Der Palast der Nacht (alt)

  • Ein wenig abseits von den anderen Tempeln des Palastviertels scheint ein Flecken reiner Dunkelheit zu liegen, der von dem Licht des Tages nicht vertrieben werden kann. Selbst das Licht der Zaubermuscheln erscheint machtlos gegen das düstere Zwielicht, in dessen Mitte sich der Palast der Nacht einem Himmel entgegen reckt, den er nicht mehr erreichen kann.
    Nur die wenigsten wagen es, sich dem Gebäude zu nähern und einen Blick darauf zu erhaschen. Denn es erfordert Mut, in das Herz der Finsternis zu treten und sich dem Gebäude zu stellen, das Shirashai zur Heimat ihres Gefolges auf Beleriar auserkoren hat.
    Tatsächlich – kein anderer Tempel der Göttin der Nacht kommt diesem Bauwerk gleich, dessen volle Schönheit man erst dann erblicken kann, wenn man es gewagt hat, die Dunkelheit zu durchschreiten, um schließlich vor seinen schwarzen Marmorstufen zu stehen, die in den Tempel hinein führen.
    Hier, inmitten der immer währenden Nacht, strahlt das silberne Licht der Sterne auf die elegante Silhouette der 5 schmalen Marmortürme, deren schwarzer Stein von silbrigen Adern durchzogen wird, die geheimnisvoll in der Dunkelheit schimmern.
    Im Zwielicht liegende Gärten, in denen nur magische Pflanzen wachsen die zu nächtlicher Stunde blühen, umgeben die glatten Mauern, die nur selten von schwungvoll geformten Fenstern durchbrochen werden, aus denen ein silbriges Glühen dringt.
    Stille liegt über dem Anwesen. Eine Stille, die noch nicht einmal von den Geräuschen der Stadt durchbrochen wird, die es umgibt. Wer den Tempel der Shirashai betreten möchte, der gelangt gleichsam in eine fremde Welt, an einen Ort, der außerhalb von Zeit und Raum zu existieren scheint.
    Auch im Inneren schwindet dieser Eindruck nicht, denn nur selten sieht man ein lebendiges Wesen durch den Altarraum gehen und was sich darüber hinaus hinter den Mauern des Tempels befinden mag, wird kein Auge jenseits der Priesterschaft jemals erblicken.
    In die Wände eingelassene, schimmernde Edelsteine, beinahe Diamanten gleich, beleuchten das Innere des Tempels mit ihrem kühlen Schein und saugen jegliche Wärme in sich auf. Beinahe möchte man frösteln, wenn man die schwarzen Bänke berührt, die ebenfalls aus Marmor gehauen worden sind und die den Blick zu dem Altar hin leiten, auf dem eine lebensgroße Statue jener Göttin thront, die diesen Ort zu ihrem Heim erwählt hat.
    Schlank und in all ihrer übermenschlichen Schönheit erhebt sich dort hinter einem runden Torbogen, auf dem tausende von Diamanten zu funkeln scheinen, das Abbild von Shirashai, der Göttin der Nacht. Und beinahe meint man, dass das Blut warm durch ihre Adern fließt und sie jederzeit zum Leben zu erwecken vermag. Die Augen der Göttin aus schwarzem Diamant richten sich mit einem beinahe amüsiert wirkenden Funkeln auf jeden Besucher und scheinen jede Bewegung zu verfolgen, obgleich man nicht zu sagen vermag, ob dies nur auf einer Täuschung beruht.
    Die Statue der Shirashai, über deren Kopf die Sterne des Nachthimmels an der Decke hinab leuchten, dominiert den Tempel ohne jede Frage und lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass dies wahrlich ihr Palast ist, in dem sie wie eine Königin auf ihr Gefolge hinab schaut.


