Das Spiel der Geister

  • Saniya hörte der Erzählung Khoors zu, während sie immer weiter geradeaus ritt, den Blick konzentriert nach vorne gerichtet.
    Nachdem Khorr geendet hatte, erklärte Klavius, dass er geschäftlich unterwegs war. Womöglich würde ihm das Abenteuer mit der versunkenen Stadt erspart bleiben. Wie langweilig.
    Aber auf Saniyas Gesicht zeigte sich ein Lächeln, als sie dann wieder Khoor reden hörte. Er sprach von einem 'Wir', womit er sie mit einbezog. Nun gehörte sie wohl also ganz offiziell zu seinem Team. Ob sich ihr Weg dann mit dem von Klavius trennen würde, würde sich dann wohl noch herausstellen.


    Die Bedenken von Klavius waren durchaus berechtigt. Aber fürchtete sich Saniya? Nein. Sie war aufgeregt und gespannt darauf, was sie wohl erwarten würde, ja. Doch Furcht verspürte sie trotz der Gefahren in welche sie sich wohl begeben würden, nicht. Es war endlcih an der Zeit, Abenteuer zu erleben und was hatte sie schon zu verlieren? Ihre Truppe, ihre Familie hatte sie verloren, ihren Vater seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen und Freundschaften? Die hatte sie seit ihrer unfreiwilligen Ankunft auf Nir'Alenar nie geschlossen. Um so mehr genoss sie nun die Anwesenheit ihres neuen Gefährten Khoor. Und vielleicht auch die von Klavius.


    Der Feuerschein vor ihnen erweckte dann allerdings Saniyas Aufmerksamkeit und führte sie ins Hier und Jetzt zurück. "Wir sollten absteigen", beschloss sie und tat dies dann auch sogleich.
    Mit beiden Füßen auf dem weichen Boden unter ihr stehend griff Saniya dann in die Zügel und ging mit ihrer Stute zu Fuß weiter. Langsam, immer darauf achtend, ob die beiden anderen ihr auch folgen würden.

  • Natürlich stand für Klavius schon fest, dass er in die Stadt gehen würde. Seiner Neugier geschuldet, musste er es einfach tun.
    Sachte stieg er von seinem Pferd ab und schloss sich den beiden an. Er fand es ein wenig zu übervorsichtig, vom Pferd zu steigen, aber gut. Er kannte die hübsche Frau nicht, wusste nichts über sie. Doch vermeinte er, eine gewisse Anspannung oder Aufregung an ihr zu spüren.
    Dieses Gefühl, wenn ein Abenteuer lockt.
    Gemäßigt erreichten sie das Lager und erblickten unzählige Fackeln an Palisaden. Das Lager schien eine kleine Goldgräberstadt zu sein, welches zwar Pallisaden zur Verteidigung besaß, aber bei weitem keine Festung war.
    Vielleicht gaben sie den Leuten hier nur ein sicheres Gefühl. Hier draußen im Nirgendwo, waren alle aufeinander angewiesen. Ein stillschweigender Pakt, unzähliger Mentalitäten, vom Gräbern bis zum Schurken.
    Und Geister würden sich ohnehin nicht von Mauern halten lassen.


    Als sie das "Tor" erreichten ließ Klavius Khoor den Vortritt. Seine Mission war offenkundiger für ihn und Aufmerksamkeit mochte er nicht. Es war immer klug nur ein Schatten zu sein, wenn man an einen Ort kam, an dem das Gesetz des Goldes herrschte. Denn eins hatte Klavius früh gelernt:


    Gold besitzt nur eine Fähigkeit! Sie fördert die dunkelsten Eigenschaften eines Menschen zu Tage!

  • Ayla noch immer neben sich her führend, schritt Saniya langsam dem gelb-rötlich leuchtenden Feuerschein entgegen, während die Stute immer nervöser wurde.


    Mit einem beruhigenden "Schhhhh" strich sie dem Tier über die Nüstern, ließ sich allerdings nicht davon abbringen, weiter und immer weiter zu gehen, bis schließlich in einer steinernen Wand Fackeln jeweils rechts und links eines Tores zu erkennen waren, von denen wohl der Feuerschein herrührte. Leise knisterten die Flammen, zuckten und flackerten und vorsichtig trat die junge Cath'Shyrr näher heran, als Ayla plötzlich durchging, sich auf die Hinterbeine stellte und zwischen dem Torbogen hindurch galoppierte. "Ayla, komm zurück".


