch zu retten, nur um euch auszuliefern, wäre... skuriel. Zumal ich sehr sicher bin, daß eure Begleitung ein Auge auf euch hat. Sagen wir einfach, dass ich etwas suche und ihr Rätsel zu lieben scheint. Im Gegenzug bin ich euch behilflich. ", erklärte Klavius mit sicherem Blick und schmunzelnd Lächeln.


    "Ich muss dennoch mit wachsender Dringlichkeit darauf bestehen, daß wir diesen Ort verlassen. Dieser Mann wird sich abgesichert haben und wenn es wie ein Raub aussehen soll, dann sollten die Wachen diese Leiche allein vorfinden. Ihr seht also, das wir uns gegen mehrere Möglichkeiten wappnen müssen", erklärte Klavius in Ruhe und behielt die Umgebung immer in seinen Sinnen. Im Notfall würde er einfach verschwinden und die Frau sich selbst überlassen müssen, aber soweit wollte er es nicht kommen lassen.

  • „Erzählt mir etwas Neues“, antwortete Shizar, als der Fremde das Symbol hervorzog, das auf ihrer Schulter prangte. Der Anblick wirkte wie ein Schlag in den Magen. Eine Bestätigung, die sie hart schlucken ließ.


    Ihre Finger schlossen sich um das Buch und zogen es heran. Eine gemurmelte Formel und sie stieß einen Fluch aus. Eine Fälschung, natürlich. Mit einem Zauber versehen, der ausgelöst worden war, als Dandaras Magie damit in Berührung gekommen war. Die magische Kraft hatte den Einband versengt und dunkle Flecken hinterlassen. Die Schattenmagierin ließ das Buch fallen und wischte die Hände an ihrer schwarzen Robe ab, als hätte sie sich daran beschmutzt. Wertlos. Wie diese ganze verfluchte Nacht.


    Eine gefühllose Maske legte sich über ihr Gesicht, als der Fremde das Genick ihres Angreifers mit einem scharfen Ruck brach. Das Geräusch ließ sie schaudern und verursachte ihr Übelkeit, doch sie ließ es nicht auf ihr Gesicht dringen. Shirashais Schergen hätten Schlimmeres mit ihr getan. Und sie verstand. Wer immer er war, er war geübt darin, seine Spuren zu verwischen. Zu töten. Und er sah. Mehr, als sie ihn sehen lassen wollte.


    Allerdings war auch Shizars Blick scharf. Scharf genug, um zu erkennen, wie er sie anblickte. Und sie wusste, dass darin eine größere Macht schlummerte als in jedem Funken Magie, der ihr zur Verfügung stand.


    Sie richtete sich auf und das schwarze Haar glitt über ihre nackte Schulter. Shizar bemühte sich nicht, ihre Haut zu verbergen. Er hatte ohnehin genug gesehen. Innerlich knirschte sie mit den Zähnen, doch es zeigte sich nicht in ihrem Gesicht.


    „Gut. Geht voran.“


    Ein knappes Einverständnis. Shizars Blick glitt über ihre Schulter, auf der Suche nach Verbündeten des Toten. Einer Rückversicherung von Shirashais Anhängern, die aus den Schatten hervorbrechen könnte ... sie wollte ihr Glück nicht auf die Probe stellen. Und für den Augenblick bedeutete es eine größere Sicherheit, sich einer lebenden Waffe anzuschließen. An einen Ort zu gehen, der keine Spur ihrer Präsenz trug. Zumindest, bis sie wusste, wie im Namen aller Götter diese Bastarde ihre Fährte aufgenommen hatten.

  • Klavius nickte und zog seine Kapuze wieder über seinen Kopf.

    "Verhüllt euer Gesicht, wenn ihr könnt und sprecht niemanden an. Folgt mir und tut, was ich tue. Bewegt euch, als wäre es natürlich für euch und reagiert nicht auf Fragen, wenn diese nicht von mir sind", wies Klavius an und wartete kurz, bis die Frau bereit war.


    Lautlos schritt er in die Dunkelheit und folgte der Gasse, immer darauf bedacht, den Schatten nicht zu verlassen. Kopfsteinpflaster führte die beiden in eine Nebengasse, welche sich als Sackgasse entpuppte. Hauswände und Steinmauern umgaben sie. Die Nacht war dunkel und gab nur spärrlich den Blick auf ein paar Kisten und Fässer und frei. Das plätschern und Gurgeln der Kloake unter der Straße, drang durch ein Metalrost in die Gasse. Klavius blieb vor der Mauer stehen und vergewisserte sich, das es keine Augen in der Dunkelheit gab, die sie beobachten konnten.