    Der Palast der Nacht wird von der schwarz gewandeten Stimme der Dunkelheit, Sharinoe Daranday, geleitet – einer Frau, die der Göttin der Nacht nahezu zum verwechseln ähnelt und die beinahe niemals die Stimme über ein Flüstern hinaus erhebt. Eine Aura der Macht umgibt die schlanke, exotisch wirkende Frau, die sich stets mit der Geschmeidigkeit einer Schlange bewegt und sorgt dafür, dass sich ihr niemand über einen Abstand hinaus nähert, den sie selbst bestimmt.

  • Mit zielsicherem Schritt ging Brennan auf den Tempel zu, den er schon so oft betreten hatte.


    Die Schönheit der Nacht wurde einem in der Nähe dieses Gebäudes besonders bewußt und Brennans Gesicht nahm einen eigentümlich entzückten Ausdruck an. Vor dem Palast hielt er inne und blickte auf die kleine Gruppe, die er anführte. Ein charmantes Lächeln glitt über sein Gesicht.


    "Ihr seid nicht gläubig und eure Kleidung würde in diesen Stunden sehr viel aufmerksamkeit auf sich ziehn. Was haltet ihr davon, wenn ich euch einige Roben aus dem Tempel besorge, bevor wir eintreten?"
    Er lächelte und hob entschuldigend die Schultern. "Wenn ihr euch natürlich so wohl fühlt, soll mir auch das recht sein.."


    Brennans Augen funkelten in dieser eigentümlichen Atmosphäere wie Sterne in der Nacht und erst hier wurde man sich dem attraktiven Äußerem des Mannes tatsächlich bewußt. Wie konnte jemals jemand daran Zweifel tragen, dass er ein Jünger der Shirashai war?

  • Nicht wenig überrascht über die Antwort des Vogelhändlers hatte Chavariya seinen Arm genommen. Weder das Lächeln, welches über ihre Züge glitt, noch, dass ihre rechte Augenbraue sich deutlich hob, hatte sie sich dabei verkneifen können.
    Nun standen sie vor dem Tempel der Shirashai und die Parfumeurin löste ihre Hand von der seinen, legte sie stattdessen sacht auf ihre Hüfte. Als sie sich kurz umblickte kam sie nicht umhin sich einzugestehen, dass diese Szenerie einen gewissen Charme hatte.


    Ihr Blick glitt vom Sternenhimmel wieder hinab und traf den Brennan's, gerade als sie ansetzte ihm zu antworten. Bei dem Anblick des jungen Mannes, wie er sie mit funkelnden Augen ansah und seine Haltung so unglaublich gut in diese Umgebung passte, entfielen ihr die Worte. Sie öffnete mehrere Male stumm den Mund und schloss ihn wieder, bevor sie sich räusperte und ihr die Röte ins Gesicht stieg, was wirklich nicht oft vor kamen. "Ich...ehem...ich brauche keine Robe...danke", meinte sie und versuchte mit einem Lächeln zu überspielen, dass er es tatsächlich geschafft hatte sie für einen kurzen Moment aus der Fassung zu bringen.

  • Aves war ebenfalls gefolgt und sah sich nun ruhig um. Dieser Ort hatte Atmosphäre, das stimmte.


    Ich bevorzuge ebenfalls meine jetzige Kleidung. sagte er eben zu Brennan.


    Das hatte nicht nur ästhetische Gründe. In seiner Kleidung befanden sich hunderte kleiner Täschchen, einige gar nur so groß wie ein Fingerhut. Und darin bewahrte er eine Menge abstruse Dinge auf, die meisten von großem emotionalen Wert, manche auch sehr wertvoll im weltlichen Sinne. Kurz gesagt... er fühlte sich sehr wohl, sicher und ruhig in seiner Kleidung. Und der Abend würde so schon genügend neues beinhalten, als dass man noch mehr ändern müsste. Er bot Shiya jetzt ebenfalls seinen Arm an.


    Dann in die Höhle des Löwen, nicht? flüsterte er ihr zu.