    Sehr viel gebracht hatte dieser Ruf allerdings nicht und kurz darauf begann der Boden unter ihren Füßen zu vibrieren. Erst nur schwach, dann aber immer stärker werdend, es der Akrobatin irgendwann schwer fiel, sich noch stabil auf den Beinen zu halten. Steine fielen herab, die Fackeln erloschen und Saniya kroch am Boden ebenfalls durch den Torbogen hindurch, in die ungefähre Richtung, in welcher ihre Stute vor wenigen Momenten davon galoppiert war.


    Bei ihren Bemühungen achtete sie nicht weiter auf ihre Begleiter. Ob diese ihr folgen würden oder nicht war eher zweitranging. Hier galt es wohl eher, sich selbst in Sicherheit zu bringen, denn hier und da drohten die schweren Steine, auf sie zu stürzen und wahrscheinlich war es lediglich großem Glück zu verdanken, dass Saniya mehr oder weniger unbeschadet voran kam. Zumindest wurde sie nicht gänzlich erschlagen.

  • Im Schein der Fackel blitzten immer wieder die kleinen Goldpartikelchen auf. Der Rücken schmerzte ihm nach der stundenlangen Arbeit an der Waschrinne, doch wenn er sich heute noch eine Schüssel Eintopf leisten wollte, musste er schon mehr finden als das bisschen feinen Goldstaub, der kaum reichte, dass sich der Schmied hier die Arbeit machte. Nur wie sollte er das, wo die ganzen alte Säcke sich die besten Plätze weiter vorne an den Sieben sicherten? Dann plötzlich sahen alle Anwesenden auf, ein Rumoren ging hier durch den aufragenden Fels und ließ sogar die Erde beben. Dicke Staubschwaden stoben aus dem Stollen und laut verkündete der Berg seinen Missmut darüber, dass ihn hier kleine wuselnde Zweibeine seiner Schätze beraubten. Es war nicht das erste Mal, dass hier ein Gang einstürzte und doch blieb Nevio jedesmal das Herz stehen.

    Der junge Abenteuer ließ die Schale wieder in die Rinne fallen und sprang auf die drei aufgebrachten Pferde zu, die hier an einem Balken neben der Palisade angebunden waren um sie neu beschlagen zu lassen. Sie scheuten alle mit aufgerissenen Augen und traten erschrocken gegeneinander aus, weil die Staubwand auf sie wie eine Bedrohung wirken musste. Der feine Staub drang in seine Lungen und hustend wollte er mit zusammengekniffenen Augen das Pferd, dass hier zwischen seinen beiden Artgenossen festgebunden war losmachen.

    Er wollte es aus der Mitte herausführen, damit sich einjeder hier wieder beruhigen konnte, da preschte am Eingang zum Lager ein schneeweisses Pferd vorbei. Gesattelt aber offensichtlich in schierer Panik, lief es geradewegs auf den Bereich des Lagers zu, wo man Stein gehauen und einige Gruben ausgehoben hatte. Wenn es auch nur in eine der kleineren Gruben fiel, weil es wegen der Dunkelheit und dem Staub nichts sah, würde es sich ein Bein brechen und dann gab es unter diesen Leuten hier nurnoch den Metzger! Ein Gedanke der ihm schlagartig alles abschnürte. Nevio ließ die Scheuenden Pferde und auch die Rufe der Mienenarbeiter hinter sich und rannte Ayla hinterher. Die Stute hielt sich eine Zeitlang im Licht der mager angebrachten Fakeln, er konnte ihren Weg, den sie rennend nahm, nur vorrausahnen und so kürzte er über Schreinerei ab um dem Tier den Weg abzuschneiden. Dass er sich dabei an einer bereitgelegten Axt den Ärmel und auch ein wenig die Haut aufschnitt war ihm egal. Schlitternd rutschte er vor der Stute auf den Weg, die sich vor Nevio auftürmte und schrie. Aber sie war nicht in die Grube gefallen, die nur wenige Fuß hinter ihm steil hinabführte.

    "Ruuuuuhig.. Ist schon guuuut." beruhigte er das edle Wesen und streckte langsam die Hand aus um es sanft am Zügel zu sichern noch immer tanzte es unruhig auf der Stelle.