    Sachte klopfte er gegen einen Stein, als würde er an eine Tür klopfen, als eben jeder Stein sich zur schob. ohne ein Wort zu sagen, hob er den Anhänger der Nachtgöttin in die Luft, als würde er ihn jemandem zeigen und legte ihn dann in die Nische. Der Stein schob sich wieder auf seine alte Position, als es leise klickte und teil der Mauer sich öffnete. Wie eine Tür schwang er leise und kratzend zurück und gab einen Weg frei.

    Ohne ein Wort zu sagen, deute er Shizar ihm zu folgen und verschwand in der Dunkelheit.


    Nachdem die Tür sich hinter beiden wieder geschlossen hatte und Klavius dem Unbekannten kein Wort schenkte, führte sie der Weg von einigen Öllampen erhellt, hinab unter das Hafenviertel. Der Schatten wollte Shizar das Klettern über die Dächer ersparen und dafür durch die Unterpfade führen. Ob ihr das bei all dem Dreck mehr zusagen würde, bezweifelte er mit einem heimlichen Schmunzeln unter seiner Kapuze.


    Es dauerte nicht lange, bis sie eine Halle betraten. Eine Kreuzung der Kanalisation und zugleich ein Umschlagsplatz für Diebe, Schmuggler und Halunken. Ein Platz den niemand finden konnte, solange er nicht den Preis oder den Eingang kannte. Hier regierten die Hohen der Diebe, wie eine Statue Askalars in der Mitte der Halle deutlich machte. Hier gab es regeln und ein Verstoss, bedeutete den Tod. Fackeln erhellten die steinernen Raum und unzählige Kisten, Fässer, Verkaufsstände, Handelsnischen und "Tavernen", säumten den Platz. Die Rattenspieße sollten legendär sein, aber den Göttern sei Dank, musste Klavius nie darauf zurück greifen.

    Immer darauf achtend, die Präsenz der Frau hinter sich zu spüren, führten seine Schritte ihn zielsicher durch die Gassen des Platzes, an das andere Ende der Halle.

    Unterwegs erhaschte sein Blick unzählige Gegenstände, Artefakte und Geschmeide, welche ihren Weg aus den Taschen der hohen Leute gefunden hatte. Gegenstände für die so mancher Magier töten und so mancher Adeliger seine Mutter verkaufen würde.


    Shizar schien sich gut schlagen. Ihn würde man hier nicht ansprechen. Nach einem Zwischenfall und der Klarstellung, das man Klavius weder über den Tisch zieht, noch das man ihm droht, wusste man, das man ihm besser aus dem Weg geht. Abgesehen davon scherte hier unten sich jeder um seinen Kram. An diesem Ort stellte man keine Fragen, denn wenn es die falsche war, landete man schnell mit einem Dolch im Rücken in der Kanalisation.


    Am anderen Ende des Raumes befand sich ein Ausgang, dem der Schatten folgte. Ein Labyrint aus Gängen, Ecken und Winkeln. Die Zeit verstrich und als sie am Ende ihrer Reise angelangt waren, führte eine Treppe sie hinauf, zurück in die Stadt. Wieder stand Klavius vor einem Mann, dem er ohne Worte den Goldbeutel des toten Häschers gab. Ein Nicken, ein Schritt zur Seite, ein Klicken und wieder öffnete sich eine Luke. Ohne die "Gebühr" für den Markt, bekam man keine Dienstleistung. Alles lief wie gewohnt und Klavius trat in eine saubere Gasse ein. Wieder ein Sackgasse und dennoch anders als die des Hafenviertels.

    Wieder lag ein Schmunzeln auf seinen Lippen. Wenn die Leute dachten, dass das Hafenviertel kriminielle Machschaften hortete, dann sollten sie mal hinter die Kulissen des Adelsviertels schauen.