  • Brennan nickte und lächelte dabei sanft, ja fast schon gütig. "Sorgt euch nicht. Ich will euch nirgends hinführen, wo ihr aufgrund eurer Kleidung Verachtung entgegengebracht werden. Nur die meisten Besucher unseres Palastes empfinden es als.. beruhigender, eine Robe überzuwerfen."


    Der Vogelhändler ging auf den Tempel zu, redete aber weiter mit den ihm Folgenden. "Nicht jeder möchte mit Shirashai in Verbindung gebracht werden.." Erklärte er und stand dann auch schon vor der großen Eingangstür.


    "Nun dann, willkommen!" Lachte er und zeigte den Dreien an, dass sie unbekümmert eintreten konnten.

  • Die Cath'shyrr war den anderen still gefolgt. Warum sollte sie mit unnötigen Worten die Ruhe der Nacht stören? Und selbst wenn sie etwas hätte sagen wollen, so wäre ihr das bei dem atemberaubenden Anblick des Tempels nicht möglich gewesen. Dieser Ort war wirklich faszinierend und verschlug ihr die Sprache. Shiya ließ die besondere Atmosphäre auf sich wirken und achtete zunächst nicht auf die anderen Drei. Auch auf Brennans Frage antwortete sie nicht. Sie fühlte sich auch nicht angesprochen, da sie mit ihrem schwarzen Mantel ohnehin nicht sehr auffiel. Wollte sie ihre leuchtend rot-goldenen Haare noch verbergen, so war ihr auch das später problemlos möglich.


    Shiya konzentrierte sich so sehr auf ihre Umgebung, dass sie beinahe ein wenig spät merkte, dass Aves ihr seinen Arm geboten hatte. Schnell hakte sie sich unter und strahlte ihn an. "Ist das nicht unglaublich schön?", flüsterte sie ihm zu - nicht unbedingt, damit die anderen es nicht hörten, sondern einfach aus tiefer Ehrfurcht heraus.


    Langsam ging sie mit Aves auf den Eingang zu und trat hinein.

  • Er nickte kaum merklich und sah Shiya ein wenig genauer an. Sie sah absolut überwältigt aus, fasziniert und bezaubert.


    Und ihm kam der Gedanke, dass er diese Begeisterungsfähigkeit sehr interessant fand, und den Ausdruck, der dabei auf ihr Gesicht trat, sehr schön.
    Sein Blick wanderte jetzt ebenfalls über die Fassade des Tempels. Doch er war durchaus beeindruckend und schön, aber auf seinem Gesicht zeigte sich nicht diese extreme Verzückung wie bei Shiya. Er wartete lieber mal ab, wie es von innen aussah. Und jetzt folgte er Brennan.

  • Das Innere des Tempels konnte es an Schönheit mit den Aussenanlagen durchaus aufnehmen.
    Auch schien es hier ebenso ruhig, wie es draußen war. Eine andächtige Stille lag in dem Palast, doch waren die Vier nicht die einzigen Anwesenden hier.


    Ein gutes Dutzend Jünger der Shirashai saß auf den schwarzen Mamorbänken. Andächtig starrten sie auf die Shirashai-Statue oder waren im Gebet versunken. Die meisten von Ihnen waren komplett in Schwarz gekleidet. Einige trugen tatsächlich Roben oder Mäntel mit langen Kapuzen, die sie vor unerwünschten Blicken schützen konnten, jetzt im Schutze des Tempels jedoch zurückgeschlagen waren.


    Brennan lächelte und schloß dann andächtig die Augen, neigte den Kopf auf seine Brust und schien einige leise Worte wie im Gebet zu sprechen, bevor er die Lider wieder hob und Aves, Chavariya und Shiya ansah.
    "Willkommen in Shirashais Tempel." Sprach er mit samtener Stimme.
    "Wenn ihr Platz nehmen möchtet? Ich denke, Sharinoe Daranday wird gleich beginnen.."