    Wie er diese Dinger hasste, der Seelenwandler fuhr mit den Handflächen über das warme kurze Fell lockerte das stramme Leder. Ayla beruhigte sich unter der Berührung und für einen Moment, wollte der Drang siegen, dem Ganzen hier einfach den Rücken zu kehren. Wenn er schnell genug war, könnte er mit dem Tier, auf das offensichtlich keiner Aufpasste! Durch diesen unwirtlichen Wald in die nächste Stadt verschwinden? Hier war kein Geld zu machen und der Wald in einigen Laufstunden schon so ausgebeutet, dass er eigentlich erst genug Vorräte ansammeln wollte, bevor seine Reise weiter fortsetzte. Doch die Chance war günstig! Er müsste nur seinen Rucksack holen, solange die Arbeiter mit dem Stollen beschäftigt waren.

    Der Glücksucher führte das Pferd herum und wollte es in die Richtung lenken, aus der es gekommen war. Sein Rucksack stand jedenfalls gleich bei der Waschrinne bereit. " Du bringst mich in die nächste Stadt und dann lass ich dich frei.. hm?" flüsterte er sein Versprechen und klopfte es beruhigend gegen den Hals.

  • Der kleine Trupp hielt an und Khoor stieg, wie auch die beiden anderen, von seinem Hengst herab. "Kâmyâb'mro!" mahnte er Azar, nicht von seiner Seite zu weichen und setzte den Weg aufrecht gehend weiter fort. Er hielt sich bewusst hinter Saniya, deren Anblick für eventuelle Wachposten sicherlich vertrauenerweckender war als seine hünenhafte Erscheinung in Rüstung. Sie näherten sich einer felsigen Wand, die vom flackernden Feuerschein einiger Fackeln erhellt wurde. Vor dem Drak'khir tänzelte die zierliche Schimmelstute zunehmend nervös und an seiner Schulter liess Azar ein warnendes Schnauben hören. Wie aus dem Nichts erbebte dann plötzlich die Erde und ein markerschütterndes Donnergrollen von knirschendem Stein und polternden Felsbrocken betäubte Khoors Ohren. Trotz seines beachtlichen Gewichts hatte er Mühe, auf den Füßen zu bleiben und im aufwirbelndem Staub vor sich soeben noch Saniya und die Schimmelstute flüchten zu sehen. Azar stand. Nicht gern, aber er stand. Khoor griff instinktiv nun doch in die hängenden Zügel und drängte den Hengst eilig den Weg zurück. Zunächst erst einmal einfach nur raus aus dem Zentrum dieses Erdrutsches oder Erdbebens....

  • Zurück zu laufen wäre Saniya nie im Leben in den Sinn gekommen, wo doch Ayla nach vorne geprescht war.

    Sie musste der Stute auf jeden Fall hinterher. Und das nicht nur, weil sie ihr Reittier war. Ayla war ihr zu

    einer guten Weggefährtin geworden. Eine Freundin, wenn man es denn so wollte. Kurz gesagt: Saniya's

    Herz hing sehr an dem Tier und sie wollte Ayla auf keinen Fall verlieren. Aus diesem Grund gab es für die

    Cath'Shyrr nur Eines: Ayla zu finden und sie wieder zu beruhigen. Und dabei würde sie sich von diesem

    ungnädigen Erdbeben auf keinen Fall aufhalten lassen!


    Wie lange es gedauert hatte, sich vor den herab fallenden Steinen in Sicherheit zu bringen, vermochte Saniya

    nicht einzuschätzen, hatte sie doch vollkommen andere Gedanken, die sie plagten. Wichtig war nur, dass es

    irgendwann aufhörte, Steine zu regnen. Ein kurzer Blick zurück verriet der jungen Cath'Shyrr, dass die Mauer

    hinter ihr schlussendlich nahezu in Schutt und Asche lag. Von ihren männlichen Begleitern war nichts mehr zu sehen. Leider aber auch nichts von Ayla.


    "Ayla", rief sie deswegen so laut es ihr möglcih war, in die fremde Umgebung hinein. "Ayla, wo steckst Du?" Selbstverständlich rechnete Saniya nicht damit, dass die Stute jeden Moment zurück rufen und auf ihre Frage antworten würde. Aber auf irgendein Zeichen hoffte sie dennoch.