    "Keine Sorge, unsere Spuren sind getilgt. Die Unterwelt ist sehr gut darin, unentdeckt zu bleiben und Verfolger abzuschütteln. Der Anhänger eures toten Handelspartners, sollte euch verfolgen. Sein Gold hat dafür gesorgt, das er unschädlich gemacht wurde und wir ab dem Marktplatz unsichtbar für die Augen der Nacht wurden. Die Fährte ist also erloschen und wir können uns frei bewegen, bis eure Häscher sie wieder finden sollten", erklärte Klavius und Fragen in ungünstigeren Situationen zu vermeiden. Jetzt zumindest hatten sie einen Augenblick Zeit, bevor sie die Straßen zu seinem Vertseck beschleichen würden...

  • Shizar hatte geglaubt, die Katakomben zu kennen. Den Nachtmarkt, der sich darin verbarg. Doch tatsächlich hatte sie diesen Flecken noch nie betreten. Die Schattenmagierin folgte dem Fremden durch die labyrinthartigen Strukturen und ihre Augen erfassten jede Kleinigkeit darin. Jede Handlung des Mannes, der sie führte. Er bewegte sich darin, als wäre es seine Heimat. Zweifellos führten seine Schritte ihn oft hierher.


    Und der Markt … Shizars Augen streiften die Vielzahl der hier gesammelten Gegenstände und ihre Lippen verzogen ich zu einem dünnen Strich. Es mochte der Ort sein, an dem auch Morwys seine Waren bezogen hatte. Hatte … es setzte voraus, dass er tatsächlich tot war. Allerdings … bestand auch die Möglichkeit, dass er sie verraten hatte. Verkauft für eine beträchtliche Summe, die ihm mehr wert gewesen war als seine Kundin. Shizar schloss es nicht aus. Sie hatten Geschäfte miteinander gemacht. Er war ihr nie verpflichtet gewesen. Männer wie Morwys kümmerten sich nicht um Loyalität und Moral. Sie kümmerten sich allein um das Gold in ihren Taschen. Ihre Loyalität gehörte jenen, die am meisten dafür boten.


    Vielleicht … konnte sie hier finden, was sie suchte. Einen Weg in die Freiheit. Shizar musterte den Hinterkopf des Fremden, der unbeirrt voranschritt, bis er schließlich innehielt und sie ansprach.


    Die Magierin legte den Kopf schief. Ihre Silberaugen waren auf den Mann gerichtet, der sie durch die Katakomben geführt hatte, während sie noch immer versuchte, ihn einzuschätzen.


    „Warum helft Ihr mir?“ Eine direkte Frage, wie es normalerweise nicht Shizars Art sein mochte. Doch … in dieser Nacht war ihr die Lust an Spielereien vergangen. Sie fühlte sich roh. Ein Zittern lauerte in ihrem Inneren, genährt durch die Erkenntnis, dass ihr Leben auf dem Kopf stand. Unwiderbringlich auf dem Kopf stand. Sie schluckte und atmete ein. „Euch ist bewusst, dass meine Feinde über Macht verfügen. Allein die Tatsache, dass Ihr in dieser Gasse aufgekreuzt seid, hinterlässt eine Zielscheibe auf Eurem Rücken. Es ist leichtsinnig gewesen, mich nicht einfach dort meinem Schicksal zu überlassen. Ihr kreuzt die Pfade einer rachsüchtigen, eitlen Göttin und ihrer nicht minder liebenswerten Priesterschaft. Für eine Fremde.“

  • Klavius vernahm ihre Frage und sie war logisch, ja sogar weitsichtig.


    "Glaubt mir Verehrteste, ich bin keine Zielscheibe. Eure Gegner besitzen Macht und Einfluss, das tue ich aber auch und mir ist durchaus bewusst, wessen Unmut ihr auf euch gezogen habt. Aber wenn ich nicht in Lage wäre, mich damit zu beschäftigen, könnte ich nicht tun, was ich tue. Glaubt mir meine Liebe, die Person für dich arbeite, ist nicht minder mächtig und ich bin oft seine effektivste Handlung", gab Klavius ihr zu verstehen und ein selbstsicheres Schmunzel unterstrich seinen Blick, der einer Raubkatze glich.



    Nach kurzem vergewissern, schaute er Schizar wieder. Sie hatten noch ein wenig Zeit und so konnte man sich weiteren Worten widmen.