  • Das Erste was Shiya nach ihrem Eintreten bemerkte, war die Statue der Shirashai, die sich in atemberaubender Schönheit darbot. Nur schwer konnte die Cath'shyrr den Blick von ihr lösen. Schönheit in jeglicher Form faszinierte sie. Und nun stand sie in einem Tempel, in dem alles voller Schönheit war - jedenfalls empfand Shiya dies so. Sie blickte sich um und entdeckte einige Anhänger, die zu beten schienen. Ihr Blick schweifte kurz zu Brennan hinüber und sie stellte fest, dass auch dieser anscheinend ein kurzes Gebet sprach. Sie schaute ihm dabei zu und bemerkte, dass er wie ein Teil dieses Tempels war. Er schien einfach hierhin zu gehören. Denn auch in ihm offenbarte sich Shirashais Schönheit in Form der Dunkelheit. Eine dunkle, mysteriöse Schönheit.


    Plötzlich fühlte Shiya sich sehr fehl am Platz. Was hatte sie hier eigentlich verloren? An diesem fremden Ort, der wie eine andere Welt schien, eine Welt weit weg von dem was ihr bekannt war. Aber warum sollte sie eigentlich nicht hier sein? Chavariya und Aves waren ebenso wie sie keine Anhänger Shirashais. Sie sollte einfach die Zeit hier genießen, so lange sie andauerte.


    Shiya blickte zu Aves hinauf, um zu sehen, was er von diesem Tempel hielt. Er wirkte um Einiges anziehender als vorhin in der Katze, obwohl Shiya das kaum für möglich gehalten hätte. Diese Umgebung schien jedem einen besonderen, geheimnisvollen Glanz zu geben. Unwillkürlich ergriff Shiya Aves' Hand - womöglich weil sie sich dadurch sicherer fühlte, nicht so allein. Sie blickte ihm in die wunderschönen Augen, die hier in der Dunkelheit noch mehr zu leuchten schienen und fragte leise flüsternd: "Und, bereut Ihr Euren Entschluss hierher zu kommen?" Dann setzte sie sich auf eine der schwarzen Marmorbänke - ließ dabei jedoch keinen Augenblick Aves' Hand los.

  • Jene Augen, die sie als wunderschön empfand, musterten sie jetzt.


    Nun, Aves hatte Göttern immer eher skeptisch gegenübergestanden und sah wenig Veranlassung, sich beispielsweise in einem Tempel anders zu benehmen als normalerweise. Wobei dies wohl eher kein Problem darstellte, wenn man sich vor Augen rief, dass es sich bei Aves um einen sehr rücksichtsvollen Menschen handelte.
    Er hatte Brennan ebenfalls schweigend beim Beten beobachtet und sich insgeheim gefragt, was er da eigentlich sprach, so leise war er. Ja doch, es war hier überaus faszinierend. Trotzdem... als er die Schönheit der Nacht rühmte, hatte er eigentlich den freien Himmel voller Sterne gemeint, die Freiheit, die man erlebte, wenn man auf einer Wiese lag und eben diesen Himmel ansah. Steine, Marmor und diese seltsame Atmosphäre hatten in seiner Vorstellung keinen Platz, empfand er es eher als eine Beleidigung der Nacht, sie unter einem Dach zu verehren.
    Aber die Stille, die er so mochte, die gab es hier. Eine Stille, die es gar nicht anders wollte, eine Stille, die für sich selbst sprach.


    Und jetzt spürte er plötzlich Shiyas Hand in der seinen, gar überdeutlich, so schien es ihm. Diese Umgebung schien alle Sinneseindrücke zu intensivieren... und er spürte, wie eine Gänsehaut auf seinem Körper entstand. Aus welchem Grund auch immer die Cath'shyrr seine Hand ergriffen hatte, er löste die Berührung nicht, fand sie nicht einmal unangenehm.