  • Wie erwartet achtete keiner auf ihn, als er seinen Rucksack holen wollte. Die Minenarbeiter waren viel zu sehr damit beschäftigt, die Steine aus den Tunneln zu räumen und Verletzte zu bergen. Der Staub hing noch immer drückend in der Luft und erschwerte allen das Atmen. Nur kurz hob er die Lasche an seinem Rucksack an, um sich zu versichern, dass sein Schützling noch immer in seinem Nest aus Laub, Stroh und dem Fadenscheinigen Halstuch, saß. Das Eichhörnchen kletterte flink über seinen Arm und verschwand in seinem Kragen um dort den Schreck zu verarbeiten, den der Einsturz verursacht hatte. Dann verließ er eiligen Schrittes das Lager um die Stute auf den befestigten Weg zu führen. Die Fackeln in ihren Halterungen waren allesamt erloschen und so beschloss er lieber zuerst nach dem Tunnel, der in die Bergsenke führte, aufzusteigen, dort wo der Wanderweg überschaulicher wurde. Auch wenn er es kaum erwarten konnte diesen Ort endlich zu verlassen, führte er das Pferd ruhig neben sich her. Es schien ohnehin noch nervöser zu werden, je näher es dem Tunnel kam. Die Hufe klapperten laut auf den groben Steinen und immer wieder musste Nevio das Tier beruhigen. Und dann hörte er auch das ferne Rufen einer Frau. Besorgt und atemlos. Ein wenig Missmutig presste der Wanderer die Lippen aufeinander. Verdammt, jetzt kam er doch nicht in die nächste Stadt. Für ihn war klar, dass dieses Pferd, dass ja aus dieser Richtung gekommen war, gerade doch gesucht wurde. Er könnte einfach umdrehen und es über den langen Bergpfad versuchen? Dieser Weg war jedoch im Dunkel der Nacht absolut nicht sicher. Seufzend setzte er sich wieder in Bewegung, dass er nachdenklich stehen geblieben war hatte er garnicht bemerkt. Er würde schon einen anderen Weg finden und die Stimme klang so besorgt, dass er hier wohl eher auf einen Pferdebesitzer gestoßen war, der die Stute nicht nur als Arbeitstier ansah. Damit konnte er leben.

    „Sucht Ihr die weisse Stute?!“ rief er dem dunklen Schemen entgegen und klopfte Ayla gegen den Hals. Auch hier lag Staub in der Luft, doch er erkannte rein garnichts. Er entzündete eine Laterne, die hier unter der Fackelhalterung stand und die die Nachtwache nutzte um die Leuchtmittel zu entzünden. „ Seid ihr wohl auf?“ erkundigte er sich, da ja irgendetwas der Grund gewesen sein musste, warum das Pferd durchgegangen war. Mit zusammengekniffenen Augen hob er die Lampe höher.

  • In gehörigem Abstand verharrte Khoor, eine Hand in den Zügeln, die andere lag am Hals des mächtigen Streitrosses, bis das Grollen und Beben vor ihnen nachließ und aus der Undurchdringlichkeit der Staubwolke und der Dunkelheit nur noch das Schreien und Rufen von Leuten zu hören war. Die Urgewalt schien das ganze Lager in Mitleidenschaft gezogen zu haben. Seine Begleiter waren verschwunden. Saniya war in Richtung Lager geflohen, das hatte er noch wahrgenommen bevor der Staub ihm die Sicht genommen hatte. Klavius hatte sich ebenfalls nach hinten in Sicherheit bringen können. Saniya war seine Reisegefährtin und Khoor würde nach ihr suchen, etwas anderes kam für den Drak'khir nicht in Frage. Da er nicht damit rechnete, dass die Sicht schnell besser werden würde, wiederholte er seinen Befehl an Azar, ließ die Zügel los und klopfte einmal aufmunternd den Hals des Hengstes bevor er sich erneut auf den Weg zum Tor des Lagers begab. Azar mochte sich selbst einen Weg durch Felsbrocke und Geröll suchen. Wo zuvor Fackeln die Stelle vor dem Eingang mit ihrem Lichtschein erhellt hatten, waren im Dunst nur noch Überbleibsel der ehemaligen Wand zu erkennen. Khoor durchschritt ein Tor, das keines mehr war, Azar hatte sich an seine Fersen geheftet. Das Chaos war unbeschreiblich. Menschen und Tiere rannten durcheinander oder schrien ihren Schmerz in den Dunst. Ein Stück weit ins Lager hinein wieherte ein Pferd. Khoor hätte dem kaum Beachtung geschenkt, wenn nicht Azar mit gespitzten Ohren an seiner Schulter aufgetaucht wäre und eindeutig in Richtung dieses Wiehern äugen würde. Mürrisch aber ohne Zögern lenkte Khoor seine Schritte in die Richtung, die die Ohren des Hengstes ihm wiesen. Tatsächlich war rasch der Umriss der grazile Schimmelstute zu erkennen, die von einen schmächtigen Mann mit Lampe gehalten wurde. Khoor setzte seinen Weg fort und blickte sich dabei nach dem goldblonden Schopf seiner Reisegefährtin um. War Saniya auch in der Nähe?