    "Um eure erste Frage zu beantworten, ich helfe euch aus zweierlei Gründen. Zum einen, weil ihr Möglichkeiten und eine Leidenschaft für Rätsel besitzt und ich möchte eines lösen. Zum anderen weil,,, sagen wir einfach, das ein Gefühl es mir gesagt hat", verriet Klavius und sein lächeln wurde zuvorkommend und freundlich. Ja fast eine Spur Zugetanheit konnte man erhaschen.

  • Shizar hob die Brauen. Selbstsicherheit sprach aus jedem Wort und die Tatsache, dass sie ungehindert die Katakomben passiert hatten, ließ sie nicht daran zweifeln, dass Wahrheit darin lag. Und natürlich hüllte er sich weiterhin in Geheimnisse … vielleicht wenig verwunderlich, wenn man bedachte, wo er sich bewegte. Wer hier verkehrte, neigte mit Gewissheit nicht dazu, seinen Namen auf den Lippen zu tragen. Zumindest, wenn er ein langes Leben besitzen wollte.


    „Und Ihr wollt mir noch immer nicht verraten, wer Ihr seid, nehme ich an?“, fragte sie dennoch, aber sie erwartete keine Antwort darauf. Warum sollte er antworten? Wissen bedeutete Macht. Dies hatte sie in dieser Nacht am eigenen Leib einmal mehr erlebt.


    Shizar stieß ein Seufzen aus und verschränkte die Arme vor der Brust. Es war kühl. Ungemütlich kühl. Wenngleich ein Teil des Frostes aus ihrem Inneren stammen mochte.


    „Wie Ihr heute Nacht erlebt habt, versage ich auf großartige Weise darin, meine eigenen Geheimnisse zu wahren und meine Rätsel zu lösen. Also wäre es besser für Euch, wenn Ihr nicht zu viel von dieser Bekanntschaft erwarten würdet.“


    Es klang resigniert. Untypisch. Aber die Nacht hatte die Maske von Shizars Gesicht gerissen und nichts als Erschöpfung zurückgelassen.

  • „Wie Ihr heute Nacht erlebt habt, versage ich auf großartige Weise darin, meine eigenen Geheimnisse zu wahren und meine Rätsel zu lösen. Also wäre es besser für Euch, wenn Ihr nicht zu viel von dieser Bekanntschaft erwarten würdet.“


    Klavius kam nicht ohnehin, leise zu lachen.

    "Ich bin überzeugt davon, dass ihr eure Fähigkeiten unterschätzt, meine Liebe. Ich habe euch schon des Örteren in den Gassen erblickt und besitze eine gute Menschenkenntnis. Aber wenn es euch ein wenig beruhigt und ich meine Unverschämtheit wieder gut machen kann, mich nicht vorgstellt zu haben, so könnt ihr mich Klavius nennen", bot der Schatten an und legte seinen Mantel ab, um ihn Shizar um die Schultern zu legen. Die Dame fröstelte es und Kälte war nicht unbedingt ein Störfaktor für den Mann.


    Unter seinem Mantel trug Klavius enganliegende Kleidung in Schwarz. Ein samtiger Stoff, der bequem war und nicht das kleinste Geräusch von sich gab. Schwarze Verzierungen hoben sich kaum merklich vom dunklen Stoff ab und seine Füsse zierten lautlose elegante Stiefel. Ein Gürtel lag um seine Hüfte mit kleinen Taschen für Dietriche, Wurmesser, Dolche und ähnlich nützlichen Dingen, welche aber der Eleganz kein Abbruch taten.


    Trotz der Erschöpfung, welche man Shizar ansah und ihre Züge zeichnete, taten sie ihrer Schönheit kein Abbruch. Klavius musste zugeben, das ihre sillbrige Haut und die Farbe ihrer Augen, ihn faszinierten.


    Die Zeit war rum und ein Kutsche fuhr am Ende der Gasse vor. Ihre Fensterläden waren geschlossen und auch sonst gab es keinen Unterschied zu den Kutschen der Adligen diese Viertels. Klavius lud sie mit einer Geste in die Kutsche ein und öffnete ihr die Tür.


    "Gestatten mir euch zu eurem Versteck zu bringen, wo ihr euch von den vergangen Strapazen erholen könnt", bat Klavius und bot Shizar, damit sie in die Kutsche einsteigen konnte.