    Verhalten lächelte er diese schöne Frau an und setzte sich neben sie auf die Bank.
    Seine Stimme war ein Raunen, bisweilen nur ein sachtes Flüstern, als hätte er Angst, die Stille könne bemerken, dass jemand hier sprach, ohne dass dies der Verehrung der Schattengöttin diente.


    Ich bereue nichts. Wobei sein Blick kaum merklich kurz auf die sich berührenden Hände fiel, dann aber den Weg zurück in die Augen der Cath'shyrr fand.


    Alles scheint wie von einem Zauber belegt.


    Und nicht nur das. Dieser Ort schien beinahe etwas beobachtendes, etwas lauerndes zu haben, zumindest empfand Aves das so.

  • Es freute sie, dass Aves es anscheinend ebenfalls genoss hier zu sein. Sie hatte befürchtet, ihm könne es hier nicht gefallen, denn an seinem Gesicht war nicht abzulesen, wie er über diesen Ort dachte. Doch sein Lächeln und seine Worte beruhigten sie, erleichterten sie. Warum sie sich solche Gedanken machte, wusste die Cath'shyrr nicht. Normalerweise dachte sie nur an sich. Lag es an der Art, wie Aves sie ansah? Natürlich war ihren aufmerksamen Augen nicht entgangen, wie er auf ihre Hände hinuntergesehen hatte. Als sie so nachdachte, stieg ihr ein wenig Röte ins Gesicht und sie wandte den Blick von Aves ab, nickte nur stumm. Sagen wollte sie nichts mehr, nur diese wunderbare Atmosphäre genießen. Schmerzlich wurde ihr bewusst, wie sehr ihr etwas in ihrem Leben fehlte, an das sie glauben konnte. So wie diese Jünger, die nach wie vor beteten.


    Diese Gedanken schob Shiya jedoch schnell beiseite. Hatte Brennan nicht gesagt, dass eine Sharinoe Daranday gleich beginnen würde? Nun fragte Shiya sich, mit was begonnen werden sollte. Gespannt wartete sie und sah sich dabei erneut im Tempel um und wieder blieben ihre Augen auf Shirashais anmutig wirkender Statue hängen. Sie war bei weitem das Schönste hier, stellte die Cath'shyrr fest.

  • Zufrieden nahm Brennan zur Kenntnis, das seine Begleiter sich ein wenig der Faszination des Palastes der Nacht hingeben zu schienen. Damit war schon viel gewonnen - schließlich hieß es immer, zunächst die Faszination zu schüren um dann den Samen der Verehrung zu sähen. Ob sie sich im Endeffekt überhaupt als würdig genug erweisen würden, Shirashai zu dienen, würde auf einem ganz anderen Blatt stehen. Aber in dieser Nacht sollte Brennan das egal sein.


    Es herrschte immernoch Stille im Palast und Brennan schien sich einen Augenblick lang zu fragen, wo Sharinoe blieb, als er weiter vorne eine Bewegung in der Dunkelheit ausmachte. Er lächelte ein fast schon entrückt verzücktes Lächeln und verneigte sich vor seinen "Gästen", bevor er mit dunkler Stimme sprach:
    "Wenn ihr mich nur einen kurzen Moment entschuldigen würdet?" Eine Antwort wartete er nicht ab, sondern ging gleich mit langen, aber dennoch gemächlichen Schritten in Richtung des Altars, wo er hoffte auf Sharinoe zu stoßen.

  • Er hätte ohnehin nichts geantwortet. Brennan wirkte sympathisch, sicher. Auch freundlich. Aber Aves hatte ein eigentümliches Glitzern in seinen Augen erkannt, seit sie den Tempel betreten hatten. Das musste nichts bedeuten, aber er vermutete, dass in Brennan noch mehr steckte. Nicht einmal etwas Schlechtes oder Böses, doch eben etwas anderes, eine gewisse Vielschichtigkeit, die sich nicht so ohne Weiteres offenbahrte.