  • Zwischen den Rufen hielt Saniya inne und lauschte, ob sie bekannte Geräusche wie Hufgetrappel oder Ayla's Wiehern hören könnte.

    Und tatsächlich: Aus unbestimmter Ferne klang in der Tat das Geklapper von Hufen auf Steinen an ihre Ohren.

    Das gab der jungen Cath'Shyrr wieder neue Hoffnung und so lief sie schneller und zielstrebig in entsprechende Richtung.

    Wie lange Saniya schlussendlich gelaufen war, wusste sie nicht, als sie schwer nach Atem schöpfend aus einiger Entfernung das weiße Fell Ayla's schimmern sah.

    "Ja. Das tue ich", rief sie einerseits erleichtert, andererseits misstrauisch dem Mann entgegen, der sie angepsrochen hatte, während sie husten musste, um ihre heftig arbeitenden Lungen von dem eingeatmeten Staub zu befreien.

    Statt zu antworten ob sie wohlauf war, trat Saniya näher heran und ließ es sich nicht nehmen, Ayla's Hals sanft zu täscheln.

    Dass sie einige Schrammen in Gesicht, an Armen und Beinen davon trug, schien sie noch nicht bemerkt zu haben.

    Das war auch alles nicht der Rede wert in Anbetracht dessen, dass sie ihre treue Weggefährtin wieder gefunden hatte.

  • Das Licht der Laterne erlaubte ihm nun einen besseren Blick auf sein Gegenüber. Eine junge Frau die, obwohl sie leicht gekrümmt dem Hustenreiz nachgab, einen ungewöhnlich geschmeidigen Gang besaß. Das Katzenvolk war ihm durchaus ein Begriff, desshalb wusste er auch, dass er hier eine Cath’Shyrr vor sich hatte. Doch gesprochen hatte er tatsächlich noch nie mit einer. Sojemanden sah man meist nur aus der Ferne. Bewunderte sie für ihre grazile Art und ihre Künste.

    Für einen Moment blieb sein Blick an den roten Stellen an ihrer Wange hängen, das Blut glänzte im Licht, doch seine Frage nach ihren Befinden blieb unbeantwortet. Man sagte ihm schon keine guten Manieren nach aber sie gab sich so wie er es von einer dieser Katzenmenschen erwartet hatte, weil sie meist schon so wirkten. Wie echte Katzen eben. Er bekam keine Antwort, Erklärung oder Danksagung und sie nahm dieses Wesen einfach wieder in ihren Besitz. Wobei ihn letzteres mehr störte. Aus der Ferne konnte man wohl eher ihre Vorzüge bewundern.

    Nevio blieb skeptisch an Ort und Stelle stehen und machte vorerst auch keine Anstallten die Zügel an die Frau zu übergeben oder gar loszulassen.

    „ Sie gallopierte geradewegs auf die Gruben zu. Sie hätte sich den Hals brechen können.“ entkam es ihm ein wenig verärgert und provokanter als er wollte. Ihre Schönheit blendete ihn da nicht. Natürlich wusste er nicht um die genauen Umstände. Fehler und Unfälle konnten passieren, das verstand er auch...Aber vieles, dass er bisher erlebt hatte war der Unfähigkeit des Halters zu schulden gewesen und die Tiere mussten es schließlich ausbaden. Wahrscheinlicher jedoch schien es jetzt, mit dem Legen der Staubwolke, dass die weisse Stute sie einfach abgeworfen hatte, denn jetzt erkannte er auch, dass etwas mit dem Zugang zum Lager nicht stimmte. Der sonst ebene vom Mondlicht beschienene Weg, war nun bedeckt mit dunklem Geröll. Und direkt dort tauchte langsam aus der Dunkelheit ein wahrer Hüne mit einem ebenso imposantien Hengst auf. Gehörten die beiden zusammen? Missmutig aber einsichtig hielt er der Frau die Zügel entgegen und knotete sich dann sein Halstuch auf, um es nicht, wie man es erwarten würde der Frau für ihre Wunden anzubieten, sondern um es an seinen linken Unterarm zu drücken. Wo das Blut aus dem Schnitt der Axtschneide sickerte. Das possierliche Eichhörnchen blickte nun neugierig aus dem Kragen heraus und schnüffelte in die Richtung der Frau, während sich Nevio kurz der Ernsthaftigkeit seiner Verletzung besah.