  • Er hatte sie beobachtet? Wann? Wie oft? Wie oft waren seine Augen auf sie gerichtet gewesen, ohne dass sie es bemerkt hatte? Shizar konnte nicht verhindern, dass ein kalter Schauer über ihrem Rücken rann. Sie zog den Mantel dichter um ihren Körper, verwirrt über die Galanterie, die nicht zu jemandem passen wollte, der sich unter der Stadt bewegte und dort Respekt einforderte.


    Klavius ... sie wiederholte den Namen im Gedanken, aber sie hatte ihn nie zuvor vernommen. Zudem konnte er jedem Volk angehören. Keine Rückschlüsse. Nichts. Ein Geheimnis mehr, das ihr nicht zu ergründen gelang. Die Schattenmagierin biss die Zähne zusammen. Es wurde wenig besser, als die Kutsche in Sicht kam und vor ihnen hielt. Eine edle Kutsche. Es sollte ihre Neugier wecken. Sie dazu verleiten, ihm Fragen zu stellen. Das Spiel zu beginnen, das sie meisterhaft beherrschte, um ihm zu entlocken, was sie zu wissen wünschte. Doch sie fühlte sich betäubt. Matt. Das Entsetzen war aus ihren Adern geflossen und hatte bleierne Müdigkeit zurückgelassen. Shizar bemühte sich nicht, es zu verbergen.


    Sie stieg in die Kutsche ein und ließ sich auf der Sitzbank nieder. Ihre Finger zitterten und Shizar krampfte sie fester in den Stoff des Mantels, um sie daran zu hindern. Sie nickt auf die Frage des Fremden. Klavius, erinnerte sie sich.


    „Ja.“ Sie zögerte. Dann ... welchen Sinn hatte es noch, etwas verbergen zu wollen? „Ihr könnt mich Shizar nennen.“


    Es kam gepresst über ihre Lippen. Niemand hatte diesen Namen je mit dem Mädchen in Verbindung gebracht, das von ihren Eltern vor ihrem Schicksal verborgen worden war. Doch jetzt ... jetzt war alles anders.

  • Klavius nahm auf der Sitzbank gegnüber von Shizar platz und schloss die Tür. Auf sein Klopfen hin, setzte sich die kutsche in Bewegung und ihr Gespräch wurde vortan von Hufgetrappe und Radgeklapper auf Kopfsteinpflaster begleitet.

    Galant überschlug er die Beine, legte die Hände auf den Schoss und betrachte Shizar in Ruhe.


    "Nun können wir reden, wenn ihr mögt", bot er galant an. "Mit Sicherheit ist es für euch verstöhrend, mit einem Mann zu Reisen, dessen Bild sich ständig ändert. Aber ich versichere euch noch einmal, das ihr außer Gefahr seid und ich keine für euch darstelle!"


    Shizar war wirklich bezaubernd. Ihr Haar, ihre feinen Züge, ihre Augen und vor allem ihre silbrige Haut. Eigentlich wartete Klavius darauf, die silberne Zunge der Frau zu hören zu bekommen, doch Müdigkeit, Enttäuschung und die Strapazen der Gasse, zeichneten ihr Gesicht.

    Der Schatten wusste wie kalt und berechnend die Frau sein konnte, wie verführerisch ihre Worte und ihr Lächeln sein konnten. Er hatte sie oft beobachtet in den Gassen, mit Interesse ihre Rätselleidenschaft betrachtet. Auf dem letzten Maskenball des Fürsten sogar mit ihr getanzt, auch wenn ihr Interesse nicht der völkischen Belustigung galt.


    Dazu ihre Schönheit, welche ihm vom ersten Tag an zugesagt hatte. Alles in allem eine kluge Frau mit Ambitionen, die anstrengend sein konnte. Klavius hätte seine Quellen nach ihr befragen können, doch sein Interesse wollte es selbst heraus finden. Er konnt sich nicht gegen das Gefühl währen, das sie ihm gefiehl.

  • Shizar antwortete nicht auf der Stelle. Das Klappern der Kutschenräder füllte das Schweigen zwischen ihnen, während sie ihre Gedanken sortierte. Es fühlte sich an, als wäre die Kuppel über ihrem Kopf eingestürzt und hätte sie unter sich begraben. Ein passender Vergleich, denn ihr Leben erschien ihr wie ein Trümmerhaufen. Zermalmt von der Macht einer Göttin, der sie in Wirklichkeit nichts zu geben hatte. Es nährte den Hass in Shizars Innerem. Hass auf die Göttin der Nacht, die sich den grausamen Scherz erlaubt hatte, das verfluchte silberne Mal auf ihrer Haut zu hinterlassen. Als hätte sie gewusst, dass ihre Eltern den Göttern des Lichts dienten. Als hätte sie sie dafür bestrafen wollen.