    Während er darüber nachdachte, verließ er gedanklich den Tempel. Kehrte in sein Heimatdorf zurück, hing einigen Erinnerungen nach. Die Stille hier begünstigte innere Einkehr.
    Einen Augenblick war er völlig abwesend und bemerkte nicht einmal, dass er dabei über Shiyas Hand, die er immernoch in seiner hielt, zu streicheln begann.

  • Tatsächlich, es war Sharinoe, die aus den hinteren Bereichen des Tempels auf dem Weg in den Altarraum war, um dort die Göttin der Nacht der Verehrung ihrer Anhänger zu versichern. Ganz in Schwarz war sie gekleidet und das lange, seidene Gewand, das sich wie eine zweite Haut an ihren Körper schmiegte schien trotz seiner Einfachheit zu funkeln, wie eine sternenbeschienene Nacht. Das lange, schwarz gelockte Haar fiel locker und offen über ihre bloßen Schultern, lediglich durch einen schmalen, silbernen Reif gebändigt, der das Zeichen des Mondes trug.
    Gemessenen Schrittes näherte sie sich einer Nische, die von den Bänken des Altarraumes nicht eingesehen werden konnte, als sie Brennan erblickte, der ganz offenbar auf der Suche nach jemandem war. Ein leichtes Lächeln stahl sich auf Sharinoes Lippen - es sollte sie nicht verwundern, wenn sie diejenige war, die er hinter dem Altarraum zu finden hoffte, denn Brennan war ein überaus ergebener und wertvoller Diener der Nacht.
    Ihre Stimme drang leise in seinen Kopf, sicherlich überraschend - doch Sharinoe bevorzugte es in Gedanken zu ihm zu sprechen, um nicht auf ihre Anwesenheit aufmerksam zu machen. Eine Kunst, die viele höhergestellte Diener der Shirashai beherrschten und die der Göttin der Nacht stets Freude bereitete.


    "Brennan, mein Lieber... wie sehr ich mich freue, euch gerade in dieser Nacht im Palast der Nacht begrüßen zu dürfen. Sagt, welches Anliegen mag euch wohl in meine Arme treiben, wo doch der Dienst an unserer hohen Mutter der Nacht nun beginnen soll?"


    Das Lächeln hatte Sharinoes Lippen nicht verlassen und nun konnte Brennan auch ihre Gestalt erkennen, die noch immer von Schatten verhüllt war.

  • Shiya blickte Brennan hinterher, als dieser in Richtung Altar verschwand und fragte sich, was er dort wollte. Die Cath'shyrr versuchte krampfhaft etwas zu erkennen. Ihre Augen konnten in der hier herrschenden Dunkelheit zwar weitaus besser sehen als die der Menschen, dennoch sah sie im ersten Moment nichts dort vorne. Sie kniff ein wenig die Augen zusammen und ließ den Blick die Wand entlang gleiten. Gerade als sie meinte eine Bewegung zu sehen, spürte sie Aves Hand über die ihre streicheln. Sie sah kurz hinab, nur um den Blick gleich wieder zu heben, damit sie Aves in die Augen sehen konnte. Ein verträumter Ausdruck lag in ihnen. Woran er wohl gerade dachte?


    "Aves? Woran denkt Ihr?"


    Shiyas Blick ging wieder nach vorne zum Altar, wo sie nun die Priesterin erkennen konnte - zumindest deren Umrisse. Neugierig betrachtete sie die Frau, wartete darauf, dass diese aus der Dunkelheit trat und besser zu erkennen war.

  • Immernoch erstaunte Brennan diese Form der Kommunikation, die einige wenige Diener der Shirashai beherrschten. Die Göttin selbst hatte ihn damals gut darauf vorbereitet. Ihre Stimme in seinem Kopf zu hören, war wie Honig, der seinen Geist ausfüllte. Süß und golden.


    In Shay'vinyar hatte die Göttin einen männlichen Hohe Priester auserwählt. Auch wenn dieser mit Brennan diese seltsame Gedankenrede vollführte, hatte es sich alles andere als unangenehm angefühlt - dennoch war sie beiweitem nicht so angenehm, wie Sharinoes Stimme.