  • Die verstaubte Luft und das im Schein der Lampe leuchtend weiße Fell täuschten eine Nähe vor, die Khoors Schritte nicht bestätigten. Zumal er immer wieder Hindernissen ausweichen oder wegen umher laufender Personen zum Anhalten gezwungen war. Erleichtert sah der Drak'khir, dass sich inzwischen auch seine Reisebekanntschaft bei der Stute und dem Lampenträger eingefunden hatte. Falls die junge Frau verletzt war, liess sie es sich nicht anmerken sondern untersuchte wohl zunächst ihr Pferd. Wie es für einen umsichtigen, verantwortungsvollen Anführer geboten war, wie Khoor wohlwollend zur Kenntnis nahm. Khoor registrierte, dass sich Azar nun bis auf die lebhaft gespitzten Ohren jedes weitere Zeichen von Wiedersehensbegrüßung verkniff, was ihn den mickrigen Oberflächler mit der Laterne um einiges freundlicher mustern ließ als es sonst für ihn üblich gewesen wäre. Die Höflichkeit gebot, Saniya nicht bei ihrem Tun zu unterbrechen sondern abzuwarten, bis sie fertig war, und so wandte sich der Drak'khir zunächst an den jungen Menschenmann. "Ich grüße Euch." sagte er steif. "Mein Name ist Khoínoor Charad dek l'Bryre. Seid Ihr ein Bewohner dieses Lagers?"

  • Erst, als Saniya die Worte von Ayla's Retter vernahm, blickte sie auf und widmete ihm ihre Aufmerksamkeit. "Ja. Das Erdbeben hat sie erschreckt", konterte sie ein wenig gereizt. Wie kam der Mann dazu, ihr Vorwürfe zu machen? Als wüsste sie nicht selbst, dass sich Ayla hätte den Hals brechen können. Was ja zum Glück nicht geschehen ist. Zumindest hatte sie seine Worte als einen Vorwurf aufgefasst. Dass er von dem Erdbeben mitunter überhaupt nichts mitbekommen hatte, daran dachte Saniya nicht, erschien es doch für sie und Ayla als sehr heftig, weshalb es für die Cath'Shyrr ganz selbstverständlich war, dass man das mitbekommen haben musste.


    Aufmerksam folgte Saniya's Blick dem Seinen und erkannte den Hünen mit seinem Pferd aus der Dunkelheit auftauchen. Khoor. Er hatte es also ebenfalls überstanden. Und das ganz gut, wie es den Anschein machte. Etwas ruppiger als gedacht, entriss sie Ayla's Zügel den Händen, welche sie ihr ohnehin soeben übergeben wollten. Dann führte sie ihre Stute in Richtung ihres Weggefährten. Bei diesem angekommen, drehte sich Saniya herum und beobachtete den Mann, aus dessen Kragen zwei Knopfaugen heraus lugten. "Danke, dass Ihr Euch um Ayla gekümmert habt". Zwar war sich Saniya nicht sicher, ob sie freundlich sein sollte oder nicht, doch einen Dank hatte sich der Fremde auf jeden Fall verdient.

  • Das leise zynische Schnauben Nevios wurde von einem schmerzvollem Lächeln begleitet, als die Frau ihm so herrisch die Zügel abgenommen hatte. Manche Leute waren einfach unverbesserlich...

    Sein Tuch hatte sich nun an den Stellen dunkler verfärbt, wo die Fasern den Lebensaft aufgesogen hatten, aber allzutief schien der Schnitt nicht zu sein, wie er erleichtert feststellte. Darauf, dass ihn der alte zittrige Heiler im Lager wieder eine Stunde mit einer Stumpfen Nadel malträtierte konnte er gut verzichten. Bei dem Dank der Frau blickte er wieder auf. Eigentlich hatte er sich schon damit abgefunden, dass hiermit die Sache beendet war.