    Shizar hatte zum Fenster geblickt. Jetzt sah sie den Mann an. Ihren Retter, dessen Mantel sich an ihre Haut schmiegte und sie wärmte. Sie wollte den Kopf darüber schütteln, aber sie tat es nicht. Es war skurril. Verrückt. Alles an dieser Nacht. Von einer Kreatur gerettet zu werden, die ohne Reue Leben stahl ...


    »Vermutlich spielt es keine Rolle, ob Ihr eine Gefahr für mich darstellt«, sagte sie matt. »Mein Leben liegt ohnehin in Scherben.«


    Und sie bezweifelte, dass sie diese Scherben wieder zusammensetzen konnte.


    »Nichts, was Ihr tut, könnte mich noch verstören.« Jetzt schüttelte sie den Kopf und biss sich auf die Unterlippe und das Licht ihrer Silberaugen wurde hart wie ein Diamant. »Würdet Ihr versuchen, mir zu schaden, würde ich mich zur Wehr setzen. Wer von uns am Ende gewinnt … wissen die Götter. Vermutlich besitzt Ihr mehr Erfahrung darin, Eure Beute zu schlagen.«


    So wie es alle Raubtiere taten. Shizar selbst war niemals ein Raubtier gewesen. Vielleicht eher die Schlange, die das Erbe ihres Vaters in ihr hinterlassen hatte. Vielleicht ein Rabe, der beobachtete und sein Wissen hortete wie einen Schatz. Nicht ... tödlich.


    „Warum habt Ihr mich beobachtet?“, fragte sie schließlich und ein Hauch der alten Schärfe lag in ihrer Stimme.

  • "Was ist schon ein Leben in Scherben, wenn ihr ein neues haben könntet oder es so wieder zusammen setzt, wie ihr es wünscht", fragte Klavius neugierig.

    Der Mann hatte viele Leben gelebt und sich aufgebaut. Der Dieb, der Agent, der Jäger, der Adelige, der Geschäftsmann, der Mörder.

    Alles lag in seiner Hand, von Geburt an ein Leben in den Schatten.

    Natürlich empfand Shizar das anders, lebte sie doch ein Leben auf der Flucht. Zumindest schloss Klavius das, denn niemand hatte die Nachtgöttin zum Feind und ein ruhiges Leben dazu.


    Aber da war sie wieder, die harte unnahbare kämpferische Shizar, mit ihren harten Augen und ihrer scharfen Stimme, während die Kutsche ruckelnd und polternd über die Strasse fuhr.

    "Ich bin mir sehr sicher, daß ihr euch wehren würdet, aber es wäre unnötig. Ich sagte bereits, daß ich keine Gefahr für euch bin", betonte Klavius geduldig.

    "Auch seid ihr keine - Beute- für mich, wie ihr es nennt und zweifelsohne befürchtet! Und Erfahrung ist manchmal notwendig, denn es gibt immer jemanden, dem euer Leben nichts wert ist und euch dazu zwingt, Schritte zu gehen, um das eure Schützen.... Oder das von Unschuldigen. Aber ich bitte darum, mich nicht als Mörder abzustempeln. Es war nötig, damit ihr nicht in einer Nachtkammer eurer... - Gönnerin- landet", erklärte Klavius mit bedachten Worten und sein Blick machte deutlich, daß es kein Fehlverhalten seiner seits gab.


    "Warum ich euch beobachtet habe allerdings, liegt in meiner Neugier und meinem Handwerk, so viel wie möglich zu wissen. Zumal es nicht oft vor kommt, das eine bezaubernde Dame wir ihr es seit, sich des Nachts im Seeviertel herum treibt und mit zwielichtigen Gestalten Geschäfte tätigt. Ausserdem seit ihr eine wundervolle Tänzerin, wie ich auf dem letzten Maskenball des Fürsten erfahren durfte", lächelte er nun galant und seine Augen funkelten in wonniger Erinnerung.