    Sanft hallte sie in seinem Inneren und Brennan antwortete so, wie er es gelernt hatte.
    "Sharinoe, es ist mir eine Freude in eurer Nähe zu verweilen. Ich sandte Tergols Jungen bereits als Boten vor um euch zu unterrichten. Drei Neugierige sind mit mir gekommen, von denen ich glaube, dass sie die Sehnsucht der Schatten teilen.
    Zwei Frauen und ein Mann - sie sitzen in der hinteren Reihe."


    Brennan drehte sich um, machte Anstalten wieder zurückzugehen. Dennoch hielt er den Geisten Kontakt mit Sharinoe weiter aufrecht.
    "Ich versprach ihnen ein Fest zu Ehren der Göttin um ihrer Neugierde neues Futter zu liefern. Der Mann erscheint mir zweifelnd - doch ich glaube, die Damen spüren das Verlangen der Nacht."


    Brennan atmete tief ein. Die Atmosphäre, die im Tempel der Shirashai herschte, gab ihm dieses besondere Gefühl. Euphorie gepaart mit Sehnsucht, Leidenschaft und Verlangen. Ein Gefühl, das sich in seinem ganzen Körper breit machte und für das sein Brustkorb zu eng schien.
    Ein Lächeln setzte sich auf seine Lippen, als er wieder kurz vor Shiya, Chavariya und Aves stand.


    "Ich hoffe, ihr könnt ihnen geben, wonach ihre Seelen dursten, Sharinoe."
    Die Gedankenverbindung war noch immer nicht abgerissen und doch viel es Brennan schwer, diesen dünnen Faden aufrechzuerhalten, denn mußte er seine Gedanken nun auch auf andere Personen fokussieren.


    "Wir sind gerade richtig gekommen." Sprach er die Drei an "Es dauert nicht mehr lange.."

  • "Seid versichert, daß ich euch nicht enttäuschen werde..."


    Sharinoes Stimme hallte begleitet von einem silbrigen Lachen durch Brennans Geist, bevor die Priesterin die Verbindung unterbrach. Es war Zeit, sich auf die bevorstehende Aufgabe zu konzentrieren. Die Diener Shirashais hatten nun lange genug auf das Erscheinen der Hohepriesterin gewartet und dies mit Bedacht - Shirashai verabscheute einen unscheinbaren Auftritt und so hatte sie auch ihre Priester gelehrt, den richtigen Moment abzuwarten. Und Sharinoe war nicht nur in dieser Hinsicht eine gelehrige Schülerin gewesen.


    Und so stieg sie auch nun eine geheime Treppe hinauf, die hinter dem Altar angebracht worden war und die gut vor den Augen der Gläubigen verborgen wurde. Mit wenigen Schritten war sie zu einer Öffnung gelangt, die den Wartenden allerdings wie eine massive Wand erschien und trat hindurch in die Leere, um kurz darauf in einem Strahl silbrigen Mondlichtes langsam in die Tiefe zu schweben. Das schwarze Kleid umfloß ihren Körper dabei wie flüssige Dunkelheit, die die Gestalt eines feinen, seidenen Stoffes angenommen hatte.


    Als die Priesterin schließlich am Boden angelangt war, ein perfektes Abbild der Statue der Shirashai, die sich hinter ihrer schlanken Gestalt erhob, wirkte der ganze Tempel plötzlich, als seien die Sterne selbst vom Himmel hinab gekommen, um die Betenden in ihr Licht einzuhüllen. Die ganze Decke des Tempels funkelte in ihrem Licht, während Sharinoe in einer Geste des Flehens die Arme zu der Kuppel empor hob und ihre klare, dunkle Stimme den Raum durchdrang.


    "Oh Shirashai, Herrin der Nacht, Herrscherin über die Sterne, senke Deinen Blick auf Deine demütigen Kinder hinab und erhöre ihr Flehen um Deine Aufmerksamkeit..."