    „ Ich hab‘s nicht für Euch getan...“ tat er ihre Worte mutlos mit einem Achselzucken ab, bevor seine Worte vor Schmerz und Wut troffen, die nur Zeigten wie sehr ihm das Tierleben am Herzen lag. „ Die Männer hier sind sehr schnell mit dem Fleischerbeil.“


    Der große Mann kam näher und erst da nahm er das dunkle Tuch herunter, knüllte es mit einer Hand zusammen und sah zu dem Drakkhier auf. So nah war er, obwohl er freundlich wirkte, doch einschüchternd genug, dass sein Gesichtsausdruck wieder beschwichtigender wurde. Ein langer Name, der beinahe garnicht im Gedächtnis bleiben wollte, geschweige denn, dass man herauslesen konnte, was davon nun ein Vorname, Nachname oder Titel war, ließ den Wanderer einen Moment grübelnd blinzeln. Nevio wischte sich die Finger an der Hose ab und nickte auf die Begrüßung. Das einfache Händeschütteln welches er gewohnheitsmäßig anbieten wollte, wirkte auf ihn doch deplatziert, dass er die nervös zuckende Hand wieder mit dem Daumen an seinen Gürtel hängte.

    „ Nevio. Einfach nur Nevio, nichts weiter...“ stellte er sich vor. Der Mann vor ihm war eindeutig im Stand über ihm, der würde sich vermutlich nicht dazu herablassen.

    „ Auf der Durchreise, eigentlich... die Umstände zwangen mich zu einem Längeren Aufenthalt. Die Gegend ist unwirtlicher als ich sie gewohnt bin. Ohne Pferd oder genug Proviant, kommt man nicht weit.“

    Der plüschige Schweif kitzelte den Seelenwandler an der Nase, als das Eichhörnchenjunge die Schulter wechselte um vor dem Drachenmann zurückzuweichen.

    „ Nehmts mir nicht übel, aber der Ort hier...“, Nevio ließ einen prüfenden Blick über die beiden Fremden wandern. Sie waren beide eindeutig zu gut betucht um wirklich hier her zu gehören. „Was führt jemanden wie Euch hierher? Ihr habt es sicher nicht nötig Gold zu waschen?“

  • Khoor hob eine Braue bei der Antwort. Ob er sich je an die Unart gewöhnen würde, dass Oberflächler auch auf einfachste Fragen nicht klar antworten konnten? Oder an diese unhöfliche Neugier? Oder an ihre kurzen Namen? Wobei der Mensch auf ihn noch sehr jung wirkte, vielleicht war sein Name deshalb noch so kurz. Andererseits war er recht auskunftsfreudig, was seine Umstände betraf. Saniya hatte die Untersuchung der Stute offenbar beendet, denn sie nahm dem jungen Mann die Zügel aus der Hand und gesellte sich mit ihr zu ihm und Azar. Khoor reckte sich gebieterisch und wenn der Hengst in seinem Rücken Anzeichen von Wiedersehensfreude zeigte, so war klug genug, dies geräuschlos zu tun. Saniya dankte dem jungen Menschen Nevio, dennoch klang leichte Anspannung in dem Wortwechsel mit. Khoor überlegte kurz, wozu überhaupt irgendjemand Gold waschen sollte, verschob jedoch auch diese Merkwürdigkeit in den Bereich sonderbarer Oberflächengewohnheiten. "Nein, ich wasche kein Gold." beantwortete er die Frage aus Höflichkeit dennoch. Ein kleines Tier huschte über die Schultern des Menschen und Khoor erkannte es als eines dieser kleinen Oberflächennagetiere, die zumeist auf Bäumen hausten. Sie schmeckten ungewohnt, aber nicht schlecht. Dennoch eine ungewöhnliche Art, seine Nahrung mit sich zu führen, dachte der Drak'khier bei sich. "Wir..." seine Geste schloss Saniya und die Pferde mit ein "... und ein weiterer Gefährte planten, die Nacht hier zu verbringen, Nevio. Wer ist der Anführer dieses Lagers? Wir wollen ihn um seine Gastfreundschaft und die Anweisung eines Lagerplatzes ersuchen." Nach dieser Auskunft wandte Khoor sich umgehend seiner Reisegefährtin zu und senkte merklich die Stimme, was bei seinem tiefen dröhnenden Organ gar nicht so einfach war. "Ihr seid beide wohlauf?" erkundigte er sich. Er sah wohl die Schrammen in dem feinem Frauengesicht, aber auf diese würde er Saniya vor dem Fremden nicht ansprechen.

  • Nein so sahen die beiden auch nicht aus. Diese Leute waren nicht darauf angewiesen im Dreck zu wühlen, das ganze arbeitete in seinem Kopf, gänzlich ohne eine Spur der Herabwürdigung. Verständlich mit den Schultern zuckend, nahm Nevio dies zur Kenntnis wandte den Kopf kurz bei der Nachfrage des Hünen.

    " Oh, letzte Woche war das noch Gordaen, aber der hat sich ein Bein zertrümmert und musste in die Nachbarstadt gekarrt werden... Jetzt ist es vorübergehend der Schmiedemeister." der Weltenbummler deutete auf den Holzunterstand, wo die sengende Hitze die Balken schwarz gefärbt hatten und jetzt das Licht aus der Esse den ganzen Handwerksbereich erhellte. Ein grobschlächtiger Mensch, mit wenigen Haaren stand dort und reichte gerade mehrere Schaufeln über den Tisch weiter, um die Arbeiter mit Hilfsmitteln zu versorgen, die den Stollen wieder freiräumen sollten.

    " Seine Frau teilt die Betten ein.. Ich bin sicher da werdet ihr fündig." rief er noch Khoor hinterher, als er sich schon zu Saniya umgedreht hatte. Eines der losgerissenen Pferde trabte aus der Dunkelheit heran und wurde langsamer, als Nevio die Hand nach dem dürren Fuchs ausstreckte. Das Tier wirkte Kränklich... war aber noch vergleichsweise Jung, und nicht nur einmal war da das Wort "Schlachtbank" gefallen, weil es zu stur war um die Karren zu ziehen. Seine Hand fuhr beruhigend über den mächtigen Hals und wieder kam ihm der Gedanke dabei, dass wohl niemand in dem Trubel bemerken würde, wenn er einfach verschwand. Diesem Tier machte er das gleiche Angebot, wie der weißen Stute, nur diesmal war die Reaktion eine vielversprechendere. Es tänzelte und schob ihn mit der Flanke ungeduldig an. Das Tier wollte hier ebenso weg wie er. Nevio zog die Riemen seines Rucksackes fester, bevor sich Seine Finger in die Mähne gruben, dann zog er sich auf den Rücken des Fuchses.

    Es brauchte nicht viel Antrieb, der junge Hengst wendete von alleine und ließ Nevio keine Möglichkeit mehr, ein weiteres Wort des Abschieds zu wählen, bevor er die Richtung des Jägerpfad anstrebte.

  • Den Hals ihrer Stute tätschelnd ließ Saniya ihre besorgten Blicke umher schweifen. Nach Rechts. Nach Links. In die Ferne. Dass es der jungen Cath'Shyrr an diesem Ort nicht gefiel, stand ihr dabei regelrecht ins Gesicht geschrieben.


    Sie ließ die Männer reden und überprüfte dabei noch einmal ihr weniges Hab und Gut, welches sie mit sich führte. Im Geiste ging sie noch sämtliche Eventualitäten durch, auf die sie vorbereitet sein musste. Bis Khoor sich wieder ihr zuwandte. Ein knappes Lächeln zeigte sich auf ihren vollen Lippen, als sie nickte. Ja. Sie waren beide wohlauf. "Alles Bestens".


    Gewiss hatte es Saniya nicht nötig, im Dreck herum zu wühlen. Aber ein Leben in Prunk und Reichtum sah tatsächlich anders aus. Das bisschen, was sie besaß, musste sich die Akrobatin hart erkämpfen. Und genau das war es, was sie immer tat: Kämpfen! Und wachsam sein. Und nun, wo sie schon einmal hier angekommen waren, würde sie garantiert keinen Rückzieher machen, weshalb ihr Blick dann auch auf besagten Mann fiel, der hier nun wohl das Sagen hatte. Dann wandte sie sich wieder Khoor zu: "Dann lasst uns ihn aufsuchen", schlug sie vor und griff abermals in die Zügel, um Ayla ebenfalls mitzuführen, sollte Khoor einverstanden sein.