  • Aves beobachtete das Schauspiel. Es gefiel ihm, welcher Mann sah nicht gerne eine so wunderschöne Frau. Aber er gehörte nicht zu denen, die sich von so etwas einnebeln ließen.


    Er hörte respektvoll zu bis zu dem Augenblick, da die Priesterin von Demut und Flehen zu sprechen begann. Nein, er war nicht demütig und brauchte auch keine Gottheit, die dies von ihm verlangte. Und er brauchte ebenfalls keine Gottheit, die ein Flehen nach Aufmerksamkeit voraussetzte. Und ebensowenig brauchte er ihre Gefolgsleute. Dies widersprach seinem Weltbild auf's Schärfste. Und deswegen erhob er sich nun und wandte sich flüsternd zu Shiya.


    Ich habe genug gehört. Und werde gehen. Gute Nacht, Shiya.


    Mit den anderen beiden hatte er ja kaum Bekanntschaft gemacht, und er wollte die Zeremonie auch nicht stören, auch wenn sie mit seinen Prinzipien nicht vereinbar war.

  • Stark beeindruckt verfolgte Shiya das Schauspiel. Sie liebte großartige Auftritte - hatte schon in ihrer Kindheit die berauschenden Feste der Cath'shyrr geliebt und war nachwievor fasziniert geblieben von den Dingen, die keineswegs normal waren. Und das hier war alles andere als normal. Shiya hatte in ihrem Leben noch nichts Vergleichbares gesehen. Gebannt sah sie von der Priesterin an die Decke und wieder zurück. Die Atmosphere in diesem Tempel war wirklich einzigartig.


    Plötzlich wurde Shiya von Aves aus ihren Gedanken gerissen. Verständnislos sah sie ihn einen Augenblick an und fragte sich, warum er nun so schnell aufbrechen wollte. Er hatte gesagt, er liebe die Nacht. Gut sie musste zugeben, dies hier war nicht die Nacht in der freien Natur, aber dennoch vermochte der Tempel die Schönheit der Nacht einzufangen.


    "Ich werde Euch nicht daran hindern, wenn Ihr tatsächlich gehen wollt. Auch wenn ich es bedauern und nicht verstehen würde." Shiya hatte sehr leise gesprochen, denn es war ihr unangenehm, Sharinoe eventuell zu stören. Außerdem war ihr eigentlich nicht nach einer Unterhaltung. Sie wollte im Moment lieber den Worten der Priesterin lauschen. Deswegen fragte sie ihn auch nicht, warum er fort wollte. Auch wenn sie es absolut nicht verstehen konnte. Aber sie wurde schließlich nicht ganz allein gelassen. Kurz glitt ihr Blick hinüber zu Brennan und Chavariya.

  • Brennan sah die Bewegung, in der Aslan sich von der Bank erhob. Seine dunklen Augen straften ihn mit einem ärgerlichen Blick. Die Anbetung durch Sharinoe hatte gerade erst begonnen, da kam es einen Frevel gleich, den Palast jetzt zu verlassen.
    Doch Brennan hielt ihn nicht zurück. Stattdessen beugte er sich zu Shiya, die näher an ihm saß vor und flüsterte ihr leise zu.


    "Tut eurem Freund einen Gefallen und warnt ihn. Sollte er den Tempel jetzt verlassen, muß er unbedingt rückwärts durch die Türe schreiten und er darf niemanden etwas von diesem Abend erzählen - sonst wird Shirashais Rache ihn schneller treffen, als er wieder zuhause ist."


    Mehr sprach Brennan nicht, sondern wandte sich wieder dem Altar zu. Er wußte, die Beschwörung war nur der erste Teil. Gebete, Wünsche, Hoffnungen - sowas brauchte jeder Glauben. Doch die Diener der Shirashai ließen sich meistens für ihre Feste noch etwas ganz besonderes einfallen...